Margarete Friedrich
Geboren: 1904 in Warmensteinach.
Wohnort vor Inhaftierung: Warmensteinach.
In jeder Familie gibt es einen blinden Fleck. Der Großvater oder der Onkel, von dem niemand spricht und nach dem irgendwann niemand mehr fragt. Bei uns galt das für Margarete Friedrich. Sie war meine Großmutter – und sie verbüßte von 1942 bis 1944 eine Zuchthaus-Strafe in Aichach. Ich hätte vermutlich nie davon erfahren, hätte mir mein Vater nicht in einer schwachen Minute davon erzählt.
Die Geschichte ließ mich nicht mehr los. 2021 schrieb ich diese E‑Mail an das Stadtarchiv Bayreuth: „Liebes Team des Stadtarchivs, meine Großmutter Margarete Friedrich war 1942 im Frauengefängnis in Bayreuth in Haft. Ich weiß das nur aus Erzählungen und wollte fragen, inwieweit dazu noch Unterlagen existieren. Könnten Sie mir da weiterhelfen?“ Damit begann ein großes Abenteuer: Die Stadtarchivarin verwies mich an das Staatsarchiv Bamberg – und tatsächlich: Dort gibt eine 70-seitige (!) Prozessakte. Aus ihr erfuhr ich, dass meine Großmutter zu anderthalb Jahren Zuchthaus wegen verbotenen Umgangs mit Kriegsgefangenen verurteilt worden war. Ihre Gefangenenakte aus Aichach existiert ebenfalls noch.
Auf Grundlage dieser Dokumente startete meine Reise in die Vergangenheit. Solche Akten gewähren einen ganz unmittelbaren Einblick in die NS-Zeit. Plötzlich war ich mittendrin. In Kombination mit meinem Familienwissen ließ sich das Schicksal meiner Großmutter Stück für Stück nachzeichnen.
Margarete Friedrich stammte aus Warmensteinach, einem kleinen Ort bei Bayreuth. 1904 kam sie dort zur Welt und arbeitete nach Abschluss der Schule in einer kleinen Landwirtschaft. 1926 heiratete sie den Forstarbeiter Georg Friedrich, 1927 und 1934 kamen zwei Töchter auf die Welt, meine Mutter war die jüngere von beiden. 1939, wenige Monate vor Ausbruch des Zweiten Weltkriegs, starb mein Großvater an einem Nierenleiden. Und damit begannen für meine Großmutter die vermutlich schlimmsten fünf Jahre ihres Lebens.
Sie musste von nun an allein für ihre Töchter sorgen – mit dem wenigen Geld, das sie als landwirtschaftliche Hilfskraft verdiente. Mitten im Krieg. Mitten im Nationalsozialismus. Im Frühjahr 1942 erwartete meine Großmutter wieder ein Kind. Von wem? Angeblich von einem Kriegsgefangenen, der auch auf dem Hof arbeitete. Das war verboten. Es verstieß gegen die Gesetze der Nationalsozialisten. Das Sondergericht Bayreuth verurteilte Margarete Friedrich deswegen zu anderthalb Jahren Zuchthaus.
War es eine Liebesbeziehung? Oder hatte der Kriegsgefangene sie vergewaltigt? Oder war er am Ende gar nicht der Vater des Kindes, das meine Großmutter damals erwartete?
Die Wahrheit herauszufinden, geriet für mich zu einer Spurensuche mit Miss-Marple-Feeling. Zugleich war es eine Annäherung an eine Großmutter, der ich nie persönlich begegnet bin. Was für mich am allerwichtigsten war: Ich entwickelte mit diesem Wissen ein tieferes Verständnis für meine Mutter. Die Erinnerungen an diese Zeit belasteten sie ihr Leben lang. Historisch betrachtet erwies sich die Geschichte am Ende als so facettenreich, dass ich mich entschlossen habe, sie Interessierten in einem Buch zugänglich zu machen.
Autorin: Renate Reckziegel
Renate Reckziegel: „Abgeholt. Meine Großmutter, die NS-Justiz und ich“, Offenburg 2022, 88 Seiten. Erhältlich überall im Buchhandel (ISBN-13: 978–9403666051) oder online hier.

