Sel­ma Graf

Die Kin­der­ärz­tin Dr. Sel­ma Graf, geb. Reichold (1887–1942), 1939 wur­de im Frau­en­ge­fäng­nis Aich­ach ein­ge­sperrt, 1942 starb sie in Ausch­witz.

Dr. Sel­ma Graf, geb. Reichold, (11. Juli 1887) ent­stamm­te ei­ner wohl­ha­ben­den groß­bür­ger­li­chen jü­di­schen Fa­mi­lie in Nürn­berg. Sel­ma Reichold stu­dier­te Me­di­zin in Er­lan­gen und Mün­chen, 1913 leg­te sie in Er­lan­gen das Me­di­zi­ni­sche Staats­examen ab und hei­ra­te­te im glei­chen Jahr den ka­tho­li­schen Apo­the­ker Kon­rad Graf. Die prak­ti­sche Ärz­tin war im glei­chen Jahr ka­tho­lisch ge­wor­den. Am 7. Juni 1913 wur­de sie an der Fried­rich-Alex­an­der-Uni­ver­si­tät Er­lan­gen als zwei­te Frau mit ei­ner kar­dio­lo­gi­schen Ar­beit pro­mo­viert und er­hielt im glei­chen Jahr auch ihre Ap­pro­ba­ti­on. 1914 ließ sie sich in Bam­berg als „Frau­en- und Kin­der­ärz­tin“ nie­der.

Sie war für ihre selbst­lo­se Ar­beit un­ter Ar­men be­kannt. Vie­le ka­men aus dem länd­li­chen Um­feld. Als Frau­en­ärz­tin stand sie im Kon­flikt­feld des Schwan­ger­schafts­ab­bruchs, der seit 1926 nicht mehr als Ver­bre­chen, son­dern nur noch als Ver­ge­hen ge­ahn­det wur­de und des­sen Ver­bot be­son­ders ab 1931 ei­nem star­ken po­li­ti­schen Druck aus­ge­setzt war. Mit der Macht­über­nah­me durch die Na­tio­nal­so­zia­lis­ten än­der­te sich die Pra­xis der Recht­spre­chung zu stär­ke­rer Un­nach­sich­tig­keit, vor al­lem dann, wenn sich der Vor­wurf ge­gen jü­di­sche Ärz­te rich­te­te und für die Ju­den­ver­fol­gung in­stru­men­ta­li­siert wer­den konn­te. Auch Sel­ma Graf wur­de, ob­wohl sie be­reits zwei Jahr­zehn­te vor­her zum Ka­tho­li­zis­mus kon­ver­tiert war, ab der Macht­er­grei­fung Hit­lers als „Jü­din“ be­han­delt mit den ent­spre­chen­den Er­schwer­nis­sen für jü­di­sche Ärz­tin­nen und Ärz­te, also Ent­zug der Kas­sen­zu­las­sung und da­mit ei­ner wich­ti­gen Ein­nah­me­quel­le. Am 15. Juli 1937 wur­de sie von der Kir­chen­bank weg ver­haf­tet und an­ge­klagt, ihr wur­de vor­ge­wor­fen, seit 1928 im gro­ßen Um­fang ge­werbs­mä­ßig Ab­trei­bun­gen vor­ge­nom­men zu ha­ben. Ge­gen­stand der Ver­hand­lung vom 17. bis 19. Juli 1939 un­ter Vor­sitz des Land­ge­richts­di­rek­tors Dr. Ge­org Fick wa­ren 44 Fäl­le mit der Dia­gno­se „Re­gel­stö­rung“, die die Ärz­tin nach Un­ter­su­chung und Aus­schluss ei­ner Schwan­ger­schaft mit den für die­se Dia­gno­se vor­ge­se­hen Me­tho­den be­han­del­te. In kei­nem Fall wur­de ein Zu­sam­men­hang zwi­schen der Be­hand­lung und ei­ner Fehl­ge­burt oder ei­nem Ab­ort her­ge­stellt1. Die Ärz­tin wur­de zu sie­ben Jah­ren Zucht­haus ver­ur­teilt, die sie ab dem 28. No­vem­ber 1939 in Aich­ach ver­büß­te. Nur we­ni­ge Tage spä­ter teil­te der Re­gie­rungs­prä­si­dent in Ans­bach dem Rek­tor der Uni­ver­si­tät Er­lan­gen mit, dass „die frü­he­re Ärz­tin Sel­ma Graf“ vom Schwur­ge­richt Bam­berg we­gen ge­werbs­mä­ßi­ger Ab­trei­bung zu sie­ben Jah­ren Zucht­haus ver­ur­teilt sei und die bür­ger­li­chen Eh­ren­rech­te ver­lo­ren habe. Da sie sich „durch ihr Ver­hal­ten [… ] der Füh­rung ei­nes aka­de­mi­schen Gra­des of­fen­bar un­wür­dig er­wie­sen“ habe, for­der­te er die Uni­ver­si­tät auf, Sel­ma Graf den Dok­tor­ti­tel zu ent­zie­hen. Der De­ka­nats­aus­schuss stell­te dar­auf­hin in sei­ner Sit­zung am 16. Fe­bru­ar 1940 fest, „dass der Ver­lust des der Sel­ma Sara Graf am 15. Juni 1914 […] ver­lie­he­nen Dok­tor­ti­tels mit der Rechts­kraft des [… ] Ur­teils ein­ge­tre­ten“ sei, und die­se Fest­stel­lung gab der Rek­tor dem Ober­bür­ger­meis­ter der Stadt Bam­berg zur Kennt­nis. Die Be­trof­fe­ne wur­de nicht be­nach­rich­tigt.2

We­gen ei­nes Vor­gangs am 11. De­zem­ber 1941 wur­de sie mit ei­ner Haus­stra­fe be­legt: sie hat­te die Mit­ge­fan­ge­ne Ga­brie­le von Munk aus Wien ge­fragt, ob es ihr wie­der bes­ser gehe, weil sie in der Kir­che zu­sam­men­ge­fal­len ist. Di­rek­tor von Reit­zen­stein ver­füg­te drei Tage Hof­ent­zug, weil Graf durch Spre­chen die Ruhe und Ord­nung wäh­rend der Hof­stun­de stör­te.

Am 11. Ja­nu­ar 1943 schrieb er an Kon­rad Graf, dass Ihre Frau am 8.12.42 nach Ausch­witz über­stellt wur­de. Dr. Sel­ma Graf starb am 31. De­zem­ber 1942 im Kon­zen­tra­ti­ons­la­ger Ausch­witz, an­geb­lich an Grip­pe.

Die Rö­misch-ka­tho­li­sche Kir­che in Deutsch­land hat Dr. Sel­ma Eli­sa­beth Graf als Mär­ty­re­rin aus der Zeit des Na­tio­nal­so­zia­lis­mus in das deut­sche Mar­ty­ro­lo­gi­um des 20. Jahr­hun­derts auf­ge­nom­men. 2007 wur­de zu ih­rer Er­in­ne­rung in der Franz-Lud­wig-Stra­ße 15 in Bam­berg ein „Stol­per­stein“ ver­legt.

Am 2. Fe­bru­ar 2024 gab die Öku­me­ni­sche Be­rufs­fach­pfle­ge­schu­le für Pfle­ge und Al­ten­pfle­ge­hil­fe in Bam­berg ih­rer Schu­le den Na­men „Pfle­ge­schu­le Dr. Sel­ma Graf“.

Au­torin: Dr. med. Eli­sa­beth Fried­richs, Augs­burg

2Re­na­te Wit­tern / An­dre­as Fre­wer: Ab­erken­nun­gen der Doktorwürde im „Drit­ten Reich“. De­pro­mo­tio­nen an
der Me­di­zi­ni­schen Fa­kul­tät der Fried­rich-Alex­an­der-Uni­ver­si­tät Er­lan­gen (Er­lan­ger For­schun­gen Son­der­rei­he
Bd. 12), Er­lan­gen 2008, S. 156, urn:nbn:de:bvb:29-opus-20896

( https://​de​.wi​ki​pe​dia​.org/​w​i​k​i​/​S​e​l​m​a​_​E​l​i​s​a​b​e​t​h​_​G​raf , 05.100.2023
Alle Zi­ta­te aus: Dr. Franz Jo­sef Merkl: An den Rän­dern der „Volks­ge­mein­schaft“ ‑Frau­en­schick­sa­le in der Straf­an­stalt Aich­ach 1933–1945 in dem Buch „Alt­bay­ern in Schwa­ben 2018“, https://​www​.aich​ach​.de/​m​e​d​i​a​/​c​u​s​t​o​m​/​2​6​5​3​_​3​6​9​6​_​1​.​PDF
Dr. Graf ist aufgeführt auf S. 125 in: Seid­ler, Edu­ard: Jüdische Kin­der­ärz­te, 1933–1945: Ent­rech­tet – ge­flo­hen – ermordet.Jewish pe­dia­tri­ci­ans, vic­tims of per­se­cu­ti­on, 1933–1945. Er­wei­ter­te Neu­auf­la­ge. Ba­sel, Kar­ger, 2007. 547 ISBN 978–3‑8055–8284‑0.

Sel­ma Grafs Stol­per­stein in Bam­berg