Johanna Vogl
„Seien Sie versichert, ich fühle mich nicht als Opfer. Es ist mir Genugtuung in den finstersten Jahren meiner Heimat ein kleines Rädchen gewesen zu sein, mit allen Konsequenzen, im Kampf gegen Faschismus und Krieg!“
Vorwort
Diese Worte schrieb unsere Großmutter im Jahr 2002 in einem Brief an den späteren österreichischen Bundespräsidenten Dr. Heinz Fischer. Damals hatte sie – 57 Jahre nach der Befreiung – eine Entschädigungszahlung vom „Nationalfonds der Republik Österreich für Opfer des Nationalsozialismus“ erhalten, dessen Präsident Herr Fischer zu diesem Zeitpunkt noch war.
Mehr als fünf Jahre war sie als politische Gefangene in der NS-Zeit eingesperrt – in Untersuchungshaft in Wien, im Frauenzuchthaus Aichach und schließlich im KZ Ravensbrück. Als Opfer hat sie sich selbst nie sehen wollen. Sie war sich ihrer politischen Überzeugungen sicher und tat im Rahmen ihrer Möglichkeiten alles, um dem NS-Regime etwas entgegen zu setzen.
Als ihre Enkelinnen sind wir mit dem Wissen darüber, dass unsere Großmutter eine Widerstandskämpferin war, aufgewachsen. Trotzdem kannten wir lange Zeit nur sehr wenige lose Geschichten. Ein paar immer wiederkehrende Erzählungen einzelner Erlebnisse aus ihrer Zeit als junge Frau im Widerstand und in Gefangenschaft.
Während die Großmütter in Filmen versonnen lächelnd von ihrer Jugend erzählten, gab es bei unserer Oma nur selten ein warmes Lächeln, wenn sie von dieser Zeit sprach. Und wenn, dann war es nicht Ausdruck von Freude, sondern nur ein Vorhang, der die Dunkelheit dahinter mehr schlecht als recht kaschieren konnte.
Die kurzen Einblicke in die Vergangenheit nahmen uns nicht mit in eine fröhliche Jugend, eine glückliche Kindheit. Die Geschichten waren keine Türen, die man gerne weiter aufmachen wollte, sondern Risse, die nicht größer werden sollten, damit das Dunkle darin nicht zum Vorschein kommt.
In einer Zeit, in der die Zeitzeugen immer weniger werden und uns mehr und mehr auch die Fakten entgleiten, stellen wir – die Nachkommen – fest: Wir brauchen diese Geschichten aber. Die ehrlichen, schonungslosen, menschlichen Geschichten. Denn nackte Zahlen und eindeutige Statistiken wirken zwar wie unumstößliche Waffen im Kampf gegen Desinformation, Propaganda, Hass und Hetze. Aber die Fakten allein nützen nicht. Sie sind eine stumpfe Klinge.
Daher sind wir dankbar, dass wir sie an dieser Stelle erzählen können. Eine Geschichte, die auch unsere Geschichte ist! Die Geschichte von Johanna Vogl. Einer jungen Frau aus armen Verhältnissen, die sich trotz allem gegen das NS-Regime gestellt hat. Eine Frau, die die Konsequenzen gekannt und getragen hat. Eine Frau, die sich in ihrem Brief an den österreichischen Bundespräsidenten in spe nur noch eines gewünscht hat:
„Jetzt in meinem hohen Alter wünsche ich mir nur noch, dass unsere heranwachsende Jugend, darunter auch meine Enkelkinder, das Bewusstsein, Kraft und Mut aufbringen, immer und überall für den Frieden einzutreten.“
Liebe Oma, es soll nicht nur ein Wunsch bleiben. Alles, was du erlebt hast, wirkt bis heute. Im Guten wie im Schlechten. Sowohl in uns, deiner Familie als auch in der Gesellschaft. Wir können und wollen das nicht vergessen und unseren winzigen Teil zu einer offenen, aufgeklärten und informierten Gesellschaft beitragen. Deswegen sind wir sehr dankbar für die Möglichkeit, deine Geschichte zu teilen. Damit du keine vergessene Frau von Aichach wirst!
In Liebe und großem Respekt,
Deine Enkelinnen Nina, Jalila und deine Tochter Vera
1919–1934 – Kindheit, Jugend, Ausbildung
Johanna Vogl kommt 1919 in Wien zur Welt. Gemeinsam mit ihren Eltern, vier Brüdern und einer Schwester lebt sie in ärmlichen Verhältnissen in einer winzigen Kellerwohnung im dritten Wiener Gemeindebezirk. Ihre Mutter stammt ursprünglich aus dem damals ungarischen Stegersbach, der Vater aus dem tschechischen Ort Znaim.
„Meine Mutter kam aus Ungarn, der Vater war Tscheche. Ich bin eine echte Wienerin“
– Johanna Vogl
Vor der Ehe hat ihre Mutter als Gärtnerin in Schönbrunn gearbeitet, der Vater liefert Milch aus und leistet Hilfsarbeiten, ist jedoch vor allem in den Zwischenkriegsjahren über lange Zeit krank und arbeitslos. Die beengte Wohnsituation löst immer wieder Konflikte zwischen Johanna und ihrer Mutter aus, da diese sehr viel schimpft und angeblich immer wieder junge Männer einlädt, während der Vater außer Haus ist.
Als die Familie im Jahr 1931 eine Gemeindewohnung in der Quellenstraße im 10. Wiener Gemeindebezirk zugeteilt bekommt, bessern sich die Lebensumstände. Johanna besucht insgesamt vier Jahre die Volksschule und im Anschluss vier Jahre die Hauptschule. Sie lernt mit Begeisterung und träumt davon, Kinderärztin zu werden.
„Ich hab’ so gern gelernt. Aber es gab keinen Platz, keine Ruhe. Da bin ich mit meinen Büchern immer auf die Kellertreppe.“
– Johanna Vogl
1934–1938 – Ausbildung und erstes politisches Engagement
Es bleibt bei dem Traum vom Studium, denn trotz größerer Gemeindewohnung ist die Armut der Familie längst nicht überwunden. Der Besuch des Gymnasiums – die Grundvoraussetzung, um später studieren zu können – ist nicht finanzierbar, nicht mal denkbar. Nach dem Abschluss der Hauptschule beginnt sie im Mai 1934 eine Lehre als Modistin. Für diese liefert sie regelmäßig Hüte in die feinen Wiener Bezirke.
„Ich bin immer zu Fuß gegangen. Nicht mit der Straßenbahn. Von dem Fahrgeld hab’ ich mir dann 1/4 kg Weintrauben und eine Semmel kaufen können.“
– Johanna Vogl
Nach nicht einmal zwei Lehrjahren muss Johanna die Ausbildung zur Modistin im Februar 1936 ungewollt abbrechen. Die Umstände sind tragisch, denn im Zuge der politischen Entwicklung nimmt sich die jüdische Besitzerin das Leben. Spannend hierbei: Bei ihrer Einlieferung ins Frauenzuchthaus Aichach (1941) muss Johanna einen handschriftlichen Lebenslauf verfassen. Dort erwähnt sie den Suizid der Modistin nicht, sondern schreibt: „Meine Chefin {…} verreiste nach Amerika und sperrte hier den Salon, {…}“.
Die ersten Flugblätter
Die wirtschaftliche Lage in Wien ist angespannt, der Austrofaschismus unter Bundeskanzler Engelbert Dollfuß auf dem Vormarsch. Johanna findet keinen neuen Betrieb, um die Lehre zu beenden. Erst im August 1937 findet sie Arbeit als Hilfsarbeiterin in einer Strumpffabrik.
In dieser Zeit verteilt sie Flugblätter der sozialdemokratischen Arbeiterbewegung, die sich gegen Faschismus und Krieg wenden – vor allem in und vor Fabriken in Wien. Eine ihrer Vorarbeiterinnen, Anni Zettl, eine aufrechte Sozialdemokratin, mit der sie noch bis ins hohe Alter verbunden bleibt, findet eines Tages diese Flugblätter in ihrer Tasche. Sie warnt Johanna eindringlich, da diese Art der „Propaganda“ bereits verboten ist und Verhaftung droht.
„Anni hat gesagt: Bring’ das nie wieder mit. Das ist gefährlich!“
– Johanna Vogl
Es ist vor allem die erlebte Armut in ihrer Kindheit und Jugend, mit der sie ihr politisches Engagement erklärt. Aber auch konkrete Ereignisse wie die Februarkämpfe 1934 in den Wiener Arbeiterbezirken beeinflussen ihr Handeln.*
„Da wurde geschossen. Im Gemeindebau. Da war doch klar, dass es nicht so läuft, wie es sollte.“
– Johanna Vogl
Den Bezug zur Sozialdemokratie und der Arbeiterbewegung, die im Jahr 1934 vom austrofaschistischen Regime, verboten wurden, hat sie schon seit Schulzeiten, denn in ihrer Jugendzeit ist sie Mitglied der Roten Falken, einer Vorfeldorganisation der Sozialdemokratischen Partei Österreich.
Während ihrer Zeit in der Strumpffabrik lebt sie weiterhin in ihrem Elternhaus, da der Lohn für ein eigenständiges Leben nicht ausreicht. Parallel zu ihrer Arbeit in der Strumpffabrik tritt sie im Jahr 1937 dem KJV (Kommunistischer Jugendverband) bei.
„Es gibt verschiedene Versionen, wie meine Großmutter zum Kommunistischen Jugendverband gekommen sein soll. Es gibt ihre eigene Erzählung, dass eine ihrer Schulfreundinnen sie angeworben habe. Im offiziellen Gerichtsurteil von 1941 ist die Rede von einem mitangeklagten jungen Mann, den sie im sozialdemokratischen Touristenverein „Bergfreunde“ (vormals Naturfreunde) kennengelernt haben soll. Ob meine Großmutter sich in späteren Erzählungen falsch erinnert, ob sie von beiden unabhängig voneinander angeworben wurde oder ob sie in ihrer Aussage vor Gericht ihre Schulfreundin schützen wollte – wir wissen es nicht sicher.“
– Nina Vogl, Enkelin
Ein weiterer beruflicher Einschnitt folgt im September 1938. Nach dem Anschluss Österreichs im März 1938 rollt auch hier eine Welle der Arisierung übers Land und unzählige Betriebe werden geschlossen. Johanna muss erneut den Arbeitsplatz wechseln und erhält Arbeit in einer anderen Strumpffabrik, in der sie bis Ende 1939 tätig ist.
1938–1940 – KJV Bezirksleiterin – Das Engagement geht weiter
Ihre Zeit beim KJV beginnt sie 1937 als einfaches Mitglied. Relativ zeitgleich zur Arisierung ihres bisherigen Arbeitgebers im Herbst 1938 übernimmt sie die Rolle der Bezirksleiterin des KJV für den dritten Wiener Gemeindebezirk. Das bedeutet, sie organisiert Treffen mit anderen Mitgliedern, bespricht politische Themen mit ihnen und sammelt Mitgliedsbeiträge ein.
„Es beeindruckt mich sehr, wie meine Großmutter in solch jungem Alter politische Verantwortung und insbesondere als Frau eine Leitungsrolle übernommen hat. Ich glaube, das hat mich indirekt schon geprägt und ich bin froh, dass dieses Frauenbild in meiner Familie keine Ausnahme, sondern eine Selbstverständlichkeit ist.“
– Nina Vogl, Enkelin
Auch wenn das politische Engagement immer gefährlicher wird, gibt Johanna, die von ihren Genoss:innen „Hannerl“ genannt wird, nicht auf. Sie trifft sich weiterhin mit ihren Mitstreiter:innen vom KJV. Sie entwickeln Taktiken, um sich zu schützen und nutzen das in vielen Widerstandsgruppen angewandte „Dreiersystem“, das den Sinn hat, das Risiko auf Enttarnung zu minimieren.** Außerdem werden Treffen und deren Inhalte natürlich nicht schriftlich festgehalten. Wer im Untergrund und „illegal“ agiert, hinterlässt am besten keine Spuren.
1940–1941 – Verrat, Verhaftung, Untersuchungshaft
Trotz der Vorsichtsmaßnahmen kommt es zum Verrat der Gruppe. Es ist der 28. Februar 1940 als Johanna frühmorgens zuhause von der Gestapo festgenommen wird. Sie bringen sie in die Rossauerlände, ein Polizeigefängnis, das im Volksmund „die Liesl“ genannt wird. Noch heute wird das Gebäude als Polizeianhalte- und Schubhaftzentrum genutzt. Johanna wird eingesperrt, verhört und weil sie nichts sagen will: misshandelt. Die Beamten schlagen ihr die Zähne aus.
„Meine Großmutter hat von dieser konkreten Misshandlung nicht erzählt. Als ich in den Unterlagen das erste Mal davon lese, kann ich nicht anders als mir diese Situation bildlich vorzustellen. Eine junge Frau, die nicht aussagen will und deshalb von einem Mann so hart ins Gesicht geschlagen wird, dass sie ihre Zähne verliert.“
– Nina Vogl, Enkelin
Die damals 20-Jährige verbringt über ein Jahr in Untersuchungshaft an unterschiedlichen Orten in Wien bis es im August 1941 zur Verhandlung am Volksgerichtshof kommt. Über die genauen Umstände in Haft ist aus persönlichen Erzählungen wenig bekannt. Es gibt allerdings Aufzeichnungen und Dokumentation durch andere Gefangene, die ebenso zu dieser Zeit in Wien in Untersuchungshaft waren und von der Haftzeit berichten. Besonders eindrücklich sind dabei die Schilderungen aus der Biographie von Margarete Schütte-Lihotzky, in der auch „Hannerl“ Erwähnung findet.
Die Anklage lautet: Vorbereitung zum Hochverrat. Mit ihr angeklagt sind acht Personen, sieben Männer und sie.
„Auch hier wird mir ihre besondere Stellung als einzige Frau auf der Anklagebank nochmal bewusst. Eine Frau, die sechs der mitangeklagten Männern als KJV-Bezirksleiterin formell übergeordnet ist.“
– Nina Vogl, Enkelin
1941: Das Urteil
Das Urteil fällt am 08. Juli 1941. Es lautet auf „Vorbereitung zum Hochverrat.“ Johanna wird zu vier Jahren Zuchthaus sowie vier Jahren Ehrverlust verurteilt. Von der Dauer der Untersuchungshaft werden ihr ein Jahr und vier Monate angerechnet. Ihre Strafe soll sie im Frauenzuchthaus Aichach in Oberbayern verbüßen.
„Ich hatte fast Glück, dass ich schon im 41er Jahr verurteilt wurde. Ein Jahr später gab es dann viel mehr Todesurteile.“
– Johanna Vogl
Aus dem Urteil wird ersichtlich, wie hart und – aus heutiger Sicht völlig unverhältnismäßig – das nationalsozialistische Regime gegen politische Gegner:innen vorgeht. Johanna wird ihre Tätigkeit als Bezirksleiterin des Kommunistischen Jugendverbands vorgeworfen. Aus der Urteilsbegründung geht hervor, dass sie Treffen organisiert, Mitgliedsbeiträge eingesammelt und einzelne Mitstreiter über die Ideen des Kommunismus informiert haben soll.
Dabei geht es um einzelne Gespräche, sowie um ein einziges – als Schrift der Hitlerjugend getarntes – Schriftstück, das von ihr weitergegeben wurde und im Urteil als „Hetzschrift“ betitelt wird. Eine Erstellung und Vervielfältigung – geschweige denn eine Verteilung – von kommunistischen Flugblättern ist der Gruppe gar nicht möglich, denn dazu fehlen die technischen Möglichkeiten und die finanziellen Mittel.
Gut einen Monat nach der Verurteilung gelangt Johanna am 11.August 1941 ins Frauenzuchthaus Aichach – vier Tage nach ihrem 22. Geburtstag.
1941–1944: Haft in Aichach
Wir können Johannas Zeit in Aichach nur bruchstückweise aus Erzählungen rekonstruieren, geschweige denn nachvollziehen, wie es sich angefühlt haben muss, im Zuchthaus eingesperrt gewesen zu sein, sowohl körperlich als auch psychisch. Trotz der wenigen persönlichen Geschichten aus Aichach, die sie zu Lebzeiten mit uns geteilt hat, können wir ihren Aufenthalt dort mittlerweile fast minutiös verfolgen.
Der nationalsozialistische Bürokratieapparat
Denn es kommt etwas ins Spiel, das uns als Nachkommen Jahrzehnte später einen neuen Blick auf das Leben und Leiden unserer Mutter und Großmutter gibt: der nationalsozialistische Bürokratieapparat. Es ist 2019, als wir auch dank des Engagements des Frauenforums Aichach-Friedberg im Münchner Staatsarchiv auf die Gefangenenakte unserer Mutter und Großmutter stoßen.
„Zehn Jahre lang habe ich nur wenige Hundert Meter Luftlinie vom Staatsarchiv in München gelebt. Einer Stadt, in der sonst niemand aus meiner Familie je gewohnt hat. Zehn Jahre, in denen ich nicht den Hauch einer Ahnung hatte, welche Informationen sich fast direkt vor meiner Nase befinden. All diese Dinge die meine Großmutter betreffen. Und damit ja auch irgendwie meine ganze Familie – meine Mutter, meine Schwester, mich.“
– Nina Vogl, Enkelin
Die Akte gibt nicht nur Einblick in das, was Johanna in Aichach widerfahren ist, sie zeigt vor allem die Funktionsweise der nationalsozialistischen Bürokratie. Aufnahmebogen, Führungszeugnisse, Dokumentation der Hausstrafen, Zahnarztrechnungen, abgefangene Briefe, Korrespondenz zwischen der Anstaltsleitung und der Gestapo in Wien: Die Akte erzählt Johannas Leben in Aichach – aber aus Sicht der Wärterinnen, der Anstaltsleitung, des nationalsozialistischen Regimes.
„Es ist irgendwie surreal das Leben der eigenen Mutter und Großmutter anhand von Akten nachzuerzählen, Akten, die nur einen bestimmten Teil der Geschichte erzählen, geprägt von einer sehr bestimmten Idee von Recht und Ordnung und davon, was richtig und falsch ist. Gleichzeitig muss man fast dankbar sein für die akribischen Aufzeichnungen, denn die Gefängnisakten aus Aichach haben einen für uns bisher blinden Fleck sichtbar gemacht, definitiv nicht nachvollziehbar, aber nachverfolgbar. Sie zeigen, mit welcher Selbstverständlichkeit Leid und Schmerz über Menschen gebracht wurde, die nicht den Vorstellungen der nationalsozialistischen Ideologie entsprachen.“
– Nina Vogl, Enkelin
Von abgefangenen Briefen bis Zahnarztrechnung
Eine der ersten Dinge, die Johanna im Aichacher Zuchthaus tun muss: Einen handschriftlichen Lebenslauf verfassen. Am 13. August listet sie darin Informationen zu ihren Eltern (berufliche Tätigkeit, charakterliche Einschätzung, Gesundheitszustand) auf und schildert ihren eigenen schulischen und beruflichen Werdegang sowie ihre bisherige Krankheitsgeschichte. Hinzu kommen wenige Sätze, die ihre Straftat betreffen. Diese begründet sie knapp mit der eigenen Armut und Not, nicht mit eindeutiger politischer Überzeugung. Für die Zeit nach der Strafverbüßung kündigt sie folgendes an:
„Künftig will ich nur meiner Arbeit nachgehen und nie mehr irgendeine politische Tätigkeit betreiben, um wieder Aufnahme in den Reihen des Volkes zu finden.“
Wer die Akten ihres Aufenthalts in Aichach kennt, dem wird klar, dass diese Zeilen in erster Linie unter dem enormen Druck und der Angst vor Repressalien entstanden sein müssen. Denn auch in Haft gibt sie nicht komplett auf und findet Mittel und Wege, sich weiterhin politisch zu engagieren.
Die Misshandlungen und den Fakt, dass ihr Gestapo-Beamte in der Untersuchungshaft die Zähne ausschlagen, lässt sich anhand der Aufnahme-Formulare aus dem Zuchthaus Aichach nachvollziehen. Dort wird der körperliche Zustand und das Äußere der Gefangenen genau dokumentiert. In Johannas Akte werden ihre Zähne als schlecht bzw. fehlend vermerkt – außerdem finden sich mehrere Rechnungen zu zahnärztlichen Behandlungen.
Johanna schreibt ab Februar 1942 regelmäßig Briefe an ihre Familie. Einer davon findet sich in der Akte, was bedeutet, dass er abgefangen wurde und die Adressaten nie erreicht hat. Die Aufseherinnen kontrollieren den Inhalt sehr genau. Schon ein negatives Wort über die Verpflegung oder Ähnliches kann dazu führen, dass Briefe das Zuchthaus nie verlassen.
Geheime Nachrichten, Dunkelhaft und solidarische Genossinnen
In ihrer Zeit in Aichach erhält Johanna zweimal eine so genannte Hausstrafe. Zum einen erhält sie im Juni 1943 eine siebenmonatige Einzelhaft. Nur einen Monat später folgt eine Verurteilung zu 28 Tagen Korrektions-Arrest. Diese Strafe wird zusätzlich verhängt und nicht auf ihre eigentliche Haftzeit angerechnet. Es handelt sich um Dunkelhaft bei Wasser und Brot. Die Nächte verbringt sie auf einer harten Holzpritsche. Nur alle drei Tage bekommt sie einen dreckigen Strohsack für die Nacht sowie normales Häftlingsessen. Die Korrektionshaft setzt ihr nicht nur körperlich, sondern auch psychisch stark zu.
„Wenn du so lang allein bist im Dunkeln wirst du deppert. Ich hab’ mich dann mit den Spinnen unterhalten.“
– Johanna Vogl
Eine Aufseherin bietet ihr an, sich bei der Direktion zu entschuldigen, um aus der Dunkelhaft entlassen zu werden. Doch sie weigert sich. Die strenge Strafe erhält sie, weil bei ihr ein so genannter Kassiber gefunden wird. Das ist sind kleine, geheime Notizen, die die Insassinnen untereinander austauschen. Dafür nutzen sie die seltenen Momente, in denen sie sich begegnen können, zum Beispiel in der Anstaltskapelle.
„Meine Mutter und ihre kommunistischen Genossinnen waren ihren Lebtag atheistisch eingestellt. Und trotzdem wurde die Kapelle zu einem Ort, an dem sie sich begegnen und heimlich austauschen konnten.“
– Vera Hoyer, Tochter
Die Kassiber sind ein wichtiges Mittel, um das politische Engagement auch in Haft weiterzuführen. Sie sind dazu da, Informationen weiterzugeben oder sich mit Hilfe von Worten und Durchhalteparolen gegenseitig zu bestärken und Mut zu machen. Der Kassiber, wegen dem Johanna in Dunkelhaft geht, enthält unter anderem folgende Sätze:
„Aber nicht mutlos werden! Wir wissen, dass die Propaganda ihr stärkstes Mittel ist!“
„Es ist bequemer nicht zu denken, daran scheitert manches…“
„Doch einmal geht zugrunde auch das Furchtbare.“
„Das Volk ist nicht gewillt mit den Faschisten zu gehen.“
Wie viele Kassiber sie erfolgreich verfasst, erhalten oder weitergereicht hat, können wir nicht sagen, wissen aber, dass die Solidarität unter den politischen Gefangenen teilweise sehr groß ist. Irgendwann gibt es so viele Verhaftungen und Gefangene, dass Johanna nach ihrer Einzelhaft, zwar weiterhin in einer Einzelzelle untergebracht wird, aber diese mit zwei weiteren Frauen teilt.
„Nach der Einzelhaft hat mich meine Genossin Rosl wieder zu einem Menschen gemacht.“
– Johanna Vogl
Immer wieder Widerstand!
Das Schreiben der Kassiber ist nicht der einzige Weg, um weiterhin Widerstand zu leisten. Wäh-rend ihrer Haft müssen Johanna und ihre Mitgefangenen Hilfsarbeiten leisten. Sie wird hauptsächlich zum Socken stricken eingeteilt und findet auch hier eine Möglichkeit, um ihre Widerständigkeit aufrecht zu erhalten: Sabotage.
„Zuerst haben wir so getan, als könnten wir gar nicht stricken. Dann haben wir die Socken zu klein gestrickt. Damit das nicht auffällt, haben wir sie nass gemacht und in die Länge gezogen.“
– Johanna Vogl
Diese Anekdote hat sie immer wieder mal erzählt. Dass Johanna sich bei der Arbeit vermutlich absichtlich nicht anstrengt, entgeht auch der Zuchthausleitung nicht. In den Führungsbögen wird sie als langsam und bequem bezeichnet. Außerdem wird ihr kein Besserungswille attestiert, und sie wird als Überzeugungstäterin eingestuft. In der Bewertung steht außerdem, dass „es möglich wäre, dass sie in einer anderen Umgebung ihre Gesinnung ändern würde“ und es nicht ausgeschlossen sei, dass „sie sich in Zukunft einwandfrei führen wird, weil sie die Folgen fürchtet.“
„Die gesamte Gefängnisakte meiner Großmutter hat mir eindrücklichsten gezeigt, wie die nationalsozialistische Bürokratie sich selbst und ihre Handlungen legitimiert. Es ist erstaunlich, wie sehr Handlungen als korrekt dargestellt werden können, wenn sie akkurat festgehalten werden. Auf offiziellem Briefpapier mit Stempel, Unterschrift, Reichsadler – und Hakenkreuz“
– Nina Vogl, Enkelin
Spuren bis in die Gegenwart
Die Zustände in Aichach sorgen dafür, dass Johanna immer wieder krank wird. In einem Brief, in dem sie 1952 um Entschädigung ansucht, schreibt sie von Rippenfellentzündung, Typhus und Tuberkulose. Diese Krankheiten übersteht sie, trägt aber auch Langzeitschäden davon. Neben regelmäßigem Kopfschmerz, sind die Schäden, die durch das dauerhafte Tragen von Holzpantoffeln entstanden sind, das sichtbarste Zeichen.
„Erst als ich diesen Brief das erste Mal gesehen habe, habe ich verstanden, dass die deformierten Füße meiner Großmutter kein genetisches Problem oder Ähnliches waren, sondern direkte Folgen ihrer Inhaftierung.“
– Nina Vogl, Enkelin
Welche psychischen Schäden sie davonträgt, lässt sich nicht benennen, da es zu ihren Lebzeiten nie zu einer psychologischen oder psychiatrischen Begutachtung kommt.
„Im Nachhinein muss ich sagen, dass wir als ihre direkten Nachkommen eine sehr ambivalente Frau erlebt haben. Eine Frau, die sich immer wieder für die Schwächsten einsetzt, die ihre politische Gesinnung nicht abgelegt hat. Die aber gleichzeitig ihre Tochter und Enkelinnen immer wieder mit Schweigen straft, Härte zeigt und kaum in der Lage ist, einen liebevollen Umgang zu ermöglichen. Das war nicht immer leicht, am wenigsten für meine Mutter. Ich bin nicht glücklich darüber, dass ihr Mutter-Tochter-Verhältnis so schwierig war und hätte es mir für sie anders gewünscht. Ich persönlich verurteile das Verhalten meiner Großmutter gegenüber ihrer Familie aber nicht, sondern sehe es mittlerweile als direkte Folge all der Grausamkeit, die sie selbst erlebt hat.“
– Nina Vogl, Enkelin
Das Ende der Haft
Bereits im Januar und Februar 1942 gibt es eine Korrespondenz zwischen Aichach und Wien, in der es um Johannas Entlassung nach Verbüßung ihrer Haftstrafe geht. Die Zuchthaus-Verwaltung fragt an, ob Johanna nach der Entlassung auf freien Fuß gesetzt oder der Gestapo in Wien übergeben werden soll. Diese entscheidet bereits 1942, dass Johanna „nach der Strafverbüßung an die Geheime Staatspolizeistelle Wien zu überstellen sein wird“.
Im März 1944, knapp drei Wochen vor ihrer Entlassung, wird ihr Verhalten im Zuchthaus ein letztes Mal bewertet. Die Direktion attestiert ihr nicht zuletzt aufgrund ihrer Hausstrafen eine schlechte Führung. Im Vergleich zum vorherigen Führungsbogen fällt das Urteil nun um einiges schärfer aus:
„{…} eine staatsfeindlich eingestellte Bolschewistin ist und bleibt, {…} Besserungswille und Änderungsfähigkeit sind zu verneinen“
Am 4.April 1944 wird sie aus dem Zuchthaus Aichach entlassen und per Sammeltransport nach Wien gebracht.
„Wenn ich diese Zeilen lese, frage ich mich immer wieder, welche Rolle diese Bewertung dabei gespielt hat, dass meine Mutter nach Verbüßung ihrer Haft nicht freigekommen ist, sondern ins KZ Ravensbrück deportiert wurde.“
– Nina Vogl, Enkelin
1944–1945: Ravensbrück
Ab 1944 wird die bisher so akribische Bürokratie weniger. Plötzlich sind Entscheidungen nicht mehr genau dokumentiert und schriftlich nachvollziehbar.
Obwohl Johanna ihre laut Urteil festgesetzte Haftstrafe von vier Jahren nun verbüßt hat, kommt sie nicht frei. Am 15. August 1944 wird sie nachweislich in das bereits stark überfüllte KZ Ravensbrück deportiert.
„Ich denke, dass auch der steigende Druck auf das nationalsozialistische Regime dafür verantwortlich war, dass politische Gefangene nicht freigelassen, sondern in Konzentrationslager verbracht wurden.“
– Nina Vogl, Enkelin
Trotz schwindender Bürokratie gibt es ein Dokument, das den Tag der Deportation beweist: Die Transportliste, auf der sich Johannas Name findet. Der Name, den sie kurz darauf verlieren wird.
Vom Mensch zur Nummer 44289
In Ravensbrück geschieht schließlich das, was allen KZ-Häftlingen als erstes angetan wird. Es ist keine körperliche Gewalt, aber ein Vorgang, der die nationalsozialistische Ideologie zementiert. Ein eindeutiger Schritt auf dem Weg zur Entmenschlichung der Gefangenen:
Der nationalsozialistische Bürokratieapparat nimmt Johanna ihren Namen und macht sie zu einer Nummer. 44289. Ihre Häftlingsnummer. Dazu erhält sie einen roten Wimpel, der sie als Politische Gefangene identifiziert. Ihr Leben fristet sie ab diesem Moment – gemeinsam mit unzähligen anderen Frauen – in Block 24.
Die Nacktparade
Die erste Demonstration von Macht und Willkür geschieht direkt bei der Ankunft. Die Frauen müssen sich komplett entkleiden und stundenlang stehen, während die Aufseherinnen mit Schäferhunden patrouillieren. Sie nennen es „die Nacktparade“. Wer sich bewegt, muss die Konsequenzen spüren. Dieser Vorgang wiederholt sich immer wieder – egal, bei welchem Wetter. Überbordende Gewalt ist ab jetzt an der Tagesordnung.
Unsere Mutter und Großmutter hat uns immer wieder bruchstückhaft von dieser Hölle erzählt. Wie in Aichach muss sie auch hier Zwangsarbeit leisten. Eingesetzt wird sie in einem Konstruktionsbüro von Siemens. Dort trifft sie einige ihrer früheren Mitstreiterinnen gegen den Faschismus, die ebenso einen unglaublichen Leidensweg hinter sich haben.
Zwischen Tod und Solidarität
Doch sie erzählte nicht nur von der Zwangsarbeit, sondern auch von etwas, das allgegenwärtig ist – vom Tod. Von all den Frauen, die an Krankheiten sterben, verhungern oder in den wenige Monate vor der Befreiung errichteten Gaskammern ermordet werden.
Niemals vergessen wir ihre Erzählungen von den Krematorien, die direkt neben den Gaskammern lagen:
„Eines Nachts, so um drei oder vier Uhr morgens wunderte ich mich: Es ist so hell draußen. Wie kann das sein? Warum scheint denn jetzt schon die Sonne? Bis ich merkte: Das war nicht die Sonne. Das war das Feuer des Krematoriums.“
– Johanna Vogl
Zwischen all dem Leid gibt es auch so etwas wie Glück. Es herrscht eine große Solidarität zwischen den Genossinnen aus dem kommunistischen Widerstand. Als Johanna 1944 ins KZ Ravensbrück kommt, sind die politisch Gefangenen bereits gut organisiert. Die Frauen stehen Johanna zur Seite und helfen ihr. Denn immer wenn das Essen ausgegeben wird, stürzen sich alle auf das karge Mahl. Sie selbst bleibt oft müde und teilnahmslos auf ihrer Pritsche sitzen, sodass für sie eigentlich nichts übrig bleiben kann. Doch ihre Leute sind für sie da und versorgen sie, obwohl es auch für sie eigentlich nicht reicht.
„Ohne meine Genossinnen wäre ich verhungert.“
– Johanna Vogl
1945: Befreiung und Flucht
Ende April 1945 endet das Martyrium im KZ Ravensbrück, denn die Rote Armee befreit das Lager. Am 30. April verlassen Johanna und ihre Genossinnen im Schutz russischer Soldaten das Lager. Trotz Räumung des KZ und der Befreiung der Häftlinge flüchtet sie mit einigen Kameradinnen vorerst in die umliegenden Wälder. Zu groß ist die Angst vor der Ermordung.
Abgemagert und geschwächt verstecken sie sich im Wald. Ohne Verpflegung und in zerschlissener Häftlingskleidung machen sie sich auf den 700 Kilometer langen Weg nach Wien. Unterwegs bekommen sie Hilfe von Bauern aus der Umgebung. Diese geben ihnen Lebensmittel, darunter auch Speck.
„Wir haben um das kleine Stück Speck gestritten. Mein Körper war so schwach und ausgemergelt, dass ich den Speck nicht verdauen konnte und fast daran gestorben wäre.“
– Johanna Vogl
Auf dem langen Weg verlieren sich Johanna und einige Kameradinnen. Den sowjetischen Soldaten, denen sie unterwegs begegnen, rufen sie immer wieder zu:
„Ne Niemci! Awstria!“
Sie teilen ihnen mit, dass sie keine Deutschen sind, sondern Österreicherinnen. In der Hoffnung, deshalb nicht gefangengenommen zu werden. Die Soldaten nehmen sie für einen Teil der Strecke in ihren Fahrzeugen mit. Insgesamt dauert die Flucht zurück nach Wien drei Wochen.
Nach dem Krieg
1945: Rückkehr nach Wien
In Wien angekommen, will Johanna mit der Straßenbahn zur Wohnung ihrer Eltern fahren. Doch noch bevor sie einsteigen kann, wird sie aufgrund ihrer Häftlingskleidung abgewiesen:
„Euch brauchen wir hier nicht! Schleicht’s euch! Verschwindet!“
Nicht besser ergeht es ihr, als sie bei ihren Eltern ankommt. Einer ihrer Brüder öffnet die Tür. Als er sie sieht, sagt er nur:
„Was willst du denn hier? Mit einer KZlerin wollen wir nichts zu tun haben!“
Daraufhin bemüht sie sich bei den Behörden um eine Unterkunft. Die Stadt Wien spricht ihr ein so genanntes Siedlungshaus zu. Der Bruder, der sie zuvor abgewiesen hatte, erfährt davon und diesmal ist es er, der vor ihrer Tür auftaucht. Er fordert sie auf, das Haus an ihre Eltern abzugeben. Er drangsaliert sie so lange und so stark, dass sie ihnen das Häuschen überlässt.
Um dem Streit aus dem Weg zu gehen, zieht sie bei ihrer Kameradin und Freundin Betty Wenz ein, mit der sie viele Jahre in Haft war und auch die Flucht verbracht hat. Die Familie der Freundin lebt in einer riesigen – zuvor arisierten – Villa, die sie im Winter kaum heizen können.
„Wir sind dann immer im Kreis um den Tisch gelaufen, damit uns warm wird.“
– Johanna Vogl
Kurz nach Kriegsende nutzt Johanna ihre Zeit, um obdachlosen Menschen zu helfen und nähert sich ihrem ursprünglichen Traum, Kinderärztin zu werden, so gut es geht an. Sie beginnt eine Ausbildung zur Kindergärtnerin bei der Stadt Wien. Diese schließt sie im September 1947 mit ausgezeichnetem Erfolg ab. Anfang der 1950er siedelt sie in eine große Altbauwohnung im vierten Bezirk um.
Irgendwann in dieser Zeit lernt sie dann Ganko Gankov kennen, einen bulgarischen Studenten, der in seiner Heimat ebenfalls in einem Internierungslager gesessen hatte. Nach unbestätigten Gerüchten habe er bei ihr zur Untermiete gewohnt.
„Viel kann ich zu dieser Zeit nicht sagen, da meine Mutter darüber so gut wie nie gesprochen hat. Erst später wird mir klar, dass ich meinen Vater erst mit vier Jahren überhaupt das erste Mal treffe.“
– Vera Hoyer, Tochter
1957: Das erste und einzige Kind
1956 wird Johanna schwanger und bringt im Mai 1957 ihre Tochter Vera zur Welt. Kurz zuvor hatte Johanna die Altbauwohnung wegen zu hoher Kosten räumen müssen. Sie findet gemeinsam mit dem Baby Unterschlupf im selben Haus – im Kinderzimmer der Familie Kostmann, einer jüdischen Familie, die aus der Emigration in Großbritannien nach Wien zurückgekehrt war. Dort bleiben sie einige Monate – bis zur Fertigstellung der Wohnung im zweiten Bezirk, die Johanna bis zu ihrem Tod bewohnt.

„Ich bin schon früh von zu Hause weggegangen, nach Deutschland. Doch als meine Mutter im Alter sehr krank wurde, habe ich sie bis zu ihrem Tod gepflegt. Danach habe ich die Wohnung, in der ich aufgewachsen bin und alles andere als eine Bilderbuch-Kindheit verbracht habe, trotzdem übernommen und lebe auch zwanzig Jahre später noch hier.“
– Vera Hoyer, Tochter
Ledig, berufstätig, alleinerziehend
Bei der Geburt ihrer Tochter ist Johanna bereits 38 Jahre alt und gilt als „ledige Mutter“. Aufgrunddessen stehen ihr keine staatlichen Zuwendungen zu. Die Behörden gehen damals bei einer „ledigen Mutter“ automatisch davon aus, dass diese bei der eigenen Familie (Eltern, Geschwister,…) lebt und daher im Familienverband versorgt ist. Dem ist allerdings nicht so. Johanna ist weder verwitwet, noch lebt sie im Familienverband. Sie ist eine berufstätige, alleinerziehende Mutter.
Eine Tatsache, mit der die Behörden überfordert zu sein scheinen. Das Amt teilt ihr eine Fürsorgerin zu, die Johanna direkt vorschlägt, das Kind zur Adoption freizugeben. Außerdem übernimmt das Amt automatisch die Vormundschaft für Vera. Erst an ihrem zwölften Geburtstag wird diese endgültig der Mutter übertragen.
„So schwer und kompliziert dies vermutlich für meine Großmutter war: Mit Blick auf mein eigenes Leben bin ich sehr dankbar, dass der Lebensentwurf der eigenständigen Frau in unserer Familiengeschichte schon seit drei Generationen kein ‚notwendiges Übel‘ oder ein ‚Makel’ ist, sondern eine berechtigte Art, sein Leben zu gestalten. Danke Oma, danke Mama, dass ihr diese Kämpfe gekämpft habt und meiner Schwester und mir damit ein großes Vorbild wart und seid!“
– Nina Vogl, Enkelin
Dass ihr keine Familienbeihilfe etc. zusteht, will Johanna nicht einfach hinnehmen. Sie kämpft für ihr Recht und erhält schließlich finanzielle Zuwendungen vom Staat. Trotz ihres Berufs im Kindergarten, muss sie ihr Kind vor allem in den ersten Lebensjahren ständig fremdbetreuen lassen.
„Meine Mutter hatte es nicht leicht als Kind. Meine Großmutter war sehr streng und so stolz wir auf die Lebensgeschichte und die Taten meiner Großmutter sind: Sie können auch eine Bürde sein. Nämlich dann, wenn es sich so anfühlt, als würde sich die Geschichte über das eigene Leben und Handeln legen. Wenn man ständig im Schatten dieser großen Taten steht und selbst keine Wertschätzung erhält.“
– Nina Vogl, Enkelin
1953, 1963, 2002 & 2005: Entschädigungszahlungen
Johanna erhält in den Jahrzehnten nach ihrer Gefangenschaft zu drei verschiedenen Zeitpunkten Entschädigungszahlungen. Einerseits für jeden Monat der verbüßten Haft durch die Republik Österreich, andererseits für die geleistete Zwangsarbeit – gezahlt aus der Stiftung „Erinnerung, Verantwortung und Zukunft“, deren Stiftungsvolumen von der Bundesrepublik Deutschland sowie deutschen Unternehmen aufgebracht wurde.
Die Entschädigungszahlungen, die Johanna insgesamt erhält, belaufen sich auf einen Gesamtbetrag von umgerechnet etwas über 16.500 Euro. Aus der österreichischen Opferfürsorge erhält sie 1953 und 1963 insgesamt umgerechnet knapp 4000 Euro. Im Jahr 2002 erhält sie eine so genannte „Gestezahlung“ vom Österreichischen Nationalfonds in Höhe von etwa 5000 Euro. Die Entschädigung für die bei Siemens geleistete Zwangsarbeit im KZ Ravensbrück lässt gut 60 (!) Jahre auf sich warten. Ein Jahr vor ihrem Tod erhält sie etwas mehr als 7500 Euro.
„Ich war 14 als meine Großmutter ihre letzte Entschädigungszahlung erhielt. Damals dachte ich: Wow, das ist viel Geld. Heute bleibt mir nichts anderes übrig, als mit dem Kopf zu schütteln. Natürlich kann ohnehin kein Betrag irgendein Leid rückgängig machen, aber da wäre sie besser gefahren, wenn sie direkt nach der Befreiung ein paar Schilling in Siemens-Aktien investiert hätte.“
– Nina Vogl, Enkelin
1978 & 2001: Ehrungen
1976 schafft die österreichische Regierung das „Ehrenzeichen für Verdienste um die Befreiung Österreichs“. Zwei Jahre später bekommt Johanna es verliehen.
Genau 25 Jahre später findet im Wiener Rathaus die Verleihung des „Goldenen Verdienstzeichen des Landes Wien“ statt. Unter den Geehrten befinden sich mehrere Widerstandskämpferinnen.
„Das war ein sehr besonderer Moment. Ich war damals 15 und habe sehr viel Stolz empfunden. Meine Großmutter war aufgrund ihres politischen Widerstands immer ein Vorbild für mich. Die Werte, die sie mir dadurch direkt als auch indirekt vermittelt hat, halte ich bis heute hoch.“
– Jalila Ly (geb. Vogl), Enkelin
2006: Der Abschied
Am 09. Juni 2006 verstirbt Johanna Vogl im Alter von 86 Jahren. Selbst ihr letzter Weg ist von einem Verantwortungsgefühl geprägt und der Tatsache, dass sie sich als Individuum immer wieder der guten Sache unterordnet. Schon zu Lebzeiten hat sie sich für eine Körperspende zu Gunsten der medizinischen Forschung entschieden. Nach ihrem Tod wird ihr Körper ans Anatomische Institut der Universität übergeben und nach den Untersuchungen feuerbestattet.
