Glos­sar

Be­grif­fe, die im Zu­sam­men­hang mit der Frau­en­straf­an­stalt wich­tig sind

1. Ar­beits­haus

Ar­beits­häu­ser gab es schon ab der Mit­te des 16. Jahr­hun­derts in Eu­ro­pa. Hier­hin wur­den Arme ein­ge­wie­sen, die so un­sicht­bar für die Öf­fent­lich­keit ge­macht wur­den und Ar­beit für die All­ge­mein­heit ver­rich­ten muss­ten. Im deut­schen Kai­ser­reich wur­den die Ar­men­häu­ser ge­nutzt, um da­hin Men­schen von der Po­li­zei bis zu zwei Jah­re nach der Ver­bü­ßung ei­ner wie­der­hol­ten Haft­stra­fe zur Bes­se­rung ein­zu­wei­sen. In der Wei­ma­rer Zeit wur­den die Ar­beits­häu­ser noch ge­nutzt, wenn auch nicht mehr ganz so stark wie im Kai­ser­reich. Nach der Macht­er­grei­fung der Na­zis wur­de das Ar­beits­haus aber wie­der wich­ti­ger, denn das sog. Ge­wohn­heits­ver­bre­cher­ge­setz vom No­vem­ber 1933 sah die Un­ter­brin­gung in ei­nem Ar­beits­haus wie­der ver­stärkt vor. „Dazu ge­hör­te die Ver­fü­gung, dass Per­so­nen, die we­gen Land­strei­che­rei, Bet­te­lei oder Pro­sti­tu­ti­on ver­ur­teilt wor­den wa­ren, nach ih­rer Haft in ein Ar­beits­haus über­stellt wer­den konn­ten. … Neu an der Re­ge­lung des Ge­wohn­heits­ver­bre­cher­ge­set­zes war zu­nächst, dass die­se Maß­nah­me jetzt von den Ge­rich­ten ver­fügt wur­de … Zu­dem war sie jetzt für Per­so­nen, die schon ein­mal in ei­nem Ar­beits­haus ge­we­sen wa­ren, zeit­lich nicht mehr auf zwei Jah­re be­grenzt. Vie­le der in­ter­nier­ten Bett­ler und Ob­dach­lo­sen konn­ten jetzt auf un­be­stimm­te Zeit fest­ge­hal­ten wer­den.“ (Wachs­mann, Ge­fan­gen un­ter Hit­ler, S. 124/125)

2. Aso­zia­le

Aso­zi­al oder, wie es die Na­zis auch sag­ten, ge­mein­schafts­fremd oder ar­beits­scheu war eine Per­son, wenn sie ein Land­strei­cher, ein Ob­dach­lo­ser, ein Bett­ler, ein Wan­der­ar­bei­ter, aus ei­ner kin­der­rei­chen Fa­mi­lie der Un­ter­schicht, ein Al­ko­ho­li­ker oder Mor­phi­nist, eine Pro­sti­tu­ier­te oder ein Zu­häl­ter war. Die o.g. Ad­jek­ti­ve be­schrie­ben Men­schen, die aus der sog. Volks­ge­mein­schaft aus­ge­schlos­sen wa­ren und aus­schließ­lich auf­grund ih­rer An­ders­ar­tig­keit ins Ge­fäng­nis, in ein Ar­beits­haus oder in ein KZ ein­ge­wie­sen wer­den konn­ten. Die­se Men­schen gal­ten als min­der­wer­tig von Ge­burt an. Es dau­er­te 75! Jah­re, bis die sog. Aso­zia­len, in den KZs stig­ma­ti­siert mit dem schwar­zen Win­kel, im Jahr 2020 end­lich als Op­fer des Nazi Re­gimes an­er­kannt wur­den. Ent­schä­di­gun­gen be­ka­men sie kei­ne, fast alle wa­ren 2020 schon ge­stor­ben. Es dau­er­te so lan­ge, weil „Die Be­reit­schaft, über ‚Aso­zia­le‚… den mo­ra­li­schen Stab zu bre­chen, ist im­mer noch weit ver­brei­tet“ schreibt Frank Non­nen­ma­cher im Vor­wort zu dem Buch „Die Na­zis nann­ten sie ‚Asoziale‚und ‚Be­rufs­ver­bre­cher‚“ von 2024.

3. Be­rufs­ver­bre­cher

Als sog. Be­rufs­ver­bre­cher wur­den Men­schen ver­stan­den, die wie­der­holt straf­fäl­lig ge­wor­den wa­ren, in der Re­gel we­gen ge­rin­gem Dieb­stahl, und dann ver­stärkt ab De­zem­ber 1937 von der Po­li­zei in sog. Vor­beu­ge­haft ge­nom­men wer­den konn­ten. Sie wur­den zu­nächst ent­we­der in den Straf­an­stal­ten un­ter­ge­bracht oder gleich ohne recht­staat­li­ches Ver­fah­ren in ein KZ ein­ge­wie­sen. Auch die sog. Be­rufs­ver­bre­cher wur­den erst im Jahr 2020 als Op­fer des Nazi-Will­kür­sys­tems an­er­kannt. Frank Non­nen­ma­cher führt dazu aus: „Auf­ge­klär­te De­mo­kra­ten er­ken­nen alle Men­schen, die in den KZ ge­quält und ge­mor­det wur­den, als Ver­folg­te des Na­zi­re­gimes an. Nie­mals, bei kei­ner Op­fer­grup­pe, soll­te die An­er­ken­nung ei­ner Per­son als NS-Op­fer ge­bun­den sein an die Prü­fung ei­nes der KZ-Haft vor­an­ge­gan­ge­nen Ver­hal­tens. Un­an­ge­passt­heit, De­lin­quenz, Vor­stra­fen, frag­wür­di­ge Le­bens­sti­le, selbst in ho­hem Maße kri­tik­wür­di­ger Le­bens­wan­del – in wel­cher Rich­tung auch im­mer – ver­wir­ken nicht das Recht auf ein Le­ben in Wür­de und recht­fer­ti­gen kei­ne Ver­brin­gung in ein men­schen­rechts­wid­ri­ges Zwangs­sys­tem, wie die KZ es wa­ren.“ Frank Non­nen­ma­cher „Die Na­zis nann­ten sie ‚Asoziale‚und ‚Be­rufs­ver­bre­cher‚“, S. 25/26)

4. Erb­ge­sund­heits­ge­richt

Erb­ge­sund­heits­ge­rich­te wur­de 1934 ein­ge­führt, um die Zwangs­ste­ri­li­sie­run­gen (sie­he Stich­wort 13, Zwangs­ste­ri­li­sa­ti­on) von ei­ner In­stanz der Jus­tiz ge­set­zes­kon­form ent­schei­den zu las­sen. Das Erb­ge­sund­heits­ge­richt be­stand aus ei­nem Rich­ter und zwei Ärz­ten. An­trags­stel­ler für der­ar­ti­ge Ver­fah­ren wa­ren Ärz­te und An­stalts­lei­ter von Straf­an­stal­ten und Kranken‑, Heil- und Pfle­ge­ein­rich­tun­gen. Es gab ins­ge­samt etwa 200 Erb­ge­sund­heits­ge­rich­te im gan­zen Land.

Die sog. Erb­ge­sund­heit, wenn auch hier nicht das Erb­ge­sund­heits­ge­richt, spiel­te im­mer wie­der eine Rol­le, so z.B. auch bei der Ehe­schlie­ung der NS-Eli­ten wie der SS. „Die SS Män­ner, die hei­ra­ten woll­ten, muss­ten hier­für eine Hei­rats­ge­neh­mi­gung ein­ho­len. Das er­streb­te Ziel ist die erb­ge­sund­heit­lich wert­vol­le Sip­pe deut­scher nor­disch-be­stimm­ter Art.“

(Zi­tat aus: Ste­fan Hörd­ler im MDR Pod­cast „Paul Wer­ner und die Lie­be“ vom 29.08.2024)

D.h. die aus­ge­wähl­ten Frau­en muss­ten den ras­si­schen An­sprü­chen ge­nü­gen, um die Auf­nah­me in die Sip­pen­ge­mein­schaft der SS zu er­lan­gen. Ta­ten sie das nicht, scha­de­te die Hei­rat der Kar­rie­re, ta­ten sie es schon, be­för­der­te die Hei­rat die Kar­rie­re.

5. Fremd­völ­kisch

https://​de​.wi​ki​pe​dia​.org/​w​i​k​i​/​F​r​e​m​d​v​o​e​l​k​i​s​che

Kon­tak­te zwi­schen deut­schen Frau­en und Kriegs­ge­fan­ge­nen, sog. Fremd­völ­ki­schen, wa­ren strengs­tens ver­bo­ten und wur­den mit mehr­jäh­ri­gen Haft­stra­fen ge­ahn­det. Vgl. un­ter „Schick­sa­le“ das Le­ben von Mar­ga­re­te Fried­rich, Ma­ria Et­zer u.a.) Die Stra­fen für die Frau­en wa­ren hart, in der Re­gel wur­den sie zu etwa zwei Jah­ren Zucht­haus ver­ur­teilt. Die Stra­fen für die Kriegs­ge­fan­ge­nen wa­ren für die west­eu­ro­päi­schen, meist fran­zö­si­schen Kriegs­ge­fan­ge­nen in der Re­gel gut zwei Jah­re Mi­li­tär­ge­fäng­nis. Für Kriegs­ge­fan­ge­ne aus der So­wjet­uni­on oder aus Po­len wa­ren die Stra­fen här­ter, ihre Be­stra­fung durch ein Mi­li­tär­ge­richt konn­te bis zur Hin­rich­tung rei­chen.

6. Kri­mi­nal­bio­lo­gie

Be­reits am Ende des 19. Jahr­hun­derts wur­de im Straf­recht dis­ku­tiert, ob na­tur­wis­sen­schaft­li­che Er­kennt­nis­se, die in der Me­di­zin zu Fort­schrit­ten bei der Be­kämp­fung von Krank­hei­ten ge­führt hat­ten, auch auf ge­set­zes­wid­ri­ges Ver­hal­ten an­ge­wen­det wer­den könn­te, ob etwa „das Ver­bre­chen wie eine ‚so­zia­le Krank­heit‚ be­kämpft wer­den kön­ne. … Vie­le Ju­ris­ten und Me­di­zi­ner glaub­ten … , dass Erb­an­la­gen eine wich­ti­ge – oder so­gar ent­schei­den­de – Rol­le in der Kri­mi­na­li­tät spiel­ten.“ (Wachs­mann „Ge­fan­gen un­ter Hit­ler“, S. 21/22) Um die Jahr­hun­dert­wen­de bis hin zum Ende der Wei­ma­rer Re­pu­blik stand die­ser Hal­tung, die dra­ko­ni­sche Maß­nah­men für wie­der­hol­te Straf­ta­ten ver­lang­te, der Ge­dan­ke der Re­so­zia­li­sie­rung ent­ge­gen, der bei der Er­öff­nung der Frau­en­straf­an­stalt in Aich­ach 1909 eine we­sent­li­che Rol­le ge­spielt hat­te. Vor der sog. Macht­er­grei­fung der Na­zis wur­de der Ge­dan­ke der Bes­se­rung ei­nes De­lin­quen­ten durch die Zeit im Ge­fäng­nis in vie­len Straf­an­stal­ten noch durch­aus ernst ge­nom­men und durch ge­eig­ne­te Maß­nah­men im Straf­voll­zug wie Sport oder so­zia­le Ar­beit un­ter­stützt. Das än­der­te sich rasch 1933 und der Grund­satz, dass Ver­bre­chen eine an­ge­bo­re­ne Krank­heit sei wur­de zur Grund­la­ge des Straf­voll­zugs. Das sog. Ge­wohn­heits­ver­bre­cher­ge­setz, das Fest­hal­ten der Ge­fan­ge­nen in ei­nem Ar­beits­haus über die Haft­zeit hin­aus und die ver­häng­te Si­cher­heits­ver­wah­rung für Wie­der­ho­lungs­ta­ten wur­den gna­den­los ein­ge­führt. Es gab ver­stärkt kri­mi­nal­bio­lo­gi­sche Lehr­stüh­le an den Uni­ver­si­tä­ten und in den Ge­fäng­nis­sen wur­den sog. kri­mi­nal­bio­lo­gi­sche Un­ter­su­chun­gen durch­ge­führt (Vgl. Wachs­mann, S. 124).

7. Mit­läu­fer

sie­he dazu: https://​de​.wi​ki​pe​dia​.org/​w​i​k​i​/​S​p​r​u​c​h​k​a​m​m​e​r​v​e​r​f​a​h​ren

Nach dem Krieg teil­ten die Al­li­ier­ten die NSDAP Mit­glie­der und an­de­re Ver­ant­wort­li­che in fünf Grup­pen ein:

Haupt­schul­di­ge
Be­las­te­te
Min­der­be­las­te­te
Mit­läu­fer
Ent­las­te­te

In Aich­ach wur­den Anni Dimpfl, die An­stalts­leh­re­rin und Lud­wig Schem­mel, der An­stalts­arzt als Mit­läu­fer ein­ge­stuft und konn­ten nach ei­ner ge­wis­sen Zeit ihre Tä­tig­keit wie­der auf­neh­men. Vgl. dazu die Bio­gra­fien auf die­ser Web­sei­te.

8. Schutz­haft

Wenn die Be­wei­se ge­gen ei­nen Un­ter­su­chungs­häft­ling nicht aus­reich­ten, soll­te er/sie nicht wie­der frei­ge­las­sen wer­den, son­dern wur­de der Po­li­zei ge­mel­det, die dann dar­über ent­schied, ob die Per­son in Schutz­haft ge­nom­men wur­de. Die­se Haft soll­te die Öf­fent­lich­keit vor der in­haf­tier­ten Per­son schüt­zen, so wur­de es be­grün­det. Schutz­haft­ge­fan­ge wa­ren häu­fig Men­schen, die sich po­li­tisch für die SPD oder die KPD en­ga­giert hat­ten. Nach Ver­bü­ßung ei­ner Haft­stra­fe konn­te wei­te­re Schutz­haft ver­hängt wer­den, wenn die Be­ur­tei­lung der Straf­an­stalt ne­ga­tiv aus­fiel. So kam die kom­mu­nis­ti­sche Ak­ti­vis­tin Hed­wig S., die den letz­ten Teil ih­rer Stra­fe in Aich­ach ver­büßt hat­te, nach ih­rer Haft­zeit in Ge­wahr­sam der Stutt­gar­ter Ge­sta­po, weil sie eine ne­ga­ti­ve Be­gut­ach­tung durch die An­stalts­leh­re­rin Anni Dimpfl be­kom­men hat­te. (vgl. Wachs­mann, „Ge­fan­gen un­ter Hit­ler“, S. 182). Eine Ein­wei­sung von Schutz­haft­ge­fan­ge­nen ins KZ durch die Po­li­zei kam häu­fig vor. (S. 183)

9. Si­che­rungs­ver­wah­rung

Ein Rich­ter konn­te bei ei­ner Wie­der­ho­lungs­tä­te­rin oder ei­nem Wie­der­ho­lungs­tä­ter im An­schluss an die ver­häng­te Haft­stra­fe eine un­be­fris­te­te Si­che­rungs­ver­wah­rung in der Steraf­an­stalt an­ord­nen. „Zwar mach­te das Ge­setz die Straf­ver­schär­fung auch an for­ma­len Kri­te­ri­en wie An­zahl und Art der Vor­stra­fen fest, da aber die ‚Ge­fähr­lich­keit‚ in letz­ter In­stanz dem Rich­ter an­heim­ge­stellt war, lag sie de fac­to in sei­nem Er­mes­sen.“ ( Ju­lia Hör­ath in „Die Na­zis nann­ten sie ‚Aso­zia­le‚ und ‚Be­rufs­ver­bre­cher‚“ von Frank Non­nen­ma­cher, S. 70) In der Re­gel wa­ren es die sog. Be­rufs­ver­bre­cher (sie­he Stich­wort 3), die in Si­che­rungs­ver­wah­rung ge­nom­men wur­den meist we­gen wie­der­hol­ter klei­ner Ei­gen­tums­de­lik­te. Nach­dem sich der da­ma­li­ge Jus­tiz­mi­nis­ter Thierak mit Himm­ler in ei­nem Ab­kom­men am 1.09.1942 auf „Ver­nich­tung durch Ar­beit“ ei­nig­te, wur­den die Si­che­rungs­ver­wahr­ten aus al­len Ge­fäng­nis­sen von der Po­li­zei ab Ende 1942 in die Kon­zen­tra­ti­ons­la­ger ge­bracht, wo sie in der Re­gel nicht lan­ge über­leb­ten. Von Aich­ach gin­gen ins­ge­samt sie­ben Trans­por­te nach Ausch­witz, auf de­nen fast 200 si­che­rungs­ver­wahr­te Frau­en und dar­über hin­aus Sin­ti und Roma, Jü­din­nen, Po­lin­nen u.a., ins­ge­samt 362 Frau­en, auf Wag­gons ver­la­den und ab­trans­por­tiert wur­den. Nur zwei über­leb­ten die Zeit in Ausch­witz. (Sie­he Schick­sa­le, z.B. Wal­bur­ga We­ber).

10. Volks­ge­mein­schaft

Zi­tat aus dem Volks­brock­haus von 1943:

Die Volks­ge­mein­schaft ist eine „auf blut­mä­ßi­ger Ver­bun­den­heit, auf ge­mein­sa­mem Schick­sal und auf ge­mei­sa­mem po­li­ti­schen Glau­ben be­ru­hen­de Le­bens­ge­mein­schaft ei­nes Vol­kes, der Klas­sen- und Stan­des­ge­gen­sät­ze fremd sind. Die Volks­ge­mein­schaft ist Aus­gang und Ziel der Welt­an­schau­ung und Staats­ord­nung des Na­tio­nal­so­zia­lis­mus.“

„Die Bil­dung der an­ge­streb­ten >Volks­ge­mein­schaft< ba­sier­te also zum ei­nen auf dem Ein­schluss der Zu­ge­hö­ri­gen und zum an­de­ren auf dem Aus­schluss der Nicht-Zu­ge­hö­ri­gen; bei­des wur­de nicht nur von der Zu­stim­mung zum Na­tio­nal­so­zia­lis­mus, son­dern von den un­ver­än­der­ba­ren Kenn­zei­chen wie der >blut­mä­ßi­gen< Her­kunft ab­hän­gig ge­macht.“ (Mi­cha­el Schnei­der: „Kon­tro­ver­sen um die ‚Volks­ge­mein­schaft‚“, in Ar­chiv für So­zi­al­ge­schich­te 60. Band 2020, S. 383)

„Die na­tio­nal­so­zia­lis­ti­sche ›Volks­ge­mein­schaft‹ er­wuchs – das wird auch in zahl­rei­chen der hier be­spro­che­nen Stu­di­en be­tont – kei­nes­wegs nur aus der In­klu­si­on der Zu­ge­hö­ri­gen; min­des­tens ge­nau­so wich­tig wa­ren die Maß­nah­men der Ex­klu­si­on, also Aus­gren­zung und Aus­schluss von nicht als zu­ge­hö­rig Mar­kier­ten. Da­bei kenn­zeich net es die ›Volksgemeinschafts‹-Ideologie, dass sich die zu den Zu­ge­hö­ri­gen Ge­zähl­ten »si­cher«, dass sie sich auch als »bes­ser« füh­len durf­ten als die Aus­ge­grenz­ten. Die Aus­gren­zung und Ab­wer­tung der »an­de­ren« war eine der zen­tra­len Vor­aus­set­zun­gen für den men­ta­len Zu­sam­men­halt der ›Volks­ge­mein­schaft‹, de­ren Bin­nen­dif­fe­ren­zie­rung ent­lang der ge­nann­ten Bruch- und Kon­flikt­li­ni­en durch das Kon­tras­tie­ren ge­gen­über den als »ge­mein­schafts­fremd« Stig­ma­ti­sier­ten in den Au­gen vie­ler als zu­ge­hö­rig An­er­kann­ten an Be­deu­tung ver­lor. Die ›Volks­ge­mein­schaft‹ brauch­te die Aus­ge­grenz­ten, um als sol­che über­haupt spür­bar zu sein. Die Zu­ge­hö­rig­keit zur ›Volks­ge­mein­schaft‹ und die Aus­gren­zung der Aus­ge­sto­ße­nen wa­ren funk­tio­nal auf­ein­an­der be­zo­gen.“
(ebd. S. 432)

„… das Ideen­an­ge­bot der >Volks­ge­mein­schaft< … sug­ge­riert, die Spal­tung der Ge­sell­schaft über­win­den zu kön­nen.… Die Frei­zeit­or­ga­ni­sa­ti­on >Kraft durch Freu­de< spiel­te in der NS-Pro­pa­gan­da eine ganz wich­ti­ge Rol­le bei der Fra­ge nach der Wir­kungs­kraft volks­ge­mein­schaft­li­cher Ideo­lo­gie. Also die Vor­stel­lung, dass es eine klas­sen­über­grei­fen­de, ge­mein­schafts­stif­ten­de Form des Frei­zeit­ver­hal­tens gäbe. Da­bei hat­te die KdF, wie man seit Jah­ren weiß, ei­nen kla­ren klas­sen­spe­zi­fi­schen Cha­rak­ter. Denn die wirk­lich schö­nen Rei­sen nach Ma­dei­ra oder an die nor­we­gi­schen Fjor­de mach­te na­tür­lich nicht die Ar­bei-ter­klas­se, son­dern die zu­meist ge­ho­be­ne Mit­tel­schicht der An­ge­stell­ten. Die­se klas­sen­spe­zi­fi­schen Un­gleich­hei­ten wur­den nur pro­pa­gan­dis­tisch auf­ge­ho­ben durch die Rhe­to­rik von der ›Volks­ge­mein­schaft‹.“

(aus dem In­ter­view der SZ vom 2.07.2026 mit Diet­mar Süß „Der Na­tio­nal­so­zia­lis­mus ver­sprach vie­len Vie­les“)

11. Zwangs­ar­bei­ter

Mehr als 20 Mil­lio­nen Men­schen wur­den zur Ar­beit für Nazi-Deutsch­land ge­zwun­gen.

Sie­he dazu den Wi­ki­pe­dia Ein­trag un­ten und das Stück von Tine Ra­hel Völcker „Ge­sän­ge vom Über­le­ben“, in dem es um Zwangs­ar­bei­ter in Fa­bri­ken in Augs­burg geht.

https://​de​.wi​ki​pe​dia​.org/​w​i​k​i​/​Z​w​a​n​g​s​a​r​b​e​i​t​_​i​n​_​d​e​r​_​Z​e​i​t​_​d​e​s​_​N​a​t​i​o​n​a​l​s​o​z​i​a​l​i​s​mus

12. Zwangs­ste­ri­li­sa­ti­on

Am 14. Juli 1933 wur­de das „Ge­setz zur Ver­hü­tung erb­kran­ken Nach­wuch­ses“ er­las­sen, auch „Ste­ri­li­sa­ti­ons­ge­setz“ ge­nannt. Die­ses Ge­setz dien­te der sog. Ras­sen­hy­gie­ne, d.h. nur wert­vol­le Men­schen soll­ten sich ver­meh­ren dür­fen, alle die­je­ni­gen, die als min­der­wer­tig ein­ge­stuft wur­den, soll­ten dar­an ge­hin­dert wer­den. Als min­der­wer­tig galt ein Mensch mit „an­ge­bo­re­nem Schwach­sinn“, ein sehr dehn­ba­rer Be­griff, der oft zur An­wen­dung kam, „ma­nisch-de­pres­si­ves Ir­re­sein, erb­li­che Fall­sucht, erb­li­cher Veits­tanz, erb­li­che Blind- und Taub­heit, schwe­re kör­per­li­che Miss­bil­dung und schwe­rer Al­ko­ho­lis­mus“. Die be­trof­fe­nen Men­schen konn­ten ge­gen ih­ren Wil­len ste­ri­li­siert wer­den. Zwang­ste­ri­li­sie­run­gen wur­den be­son­ders in der Zeit vor Aus­bruch des Krie­ges vor­ge­nom­men und man geht von mehr als 360.000 bis 400.000 Op­fern ins­ge­samt aus. Bei den Ein­grif­fen star­ben etwa 5000 – 6000 Frau­en und rund 600 Män­ner. Was es für das wei­te­re Le­ben der Men­schen be­deu­te­te, die zwangs­ste­ri­li­siert wur­den, dazu gibt es vie­le Stu­di­en. Wei­te­re An­mer­kun­gen dazu sie­he die Bio­gra­fie des An­stalts­arz­tes in der Frau­en­straf­an­stalt Aich­ach Lud­wig Schem­mel.