Lud­wig Schem­mel

Arzt in der Frau­en­straf­an­stalt Aich­ach und nie­der­ge­las­se­ner prak­ti­scher Arzt in Aich­ach

geb. 1894 in Gelders­heim

gest. 1985 in Aich­ach im Al­ter von 90 Jah­ren

ab 1931 wohn­haft in Aich­ach, Arzt in der Frau­en­straf­an­stalt Aich­ach und nie­der­ge­las­se­ner prak­ti­scher Arzt in Aich­ach

1933 Be­för­de­rung zum Me­di­zi­nal­rat 1. Klas­se

bis 1945 An­stalts­arzt in der Frau­en­straf­an­stalt in Aich­ach, dazu noch nie­der­ge­las­se­ner prak­ti­scher Arzt in Aich­ach

von 1945 bis 1947 als Par­tei­mit­glied der NSDAP aus dem Dienst ent­fernt, nach dem Spruch­kam­mer­ver­fah­ren als sog. Mit­läu­fer ein­ge­stuft und wie­der in den Dienst auf­ge­nom­men

1948 Wie­der­ein­set­zung als An­stalts­arzt in Aich­ach

1962 Pen­sio­nie­rung

1950 zum Vor­stand des ärzt­li­chen Be­zirks­ver­eins Aich­ach ge­wählt

1953 Be­för­de­rung zum Ober­re­gie­rungs­me­di­zi­nal­rat

1962 Pen­sio­nie­rung

Lud­wig Schem­mel war zwei­mal ver­hei­ra­tet und hat­te vier Töch­ter.

Er saß 10 Jah­re von 1952 bis 1962 für die CSU im Stadt­rat in Aich­ach.

Als über­zeug­ter Na­tio­nal­so­zia­list ar­bei­te­te Dr. med. Lud­wig Schem­mel als An­stalts­arzt in der Frau­en­straf­an­stalt Aich­ach be­reits zwei Jah­re vor der sog. Macht­er­grei­fung im Ja­nu­ar 1933. Ab 1937 war er Par­tei­mit­glied in der NSDAP und dar­über hin­aus war er ab dem Be­ginn der drei­ßi­ger Jah­re in ver­schie­de­nen NS Or­ga­ni­sa­tio­nen tä­tig wie z.B. in der na­tio­nal­so­zia­lis­ti­schen Volks­wohl­fahrt, im NS Reichs­bund für Lei­bes­übun­gen, im NS Ärz­te­bund, im Reichs­luft­schutz­bund, im Deut­schen Ro­ten Kreuz und im NS Reichs­krie­ger­bund. Wei­ter­hin war er ab 1933 Sturm­arzt beim NS Kraft­f­arts­korps (NSKK) und gab Un­ter­richt beim BDM und bei der HJ. (StA­Mü Per­so­nal­ak­te)

Als das Ge­setz zur „Ver­hü­tung erb­kran­ken Nach­wuch­ses“ am 1.1. 1934 in Kraft trat, mit dem Zwangs­ste­ri­li­sa­tio­nen ver­an­lasst wer­den konn­ten, be­kam der An­stalts­arzt Schem­mel eine be­son­de­re Macht über Men­schen.

Das be­sag­te Ge­setz war ein we­sent­li­ches Ele­ment zur Um­set­zung der sog. Ras­sen­hy­gie­ne, ein zu­tiefst so­zi­al­ras­sis­ti­scher Be­griff, der schon im 19. Jahr­hun­dert kur­sier­te.

Von 1934 bis 1945 wur­den zwi­schen 300.000 und 400.000 Men­schen nach ei­nem ent­spre­chen­den Ur­teil der Erb­ge­sund­heits­ge­rich­te zwangs­ste­ri­li­siert. Bei über der Hälf­te der Be­trof­fe­nen war als Grund „Schwach­sinn“ an­ge­ge­ben. (sie­he Wi­ki­pe­dia)

Der An­stalts­arzt Schem­mel war sehr ak­tiv im Be­reich der Zwangs­ste­ri­li­sie­run­gen. So er­stell­te er im Zeit­raum vom 1934 bis 1938 ins­ge­samt 186 Erst­gut­ach­ten zur Un­frucht­bar­ma­chung und lei­te­te die­se an Di­rek­tor von Reit­zen­stein wei­ter, der sie an das Erb­ge­sund­heits­ge­richt gab. Da­von be­grün­de­te Schem­mel 182 An­trä­ge mit „mo­ra­li­schem Schwach­sinn“. Vom ört­li­chen Erb­ge­sund­heits­ge­richt wur­den 12 An­trä­ge ab­ge­lehnt, d.h. Schem­mel (und von Reit­zen­stein) wa­ren für 174 Fäl­le ent­schei­dend mit­ver­ant­wort­lich. (vgl. Merkl, An den Rän­dern der Volks­ge­mein­schaft, S. 155) Zu­nächst wur­den die be­trof­fe­nen Frau­en am Ende ih­rer Haft­zeit in Augs­burg zwangs­ste­ri­li­siert, ab 1936 im Städ­ti­schen Kran­ken­haus in Aich­ach. „Schwach­sinn“ war ein nicht ge­nau de­fi­nier­ter Be­griff, dar­un­ter ließ sich vie­les ver­ste­hen. Vor al­lem arme Frau­en, die z.B. un­ver­hei­ra­tet schwan­ger wur­den, („ge­schlecht­lich ver­wahr­lost“) eine schlech­te Schul­bil­dung hat­ten oder die sich aus Ar­mut pro­sti­tu­ie­ren muss­ten, be­traf die­se un­säg­li­che Dia­gno­se. (Wachs­mann, Ge­fan­gen un­ter Hit­ler, S. 155/156) Der An­stalts­arzt Schem­mel ver­brach­te ei­nen Groß­teil sei­ner ärzt­li­chen Tä­tig­keit mit der Be­gut­ach­tung und Be­grün­dung für die Zwangs­ste­ri­li­sie­run­gen auf­grund von an­geb­li­cher Min­der­wer­tig­keit der Be­trof­fe­nen und war da­mit ein sehr eif­ri­ger Voll­stre­cker des Erb­ge­sund­heits­ge­setz­tes. Was dies für das wei­te­re Le­ben der Frau­en be­deu­te­te war ihm of­fen­sicht­lich egal.

Sei­ne Ar­beit in der Straf­an­stalt wur­de sehr gut ent­lohnt. So ver­dien­te er 1932 4730 Reichs­mark im Jahr, 1938 be­reits 15262 und 1942 22000 Reichs­mark. Im Jahr 1943 und 1944 wa­ren es je­weils 15000 und 1945 noch 11000 Reichs­mark. (Per­so­nal­ak­te StA­Mü)

Die Zwangs­ste­ri­li­sie­run­gen und da­mit die frei­wil­li­ge weit­rei­chen­de Un­ter­stüt­zung der Ka­te­go­ri­sie­rung von Men­schen als min­der­wer­tig nach dem Ge­setz der Na­zis zur „Ver­hü­tung erb­kran­ken Nach­wuch­ses“ wur­de nach dem Krieg in sei­nem Spruch­kam­mer­ver­fah­ren nicht be­son­ders the­ma­ti­siert. Im Sep­tem­ber 1947 gab der da­ma­li­ge ka­tho­li­sche An­stalts­pfar­rer Kraus im Rah­men des Spruch­kam­mer­ver­fah­rens ge­gen Schem­mel an; „Mir ist nicht er­in­ner­lich, dass er von sich aus Ste­ri­li­sa­ti­ons­fäl­le auf­ge­grif­fen hät­te.“ (Spruch­kam­mer­ak­te Schem­mel StA­Mü) Auch die Be­schwer­de von Anna Weiß aus Bad Ab­bach im Jahr 1947 ge­gen ihre Zwangs­ste­ri­li­sie­rung, die Schem­mel 1942 an­ge­ord­net hat­te, wies die Spruch­kam­mer zu­rück und er­klär­te sich als nicht zu­stän­dig. (ebd.) Eben­falls im Jahr 1947 be­schul­dig­te Ma­ria Am­mon den Arzt, bei der Ge­burt ih­res Soh­nes 1944 die Na­bel­schnur ver­letzt zu ha­ben, was zum Er­sti­ckungs­tod des Neu­ge­bo­re­nen ge­führt habe. Es gab we­der eine An­er­ken­nung noch eine Ent­schul­di­gung von Schem­mel. (Chris­ti­ne Mat­zen Women‚s Pri­sons and the Po­li­tics of Pu­nish­ment in Nazi and Post­war Ger­ma­ny, 2022, S. 201)

In Aich­ach sa­ßen sehr vie­le Schwan­ge­re ein, die wäh­rend ih­rer Haft­zeit ge­bo­ren hat­ten. Vie­le Kin­der wur­den ih­ren Müt­tern so­fort nach der Ge­burt weg­ge­nom­men und ka­men nach Augs­burg. Oft ver­star­ben die Kin­der dort im Kran­ken­haus und die Müt­ter wur­den erst viel spä­ter über den Tod ih­res Kin­des in Kennt­nis ge­setzt, wie z.B. Mar­ga­re­te Fried­rich, die erst gut zwei Mo­na­te spä­ter vom Tod ih­res Kin­des er­fuhr. (Re­na­te Reck­witz, Ab­ge­holt. Mei­ne Groß­mutter, die NS Jus­tiz und ich, 2022, S. 31)

Erst 2007 äch­te­te der Bun­des­tag of­fi­zi­ell die men­schen­ver­ach­ten­de Hal­tung des Erb­ge­sund­heits­ge­set­zes und sprach den Op­fern „Ach­tung und Mit­ge­fühl“ aus, da wa­ren al­ler­dings die meis­ten Op­fer be­reits ver­stor­ben.

1955 hielt Schem­mel in der VHS Aich­ach ei­nen Vor­trag über „See­li­sche Kri­sen im Le­ben der Frau“ und ge­rier­te sich als Ex­per­te für die Frau­en­psy­che! (S. 118, Merkl, An den Rän­dern der Volks­ge­mein­schaft)

Auch bei sei­ner sons­ti­gen Tä­tig­keit als An­stalts­arzt war Schem­mel nicht zim­per­lich. Er ließ die Frau­en, die un­ter­sucht wer­den soll­ten, bar­fuß auf ihn war­ten, er schubs­te Frau­en, zog an den Haa­ren, schlug sie ins Ge­sicht und be­lei­dig­te sie. So be­wer­te­te so­gar der An­stalts­di­rek­tor von Reit­zen­stein in ei­ner Dienst­be­ur­tei­lung von 1943 Schem­mels Ver­hal­ten als „leicht er­reg­bar“ und „ge­le­gent­lich zu schroff“ (Wachs­mann, Ge­fan­gen un­ter Hit­ler, S. 398). Auch Ge­fäng­nis­auf­se­he­rin­nen be­schwer­ten sich über sein Ver­hal­ten den in­haf­tier­ten Frau­en ge­gen­über. Für Schem­mel sei es „eine Wohl­lust, sich an Ge­fan­ge­nen zu ver­grei­fen und sie zu quä­len, und er hat hier ein gro­ßes Feld, sei­ne Ge­lüs­te zu be­frie­di­gen.“ So schrie­ben Auf­se­he­rin­nen der Aich­acher Straf­an­stalt 1937 an die Ge­ne­ral­staats­an­walt­schaft in Mün­chen, ohne dass dies je­doch Kon­se­quen­zen für den Arzt ge­habt hät­te. (Wachs­mann, Ge­fan­gen un­ter Hit­ler, S. 84) Auch im Kon­takt mit den in der Straf­an­stalt ar­bei­ten­den Be­am­tin­nen gab es Pro­ble­me. So bat Di­rek­tor von Reit­zen­stein am 11.11.41 um die Ver­set­zung des Arz­tes, „da er am meis­ten mit den weib­li­chen Be­am­tin­nen in Be­rüh­rung käme und un­ver­hei­ra­tet sei, was dau­ernd Grund für Ver­stim­mun­gen sei.“ (Fried­lein, 100 Jah­re JVA, S. 85)

Nach dem Krieg und sei­ner Ein­stu­fung als Mit­läu­fer kehr­te Schem­mel 1948 in das Frau­en­ge­fäng­nis Aich­ach zu­rück und er setz­te nach­weis­lich sein frau­en­ver­ach­ten­des Ver­hal­ten im Um­gang mit den Ge­fan­ge­nen fort. So be­rich­tet 1955 die Ge­fan­ge­ne Anni Teich­mann , dass sie sich vor der Un­ter­su­chung kom­plett aus­zie­hen soll­te, und als sie nach dem Grund frag­te, schlug Schem­mel sie ins Ge­sicht. 1956 reich­te die Ge­fan­ge­ne Irm­gard Schmidt Be­schwer­de ein und be­grün­de­te die­se da­mit, dass Schem­mel sie als min­der­be­mit­tel­tes We­sen und de­ge­ne­riert be­zeich­net habe, sie an den Kopf ge­tippt und „Klei­ner Kopf, klei­ner Ver­stand“ ge­sagt habe. Er habe sie in den Be­hand­lungs­raum ge­schubst, sie mit Spott über­häuft und sys­te­ma­tisch ent­mensch­licht. (Mat­zen, Po­li­tics…, 2022, S. 201)

In der neu ge­grün­de­ten Bun­des­re­pu­blik wan­del­te sich Schem­mel op­por­tu­nis­tisch nach au­ßen hin vom vor­bild­li­chen Nazi zum vor­bild­li­chen De­mo­kra­ten.

Im Nach­ruf 1985 in den Aich­acher Nach­rich­ten wird er als treu­sor­gen­der Haus­arzt be­schrie­ben, der sich stets gut um sei­ne Pa­ti­en­ten küm­mer­te, 10 Jah­re im Stadt­rat saß und für das Rote Kreuz ar­bei­te­te. An­geb­lich rich­te­te er so­gar ge­gen Wi­der­stän­de die Mut­ter-Kind-Ab­tei­lung in der Jus­tiz­voll­zugs­an­stalt ein, denn „Dr. Schem­mels An­sicht, dass Müt­ter und Kin­der im Ge­fäng­nis nicht schon nach drei Mo­na­ten von­ein­an­der ge­trennt wer­den soll­ten, galt da­mals als ge­ra­de­zu re­vo­lu­tio­när. Der An­stalts-Chef­arzt setz­te sich je­doch durch und sorg­te durch die Ein­rich­tung ei­nes rich­ti­gen Kin­der­hei­mes in der JVA da­für, dass die Mut­ter-Kind-Be­zie­hung nicht ge­walt­sam zer­ris­sen wur­de“ (Ar­ti­kel in den Aich­acher Nach­rich­ten in StA­Mü, Per­so­nal­ak­te)

In­wie­weit Schem­mel tat­säch­lich „Be­grün­der“ der Mut­ter-Kind-Ab­tei­lung war, wie es in der Zei­tung be­wun­dernd heißt, lässt sich heu­te nicht mehr nach­voll­zie­hen. In der Fest­schrift von Han­ne­lo­re Fried­lein zum 100 jäh­ri­gen Be­stehen der JVA steht da­von je­den­falls nichts.

Aber sie schreibt zu die­sem The­ma: „Mit ei­ner Ent­schlie­ßung vom 22.1.1964 wur­de der An­stalts­lei­ter er­mäch­tigt, Säug­lin­ge künf­tig bis zu 6 Mo­na­ten in der An­stalt zu be­las­sen.“ (S.173) „Die im Erd­ge­schoss der Kran­ken­ab­tei­lung be­stehen­de Ba­by­sta­ti­on wur­de 1972 ver­grö­ßert…“ (S. 174) „Die bei der Re­gie­rung von Schwa­ben 1974 be­an­trag­te An­er­ken­nung als Kin­der­heim nach den Heim­richt­li­ni­en wur­de im Fol­ge­jahr be­wil­ligt.“ (S. 175)

In den Jah­ren nach dem Krieg gab es ver­schie­de­ne Straf­rechts­re­for­men in Deutsch­land, die den Sühne‑, Ab­schre­ckungs- und Ver­gel­tungs­ge­dan­ken der Na­zi­jus­tiz be­en­de­ten und die Ge­fan­ge­nen wie­der in die Ge­sell­schaft ein­glie­dern soll­ten.

Schem­mel war 1962 in den Ru­he­stand ge­gan­gen.

Bei der Re­cher­che über Lud­wig Schem­mel, der Durch­sicht sei­ner Per­so­nal­ak­te und dem Spruch­kam­mer­ver­fah­ren hat­te ich das Ge­fühl, es mit dem Dr. Jekyll und Mr. Hyde von Aich­ach zu tun ge­habt zu ha­ben.

Ja­co­ba Zapf