Ma­ria Et­zer (1890–1960)

Ma­ria Et­zer war von 1943 bis 1945 we­gen „Ver­bo­te­nem Um­gang“ mit fran­zö­si­schen Kriegs­ge­fan­ge­nen im Frau­en­ge­fäng­nis Aich­ach in­haf­tiert.

„Mama, Papa, zeigt mir eure al­ten Fo­tos! Sagt es mir, ich will es wis­sen: Was hat die frü­he­re Zeit mit mir zu tun?“ Ge­nau­so rate ich jun­gen Men­schen zu fra­gen, nach­zu­fra­gen, im­mer neue Fra­gen zu stel­len nach dem, was ein­mal war. – So habe ich es ge­macht mit mei­ner Oma: Auf fast al­len Fo­tos schaut sie gran­tig drein. Wenn sie uns in mei­ner Kind­heit nach dem 2. Welt­krieg be­sucht hat, brach­te sie ih­ren En­kel­kin­dern nie Ge­schen­ke mit. Sie war bit­ter arm. Sie hat uns nicht um­armt und ge­lacht wie an­de­re Omas. Sie hat mich fast ein biss­chen ein­ge­schüch­tert, weil sie so ernst war. Spä­ter habe ich es mir er­klä­ren kön­nen: Sie hat­te zu viel Schlim­mes er­lebt. Und noch viel spä­ter habe ich an­ge­fan­gen nach­zu­for­schen, was ihr Le­ben aus­ge­macht hat. Was sie er­le­ben muss­te. Heu­te ist mir mei­ne Oma lieb und wert – und so­gar eine Art Vor­bild ge­wor­den…

Mei­ne Groß­mutter Ma­ria Et­zer (1890–1960) war von 1943 bis 1945 un­schul­dig im Zucht­haus Aich­ach in­ter­niert. 

Die Salz­bur­ger Berg­bäue­rin Ma­ria Et­zer (1890–1960) ge­riet 1943 in die Fän­ge der Nazi-Dik­ta­tur. Ein Nach­bar hat­te sie an­ge­zeigt. Durch schwe­re Miss­hand­lun­gen wur­de sie zu ei­nem Ge­ständ­nis ge­zwun­gen: Sie habe mit fran­zö­si­schen Kriegs­ge­fan­ge­nen auf ih­rem Hof „ver­bo­te­nen Um­gang“ ge­habt. Dar­auf­hin wur­de sie we­gen „Wehr­kraft­zer­set­zung“ an­ge­klagt und zu drei Jah­ren Zucht­haus ver­ur­teilt. Die ha­ge­re, harm­los wir­ken­de Bäue­rin mit dem Kranz aus dün­nen Haar­flech­ten um den Kopf kreuz­te im Auf­nah­me­ver­fah­ren im NS-Zucht­haus Aich­ach beim Feld „Re­li­gi­on“ die Ru­brik „prak­ti­zie­rend“ an: Sie war Ka­tho­li­kin. Der Glau­be war ihr Ori­en­tie­rung und Halt – auch im Wi­der­stand ge­gen den Na­tio­nal­so­zia­lis­mus. Vom groß­teils weib­li­chen Wach­e­per­so­nal wur­de die 53Jährige als „Fran­zo­sen­lieb­chen“ ver­höhnt. 1945, nach über zwei Jah­ren Haft bei den „Po­li­ti­schen“ in Aich­ach schwer ge­zeich­net, steht ihr das Schlimms­te aber noch be­vor: Die Fa­mi­lie ver­wehr­te ihr jah­re­lang die Rück­kehr an den ei­ge­nen Hof: Dass sie da­heim kei­ne Zucht­häus­le­rin brau­chen kön­nen, hat­te ihr Gretl, ihre Jüngs­te – die 21Jährige war zum Leid­we­sen ih­rer Mut­ter eine stram­me Par­tei­gän­ge­rin – be­reits wäh­rend der Haft in ei­nem Brief mit­ge­teilt. Spä­ter wer­den die ös­ter­rei­chi­schen Be­hör­den die An­su­chen von Ma­ria Et­zer um Op­fer­für­sor­ge in al­len In­stan­zen ab­schmet­tern.

Wir wur­zeln alle in un­se­ren Vor­fah­ren, wir tra­gen ihre Gene in uns. Wir er­ken­nen in ih­nen ei­ge­ne Schwä­chen, zum Bei­spiel, wenn wir uns an­pas­sen, wenn Mäch­ti­ge uns eine Bes­ser­stel­lung ver­spre­chen; wir wer­den so Mit­läu­fer oder Mit­läu­fe­rin­nen (by­stan­der). Auf der an­de­ren Sei­te gäbe es Qua­li­tä­ten der Un­be­stech­lich­keit, der Lau­ter­keit und der Tap­fer­keit. Wem will ich nach­fol­gen? Wen mir zum Vor­bild neh­men? Er­in­ne­rungs­ar­beit und Ge­denk­ar­beit hel­fen bei die­sen Fra­gen. Du kannst es dir aus­su­chen, von wem un­ter dei­nen vie­len Vor­fah­ren du dich her­lei­ten willst. Mir stell­te sich die Fra­ge, in­wie­fern mei­ne Groß­mutter Wi­der­stand ge­leis­tet hat. Was in ih­rem Le­ben war eine Wi­der­stands­leis­tung? Als Mensch das Selbst­ver­ständ­li­che ge­tan zu ha­ben sei po­li­ti­scher Wi­der­stand ge­we­sen?

Ma­ri­as Le­ben war im­mer schon hart. Sie war das ers­te (un­ehe­li­che) Kind ei­ner Dienst­magd, ihre leib­li­che Mut­ter hat sie be­wusst erst mit drei­zehn ken­nen­ge­lernt. Mit zwan­zig mach­te sie ei­nen „Auf­stieg“: Jo­hann Et­zer, ein an­ge­hen­der Bau­er, zwölf Jah­re äl­ter als sie, hielt 1910 um die ge­lern­te Kö­chin an: „I nimm di und loss di on­schrei­ben auf den Be­sitz“. Wahr­schein­lich hat­te sie schon Er­spar­tes. Ma­ria wur­de Bäue­rin auf dem Le­hen­bau­ern­gut in Gold­egg im Salz­bur­ger Innerge­birg. Der Bräu­ti­gam hat­te be­reits vier un­ehe­li­che Kin­der von drei Frau­en. Eins da­von hat er mit in die Ehe ge­bracht. Als er 1914 ins „Feld der Ehre“ ein­rück­te, um Kai­ser und Va­ter­land zu die­nen, hat­te Ma­ria schon drei ei­ge­ne Mäd­chen, ei­nes zwei Jah­re, ei­nes ein Jahr alt, das drit­te wur­de am Tag sei­nes Ein­rü­ckens ge­bo­ren. Mit die­sem Hin­ter­grund hät­te sich ihr Mann als Land­wirt und Er­näh­rer ei­ner sechs­köp­fi­gen Fa­mi­lie ver­mut­lich dem Ein­rü­ckungs­be­fehl ent­schla­gen kön­nen. Lei­der ist er der all­ge­mei­nen Pro­pa­gan­da und Kriegs­be­geis­te­rung ge­folgt, die auch von der Kir­che ge­schürt war. „Mit Ju­bel und hof­fen­der Sie­ges­freu­de folg­ten die bra­ven Söh­ne Ös­ter­reichs dem Ruf des Va­ter­lan­des und eil­ten zu den Waf­fen“, liest man in der Gold­eg­ger Chro­nik. Wäh­rend des ers­ten Welt­kriegs hat Ma­ria als 24Jährige ih­ren Bau­ern­hof zu­sam­men mit Dienst­bo­ten al­lein be­wirt­schaf­tet. 1925, mit 35 Jah­ren, wur­de sie Wit­we, der Mann war an den Kriegs-Fol­gen ge­stor­ben. Von neun Kin­dern sind fünf am Le­ben ge­blie­ben. Von nun an schau­kelt sie die Wirt­schaft und die Kin­der­er­zie­hung wie­der al­lein. Bis zu ih­rer Ver­haf­tung 1943 wird sie 18 Jah­re lang das Le­hen­bau­ern­gut al­lein­ver­ant­wort­lich be­wirt­schaf­ten: Auf Geld­mit­tel der Na­zis („Ent­schul­dungs­ak­ti­on“) ver­zich­tet sie. Auch mit dem Hit­ler­gruß soll sie nie ge­grüßt ha­ben, was sie ver­däch­tig mach­te. 1941 war der ein­zi­ge Sohn Hans mit 22 Jah­ren im Russ­land­feld­zug ge­fal­len. Die Si­che­rung der NS-Er­näh­rungs­wirt­schaft ruh­te auf den Schul­tern der Frau­en – und den „Fremd­völ­ki­schen“, so die Er­geb­nis­se der So­zi­al­for­sche­rin Ma­ria Prie­ler-Wold­an in ih­rem Buch über mei­ne Groß­mutter: „Das Selbst­ver­ständ­li­che tun. Die Salz­bur­ger Bäue­rin Ma­ria Et­zer und ihr ver­bo­te­ner Ein­satz für Frem­de im Na­tio­nal­so­zia­lis­mus“, 2018. Ab 1941 wa­ren eine 17jährige ukrai­ni­sche Fremd­ar­bei­te­rin und der Rei­he nach drei fran­zö­si­sche Kriegs­ge­fan­ge­ne auf ih­rem Hof. Sie alle wa­ren zur Zwangs­ar­beit für die „Er­zeu­gungs­schlacht“ ge­fan­gen­ge­nom­men wor­den, um den Aus­fall der männ­li­chen Be­völ­ke­rung „an der Hei­mat­front“ zu er­set­zen. Und Ma­ria be­han­del­te ihre Hilfs­kräf­te gut: „Die­ser Kriegs­ge­fan­ge­ne (Ge­or­ges Fon­taine) war mir als Hilfs­kraft für mei­ne Land­wirt­schaft zu­ge­teilt und war ein sehr flei­ßi­ger und wil­li­ger Ar­bei­ter. Ich habe ihn da­her auch so be­han­delt wie ei­nen hei­mi­schen Ar­bei­ter, der flei­ßig und ar­beit­sam ist“, liest man in den Op­fer­für­sor­ge­ak­ten nach dem Krieg. Da ver­ding­te sie sich als Sen­ne­rin auf ver­schie­de­nen Al­men. An­su­chen um Ent­schä­di­gung aus der Op­fer­für­sor­ge blie­ben er­folg­los. Die of­fi­zi­el­le Be­grün­dung: Sie habe sich nicht für ein frei­es und de­mo­kra­ti­sches Ös­ter­reich ein­ge­setzt, sie war nicht Teil ei­ner Wi­der­stands­grup­pe.

Ist es mög­lich, die Äch­tung ei­nes Men­schen auf­zu­he­ben? Ja, nach jah­re­lan­ger Er­in­ne­rungs- und For­schungs­ar­beit er­hal­ten wir 2018 den Be­schluss vom Lan­des­ge­richt für Straf­sa­chen Wien, wo An­trä­ge die­ser Art ös­ter­reich­weit ein­zu­rei­chen sind. Das Ur­teil von 1943 ist auf­ge­ho­ben: „Der pri­mä­re Grund für Ver­fol­gung und Ver­ur­tei­lung von Ma­ria Et­zer lag dar­in be­grün­det, dass sie auch wäh­rend der NS-Dik­ta­tur ih­ren christ­li­chen Wert­vor­stel­lun­gen treu blieb und sich auch ge­gen­über den als Zwangs­ar­bei­tern ein­ge­setz­ten Kriegs­ge­fan­ge­nen mensch­lich ver­hielt. Ein sol­cher Dis­sens mit der NS-Ideo­lo­gie war den Macht­ha­bern ein Dorn im Auge und wur­de schon als Form des Wi­der­stands an­ge­se­hen.“ Ein neu­es Wi­der­stands-Kon­zept fand Be­rück­sich­ti­gung in der Zeit­ge­schich­te-For­schung: Trä­nen der Freu­de über die er­reich­te Re­ha­bi­li­ta­ti­on der Groß­mutter.

Was wir dar­aus ler­nen kön­nen? Er­in­ne­rungs­kul­tur ist der Ge­mein­schaft zu­träg­lich. Je­des Land baut auf dem Erd­reich sei­ner Ge­schich­te. Jede Le­bens­ge­schich­te wur­zelt im Ha­bi­tat von äl­te­ren Le­bens­ge­schich­ten, nie­mand ist ohne Vor­fah­ren. Die ei­ge­nen Vor­fah­ren au­ßer Acht zu las­sen be­deu­tet, ei­nen Teil der fak­ti­schen Ge­gen­wart zu ver­leug­nen. „Schlimm ge­nug, was ein­mal war“, heißt es oft, „aber was geht mich das an? Es in­ter­es­siert mich nicht. Ist doch egal, wo­her ich kom­me, ent­schei­dend ist die Zu­kunft!“ Wer so spricht ent­schei­det, sich in Wirk­lich­keit auch mit Ge­gen­wär­ti­gem nicht zu kon­fron­tie­ren. Will im Grun­de nichts wis­sen. Will die ei­ge­ne Her­kunft nicht klar be­nen­nen. Will mit dem ge­nui­nen Hu­mus der Fa­mi­li­en­ge­schich­ten nichts zu tun ha­ben: „Ich re­sul­tie­re von nir­gend­wo. Für mich zählt nur die ei­ge­ne Exis­tenz.“ Kann ja sein. Aber: Ein­fach zu schwei­gen grenzt manch­mal an Lü­gen. Fa­mi­li­en­ge­schich­ten zie­hen näm­lich auch Ent­schei­dun­gen nach sich, eine Art geis­ti­ger Erb­fol­ge: „Von die­sem Ahnl will ich mich her­lei­ten, von je­nem nicht.“ Seit ich mich in­for­miert habe, konn­te ich mich ent­schei­den: Von die­ser mei­ner Oma lei­te ich mich ger­ne her, durch ihre Güte und Stand­haf­tig­keit ist sie mir zum Vor­bild ge­wor­den. Das ist das schöns­te Erb­teil. Heu­te bin ich ihr dank­bar. Also: Fragt nach! Regt Nach­for­schun­gen an, lie­fert Bei­spie­le da­für! Weil es gut tut, wenn ge­schaut wird, was ein­mal war.

Gleich­zei­tig braucht es Fort­schrit­te in der öf­fent­li­chen Er­in­ne­rung wie eben hier in Aich­ach. Oder in Gold­egg: Hier wur­de 2024 mit Un­ter­stüt­zung der Ge­mein­de in ei­ner schö­nen Fei­er zum Ge­den­ken an wi­der­stän­di­ge Frau­en in der NS-Zeit auch für Ma­ria Et­zer ein Stol­per­stein ver­legt. Es geht um den Rechts­staat, dem die De­mo­kra­tie zu die­nen hat. Es geht auch um den er­laub­ten – oder schon wie­der ver­bo­te­nen? – Um­gang mit Frem­den. Heu­te ha­ben wir nicht nur die De­mo­kra­tie zu ver­tei­di­gen, son­dern grund­le­gen­de, fast schon ver­ges­se­ne Vor­aus­set­zun­gen der mensch­li­chen Ent­wick­lung: Gast­lich­keit, Für­sor­ge und Frie­dens­si­che­rung. Hal­ten wir uns ei­gent­lich dar­an, was selbst­ver­ständ­lich ist? Das Selbst­ver­ständ­li­che hängt zu­sam­men mit Sich-verständigen(-wollen). Mit nur drei Klas­sen Volks­schu­le for­mel­ler Bil­dung hat mei­ne Oma sich mit ih­ren „Frem­den“ ver­stän­digt. Hat sie an ih­rem Tisch ver­sam­melt, ganz selbst­ver­ständ­lich. Was war, kann wie­der wer­den.

Au­torin: Bri­git­te Men­ne, Neun­zehn­te der vie­len En­kel­kin­der von Ma­ria Et­zer, wohn­haft in Wien.

Li­te­ra­tur u.a.:

-Ga­bri­el­la Hauch: „Frau­en- und Ge­schlech­ter­ge­schich­te des Na­tio­nal­so­zia­lis­mus. Fra­ge­stel­lun­gen, Per­spek­ti­ven, neue For­schun­gen“, 2007 (ge­mein­sam mit Jo­han­na Geh­ma­cher).

-Ma­ria Prie­ler-Wold­an: „Das Selbst­ver­ständ­li­che tun. Die Salz­bur­ger Bäue­rin Ma­ria Et­zer und ihr ver­bo­te­ner Ein­satz für Frem­de im Na­tio­nal­so­zia­lis­mus“. Mit ei­nem Nach­wort von Bri­git­te Men­ne, 2018.

-Wal­ter Tha­ler: „Pon­gau­er!: Le­bens- und Lei­dens­we­ge in der Pro­vinz. 60 Por­traits“, 2019.

Ma­ria Et­zers Stol­per­stein in Gold­egg