Erna Lies­ke (1900 – 1943)

Erna Min­na Lies­ke, geb. am 22.4.1900 in Groß Lubs, mehr­fach in­haf­tiert, vom Frau­en­zucht­haus und „Frau­en­ver­wah­rungs­an­stalt“ Aichach/Oberbayern 1943 in das KZ und Ver­nich­tungs­la­ger Ausch­witz de­por­tiert, dort am 24.4.1943 er­mor­det

Arm­gart­stra­ße 20 (Ham­burg-Nord, Ho­hen­fel­de)

HIER WOHNTE
ERNA LIESKE
JG. 1900
‚SCHUTZHAFT’ 1937
KZ FUHLSBÜTTEL
1938 GEFÄNGNIS COTTBUS
„SICHERUNGSVERWAHRUNG“
DEPORTIERT 1943
1943 AUSCHWITZ
ERMORDET 24.4.1943

Mei­ne Groß­mutter Erna wur­de am 22. April 1900 ge­bo­ren. Ihre Mut­ter Min­na brach­te sie im 424-See­len-Dorf Groß Lubs, da­mals Pom­mern (heu­te Lub­cz Wiel­ki, Po­len), zur Welt, wo sie als Dienst­mäd­chen ar­bei­te­te. Der Va­ter ist laut Ge­burts­ur­kun­de un­be­kannt – viel­leicht ihr Dienst­herr oder ein mit­tel­lo­ser Knecht? Bei­des denk­bar; was bleibt, sind Spe­ku­la­tio­nen. Wie so vie­les dun­kel bleibt in Er­nas Le­ben, das aus­schließ­lich durch Ge­richts­ak­ten über­lie­fert ist.

Was war das für ein Mensch, die­se Erna, die mei­ne Groß­mutter ist – die Mut­ter mei­nes Va­ters, der sie nie ken­nen­ge­lernt hat. Erna hat ihn in Hal­le zur Welt ge­bracht, er kam als Baby in das Wai­sen­haus Arn­stadt und wuchs dort auf. Sein Le­ben lang such­te er nach sei­ner Mut­ter und erst nach dem Krieg er­fuhr er, dass sie in Ausch­witz er­mor­det wur­de. War­um, hat er nie er­fah­ren.

Erna wur­de be­reits mit 17 Jah­ren we­gen Be­tru­ges zu drei Ta­gen Ge­fäng­nis in Drie­sen (heu­te Drez­den­ko, Po­len) ver­ur­teilt, etwa 20 Ki­lo­me­ter von ih­rem Ge­burts­ort ent­fernt. Was macht ein 17-jäh­ri­ges Mäd­chen im Ers­ten Welt­krieg – al­lein und wahr­schein­lich ohne Geld? Wie sah ihr „Zu­hau­se“ aus, in dem die Mut­ter Dienst­mäd­chen war?

Die preu­ßi­sche Ge­sin­de­ord­nung war ge­kenn­zeich­net durch die Un­ter­wer­fung des Ge­sin­des un­ter die Will­kür der Herr­schaft. Die Dienst­bo­ten un­ter­stan­den der po­li­zei­li­chen Auf­sicht. Die Ar­beits­kraft der Dienst­bo­ten hat­te der Herr­schaft voll­stän­dig zur Ver­fü­gung zu ste­hen. Vor­ge­se­hen war zwar alle 14 Tage das Recht auf ei­nen Sonn­tags­aus­gang, aber die­ses konn­te je­der­zeit auf­ge­ho­ben wer­den. Nur ein Teil des Lohns wur­de aus­ge­zahlt, der Rest wur­de in Na­tu­ra­li­en, ins­be­son­de­re Kost und Lo­gis, er­bracht. Der Herr­schaft stand Züch­ti­gungs­recht zu; ge­gen kör­per­li­che Über­grif­fe durf­te sich das Ge­sin­de nur im Fal­le der Ge­fähr­dung des ei­ge­nen Le­bens weh­ren.

Vor die­sem Hin­ter­grund ist nicht an­zu­neh­men, dass Er­nas Mut­ter ei­nen ei­ge­nen Haus­halt hat­te, so­dass Erna wahr­schein­lich nicht bei ihr blei­ben konn­te und sich al­lein durch­schla­gen muss­te – ohne fa­mi­liä­re Un­ter­stüt­zung.

Ab 1918 wur­de sie in der Pro­vinz Po­sen um Brom­berg (heu­te Bydg­oszcz, Po­len) im­mer wie­der we­gen Be­trugs, Dieb­stahls, Un­ter­schla­gung und Ur­kun­den­fäl­schung ver­haf­tet. In je­ner Zeit – also gleich nach dem Ers­ten Welt­krieg – fand in die­ser Pro­vinz der Po­se­ner Auf­stand der pol­ni­schen Be­völ­ke­rungs­mehr­heit ge­gen die deut­sche Herr­schaft statt. Am 28. Juni 1919 trat die deut­sche Re­gie­rung den Land­kreis Brom­berg an Po­len ab. Erna war noch am 11. Juni zu sechs Wo­chen Ge­fäng­nis we­gen Un­ter­schla­gung ver­ur­teilt wor­den. Nach ih­rer Ent­las­sung war Brom­berg pol­nisch und wahr­schein­lich ging sie des­halb nach Thü­rin­gen.

Im No­vem­ber 1920 wur­de sie vom Amts­ge­richt Go­tha zu 20 Wo­chen Ge­fäng­nis we­gen Dieb­stahls, Be­trugs und Un­ter­schla­gung ver­ur­teilt. Sie hat­te ihr drei Mo­na­te al­tes Baby bei sich – ihre Toch­ter Ruth war am 5. Au­gust 1920 in Go­tha zur Welt ge­kom­men. Ob­wohl die­se von 1921 bis zu ih­rer Voll­jäh­rig­keit 1941 ei­nen Amts­vor­mund hat­te und ei­ni­ge Zeit im Ju­gend­pfle­ge­heim Go­tha ver­brach­te, such­te Erna im­mer wie­der den Kon­takt zu ihr.

Mei­nen Va­ter Hans-Joa­chim brach­te sie Sil­ves­ter 1924 in der Frau­en­kli­nik Hal­le zur Welt. Bei sei­ner Tau­fe neun Tage spä­ter wa­ren als Pa­ten zwei An­ge­stell­te der Kli­nik an­we­send, da­nach wur­de er ins Wai­sen­haus nach Arn­stadt ge­bracht. Erna hat ih­ren Sohn nie wie­der ge­se­hen.

In den nächs­ten Jah­ren folg­ten wei­te­re Fest­nah­men in ver­schie­de­nen Städ­ten Thü­rin­gens und Sach­sens. Erna blieb of­fen­sicht­lich nie lan­ge an ei­nem Ort. Al­les, was sie be­saß, trug sie in ei­ner gro­ßen Kof­fer­hand­ta­sche bei sich.

1932 tauch­te Erna in Ham­burg auf – der Stadt, wo spä­ter ihr Sohn, mein Va­ter, mit sei­ner Fa­mi­lie le­ben wür­de (1964 er­hielt er in Ham­burg ein En­ga­ge­ment an der Staats­oper). Mei­ne Groß­mutter kam über Groß Lubs, Thü­rin­gen, Sach­sen dort­hin; bei mei­nem Va­ter führ­te der Weg von Arnstadt/Thüringen über Hof/Oberfranken und Bre­mer­ha­ven. In Ham­burg wur­de Erna am 26. Mai 1932 we­gen „Rück­fall­be­trugs“ und Ur­kun­den­fäl­schung zu drei Jah­ren und zwei Mo­na­ten Zucht­haus ver­ur­teilt. Nach ih­rer Haft­ent­las­sung 1935 ar­bei­te­te sie bei der Dru­cke­rei Ge­bau­er in der Ka­tha­ri­nen­stra­ße als „An­le­ge­rin“: Sie muss­te Druck­pres­sen mit Pa­pier be­fül­len.

Be­reits seit 1932 wohn­te sie zur Un­ter­mie­te bei Hed­wig Knaack, zu­nächst im Munds­bur­ger Damm 39. Etwa 1936 zog die­se nach Ber­ge­dorf und im April 1937 in die Arm­gart­stra­ße 20 – im­mer nahm sie Erna mit. Mög­li­cher­wei­se war Hed­wig Knaack, die selbst kei­ne Kin­der hat­te, für Erna die Mut­ter, die sie nie hat­te.

Die­se Zeit hät­te ein Wen­de­punkt in Er­nas Le­ben sein kön­nen: Sie hat­te Ar­beit, ei­nen Ver­lob­ten und ein Zu­hau­se.

Dann (wahr­schein­lich Ende April 1937) fuhr Hed­wig Knaack für län­ge­re Zeit zu ih­rem Bru­der nach Weinböhla/Sachsen. Wäh­rend ih­rer Ab­we­sen­heit zog am 4. Au­gust 1937 eine Be­kann­te von ihr, die 58-jäh­ri­ge ehe­ma­li­ge Post­be­am­tin Ulla Krohn, als wei­te­re Un­ter­mie­te­rin in die Arm­gart­stra­ße. Ende Au­gust ver­lor Erna ihre Ar­beit und war wie­der ar­beits­los. Auch trenn­te sich ihr Ver­lob­ter von ihr.

Die neue Un­ter­mie­te­rin Ulla Krohn er­zähl­te spä­ter ge­gen­über der Po­li­zei, dass Hed­wig Knaack „ihre Woh­nung mit Ein­rich­tung und Schlüs­seln der Lies­ke über­ge­ben (hat). Die Lies­ke hat­te dann ein Ver­hält­nis mit ei­nem Po­li­zei­ober­wacht­meis­ter und woll­te sich mit die­sem ver­hei­ra­ten, war­um der Po­li­zei­be­am­te be­reits mit ihr zu­sam­men wohn­te. Als ich dann den Po­li­zei­be­am­ten über die Lies­ke auf­klär­te, hat die­ser das Ver­hält­nis so­fort ge­löst.“

Erna war seit Mai 1937 mit dem Po­li­zis­ten zu­sam­men; die­ser lös­te die Be­zie­hung zu ihr nach der „Auf­klä­rung“ durch Frau Krohn am 1. Ok­to­ber 1937. Bis da­hin hielt er „sie für ein an­stän­di­ges Mäd­chen und kann­te ihr Vor­le­ben nicht“.

Nun ohne Ar­beit und ohne Freund zog Erna heim­lich aus und nahm nach Aus­sa­gen von Ulla Krohn ei­nen Pelz­man­tel von Hed­wig Knaack und die Woh­nungs­schlüs­sel mit.

Als Hed­wig Knaack spä­ter zu dem „Ein­miet­dieb­stahl“ ver­nom­men wur­de, woll­te sie kei­ne An­zei­ge er­stat­ten. Sie be­schrieb Erna bei der Ver­neh­mung durch die Po­li­zei als „sehr flei­ßi­ges und pein­lich sau­be­res Mäd­chen“ und äu­ßer­te Ver­ständ­nis: „Sie ist nach mei­ner Wahr­neh­mung zeit­wei­se nicht ganz nor­mal und es ma­chen sich bei ihr Grö­ßen­wahn­ge­dan­ken be­merk­bar. Im vor­lie­gen­den Fall wird die Lies­ke wahr­schein­lich er­werbs­los ge­we­sen sein, ist da­durch in wirt­schaft­li­che Be­dräng­nis ge­kom­men und hat sich in ih­rer Not si­cher­lich nicht zu hel­fen ge­wusst. Ich er­stat­te des­halb ge­gen die Lies­ke kei­ne Straf­an­zei­ge we­gen des ver­mut­lich un­ter­schla­ge­nen Pelz­man­tels.“

Am 21. Ok­to­ber 1937 be­zog Erna ein Zim­mer zur Un­ter­mie­te in der Grin­del­al­lee 148 für 45 Reichs­mark im Mo­nat. Nach knapp zwei Wo­chen ver­schwand sie und stahl Sil­ber­sa­chen (6 Ku­chen­ga­beln, 6 Ga­beln, 6 Mes­ser), Wä­sche (4–6 Kü­chen­hand­tü­cher, 2–3 Tisch­tü­cher, 6 Ser­vi­et­ten, 2 Bett­tü­cher, 1 Schrank­deck­chen) und Klei­dung (1 Re­gen­cape, 1 Man­tel, 1 Ja­cken­kleid mit Blu­se), die sie im Pfand­haus Grindelallee/Rutschbahn ver­setz­te. „Ich woll­te aus Ham­burg weg, um mein Kind zu be­su­chen und brauch­te da­her Geld“, so Er­nas Er­klä­rung spä­ter vor dem Amts­ge­richt Ham­burg.

Am 4. No­vem­ber 1937 war Erna in Ber­lin, das auf dem Weg nach Küs­trin (öst­lich von Ber­lin, heu­te Kostrzyn nad Odra) liegt, wo ihre Toch­ter Ruth zu je­ner Zeit leb­te. War­um sie dann aber nach Stet­tin wei­ter­fuhr, also wie­der nach Nor­den, bleibt un­klar.

In Stet­tin lern­te sie ei­nen pen­sio­nier­ten Ei­sen­bahn­schaff­ner ken­nen, der ihr an­bot, bei ihm und sei­ner Frau zu über­nach­ten. Im Ge­gen­zug soll­te er bei ihr in Ham­burg un­ter­kom­men kön­nen, da sein Schwa­ger dort wohn­te und er noch ei­nen Frei­fahr­schein von der Bahn zu be­kom­men hät­te. So fuhr er zu­sam­men mit Erna am 23. No­vem­ber 1937 Rich­tung Ham­burg. In Ber­lin auf dem Stet­ti­ner Bahn­hof war Erna plötz­lich ver­schwun­den. Der pen­sio­nier­te Schaff­ner fuhr wei­ter nach Ham­burg, um sie in der Arm­gart­stra­ße an­zu­tref­fen. Dort gab sich die Un­ter­mie­te­rin Ulla Krohn ihm ge­gen­über als Woh­nungs­in­ha­be­rin aus und sag­te ihm, dass Erna bei ihr nicht mehr woh­ne und die Schlüs­sel von der Woh­nung mit­ge­nom­men hät­te. Wei­ter hät­te sie von ei­ner Dame ei­nen Pelz­man­tel und Geld ge­stoh­len. Ge­gen­über der Po­li­zei sag­te Ulla Krohn spä­ter aus: „Ich war ver­reist, als der Triel­off (der Ei­sen­bahn­schaff­ner) hier war. (…) Von Dieb­stahl von Geld ist mir nichts be­kannt.“

Mit­te De­zem­ber 1937 ließ die Frau des frü­he­ren Schaff­ners durch ih­ren Bru­der An­zei­ge bei der Po­li­zei er­stat­ten, da Erna ihr fol­gen­de Sa­chen „ab­ge­schwin­delt“ hät­te: „1 RM für das Op­fer­buch des Win­ter­hilfs­werks, ei­nen Pull­over, eine Strick­ja­cke, ein Paar Schu­he, ein Woll­kleid, 5 RM zum Fri­sie­ren, für Ge­trän­ke 2 RM, für Un­ter­wä­sche 3,65 RM, ei­nen Stadt­kof­fer, zum Aus­ge­hen 3 RM“. Wei­ter­hin hät­te Erna ei­nen Mor­gen­rock und eine Uhr ent­wen­det. Spä­ter sag­te sie selbst bei der Po­li­zei aus, dass sie Erna den Pull­over, die Strick­ja­cke und die Schu­he für 20 RM ver­kauft, das Geld aber nicht er­hal­ten hät­te: „Die Sa­chen hat­te ich auf dem Jahr­markt in Stet­tin ge­kauft und wa­ren mir zu klein.“

Statt mit dem pen­sio­nier­ten Ei­sen­bah­ner wei­ter nach Ham­burg zu fah­ren, hat­te Erna von Ber­lin aus den Zug nach Küs­trin ge­nom­men. Ihre Toch­ter konn­te sie dort je­doch nicht mehr se­hen, da sie am 13. De­zem­ber 1937 bei ei­ner Raz­zia in ei­nem Küs­tri­ner Café fest­ge­nom­men und „in Schutz­haft ge­nom­men wur­de we­gen Ver­sto­ßes ge­gen die ihr als Be­rufs­ver­bre­che­rin er­teil­ten po­li­zei­li­chen Auf­la­gen“. Am 29. De­zem­ber 1937 wur­de sie in das KZ Ham­burg-Fuhls­büt­tel über­führt und blieb in „Schutz­haft“.

Bei­de po­li­zei­li­chen Maß­nah­men ba­sier­ten auf dem be­reits am 24. No­vem­ber 1933 von den Na­tio­nal­so­zia­lis­ten ver­ab­schie­de­ten „Ge­setz ge­gen ge­fähr­li­che Ge­wohn­heits­ver­bre­cher und über Maß­re­geln der Si­che­rung und Bes­se­rung“. Ein Ge­setz, so der Ju­rist Karl-Ul­rich Scheib 2012, dass zu ge­nau den NS-Straf­ge­set­zen zähl­te, „mit de­nen ‚Aso­zia­le, Pa­ra­si­ten und Ar­beits­lo­se‘, die nicht dem Bild der NS-Ideo­lo­gie ent­spra­chen, für lan­ge Zeit durch hohe Frei­heits­stra­fen oder Si­che­rungs­ver­wah­rung aus der Volks­ge­mein­schaft dau­er­haft ent­fernt wer­den soll­ten“.

Am 4. April 1938 teil­te das Po­li­zei­ge­fäng­nis Fuhls­büt­tel dem Land­ge­richt Ham­burg mit, dass „die L. ihre An­kla­ge­schrift zer­ris­sen hat.“ Am 25. April 1938 fand der Pro­zess ge­gen Erna vor dem Land­ge­richt Ham­burg statt. Das Ur­teil: Als „ge­fähr­li­che Ge­wohn­heits­ver­bre­che­rin“ wur­de sie zu drei Jah­ren Zucht­haus mit an­schlie­ßen­der „Si­che­rungs­ver­wah­rung“ so­wie Ab­erken­nung der bür­ger­li­chen Eh­ren­rech­te für fünf Jah­re ver­ur­teilt.

Ihr Ver­tei­di­ger, Rechts­an­walt Max Blunck, hat­te be­an­tragt, „die An­ge­klag­te we­gen der Not­la­ge mil­der zu be­han­deln“. Zu Pro­to­koll wur­de ge­ge­ben, dass „die An­ge­klag­te ihre Ver­feh­lun­gen in al­len we­sent­li­chen Punk­ten zu­ge­ge­ben (hat). Sie hat die­se Ta­ten, wie auch ihre frü­he­ren Ver­feh­lun­gen da­mit ent­schul­digt, dass sie el­tern­los auf­ge­wach­sen sei und kei­nen Halt ge­habt habe“. Das Ge­richt räum­te zwar ein: „Es kann mög­lich sein, dass sie zu­wei­len aus Not ge­han­delt hat.“ Aber sie hät­te „(…) ihre Be­dürf­nis­se für den Le­bens­un­ter­halt fast aus­schließ­lich durch Be­trü­ge­rei­en er­langt, sei es, dass sie sich Klei­dungs­stü­cke, sei es, dass sie sich Kost und Lo­gis, sei es aber auch, dass sie sich ba­res Geld er­schwin­delt hat“. Dar­aus fol­gert das Ge­richt: „Den Wer­de­gang der Be­schul­dig­ten kann man nur da­mit er­klä­ren, dass in ihr ein un­be­zähm­ba­rer Hang zum fort­ge­setz­ten Be­ge­hen von Straf­ta­ten wur­zelt. Sie bil­det da­her eine au­ßer­or­dent­li­che Ge­fahr für die Volks­ge­mein­schaft, da sie nie­mals den Rechts­frie­den in­ner­halb der Volks­ge­mein­schaft wird wah­ren kön­nen. Ihre Ent­fer­nung aus die­ser Ge­mein­schaft, d.h. ihre Si­che­rungs­ver­wah­rung ist da­her er­for­der­lich.“

Er­wäh­nens­wert ist, dass beim Pro­zess auf „die Zeu­gin Knaack ver­zich­tet“ wur­de – Er­nas frü­he­re Ver­mie­te­rin in der Arm­gart­stra­ße in Ham­burg und die ein­zi­ge Per­son, die sich ge­gen­über der Po­li­zei po­si­tiv über sie ge­äu­ßert hat­te.

Be­mer­kens­wert ist auch, dass Vor­stra­fen für Ta­ten her­an­ge­zo­gen wur­den, die Erna mög­li­cher­wei­se gar nicht ver­übt hat­te: So wur­de zum Bei­spiel eine „Ar­bei­te­rin Li­se­lot­te Lies­ke“ we­gen Be­trugs ver­ur­teilt, das ent­spre­chen­de Ak­ten­zei­chen be­fand sich aber in Er­nas Ge­richts­ak­te in Ham­burg.

Und: Laut Ham­bur­ger Ge­richts­ak­te wur­de sie so­wohl am 25. Fe­bru­ar 1918 in Brom­berg (heu­te Bydg­oszcz, Po­len) zu zehn Wo­chen Ge­fäng­nis ver­ur­teilt, als auch am 19. März 1918 zu zwei Wo­chen Ge­fäng­nis in Lands­berg (heu­te Gor­zow Wiel­ko­pol­ski, Po­len) – zu ei­ner Zeit also, in der sie be­reits in Brom­berg in­haf­tiert war.

Und: Laut Ak­ten ver­büß­te sie vom 17. Juni 1926 bis 13. Mai 1929 eine Stra­fe in Arnstadt/Thüringen, wäh­rend sie – eben­falls laut Ak­ten – zeit­gleich im Jahr 1928 in Sa­gan (heu­te Zagan, Po­len) im Ge­fäng­nis saß. Bei­de Orte lie­gen knapp 400 km aus­ein­an­der.

Am 2. Juni 1938 kam Erna zur Ver­bü­ßung der ihr vom Land­ge­richt Ham­burg auf­er­leg­ten Stra­fe in die Frau­en­haft­an­stalt Lü­beck-Lau­er­hof. Der dor­ti­ge Ge­fäng­nis­pas­tor wand­te sich Mit­te Fe­bru­ar 1939 an Er­nas Ver­tei­di­ger mit der Bit­te, beim zu­stän­di­gen Staats­an­walt in Ham­burg Rück­spra­che zu neh­men, „ob nicht auf dem Gna­den­we­ge die Si­che­rungs­ver­wah­rung noch ein­mal von ihr ge­nom­men wer­den könn­te. Sie weist dar­auf hin, dass sie le­dig­lich aus wirt­schaft­li­cher Not ge­han­delt hat (die wö­chent­li­che Un­ter­stüt­zung be­trug 6 RM). (…) Ar­beit kann sie bei der Fir­ma P. A. H. Ge­bau­er, Dru­cke­rei, Ham­burg, Ka­tha­ri­nen­str. 6, er­hal­ten, bei der sie schon frü­her Jah­re lang ge­ar­bei­tet hat. Sie will der Be­hör­de gern durch Be­wäh­rung zei­gen, dass sie ein brauch­ba­rer Mensch ist“. Rechts­an­walt Blunck kam die­ser Bit­te nach, doch bis eine Ent­schei­dung fiel, ver­gin­gen Mo­na­te.

Ende März 1939 wur­de Erna in das Frau­en­zucht­haus Cott­bus ge­bracht. Dort er­krank­te sie of­fen­bar schwer, denn im März 1940 wur­de sie ins La­za­rett des Un­ter­su­chungs­ge­fäng­nis­ses Ber­lin-Moa­bit ver­legt, wo sie ein hal­bes Jahr lang lag. Von dort schrieb sie am 1. Sep­tem­ber 1940 ein Gna­den­ge­such an die Ober­staats­an­walt­schaft in Ham­burg und be­zeug­te, dass sie ihre Ta­ten „aus Not und nicht ver­bre­che­ri­scher Nei­gung“ be­gan­gen hät­te. Sie hät­te da­mals 6 Reichs­mark pro Wo­che be­kom­men und da­von auch für ihr Kind sor­gen müs­sen. Ge­ra­de habe sie zwei Ope­ra­tio­nen hin­ter sich, eine stün­de noch be­vor. Sie habe „kör­per­lich sehr ge­lit­ten“ und sei „kör­per­lich sehr ge­schwächt.“

Am 20. Sep­tem­ber 1940 wur­de sie wie­der ins Frau­en­zucht­haus Cott­bus über­führt. Be­züg­lich des Gna­den­ge­suchs schreibt der Vor­stand die­ses Zucht­hau­ses an den Ober­staats­an­walt in Ham­burg: „Sie wird in der hie­si­gen An­stalt mit Nä­hen von Mi­li­tär­män­teln be­schäf­tigt. Ihre Ar­beit ver­rich­tet sie mit Fleiß zur Zu­frie­den­heit ih­rer Vor­ge­setz­ten. Es hat sich aber ge­zeigt, dass sie auch in der An­stalt ver­sucht auf eine ‚süss­li­che’ Art die Be­am­tin­nen zu ge­win­nen, um aus ei­nem Ver­trau­ens­ver­hält­nis Vor­tei­le zu zie­hen, wie es auch im Ur­teil an­ge­ge­ben ist. We­gen die­ser Cha­rak­ter­ei­gen­schaft kann die Auf­he­bung der Si­che­rungs­ver­wah­rung nicht be­für­wor­tet wer­den.“ Of­fen­sicht­lich hat­te Erna kei­ne Chan­ce: War sie nett, blieb sie eine Ge­fahr für die „Volks­ge­mein­schaft“ und wei­ter in „Si­che­rungs­ver­wah­rung“. War sie es nicht, wäre es be­stimmt auch nach­tei­lig für sie ge­we­sen.

Am 20. No­vem­ber 1940 lehn­te das Ham­bur­ger Land­ge­richt Er­nas Gna­den­ge­such ab.

Am 23. De­zem­ber 1940 hat­te sie ihre Stra­fe in dem Frau­en­zucht­haus Cott­bus ver­büßt. An­schlie­ßend wur­de sie je­doch nicht frei ge­las­sen, son­dern zur „Si­che­rungs­ver­wah­rung“ in die Si­che­rungs­an­stalt Lü­beck-Lau­er­hof über­führt. Mit­te Ok­to­ber 1942 wur­de sie in die Frau­en­ver­wah­rungs­an­stalt Aich­ach in Ober­bay­ern ver­legt. Von dort wur­de Erna am 26. März 1943 der Ge­sta­po über­ge­ben: „Die Straf­un­ter­bre­chung wur­de vom Reichs­jus­tiz­mi­nis­te­ri­um an­ge­ord­net.“

Ge­meint ist hier der Be­schluss des Reichs­jus­tiz­mi­nis­ters Otto Thierack in Ab­spra­che mit dem Reichs­mi­nis­ter für Volks­auf­klä­rung und Pro­pa­gan­da Jo­seph Goeb­bels und dem Reichs­füh­rer SS Hein­rich Himm­ler vom 18. Sep­tem­ber 1942: „Aus­lie­fe­rung aso­zia­ler Ele­men­te aus dem Straf­voll­zug an den Reichs­füh­rer SS zur Ver­nich­tung durch Ar­beit. Es wer­den rest­los aus­ge­lie­fert die Si­che­rungs­ver­wahr­ten, Ju­den, Zi­geu­ner, Rus­sen und Ukrai­ner.“ Im NS-Staat gal­ten die „Si­che­rungs­ver­wahr­ten“ als „un­wer­tes Le­ben in höchs­ter Po­tenz“.

Am 4. Mai 1943 teil­te die Kri­mi­nal­po­li­zei­leit­stel­le Augs­burg der Staats­an­walt­schaft beim Land­ge­richt Ham­burg mit, dass Erna Lies­ke am 24. April 1943 im KZ Ausch­witz „ge­stor­ben“ sei.

Die Ster­be­ur­kun­de in Ausch­witz hat­te der SS-Ober­sturm­füh­rer und La­ger­arzt Wer­ner Roh­de un­ter­schrie­ben. Er wur­de 1946 von ei­nem bri­ti­schen Mi­li­tär­ge­richt zum Tode ver­ur­teilt und ge­hängt. In Ausch­witz hat­te er be­reits an der Ram­pe die an­kom­men­den Men­schen se­lek­tiert und „Zehn­tau­sen­de dem Tod über­ant­wor­tet“, so Ella Lin­gens-Rei­ner, Ärz­tin und Ausch­witz-Ge­fan­ge­ne, im März 1964 wäh­rend des ers­ten Frank­fur­ter Ausch­witz­pro­zes­ses.

Als To­des­ur­sa­che ist in Er­nas Ster­be­ur­kun­de „Durch­fall mit Herz­schwä­che“ an­ge­ge­ben. Wies­law Kielar, als Häft­ling Nr. 290 in Ausch­witz un­ter an­de­rem als Kran­ken­pfle­ger, Lei­chen­trä­ger und Schrei­ber ein­ge­setzt, be­rich­te­te spä­ter: „Er­schos­sen, ab­ge­spritzt, ver­gast: Je­der muß­te sei­ne Krank­heits­ge­schich­te ha­ben – eine fik­ti­ve selbst­ver­ständ­lich. Das ver­lang­ten die La­ger­be­hör­den, und das be­fahl man mir zu tun. Zu­erst schrieb ich bei den Häft­lin­gen, von de­nen ich wuß­te, daß sie er­schos­sen wor­den wa­ren, ‚Herz­schlag‘; spä­ter kam ich zur Über­zeu­gung, daß es zu vie­le Herz­schlä­ge ge­ge­ben hat­te, was für mich schlecht aus­ge­hen könn­te, wenn es die Po­li­ti­sche Ab­tei­lung be­merk­te. Ich schrieb also die To­ten­mel­dun­gen so, wie sie es wünsch­ten: Bei ei­nem Er­schos­se­nen schrieb ich zum Bei­spiel ‚Durch­fall‘, bei ei­nem an Durch­fall Ver­stor­be­nen schrieb ich ‚Herz­schlag‘, bei ei­nem mit der Sprit­ze Ge­tö­te­ten ‚Nie­ren­ent­zün­dung‘. Es war eine per­fi­de Fäl­schung der Ster­be­ur­kun­den, ein Ver­wi­schen der Spu­ren von Mas­sen­mor­den, die an den wehr­lo­sen Häft­lin­gen be­gan­gen wur­den.“

Au­torin: Lia­ne Lies­ke, mit Un­ter­stüt­zung von Frau­ke Stein­häu­ser (Stand 2016)

Quel­len: StaH 213–11 Staats­an­walt­schaft Land­ge­richt – Straf­sa­chen, 6002/38; Wolf­gang Ayass, „Aso­zia­le“ im Na­tio­nal­so­zia­lis­mus, Stutt­gart, 1995, S. 175f.; Karl Ul­rich Scheib, Jus­tiz un­term Ha­ken­kreuz, Straf­jus­tiz im Na­tio­nal­so­zia­lis­mus bei der Staats­an­walt­schaft Ulm und den Ge­rich­ten im Land­ge­richts­be­zirk Ulm, Ulm, 2012; An­ge­li­ka Eb­bing­haus, Heid­run Kau­pen-Haas, Karl Heinz Roth, Hei­len und Ver­nich­ten im Mus­ter­gau Ham­burg, Ham­burg 1984; Wies­law Kielar, Nie­mand kommt hier raus. Ver­nich­tungs­la­ger Ausch­witz, Häft­ling Nr. 290, Wies­law Kielar, be­rich­tet, in: Der Spie­gel, Nr. 6/1979 v. 5.2.1979, S. 36–49, on­line un­ter: (letz­ter Zu­griff 13.9.2015) »Nie­mand kommt hier raus« – DER SPIEGEL ; Ge­setz ge­gen ge­fähr­li­che Ge­wohn­heits­ver­bre­cher und über Maß­re­geln der Si­che­rung und Bes­se­rung vom 24. No­vem­ber 1933, RGBl I, Nr. 133 vom 27. No­vem­ber 1933; Aus­lie­fe­rung an den Reichs­füh­rer SS zur Ver­nich­tung durch Ar­beit, Nürn­ber­ger Do­ku­ment, PS-654, on­line un­ter: NS-Ar­chiv, Do­ku­men­te zum Na­tio­nal­so­zia­lis­mus, (letz­ter Zu­griff 13.9.2015) Der Nürn­ber­ger Pro­zess: Do­ku­men­te – 654-PS; E‑­Mail-Aus­kunft Stan­des­amt Go­tha vom 19.11.2013; „Ge­sin­de­ord­nung“, in: Wi­ki­pe­dia, Die freie En­zy­klo­pä­die. Be­ar­bei­tungs­stand: 26. Ja­nu­ar 2015, 21:18 UTC, URL: (letz­ter Zu­griff 13. Juni 2015) Ge­sin­de­ord­nung – Wi­ki­pe­dia