Ser­a­fi­na Steg­mai­er, geb. El­chin­ger

Ser­a­fi­na Steg­mai­er, geb. El­chin­ger, (1884–1943), geb. am 23.10.1884 in Kai­sheim, kath., er­mor­det in Ausch­witz am 6. Juni 1943, letz­ter frei­er Wohn­sitz Hu­nolds­gra­ben 50/II.

El­tern­haus und Ge­schwis­ter:

Ser­a­fi­na kam im Ar­men­haus in Kai­sheim als Toch­ter der le­di­gen, 17jährigen So­fie El­chin­ger (geb.1867, verst. 1912) zur Welt; ihr leib­li­cher Va­ter ist un­be­kannt.
Ihre Mut­ter So­fie (geb.1867, verst.1912) be­stritt den Le­bens­un­ter­halt als Ma­rio­net­ten­schau­spie­le­rin, ihr Groß­va­ter Lud­wig war Ma­rio­net­ten­thea­ter­be­sit­zer; auch die Groß­el­tern müt­ter­li­cher­seits wa­ren Künst­ler ohne fes­ten Wohn­sitz. So­fies El­tern, Lud­wig und Eleo­no­ra geb. Schacht­ner zie­hen mit ih­rem Thea­ter und ih­ren Kin­dern So­fie, Ma­ria (geb. 1870, Lud­wig (geb. 1873) und Jo­hann Bap­tist (geb. 1877, verst. 1897) im Rei­se­wa­gen im Gau um­her, um die Men­schen mit ih­rer Kunst zu un­ter­hal­ten. So­fies jüngs­te Schwes­ter Kon­stan­tia ist nur 9 Tage äl­ter als Ser­a­fi­na und kam im Rei­se­wa­gen der El­tern eben­falls in Kai­sheim zur Welt. Sie ist zu­gleich Ser­a­fi­nas leib­li­che Tan­te. Es ist da­von aus­zu­ge­hen, dass die Fa­mi­lie der eth­ni­schen Min­der­heit der Je­ni­schen zu­zu­rech­nen ist.

Er­zie­hung bei Ver­wand­ten

Da So­fie als äl­tes­te Toch­ter im En­sem­ble un­ver­zicht­bar war, wur­de Ser­a­fi­na bis zu ih­rem 11. Le­bens­jahr bei Buch­bin­der­ehe­leu­ten in Weil­heim er­zo­gen, bei de­nen es sich um Ver­wand­te der Fa­mi­lie han­delt.
Ser­a­fi­na kam 1895 zu ih­rer Mut­ter und teil­te de­ren Wan­der­le­ben bis zu ih­rem 16. Le­bens­jahr, also bis ca. 1900. Es ist an­zu­neh­men, dass sie eben­falls als Ma­rio­net­ten­spie­le­rin ak­tiv ge­we­sen ist. Der stän­di­ge Auf­ent­halts­wech­sel war für ihre Schul- und frü­he Cha­rak­ter­ent­wick­lung nicht ge­ra­de för­der­lich. Hin­zu kam die fi­nan­zi­el­le Not. Als Se­ra­phi­na 16 Jah­re alt ist, zieht Se­ra­phi­na für zwei Jah­re zu ih­rer Tan­te, die in Mün­chen als Hau­sie­re­rin ih­ren Le­bens­un­ter­halt ver­dient.
Ihre Mut­ter So­fia ver­ehe­licht sich in Re­gens­burg mit Jo­sef Steg­mai­er aus Fürs­ten­feld­bruck, der eben­falls Be­sit­zer ei­nes Ma­rio­net­ten­thea­ters war. So­fia brach­te vier wei­te­re Kin­der zur Welt, na­ment­lich sind Se­ra­phi­nas Schwes­tern Wil­hel­mi­ne (verh. Bausch) und Anna (verh. Kü­b­ler) be­kannt so­wie ihr Bru­der Lud­wig Steg­mai­er be­kannt, die alle als Schau­spie­ler tä­tig wa­ren, das vier­te Ge­schwis­ter ver­starb 1914. Ser­a­fi­nas Mut­ter So­fia ver­starb 1912 an ei­ner Na­bel­bruch­ope­ra­ti­on, ihr Stief­va­ter Jo­sef an ei­ner Lun­gen­krank­heit.

Ar­beit und pre­kä­re Exis­tenz in Augs­burg

Be­reits vor dem Tod ih­rer El­tern na­bel­te sich Ser­a­fi­na von der Fa­mi­lie ab und zog 1903 19-jäh­rig nach Augs­burg. Ser­a­fi­na sagt, zu ihr sei die Mut­ter nie gut ge­we­sen, nur zu den an­de­ren Kin­dern. In der Fa­mi­lie habe es oft gro­ße Not und viel Streit ge­ge­ben. Sie nahm jede Ar­beit an und war als Zu­geh­frau, Zei­tungs­bo­tin, ab 1907 in der We­be­rei Fich­tel­bach, dann 1910 als Putz­frau bei Kraus und Dürr, als Stück­put­ze­rin bei Kahn und Ar­nold, als Kle­be­rin bei Wein­ber­ger und Bis­sin­ger 1910, als Ge­hil­fin bei Wil­helm Lutz und Söh­ne, dann in der Hut­fa­brik Lem­bert 1913 tä­tig. Die An­stel­lun­gen wa­ren stets nur auf we­ni­ge Wo­chen be­fris­tet.

Le­bens­part­ner Otto Fried­rich Steg­mai­er

Seit 1904 leb­te Ser­a­fi­na mit dem Ge­le­gen­heits­ar­bei­ter und Zie­gel­bren­ner Fried­rich Otto Steg­mai­er zu­sam­men. Er war der „il­le­gi­ti­me“ Sohn von Afra Steg­mai­er, ver­ehel. Grüß­ha­ber de­ren Mut­ter Anna Ma­ria Schurr eben­falls mit selbst­ge­fer­tig­ter Ware han­del­te.

Fa­mi­li­en­grün­dung

Mit Otto Fried­rich hat Se­ra­phi­na zwei Kin­der: Otto jun. (geb. 28.8.1904 in Mün­chen) und Wil­hel­mi­ne Ga­brie­le (geb. 1.11.1905 in Augs­burg-Pfer­see).

Bei­de Kin­der wuch­sen an­fangs bei So­fie Kam­me­rer in Küh­bach bei Aich­ach auf und zeit­wei­se bei der Groß­mutter in Lech­hau­sen in Pfle­ge; 1908 war der Auf­ent­halt den Be­hör­den un­be­kannt. Am 6. Au­gust 1914 hei­ra­ten Ser­a­fi­na und Fried­rich Otto in Gög­gin­gen und le­gi­ti­mie­ren da­mit ihre Kin­der. Otto ar­bei­te­te jah­re­lang als Zie­gel­ar­bei­ter, Zie­gel­meis­ter, Zie­ge­lei­ak­kor­dant, mit 61 Jah­ren als Ma­ga­zi­ner in der MAN und spä­ter in ei­nem Rüs­tungs­be­trieb. Bei­de Part­ner sind gänz­lich un­ver­mö­gend. Otto war trotz sei­nes Ma­gen­lei­dens- zu­min­dest in frü­he­ren Jah­ren- Trin­ker, was zu häu­fi­gem ehe­li­chem Streit führ­te.

Häu­fi­ger Woh­nungs­wech­sel in Augs­burg

Für Ser­a­fi­ne Steg­mai­er las­sen sich von 1903 bis Ende Juli 1913 neun­zehn Woh­nungs­wech­sel in Augs­burg nach­wei­sen: ab Ok­to­ber 1903 wohnt sie im Häs­pe­legäß­chen 5 zur Un­ter­mie­te, dann in der Ro­sen­gas­se 5 bei Grüß­ha­ber, Ver­wand­ten von Otto Fried­rich, von der Ro­sen­gas­se 5 zieht sie an den Vor­de­ren Lech 25, dann ins Har­der­gäß­le 3, zum Afra­wald 3 (Grüß­ha­ber), im Sack 4, an der Schlos­ser­mau­er 34, Schwib­bo­gen­mau­er 34 und 18, Kreit­mayr­str. 17, Ja­ko­ber­str. 72, ins Quer­gäß­chen 2, an den Hin­te­ren Lech 41, Mitt­le­ren Lech 41, Ja­kobs­platz 19, Quer­gäß­chen, Wei­te Gas­se 5 (Grüß­ha­ber), Schwib­bo­gen­gas­se 13.

Straf­fäl­lig­keit und Kampf ums Über­le­ben

Die Not, un­zu­rei­chen­de Aus­bil­dung und die Her­aus­for­de­rung, zwei Kin­der zu er­näh­ren, führ­ten dazu, dass Ser­a­fi­na im­mer knapp bei Kas­se ist. So lieh sie wie­der­holt Geld von Ar­beits­kol­le­gin­nen . Nach Ver­ur­tei­lun­gen in Trost­berg (1902) we­gen Dieb­stahls, in Augs­burg (1905) we­gen Un­ter­schla­gung, Be­lei­di­gung und Ru­he­stö­rung, in Mün­chen (1905) we­gen Un­ter­schla­gung so­wie in Augs­burg (1907) und Fried­berg (1908) we­gen Be­trugs und Un­ter­schla­gung stie­gen die Haft­stra­fen an: 1910 er­hielt sie we­gen neun­fa­cher Be­trugs­de­lik­te 8 Mo­na­te, 1912 we­gen fünf De­lik­ten 1 Jahr, 2 Mo­na­te spä­ter we­gen zwei wei­te­rer De­lik­ten we­gen Be­trugs 1 Jahr und 4 Mo­na­te Ge­fäng­nis, schließ­lich in Mem­min­gen im Rück­fall 3 Mo­na­te und 3 Tage.

Nach ih­rer Ver­ehe­li­chung und dem Äl­ter­wer­den der Kin­der gin­gen die Ta­ten deut­lich zu­rück. Ende Mai 1916 wur­de sie we­gen Un­ter­schla­gung zu ei­ner Wo­che und Ende März 1920 we­gen Be­trugs zu 9 Mo­na­ten Ge­fäng­nis ver­ur­teilt. Zwi­schen 1922 und 1929 blieb sie straf­frei, ei­ni­ge Stra­fen wur­den ihr 1927 er­las­sen. Mit der ab Ende Ok­to­ber 1929 ein­set­zen­den Mas­sen­ar­beits­lo­sig­keit nah­men ihre Straf­ta­ten wie­der zu.

Wei­te­re Straf­ta­ten

Ge­mäß Ur­teil des LG Augs­burg vom 30.10.31 wur­de sie we­gen Be­trugs im Rück­fall und Ur­kun­den­fäl­schung zu 1 Jahr 2 Mo­na­ten Ge­fäng­nis ver­ur­teilt, die sie vom 10.11.31 bis 5. Ja­nu­ar 1933 ab­saß. Nun rück­te Ser­a­fi­na in den Fo­kus der Na­tio­nal­so­zia­lis­ten, die ge­gen Wan­der­ar­bei­ter, Ar­beits­lo­se, Ob­dach­lo­se, Für­sor­ge­emp­fän­ger und Klein­kri­mi­nel­le von An­fang an er­bar­mungs­los vor­gin­gen. Nach ei­ner Haft in Schwab­mün­chen vom Ja­nu­ar bis Juli 1937 ver­ur­teil­te das Land­ge­richt Augs­burg sie am 25. April 1940 un­ter Vor­sitz von AGR Deml we­gen „vier sach­lich zu­sam­men­tref­fen­der Ver­bre­chen des Be­trugs im Rück­fall“ und ver­ur­teil­te sie zehn Mo­na­ten und den Kos­ten des Straf­ver­fah­ren. Es han­del­te sich um Tri­via­li­tä­ten: im Bahn­hofs­ho­tel leiht sie sich im Juli 1939 vom Zim­mer­mäd­chen The­re­se Renz 35 RM (zahlt nach An­zei­ge 30 RM zu­rück); vom Metz­ger Emil Bier­wirt im Mai 39 15 RM (zahlt 5 RM zu­rück); vom Kü­chen­mäd­chen Ma­ria Than­ner am 1.6. 39 30 RM (zahlt nach An­zei­ge 25 RM zu­rück, bleibt 5 RM schul­dig); vom Kü­chen­mäd­chen Ma­ria Hu­ber Mit­te Juni 2x 20 RM (leis­tet Rück­zah­lun­gen von 25 RM,bleibt 15 RM schul­dig).

Das Ge­richt un­ter­stell­te Be­trugs­vor­satz: „Die An­ge­klag­te ist eine rück­fäl­li­ge Be­trü­ge­rin, da sie we­gen Be­trugs vor­be­straft ist ….. Sie ist da­her 4 Ver­bre­chen des Be­trugs im Rück­fall schul­dig …. Bei ih­ren zahl­rei­chen Vor­stra­fen wur­den ihr mil­dern­de Um­stän­de nur des­halb zu­ge­bil­ligt, da sie sich in den letz­ten Jah­ren straf­frei ge­führt und sich schließ­lich doch be­müht hat, den an­ge­rich­te­ten Scha­den wie­der gut zu ma­chen, § 264 II RStGB. Bei ih­rer Per­sön­lich­keit wa­ren je­doch nach­drück­li­che Stra­fen er­for­der­lich. Fest­ge­setzt wur­den je 4 Mo­na­te Ge­fäng­nis, zu­rück­ge­führt auf die Ge­samt­ge­fäng­nis­stra­fe von 10 Mo­na­ten“. Kos­ten § 464 ff RSt­PO, gez. Deml, AGGR, 11.6.1940

Bis zu die­sem Zeit­punkt war Se­ra­phi­na Steg­mai­er 20- mal vor­be­straft, (16-mal we­gen Be­trugs) und ins­ge­samt zu 7 ½ Jah­ren Ge­fäng­nis ver­ur­teilt wor­den.

Die letz­te Straf­tat Ser­a­fi­nas

Am 10. Sep­tem­ber 1940 wird sie er­neut an­ge­klagt we­gen Be­trü­ge­rei­en zwi­schen März bis April: sie hat­te sich von ei­ner Nach­ba­rin 30 RM un­ter dem Vor­wand ei­ner be­vor­ste­hen­den Erb­schaft von 450 RM ge­lie­hen, den Be­trag um wei­te­re 115 RM auf­ge­stockt und als Pfand eine Uhr­ket­te so­wie ei­nen Ring über­las­sen. Nach Straf­an­zei­ge saß sie ab dem 28.Mai 1940 in U‑Haft. Die Straf­kam­mer des Land­ge­richts Augs­burg (Vor­sitz: LGD Kraft, LGD Traut­ner und LGR Bret­zel, StA Dr. Dr. Herrn­rei­ter) sprach Ser­a­fi­ne Steg­mai­er „schul­dig ei­nes Ver­bre­chens des Be­trugs im Rück­fall, in Ver­bin­dung mit § 4 der Volks­schäd­lings­ver­ord­nung vom 5.9.39, be­gan­gen von ihr als ge­fähr­li­che Ge­wohn­heits­ver­bre­che­rin“, und ver­ur­teil­te sie un­ter Ein­be­zie­hung der Vor­stra­fe zu 2 Jah­ren und 6 Mo­na­ten Zucht­haus, 100 RM Geld­stra­fe, Ab­erken­nung der bür­ger­li­chen Eh­ren­rech­te auf 3 Jah­re und Si­che­rungs­ver­wah­rung. In der 21-sei­ti­gen Be­grün­dung hieß es, sie sei eine „an­la­ge­mä­ßig be­ding­te chro­ni­sche Schwind­le­rin“ mit ei­ner „min­der­wer­ti­gen Cha­rak­ter­ver­an­la­gung“, de­ren Kri­mi­na­li­tät sich über „fast 40 Jah­re“ er­streck­te. Der Ver­trau­ens­miss­brauch sei ein ver­werf­li­cher Akt, wes­halb sie sich als „Volks­schäd­ling“ aus der Volks­ge­mein­schaft aus­ge­schlos­sen habe. Nach § 4 der Volks­schäd­lings-VO vom 5.9.1939 konn­ten Ta­ten un­ter Aus­nut­zung von Kriegs­ver­hält­nis­sen mit Zucht­haus bis zu 15 Jah­ren, le­bens­lan­gem Zucht­haus oder dem Tode be­straft wer­den, wenn das ge­sun­de Volks­emp­fin­den dies er­for­de­re. Die Si­che­rungs­ver­wah­rung wur­de mit ih­rer Un­ver­bes­ser­lich­keit und der ex­trem un­güns­ti­gen Pro­gno­se be­grün­det“:

„Auch eine Bes­se­rung der An­ge­klag­ten ist kei­nes­wegs zu er­war­ten; sie hat sich bis­her im­mer stra­f­un­emp­find­lich ge­zeigt, neue Straf­ta­ten trotz schon schwe­ben­den an­de­ren Straf­ver­fah­rens be­gan­gen und in ih­rer letz­ten und neu­es­ten Straf­tat erst den Tief­punkt ih­res kri­mi­nel­len Tief­stan­des er­reicht (sic!). Bei ih­rem Al­ter ist kei­ne Än­de­rung ih­res Cha­rak­ters und der psy­cho­pa­thisch-min­der­wer­ti­gen Ei­gen­schaf­ten des­sel­ben zu er­war­ten. Auch das kri­mi­nal­bio­lo­gi­sche Gut­ach­ten hält die Pro­gno­se für äus­serst un­güns­tig, des­glei­chen der Land­ge­richt­arzt. Nach ih­rer kör­per­li­chen Be­schaf­fen­heit ist sie für die Si­che­rungs­ver­wah­rung taug­lich, wie der Land­ge­richts­arzt fest­ge­stellt hat. Aus all die­sen Grün­den ist die Si­che­rungs­ver­wah­rung not­wen­dig und war da­her an­zu­ord­nen“.

StA M, JVA 10605 Erkennungsdienstliche Behandlung Serafina Stegmaier 10.12.1940
StA M, JVA 10605 Er­ken­nungs­dienst­li­che Be­hand­lung Ser­a­fi­na Steg­mai­er 10.12.1940

Die Kri­mi­nal­bio­lo­gi­schen Un­ter­su­chun­gen vom 1. Fe­bru­ar 1941

Das kri­mi­nal­bio­lo­gi­sche Gut­ach­ten vom 1. Fe­bru­ar 1941 (Aich­ach) cha­rak­te­ri­sier­te sie als „ge­wohn­heits­mä­ßi­ge Be­trü­ge­rin“, „en­do­ge­ne Ver­bre­che­rin“ und „mo­ra­lisch tief­stehen­de Psy­cho­path­in“, de­ren Dau­er der Si­che­rungs­ver­wah­rung un­ab­seh­bar sein müs­se:

„Wenn sie frü­her als pro­gnos­tisch güns­tig be­ur­teilt wur­de, so liegt das haupt­säch­lich an man­geln­der Er­fah­rung des Be­ur­tei­lers. Das 1931 ab­ge­ge­be­nen Gut­ach­ten war eine sei­ner ers­ten Pro­be­ar­bei­ten und soll­te nicht in die­ser Wei­se ver­wen­det wer­den. …….. St. ist zwei­fel­los der Typ ei­ner ge­wohn­heits­mä­ßi­gen Be­trü­ge­rin. Ins­be­son­de­re ihre Weit­schwei­fig­keit, ihr Re­de­drang, ihre Ab­len­kungs­ma­nö­ver, das Ver­schlie­ßen ge­gen jede Ein­sicht, ist sehr ty­pisch. Heu­te ist sie sehr wei­ner­lich ge­stimmt. Ihr gan­zes Den­ken ist aus­ge­füllt von dem Stre­ben, die SV weg­zu­brin­gen. ….. Da­mit ist sie aber eine en­do­ge­ne Ver­bre­che­rin, bei der nur mit Si­che­rungs­ver­wah­rung (SV) Schutz der All­ge­mein­heit er­reicht wer­den wird. Mehr­fach be­tont das Ur­teil, dass sie in Zu­kunft in­fol­ge der ge­rin­gen Ar­beits­fä­hig­keit- auch des Man­nes- häu­fi­ger in den al­ten Feh­ler zu­rück­fal­len wird. Des­halb wird die Dau­er der SV eine un­ab­seh­ba­re sein müs­sen. Ge­fühls­kal­te, ego­is­ti­sche, hem­mungs­ar­me, tief­stehen­de Psy­cho­path­in“.

Aich­ach, 1.2.1942

Zucht­haus­all­tag und ver­geb­li­che Gna­den­ge­su­che

Aber Ser­a­fi­nas Ver­hal­ten im Zucht­haus war vor­bild­lich: aus den Füh­rungs­bö­gen ging her­vor, dass sie „folg­sam, will­fäh­rig, an­schluss­be­dürf­tig, gut­mü­tig, hilfs­be­reit“ und bei der Ar­beit „be­son­ders flei­ßig“ war; am 23.Juli 1941 wur­de ihr Fleiß mit Note 1 be­ur­teilt; am 4. De­zem­ber er­hielt sie eine Leis­tungs­be­loh­nung. Ihre zahl­rei­chen Gna­den­ge­su­che und Wie­der­auf­nah­me­an­trä­ge (Fe­bru­ar 1941, Juli 1941, Mai 1942, Juni/Juli 1942, No­vem­ber 1942, März 1943) wur­den al­le­samt ab­ge­lehnt. Als sie am 8.2.1941 von der Ab­leh­nung er­fuhr, er­reg­te sie sich stark, ver­wei­ger­te das Es­sen und droh­te mit Sui­zid, wor­auf­hin sie in eine Zwei­er­zel­le ver­legt wur­de (der An­stalts­arzt no­tier­te: „SM un­wahr­schein­lich“).

Trotz ih­res vor­bild­li­chen Ver­hal­tens und Ar­beits­ei­fer wich die Ge­fäng­nis­lei­tung nicht von ih­rer ur­sprüng­li­chen Hal­tung ab, Ser­a­fi­na Steg­mai­er nicht aus der Si­che­rungs­ver­wah­rung zu ent­las­sen.

Im Mai 1941 schrieb sie kämp­fe­risch an die Staats­an­walt­schaft Augs­burg, um ihre Fa­mi­lie vor Scha­den zu be­wah­ren. Auch in ih­ren Brie­fen an ih­ren Ehe­mann Otto zeig­te sich ihre emo­tio­na­le Ver­bun­den­heit, so am 24. Au­gust 1941:

„Am 10. De­zem­ber ist der …Tag, wo wir bei­de ge­stan­den und ge­weint ha­ben, denn dei­ne Träu­me sind in mei­nem Her­zen und mein Herz und mein al­les zer­malmt wur­de mein Le­ben ge­bro­chen, aber Chris­tus hat ver­zie­hen …. Otto war­um soll­ten die Men­schen mir nicht noch ver­ge­ben und mir die gan­ze Här­te ge­ben. Des­halb bet­tel und ich bit­te auch…. habe schon ein paar Mal um eine Ver­le­gung ge­be­ten, und wenn dies mög­lich wäre, in Augs­burg ist jetzt auch Zucht­haus. Otto, da wär ich halt in der Nähe. Wasch­haus und im gan­zen Haus tä­tig …. zu­schul­den ließ ich mir nichts kom­men und des­halb hat man mich ger­ne ge­habt und ich war ein ganz an­de­rer Mensch. ….. wenn du mei­nen Kör­per se­hen wür­dest. ….. Und nun zu dir… wie geht es dir sonst? Was schreibt Lud­wig? Durch dich soll er mir ein paar Zei­len schi­cken und grü­ße alle von mir ….. viel­leicht darf ich Mona auch bit­ten, dass sie mit­kommt ….. jetzt darf ich dir wie­der am 12. Ok­to­ber schrei­ben…. Otto blei­be du mir ge­sund, was ich alle Tage Gott bit­te er soll uns hel­fen. ….. seid tau­send­mal ge­grüßt und be­son­ders Du, liebs­ter Mann grüßt und küßt dich viel­tau­sen­mal dei­ne Frau“

Ge­su­che um Ge­su­che

Im Ja­nu­ar 43 reich­te Ser­a­fi­na ein wei­te­res Gna­den­ge­such ein. Der Di­rek­tor des Zucht­hau­ses Aich­ach lehn­te eine Be­für­wor­tung beim Land­ge­richt Augs­burg wie folgt ab:

„Steg­mai­er ver­büß­te bis zum 30.12.42 eine Zucht­haus­stra­fe von 2 ½ Jah­ren we­gen Be­trug. Die Füh­rung der Ver­wahr­ten war bis­her äu­ßer­lich nicht zu be­an­stan­den. Erns­ter Bes­se­rungs­wil­le ist bei ihr nicht vor­han­den. Dazu ist sie viel zu un­stet und halt­los.

Sie ist auch nach Vor­le­ben und Per­sön­lich­keit eine un­ver­bes­ser­li­che Ge­wohn­heits­ver­bre­che­rin, auf die alle bis­he­ri­gen Stra­fen kei­nen nach­hal­ti­gen Ein­druck mach­ten“.  

Die Stig­ma­ti­sie­rung Ser­a­fi­na Steg­mai­er als „en­do­ge­ne Ver­bre­che­rin“ und als „un­ver­bes­ser­li­che Ge­wohn­heits­ver­bre­che­rin“ er­öff­ne­te ihr kei­ne Chan­ce zur Re­ha­bi­li­ta­ti­on. Die Fol­ge­rung aus dem kri­mi­nal­bio­lo­gi­schen Gut­ach­ten vom 1. Fe­bru­ar 1942, „die Dau­er der Si­che­rungs­ver­wah­rung wird eine un­ab­seh­ba­re sein müs­sen“ kam ei­nem To­des­ur­teil gleich.

Die lang­jäh­ri­ge An­stalts­leh­re­rin Anna Dimpfl mach­te Ser­a­fi­nas Rechts­an­walt Jus­tiz­rat Th. Lau­ber un­miß­ver­ständ­lich klar, dass es wäh­rend des Krie­ges kei­ne Aus­sicht auf Weg­fall der Si­che­rungs­ver­wah­rung gebe.

Ex­kurs: NS-Ver­fol­gung von „Ge­mein­schafts­frem­den“ und „Aso­zia­len“

Ser­a­fi­nas Ver­fol­gung steht im Kon­text der NS-„Asozialen“-Politik. Seit dem Kai­ser­reich wur­de das Wan­dern zur Ar­beits­su­che sys­te­ma­tisch als „aso­zia­le und krank­haf­te Ei­gen­schaft“ stig­ma­ti­siert. Die Welt­wirt­schafts­kri­se ver­schärf­te die Not von Wan­der­ar­bei­tern und Klein­kri­mi­nel­len mas­siv. Mit dem Ge­setz ge­gen ge­fähr­li­che Ge­wohn­heits­ver­bre­cher vom 24. No­vem­ber 1933 (§ 42e RStGB) und dem Rund­erlass zur vor­beu­gen­den Ver­bre­chens­be­kämp­fung vom 17. De­zem­ber 1937 schu­fen die Na­tio­nal­so­zia­lis­ten die reichs­ein­heit­li­che Rechts­grund­la­ge, um „Aso­zia­le“ und Klein­kri­mi­nel­le in Vor­beu­ge­haft, Ar­beits­häu­ser oder – im Fal­le von Frau­en – in die Kor­rek­ti­ons­an­stalt Aich­ach ein­zu­wei­sen.

Die Vor­beu­ge­haft war ein spe­zi­fisch na­tio­nal­so­zia­lis­ti­sches Un­recht, da sie we­der rich­ter­lich an­ge­ord­net noch be­fris­tet oder an eine kon­kre­te Tat ge­bun­den war.

Letz­tes Ge­such der Ser­a­fi­na im März 1943

Im März 43 schrieb Ser­a­fi­na ein wei­te­res Gna­den­ge­such an die Di­rek­ti­on mit der Bit­te um Auf­he­bung der Si­che­rungs­ver­wah­rung. Es soll­te ihr letz­tes sein.

In ei­nem Schrei­ben an das Land­ge­richt Augs­burg vom 23.März 1943 no­tiert der Di­rek­tor der An­stalt:

„Das Ge­such um Ent­las­sung aus der SV wird nicht be­für­wor­tet, da der Ver­wah­rungs­zweck in kei­ner Wei­se er­reicht wird. Steg­mai­er führt sich zwar haus­ord­nungs­ge­mäß und ar­bei­tet auch flei­ßig, sie ist je­doch eine halt­lo­se, un­ver­bes­ser­li­che Ge­wohn­heits­be­trü­ge­rin, de­ren so­zia­le Pro­gno­se auf aso­zi­al lau­tet und die am 26.3. 43 in das La­ger Ausch­witz ab­ge­ge­ben wird. Seit ih­rer letz­ten Straf­ver­bü­ßung hat sie sich als un­be­lehr­ba­re Que­ru­lan­tin be­wie­sen. Auch das vor­lie­gen­de Ge­such ist ein Aus­fluss die­ser Que­ru­lan­ten­sucht“.

Gez. Di­rek­tor Frei­herr von Reit­zen­stein

Das ver­brief­te Recht auf Ein­rei­chung ei­nes Gna­den­ge­su­ches per­si­fliert der Di­rek­tor der Straf­an­stalt Aich­ach, Her­mann von Reit­zen­stein, als Que­ru­lan­ten­sucht und die An­trag­stel­le­rin als un­be­lehr­bar. Deut­li­cher kann nicht zum Aus­druck ge­bracht wer­den, wie Recht und Ge­setz mit Fü­ßen ge­tre­ten wur­den.

De­por­ta­ti­on nach Ausch­witz

Auf Ba­sis der Ver­ein­ba­rung zwi­schen Reichs­jus­tiz­mi­nis­ter Otto Thierack und Hein­rich Himm­ler vom 18. Sep­tem­ber 1942 über die „Ver­nich­tung durch Ar­beit“ von Si­che­rungs­ver­wahr­ten wur­den ins­ge­samt 362 Frau­en aus dem Zucht­haus Aich­ach in sie­ben Trans­por­ten nach Ausch­witz de­por­tiert. Mit dem fünf­ten Trans­port brach­ten Aich­acher Gen­dar­men und Jus­tiz­be­am­te vom 26. bis 29. März 1943 92 Frau­en in zwei Wa­gen der Deut­schen Reichs­bahn nach Ausch­witz. Die Na­men von 54 Frau­en aus der Si­che­rungs­ver­wah­rung sind be­kannt, un­ter ih­nen war Ser­a­fi­na Steg­mai­er aus Augs­burg – sie starb am 6. Juni 1943, an­geb­lich an Ur­ämie (Nie­ren­ver­sa­gen).

Ein Stol­per­stein am Hu­nolds­gra­ben 50 in Augs­burg er­in­nert an ihr Ge­den­ken.

Quel­len- und Li­te­ra­tur­ver­zeich­nis

Un­ver­öf­fent­lich­te Quel­len und Li­te­ra­tur: 

Baye­ri­sches Haupt­staats­ar­chiv (BayHS­tA), Baye­ri­sches Obers­tes Lan­des­ge­richt (Ba­yO­La): Kri­mi­nal­bio­lo­gi­sche Sam­mel­stel­le, Akte 2424

Stadt­AA, MB Ser­a­fi­na Steg­mai­er 1884

Stadt­AA, MB Grüß­ha­ber Chris­ti­an 1838

StA Mün­chen, JVA 10605 Ser­a­fi­ne Steg­mai­er

StA Neu­burg a.d.Donau

StA Fürs­ten­feld­bruck

StA Re­gens­burg

Ge­mein­de­ar­chiv Markt Kai­sheim, Ge­burts­ur­kun­de Nr.15/1884 Ser­a­fi­ne El­chin­ger

Ayaß Wolf­gang (Hrsg.), „Ge­mein­schafts­frem­de“. Quel­len zur Ver­fol­gung von „Aso­zia­len“ 1933–1945, Ko­blenz 1998

Baur Franz Xa­ver, Orts­fa­mi­li­en­buch Kai­sheim von 1593–1920; Kai­sheim 2001

Brun­ner Clau­dia, „Bett­ler, Schwind­ler, Psy­cho­pa­then“. Die „Asozialen“Politik des Münch­ner Wohl­fahrts­am­tes in den frü­hen Jah­ren der NS-Zeit

(1933 bis 1936); Mün­chen 1993

Hör­ath, Ju­lia, „Aso­zia­le“ und „Be­rufs­ver­bre­cher“ in den Kon­zen­tra­ti­ons­la­gern 1933–1938; Göt­tin­gen 2017

Merkl, Franz Jo­sef, An den Rän­dern der Volks­ge­mein­schaft, Frau­en­schick­sa­le in der Frau­en­straf­an­stalt Aich­ach, in: Alt­bay­ern in Schwa­ben,

  1. 101–164

Wis­sen­schaft­li­cher Dienst des Deut­schen Bun­des­tags, Aso­zia­le im Na­tio­nal­so­zia­lis­mus, 2016:

https://​www​.bun​des​tag​.de/resource/blob/478780/946af6a53de4beedba650bf537254942/WD-1-026-16-pdf.pdf

© Bio­gra­fie ver­fasst von Dr. Bern­hard Leh­mann, Ge­gen Ver­ges­sen Für De­mo­kra­tie, Re­gio­na­le Ar­beits­grup­pe Augs­burg-Schwa­ben

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