Ka­ro­li­ne Hartl

Ka­ro­li­ne Hartl (ge­bo­re­ne Wür­tin­ger), geb. am 30.03.1893 in Gein­berg, gest. am 14.07.1972

Schwe­res Le­ben un­ter dem Ha­ken­kreuz

Ka­ro­li­ne Hartl (ge­bo­re­ne Wür­tin­ger) war die tüch­ti­ge „Wei­de­der-Bäue­rin“ in Ut­zenaich, Be­zirk Ried im Inn­kreis. Ge­bo­ren wur­de sie am 30. März 1893 als vier­tes von ins­ge­samt sechs Kin­dern des Bau­ern-Ehe­paa­res Wür­tin­ger in Gein­berg. > abb. 1 Dort be­such­te sie auch die Volks­schu­le und ar­bei­te­te da­nach am el­ter­li­chen Land­wirt­schafts-An­we­sen.

Ihre El­tern Leo­pold und Ma­ria, geb. Wies­bau­er, kauf­ten ver­mut­lich mit Hil­fe de­ren El­tern 1911 das Wei­de­der-Gut mit 62 Joch Wirt­schafts­grund in Dann Nr. 5, Ge­mein­de Ut­zenaich. Dort­hin über­sie­del­te die Fa­mi­lie. Am 11. Jän­ner 1944 wur­de Ka­ro­li­ne vom Son­der­ge­richt Linz (1) „Im Na­men des deut­schen Vol­kes“ zu 15 Mo­na­ten Zucht­haus und zum Kos­ten­er­satz für Ge­richt und Haft ver­ur­teilt. Wut, Leid und Ver­zweif­lung wa­ren die Fol­gen.

Der Au­tor die­ser Bio­gra­fie kann­te das Schick­sal nur aus der Li­te­ra­tur und aus ei­nem Ge­richts­akt im OÖ. Lan­des­ar­chiv. Nach der Ver­öf­fent­li­chung sei­nes Bu­ches (2) stand ei­nes Ta­ges Frau Rosi Dürn­ber­ger aus Salz­burg vor der Haus­tür und über­brach­te als Freun­din der ver­stor­be­nen Toch­ter Lin­nerl Do­ku­men­te und Fo­tos aus dem Nach­lass ih­rer Mut­ter, da­mit das Schick­sal nicht ver­ges­sen wird. Im Hei­mat­ort Ut­zenaich war die­se Ver­fol­gung ver­ges­sen oder zu­min­dest fast to­tal ver­drängt.

Am14. Juli 1919 hat die 26-jäh­ri­ge Ka­ro­li­ne den „le­di­gen“ Sohn Sieg­fried Al­fons Wür­tin­ger am el­ter­li­chen Hof ge­bo­ren (3). Ihre Hoch­zeit fei­er­te Ka­ro­li­ne am 17. Juli 1933 mit Jo­sef Hartl, ge­bo­ren am 17. April 1899, Mül­lers­sohn aus Frei­ling Nr. 2, Pfar­re Gur­ten. Trau­pries­ter war der Ut­zenai­cher Pfar­rer Ge­org Bachin­ger. Die Braut war bei der Ehe­schlie­ßung 40½ und der Bräu­ti­gam 34 ¼ Jah­re alt. Sieg­fried er­hielt in die­sem Zu­sam­men­hang auch den Na­men Hartl.

Für bei­de gab es am 14. Juli 1933 von der BH Ried (4) und vom De­ka­nat Ried eine Dis­pens. Expert*innen sa­gen, dies wird mit ei­ner ver­kürz­ten „Auf­ge­bots­zeit“ der Hoch­zeit in Zu­sam­men­hang ste­hen. Die ehe­li­che Toch­ter Ka­ro­li­ne wur­de am 14. Juni 1939 in Ut­zenaich ge­bo­ren. Mut­ter und Lin­nerl, wie sie ge­ru­fen wur­de, wa­ren ein „Herz und eine See­le“. > abb. 2

Lin­nerl ab­sol­vier­te die Hö­he­re Bun­des­lehr­an­stalt für land­wirt­schaft­li­che Frau­en­be­ru­fe (da­mals in Wels) und leg­te nach der ein­jäh­ri­gen päd­ago­gi­schen Aus­bil­dung in Wien, Ober-St. Veit, nach ei­nem Jahr Pra­xis 1962 die Lehr­be­fä­hi­gungs­prü­fung ab. Sie ar­bei­te­te da­nach für die Land­wirt­schafts­kam­mer Brau­nau, spä­ter Salz­burg. Als Pen­sio­nis­tin stu­dier­te sie noch Kunst­ge­schich­te und fei­er­te 2006 ihre Spon­si­on.

Am 30. Au­gust 2008 ist sie im 70. Le­bens­jahr über­ra­schend ver­stor­ben. In ih­rem Hei­mat­ort Ut­zenaich wur­de sie nach ih­rem Wunsch be­stat­tet

Ka­ro­li­nes Mann Jo­sef Hartl ver­starb plötz­lich am 6. No­vem­ber 1941 im 43. Le­bens­jahr. Da­mit muss­te sie den Hof in Ei­gen­ver­ant­wor­tung al­lei­ne füh­ren. Für da­ma­li­ge Ver­hält­nis­se eine Rie­sen­auf­ga­be. Ver-sorgt wer­den muss­ten etwa 16 Rin­der, 5 Pfer­de und 12 Schwei­ne. > abb. 3

Der Sohn Sieg­fried wur­de 1940 zur Wehr­macht ein­ge­zo­gen, wur­de aber zeit­wei­lig zur „Si­che­rung der Er­näh­rungs­la­ge“ als „uk“ – un­ab­kömm­lich – frei­ge­stellt und konn­te von Fe­bru­ar bis Mit­te Au­gust 1943 am Hof sei­ner Mut­ter ar­bei­ten. Ab 1942 war er An­ge­hö­ri­ger des Gre­na­dier-Re­gi­ments 46 der 20. Di­vi­si­on der Waf­fen-SS (5).

Zum Kriegs­en­de 1945 kehr­te Sieg­fried nicht mehr heim. Am Krie­ger­denk­mal Ut­zenaich ist er ohne An­ga­be von Da­ten er­fasst. Der Ober­ge­frei­te mit der Feld­post­num­mer 36341 ist laut Bun­des­ar­chiv Ber­lin seit März 1945 in Ober­schle­si­en (letz­te Nach­richt) ver­misst. (6) Dass er – nach Ge­rüch­ten – in so­wje­ti­sche Kriegs­ge­fan­gen­schaft ge­ra­ten sei, ist auch im Ar­chiv des Boltz­mann-In­sti­tuts Graz nicht be­legt. (7)

Als „Aus­zugs-Woh­nung“ ließ „d’Weidederin“ das Haus Ut­zenaich Nr. 71 (heu­te Rie­der­stra­ße Nr. 4) er­bau­en. Erst 1987 wur­de das Wei­de­der-Gut von Aloi­sia Schwarz­mayr-Schnee­bau­er er­wor­ben. Auch Nach­barn konn­ten Tei­le der Grün­de er­wer­ben. (8)

Am 14. Juli 1972 ist Frau Hartl, die ge­ach­te­te „Alt­bäue­rin“ vom Wei­de­der­gut, mit 79 Jah­ren ver­stor­ben und am Hei­mat­fried­hof zu Gra­be ge­tra­gen wor­den. Die „Rie­der Volks­zei­tung“ be­rich­te­te von ei­ner über­aus gro­ßen Trau­er­ge­mein­de und vom be­son­de­ren An­lie­gen der christ­li­chen Frau: „Ein schö­ner Blu­men­schmuck für un­se­re Pfarr­kir­che.“ > abb. 4

Über den Tod hin­aus hat Lin­nerl Gu­tes be­wirkt. Nach dem Ver­kauf vor al­lem ih­rer Ei­gen­tums­woh­nung in Salz­burg spen­de­te sie groß­zü­gig über die Ca­ri­tas Salz­burg. Mit Hil­fe die­ser so­zi­al­ka­ri­ta­ti­ven Tat konn­te ein ka­tho­li­sches Bil­dungs­haus in Bei­rut, Li­ba­non, er-rich­tet wer­den. Ein Saal wur­de nach Hartl be­nannt.

Der nun 88-jäh­ri­ge Bi­bel­wis­sen­schaft­ler Uni­ver­si­täts­pro­fes­sor Dr. Jo­han­nes Mar­böck (9) war kur­ze Zeit als Pries­ter in Ut­zenaich. Er schreibt:
„Die alte Bäue­rin Hartl hat mich als Pro­vi­sor in Ut­zenaich in ih­rem Al­terswohn­sitz herz­lich auf­ge­nom­men und bes­tens be­treut (Woh­nung, Wä­sche, gute Kost). Von ihr habe ich kein ein­zi­ges Wort über Ver­haf­tung, Pro­zess und De­nun­zia­ti­on ge­hört. Mit ih­rer Toch­ter Lina hat­te ich ein gu­tes Ver­hält­nis, auch als ich be­reits von Ut­zenaich weg war. Lina war so­gar Pa­tin ei­ner mei­ner Nich­ten.“

So­weit – so gut. Die selbst­be­wuss­te Bäue­rin hat­te ein Le­ben voll Hö­hen und Tie­fen. Die un­mensch­li­che Ideo­lo­gie des Na­tio­nal­so­zia­lis­mus griff bru­tal in ihr Schick­sal ein und ver­gif­te­te und zer­stör­te auch in­ner-fa­mi­liä­re Be­zie­hun­gen. Der po­li­ti­sche Fa­na­tis­mus war für NS-Parteigänger*innen eine Not­wen­dig­keit, eine hoch­ge­lob­te, er­stre­bens­wer­te Cha­rak­ter­ei­gen­schaft.

De­nun­ziert vom ei­ge­nen Sohn

Ka­ro­li­nes Sohn Sieg­fried ent­wi­ckel­te sich, an­ge­stif­tet und ver­führt vom haupt­amt­li­chen HJ-Kreis­ju­gend­wart der Kreis­bau­ern­schaft Jo­sef W. (10), Sohn ei­nes Nach­barn, zu ei­nem be­geis­ter­ten Hit­ler-An­hän­ger. Er spiel­te bei der De­nun­zie­rung sei­ner Mut­ter eine schä­bi­ge, ge­wich­ti­ge Ne­ben­rol­le. (11) > abb. 5

Schon im Som­mer 1943 wur­de sei­ne Mut­ter we­gen Schwarz­schlach­tens ei­nes Schwei­nes nach § 1 der KWV (Kriegs­wirt­schafts-Ver­ord­nung) zu 3 Mo­na­ten Ge­fäng­nis mit Straf­auf­schub bis 1. No­vem­ber 1943 ver­ur­teilt. (12)

Der Lei­ter der Si­cher­heits­dienst (SD) (13) -Au­ßen­stel­le Ried (Spit­zel­dienst der Ge­sta­po), Ing. Wal­ter Ur­tel, stell­te die Ent­de­ckung der Schwarz­schlach­tung so dar:

„Die Schwes­ter der Bäue­rin H. ist in Wien beim Ro­ten Kreuz. Sie fuhr auf­fal­lend oft nach Ut­zenaich. Mir wur­de ge­mel­det, dass sie an ei­nem be­stimm­ten Tag wie­der nach Wien mit Hams­terware zu­rück­fährt.“ „Die Gen­dar­me­rie er­wisch­te die Rot-Kreuz-Schwes­ter und da­bei stell­te sich her­aus, dass die Bäue­rin Hartl eine Sau „schwarz“ ge­schlach­tet hat­te.“ – Wer hat das wohl „ge­mel­det“, aus­spio­niert und de­nun­ziert?

Am 15. Ok­to­ber 1943 ar­re­tier­te man Frau Hartl neu­er­lich. Der Lei­ter des SD in Ried stell­te ge­mein­sam mit dem Par­tei­ge­nos­sen ih­res vor­ehe­li­chen Soh­nes bei der Be­ob­ach­tung durch ein Fens­ter ih­res Ho­fes fest, dass sie ge­mein­sam mit ei­ner wei­te­ren Frau den Lon­do­ner Sen­der hör­te. In sei­nem Be­richt be­an­stan­de­te er au­ßer­dem „ihr freund­schaft­lich-lo­cke­res Ver­hält­nis zu den aus­län­di­schen Zwangs­ar­bei­tern. Ihr Ruf in per­sön­li­cher Hin­sicht ist sehr zwei­fel­haft, nach­dem sie es nicht ver­steht, Ab­stand zu den Fremd­völ­ki­schen zu be­wah­ren“.

Man in­haf­tier­te sie im Land­ge­richt Linz und warf ihr im Pro­zess ihre po­li­ti­sche Un­zu­ver­läs­sig­keit vor. Die zeig­te sich in der Un­ter­stüt­zung der Va­ter­län­di­schen Front wäh­rend der Doll­fuß-Schu­sch­nigg-Dik­ta­tur.

Am 11. Jän­ner 1944 ver­ur­teil­te sie das Son­der­ge­richt Linz, gez. LG­Präs. Dr. Schneck, „im Na­men des deut­schen Vol­kes“ we­gen „Ver­bre­chen des § 1 der VO über ao Rund­funk-Maß­nah­me“ (14) zu 15 Mo­na­ten Zucht­haus und zum Kos­ten­er­satz für Ge­richt und Haft. (15) Die­ses „Feind­sen­der­hö­ren“ war eine sehr häu­fi­ge Straf­tat. Die Dun­kel­zif­fer über­steigt die Ver­ur­tei­lun­gen haus­hoch. Die Bäue­rin muss­te für ihr vier­ein­halb­jäh­ri­ges Lin­nerl ei­nen Pfle­ge­platz und Not­lö­sun­gen fin­den, da­mit der Hof, wo sie alle Rech­te ver­lo­ren hat­te, wei­ter funk­tio­nier­te. Wäh­rend ih­rer Ab­we­sen­heit half in der ers­ten Zeit ihre Nich­te The­re­sia. Die­se wur­de von ih­rer Mut­ter Anna Win­kel­ham­mer, eine leib­li­che Schwes­ter von Ka­ro­li­ne, wie­der zu­rück­ge­holt, weil ihr Mann krank wur­de und starb. Sie brauch­te dann für die Be­wirt­schaf­tung des Ho­fes ih­res Man­nes mit 90 Joch Grund in Tauf­kir­chen an der Pram un­be­dingt ihre Toch­ter als „Trak­tor­füh­re­rin“. Die Orts­bau­ern­füh­rer muss­ten al­les prü­fen und be­wil­li­gen. Den (meist) pol­ni­schen und rus­si­schen Knech­ten und Mäg­den, die man zur Ar­beit „im Reich“ ge­zwun­gen hat­te – und den „feind­li­chen“ Kriegs­ge­fan­ge­nen – fehl­ten meist die not­wen­di­gen Spe­zi­al­kennt­nis­se. Ein Bau­ern­sohn aus Tu­melts­ham wur­de als Be­triebs­füh­rer ver­pflich­tet.

Die Bit­te um Be­gna­di­gung von Ka­ro­li­ne Hartl – un­ter die­sen Um­stän­den – wur­de ab­ge­lehnt.

Die Stra­fe ver­büß­te sie nach der Un­ter­su­chungs­haft in Linz vom 12. Jän­ner 1944 bis 14. Ok­to­ber 1944 im Frau­en­zucht­haus Aich­ach (zwi­schen Mün­chen und Ulm). (16) Dort wur­den die in­haf­tier­ten Frau­en zur Zwangs­ar­beit für die Rüs­tungs­in­dus­trie ge­nö­tigt. Es kam auch in min­des­tens 110 Fäl­len zu Zwangs­ste­ri­li­sa­tio­nen. 362 Frau­en wur­den an­fangs 1943 von Aich­ach aus in das KZ Ausch­witz-Bir­ken­au de­por­tiert, wo sei­ner­zeit das Fleck­fie­ber wü­te­te. Schon des­halb war die To­des­ra­te sehr hoch. Kei­ne der Frau­en kehr­te aus Ausch­witz zu­rück. Ka­ro­li­ne wur­de im Frau­en­zucht­haus bei Au­ßen­ar­bei­ten ein­ge­setzt und kam bald nach In­gol­stadt in ei­nen Wehr­be­trieb hin­ter Sta­chel­draht. Wer noch ar­bei­ten konn­te durf­te noch le­ben.

Frau Hartl hat­te noch Glück im Un­glück. Der Ar­beits­kräf­te­man­gel in der Land­wirt­schaft war be­reits ka­ta­stro­phal. Selbst aus­län­di­sche Zwangsarbeiter*innen wur­den zu Schanz­ar­bei­ten ab­ge­zo­gen und fehl­ten am Bau­ern­hof. Über An­su­chen ih­res Bru­ders, der schil­der­te, wie drin­gend sie als Ar­beits­kraft für die Land­wirt­schaft ge­braucht wird, kam sie früh­zei­tig frei. Am 14. Ok­to­ber 1944 ent­ließ man sie un­ter An­rech­nung der Un­ter­su­chungs­haft mit ei­ner drei­jäh­ri­gen Pro­be- bzw. Be­wäh­rungs­zeit bis 14. Ok­to­ber 1947. > abb. 6

Die Schnei­de­rin Hil­de In­dich, ge­bo­re­ne Bor­ko­wetz aus Wien, war ver­armt, krank und seit März 1943 im Kran­ken­stand, er­hielt aber kein Kran­ken­geld. Die Bäue­rin Hartl hat­te sie im Haus mit Kost und Quar­tier ge­gen Mit­hil­fe im Haus­halt, so­weit es ihr mög­lich war, auf­ge­nom­men. Sie wur­de eben­falls als Mit­hö­re­rin des Rund­funk­ver­bre­chens an­ge­zeigt. Sie konn­te glaub­haft ma­chen, dass sie zwar an­we­send war, als Frau Hartl vom Spit­zel­dienst er­tappt wur­de, aber vor Er­schöp­fung ein­ge­schla­fen war und nichts da­von ge­hört habe. (17)

Sie hat­te of­fen­bar Glück mit dem Rich­ter. Hät­te die­ser ge­wusst oder ge­wich­tet, dass sie mit ei­nem Ju­den ver­hei­ra­tet war, der im No­vem­ber 1938 in Wien ver­haf­tet wur­de und ein Mo­nat spä­ter im KZ Dach­au zu Tode kam (18), wäre sie ver­mut­lich auch ver­ur­teilt wor­den. Sie war zu­dem Mut­ter ei­nes „Misch­ling 1. Gra­des“, wie „Halb­ju­den“ be­zeich­net wur­den.

Die Tat­ge­schich­te und wer da­hin­ter stand (19)

Der HJ-Kreis­ju­gend­wart und Freund von Sohn Sieg­fried war auch Mit­ar­bei­ter für den Si­cher­heits­dienst der Ge­sta­po. Er kam na­tür­lich oft in das Hartl-Haus und ver­ehr­te ei­ni­ge Zeit die 15jährige Hartl-Nich­te The­re­sia. Das ver­such­te die Tan­te zu un­ter­bin­den. Ver­stärk­ter Zorn war ne­ben der Geg­ner­schaft aus den dia­me­tral ge­gen­sätz­li­chen Ideo­lo­gien die Fol­ge.

Mit der Fa­mi­lie Man­zeneder, in der Nach­bar­schaft, war Ka­ro­li­ne sehr be­freun­det. Sie stimm­ten auch mit de­ren po­li­ti­schen An­sich­ten über­ein. Der Bau­er Jo­hann M. wur­de im Früh­jahr 1943 we­gen Ab­hö­ren ei­nes Feind­sen­ders von der Ge­sta­po ver­haf­tet und vier Wo­chen ein­ge­sperrt. Als De­nun­zi­ant und An­zei­ger sa­hen sie den im NS-Ap­pa­rat be­schäf­tig­ten Jüng­ling aus der Nach­bar­schaft. Die Fa­mi­lie und Freun­de des Be­trof­fe­nen hat­ten eine gro­ße Wut auf ihn. Wie vie­le, die sich durch den jun­gen, blind­wü­ti­gen Par­tei­ge­nos­sen ge­schä­digt fühl­ten.

Ge­rech­tig­keit nach 1945?

Jo­hann Man­zeneder klag­te 1947 den in­zwi­schen von den sieg­rei­chen Ame­ri­ka­nern in­haf­tier­ten Ut­zenai­cher NS-Tä­ter we­gen De­nun­zia­ti­on. (20)

Die­ser Kla­ge ge­gen den „Bau­ern­schreck“, wie er be­zeich­net wur­de, ha­ben sich vie­le an­ge­schlos­sen (21), die sich durch ihn ge­schä­digt fühl­ten. Es wur­den vie­le Zeug*innen, dar­un­ter auch Ka­ro­li­ne Hartl, ver­nom­men. Aus den Aus­sa­gen ein paar Kost­pro­ben: Der An­ge­klag­te hat „Haus­durch­su­chun­gen bei ‚Schlecht­lie­fe­ran­ten‘ (so wurden Bau­ern be­zeich­net, die die vor­ge­schrie­be­ne Men­ge an Nahrungs­mit­tel nicht ab­lie­fern konn­ten oder woll­ten) durch­ge­führt oder sich be­tei­ligt, be­son­ders ge­gen sol­che, wel­che kei­ne Na­zis wa­ren. Er ist rück­sichts­los und ge­mein vor­ge­gan­gen. Er droh­te mit Ein­sper­ren und Er­schie­ßen, wo er auf Wi­der­stand stieß, oder wo er al­lein­ste­hen­den Bäue­rin­nen Furcht und Angst ein­ja­gen woll­te.“

Ka­ro­li­ne Hartl sag­te da­mals aus: „Der be­schul­dig­te Freund mei­nes Soh­nes war da­mals je­den Abend bei uns und schmus­te mit der bild­saube­ren Rus­sin, die Magd bei uns war. Er strei­chel­te ihr Arm und Bu­sen. Als der Man­zeneder ver­haf­tet wur­de, hat­te ich ei­nen Zorn auf den Bur­schen und sag­te, er sol­le zu­erst auf sich sel­ber schau­en und dann erst an­de­re an­zei­gen.“ (Die Lieb­schaft mit ei­ner Rus­sin war streng ver­bo­ten.) Dar­auf­hin pfauch­te er zu­rück: „Ich wer­de dich noch ins Zucht­haus brin­gen.“

Im Pro­zess sag­te der An­ge­klag­te aus, dass Sieg­fried und sein ver­stor­be­ner Va­ter Jo­sef NS-Par­tei­ge­nos­sen wa­ren. Die NS-Geg­ne­rin sei die Mut­ter. „Un­ter dem Einfluss der bei­den Frau­en (Hartl und Man­zeneder) ha­ben Va­ter und Sohn in der Ge­sin­nung und in der stram­men Hal­tung als Par­tei­ge­nos­sen sehr nach­ge­las­sen.“

Das Ur­teil nach die­sem Pro­zess liegt dem Au­tor lei­der nicht vor.

Der An­ge­klag­te wur­de aus dem In­ter­nie­rungs­la­ger der US-Army „Camp Mar­cus W. Orr“ (Gla­sen­bach) ent­las­sen und von der Gen­dar­me­rie am glei­chen Tag we­gen § 7 des Kriegs­ver­bre­cher­ge­set­zes ver­haf­tet und in die Haft­an­stalt beim Kreis­ge­richt Ried ein­ge­lie­fert. Auf Grund der Ent­schei­dung des Rich­ters Dr. K. vom 26. 3. 1947 wird er „ge­gen Ge­löb­nis gem. § 191 StPÖ ent­haf­tet“. Auch er wird in der Land­wirt­schaft sei­nes künf­ti­gen Schwie­ger­va­ters un­be­dingt ge­braucht.

Au­tor: Gott­fried Gan­sin­ger, 4910 Ried i. I., Zeit­ge­schicht­ler für den lo­ka­len Raum, Au­tor

Gra­fik: Mag. Kurt Hö­retze­der, 6351 Schef­f­au am Wil­den Kai­ser

Fo­tos: Alle aus dem Pri­vat­ar­chiv von Ka­ro­li­ne Hartl, * 1939

Quel­len

OÖLA Linz, LG SoGe Linz, 745‑1943, Zl.340–349

OÖLA Linz, LG Linz, 249‑1947, VgVr, Zl. 2478–47

Wi­der­stand und Ver­fol­gung, Ober­ös­ter­reich, Band 1, S. 506, 2. Aufl., DÖW Wien 1984, auch im In­ter­net ab­ruf­bar: https://​www​.doew​.at/​c​m​s​/​d​o​w​n​l​o​a​d​/​f​t​v​n​i​/​w​u​v​_​o​o​e​_​b​d​1​_​w​e​b​.​pdf

Gott­fried Gan­sin­ger, Na­tio­nal­so­zia­lis­mus im Be­zirk Ried i. I., Wi­der­stand und Ver­fol­gung 1938–1945, 4. er­wei­ter­te Auf­la­ge, 376 Sei­ten, ge­bun­den, Inns­bruck 2018

Frau­en in Ober­ös­ter­reich ge­gen das NS-Re­gime 1938–1945, Mar­ti­na Guggl­ber­ger, Eli­sa Frei und Alex­an­dra Wach­ter, OÖLA, Linz 2021

In­ter­net: je­weils in den End­no­ten an­ge­ge­ben

Dank an die Zeit­zeu­gen

Rosi Dürn­ber­ger, Salz­burg, Ar­beits­kol­le­gin und Freun­din von Lin­nerl Hartl

Mo­ni­ka Würt­hin­ger, Ut­zenaich, Di­rek­to­rin des Diö­ze­san­ar­chivs Linz i.R.

Prof. Dr. Jo­han­nes Mar­böck, Linz, einst Pfarr­pro­vi­sor in Ut­zenaich

Mina Fi­scher, ehe­ma­li­ge Mit­ar­bei­te­rin am Stan­des­amt Ut­zenaich

Eva Gan­sin­ger, Linz, Schul- und Ar­beits­kol­le­gin von Lin­nerl Hartl

Kon­rad Flot­zin­ger, ehe­ma­li­ger Amts­vor­stand der Ge­mein­de Ut­zenaich

Fuß­no­ten

  1. OÖLA Linz, 745/1943 LG Son­der­ge­richt Linz, Zl. 348
  2. Gott­fried Gan­sin­ger, Na­tio­nal­so­zia­lis­mus im Be­zirk Ried i. I., Wi­der­stand und Ver­fol­gung 1938–1945, 4. er­wei­ter­te Auf­la­ge
  3. Die Da­ten al­ler Per­so­nen stam­men – so­weit auf Grund von Da­ten­schutz-Be­stim­mun­gen zu­gäng­lich – aus den je­wei­li­gen Pfar­ren bzw. der Da­ten­bank „ma­tri­cu­la“, an­de­re aus dem Fa­mi­li­en­kreis.
  4. BH Ried, II-1414/33
  5. Bun­des­ar­chiv Ber­lin, Si­gna­tur B 563–05367 B 563/04351
  6. eben­da
  7. Univ. Prof. Dr. Bar­ba­ra Stelzl-Marx, Mail 28.01.2023
  8. Aus­kunft von Jo­sef Schwarz­mayr-Schnee­bau­er, 2.2023
  9. Jo­han­nes Mar­böck, * 8.2.1935 in Nat­tern­bach, stu­dier­te in Rom, war Pro­fes­sor für Al­tes Tes­ta­ment an den Theo­lo­gi­schen Lehr­an­stal­ten Linz, Uni­ver­si­tät Graz, und dort auch De­kan. Buch­au­tor. Jo­han­nes Mar­böck – Wi­ki­pe­dia, Mail an den Au­tor, 4.8.2022
  10. OÖLA, Linz, 745/1943, LG Linz als SG, Zl. 348, dar­aus zi­tiert
  11. Wi­der­stand und Ver­fol­gung OÖ., Bd 1, 506; DÖW 14.762
  12. Die KWVO vom 9.1939 war ein deut­sches Ge­setz zur Zeit des Na­tio­nal­so­zia­lis­mus, das zur Um­set­zung der staat­lich ge­lenk­ten Kriegs­wirt­schaft im Zwei­ten Welt­krieg dien­te und das De­likt Kriegs­wirt­schafts­ver­bre­chen ein­führ­te. https://​de​.wi​ki​pe​dia​.org/​w​i​k​i​/​K​r​i​e​g​s​w​i​r​t​s​c​h​a​f​t​s​v​e​r​o​r​d​n​ung
  13. Den SD (Si­cher­heits­dienst) bau­te man zum höchst ef­fi­zi­en­ten Nach­rich­ten­ap­pa­rat 1944 ge­hör­ten ihm rund 6.400 haupt­amt­li­che Mit­ar­bei­ter an. Eine Au­ßen­stel­le war in Ried i. I. Ab Jän­ner 1943 lei­te­te der in Ried ge­bo­re­ne Ernst Kal­ten­brun­ner den SD und das RSHA (Reichs­si­cher­heits-Haupt­amt) in Ber­lin, die zen­tra­le Schalt­stel­le für Über­wa­chung und Ter­ro­ri­sie­rung im ge­sam­ten Deut­schen Reich. https://​www​.dhm​.de/​l​e​m​o​/​k​a​p​i​t​e​l​/​n​s​-​r​e​g​i​m​e​/​n​s​-​o​r​g​a​n​i​s​a​t​i​o​n​e​n​/​s​i​c​h​e​r​h​e​i​t​s​d​i​e​n​s​t​.​h​tml
  14. Ver­ord­nung der Rund­funk-Maß­nah­me vom 9.1939, RGBL. I Sei­te 1683
  15. OÖLA, Linz, 745/1943
  16. https://​de​.wi​ki​pe​dia​.org/​w​i​k​i​/​J​u​s​t​i​z​v​o​l​l​z​u​g​s​a​n​s​t​a​l​t​_​A​i​c​h​ach
  17. OÖLA, Linz, 745/1943
  18. DÖW, https://​www​.doew​.at/​p​e​r​s​o​n​e​n​s​u​che; In­dich, am 10.11.1938 in das KZ Dach­au de­por­tiert, dort † 1.12.1938; Da­ten­bank Dach­au: https://​ste​ve​mor​se​.org/​d​a​c​h​a​u​/​d​e​t​a​i​l​s​.​php
  19. OÖLA Linz, 249/1947, Lin­zer Ge­rich­te, VgVr, Zl. 359
  20. OÖLA Linz, LG Linz, 249‑1947, VgVr , Zl. 2478–47, 359, dar­aus wird im Fol­gen­den auch zi­tiert
  21. Ju­lia­ne M., Lamb­rech­ten; Kres­zenz N., Lamb­rech­ten; Fritz Z., Ut­zenaich; Jo­hann , Ut­zenaich; Karl S., Ut­zenaich
  22. Eli­sa Frei, Mar­ti­na Guggl­ber­ger, Alex­an­dra Wach­ter, Wi­der­stand und Frau­en in Ober­ös­ter­reich ge­gen das NS-Re­gime 1938–1945, Linz 2021
Ka­ro­li­ne Hartl (ge­bo­re­ne Wür­tin­ger)
abb. 1 Der Tauf­schein von Ka­ro­li­ne Hartl, aus­ge­stellt am 8. Sep­tem­ber 1907 vom Pfarr­amt in Gein­berg
abb. 2 Zwei selbst­be­wuss­te „Da­men“ – »Lin­nerl« und ihre Mut­ter, Ka­ro­li­ne Hartl, um 1945
abb. 3 Das Foto zeigt die Hof­statt der Fa­mi­lie Hartl in Ut­zenaich und alle dort Be­schäf­tig­ten. Die 4. v. links ist Ka­ro­li­ne, da­ne­ben ihr Mann Jo­sef und der Sohn Sieg­fried auf dem Mo­tor­rad. Die Auf­nah­me dürf­te vor der Ge­burt der Toch­ter Lin­nerl im Jahr 1939 ge­macht wor­den sein.
abb. 4 Das kunst­vol­le Schmie­de­ei­sen­kreuz am Fried­hof in Ut­zenaich er­in­nert heu­te nur mehr an Ka­ro­li­ne Hartl (1939–2008), frü­her stan­den die Mut­ter Ka­ro­li­ne Hartl (1893–1972), ihr Mann Jo­sef und ihr Va­ter Leo­pold auf der Na­mens­ta­fel.
abb. 5 Am Foto prä­sen­tiert sich Sieg­fried stolz mit dem Ha­ken­kreuz-Ab­zei­chen am Rock­re­vers.
abb. 6 Ent­las­sungs­schein von Ka­ro­li­ne Hartl aus dem Frau­en­zucht­haus Aich­ach (ge­le­gen zwi­schen Mün­chen und Ulm)