Anna Pröll
Bei dem folgenden Text über die Widerstandskämpferin Anna Pröll handelt es sich um Auszüge eines längeren Textes, ergänzt durch Originaldokumente, verfasst von Dr. Bernhard Lehmann. Die vertiefenden Informationen lassen sich dem ausführlichen PDF Dokument zu Anna Pröll entnehmen, und zwar unter dem Link: Anna Pröll – ausführliche Biografie – Dr. Bernhard Lehmann
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Anna Pröll
Anna Nolan, verh. Pröll, geb. am 12. Juni 1916, verst. am 28.5.2006, politisch verfolgt: „Schutzhaft“ vom 1.9.1933 bis 22. Januar 1934; Frauengefängnis Aichach vom 31. Juli 1934 bis 30. April 1936; KZ Moringen vom 1. Mai 1936 bis Mitte Juni 1937, danach unter permanenter Observation der Gestapo
Annas Interesse an der Politik
Anna lernt in der Schule Kinder kennen, die vom Hunger geplagt sind, weil deren Väter arbeitslos sind. Sie stellt viele politische Fragen. „Anna, ich hab Angst um Dich“, sagt die Lehrerin. Als sie krank ist, liest sie kommunistische Broschüren und Zeitschriften, die es bei ihnen zuhause gibt. Häufig holt sie den Vater von politischen Versammlungen ab und muss auf ihn warten. „Hitler bedeutet Krieg“, sagt ihr Vater wiederholt. Was sie bei den Diskussionen der KPD-Versammlungen hört, findet sie für durchaus plausibel18. Anna betont, dass der Vater nicht versucht hat, sie politisch zu beeinflussen. Sie sei durch eigenes Erleben und Nachdenken zur KPD gekommen. Aber was sie von ihrem Vater als Sportler lernt ist Disziplin, Durchhaltevermögen, Fair Play, Wertschätzung anderer Personen und Toleranz.
18 Aussage Anna Prölls im Film: Anna, ich habe Angst um Dich.
Eintritt Anna Prölls in die kommunistische Jugendorganisation
Anna entwickelt früh ein intensives Interesse an der Politik. Ihre Überzeugungen werden durch die Sozialisierung im Elternhaus, durch eigenes Erleben sowie intensives Studium der Literatur geprägt. Anna ist eine ausgesprochene Leseratte. Als 15-jährige schließt sich Anna 1931 der Jugendorganisation der KPD, dem KJVD an. Zu dieser Zeit hat sie die 8‑jährige Volksschule absolviert und macht eine 3‑jährige Ausbildung in einer kaufmännischen Fortbildungsschule29. Sie arbeitet bereits als Verkäuferin30. Treffpunkt des KJVD ist das kommunistische Arbeiterheim in der Mittelstraße, in der Vorstadt „Rechts der Wertach“ nahe dem Senkelbach. Sie nutzt die Zeit zu Fortbildungen und kann als Leiterin der dortigen Jugendbibliothek ihren Lesehunger befriedigen31.
29 Interview von Schülern des Paul-Klee-Gymnasiums Gersthofen mit Anna Pröll am 12.3.2001: http://www.zum.de/Faecher/Materialien/lehmann/proell/anna/anna.htm
30 Lebenslauf Anna Pröll 2.8.34, JVA 691Aichach
31 Interview mit Anna Pröll durch Schüler des Paul-Klee-Gymnasiums Gersthofen am 12.3.2001 mit Anna Pröll: http://www.zum.de/Faecher/Materialien/lehmann/proell/anna/anna.htm
Verbot der KPD und der SPD nach der Machtübernahme
Die ersten Terrormaßnahmen der Nationalsozialisten nach der Machtübernahme am 30. Januar 1933 richten sich naturgemäß gegen die politischen Hauptgegner KPD und SPD. Spätestens mit der Reichstagsbrandverordnung vom 28. Februar 1933 und den Ausführungsbestimmungen des bayerischen Innenministeriums vom 1. März 1933 kommt es zu Verhaftungen und Hausdurchsuchungen sowie zum De-facto-Verbot der KPD – trotz der bevorstehenden Reichstagswahl, zu der die KPD noch antreten kann32. Bei der Familie Pröll waren es nach Angaben der Familie insgesamt 1033.
Nach der Machtergreifung in Bayern am 9. März 1933 erfolgen in den nächsten Wochen flächendeckend Verhaftungen ortsbekannter Kommunisten in ganz Bayern. Sie werden in örtliche Gefängnisse eingeliefert34 und anschließend oft in das für politische Häftlinge neu geschaffene Konzentrationslager Dachau weitertransportiert. Auch in Augsburg werden Anfang März sämtliche kommunistischen Funktionäre in Schutzhaft genommen. Insgesamt sind es in Augsburg 68 Personen, davon auch 15 bis 20 sozialdemokratische Funktionsträger und maßgebliche Persönlichkeiten des Reichsbanners35. Josef Pröll, der spätere Ehemann von Anna und Max Hammer, mit dem Anna Nolan 1933 nach dessen Entlassung aus dem Katzenstadel konspiriert, befinden sich ebenfalls auf der Liste36.
32 Zusammenhang nach: https://www.historisches-lexikon-bayerns.de/Lexikon/Kommunistische_Partei_Deutschlands_(KPD),_1919-1933/1945-1956#Verfolgung_und_Widerstand_w.C3.A4hrend_der_NS-Diktatur
33 https://www.anna-film.de/annas-familie/karl-nolan/ . Es ist unmöglich zu rekonstruieren, wann genau die Hausdurchsuchungen stattgefunden haben.
34 Eine Liste der verhafteten Augsburger findet sich im Augsburger Lokalanzeiger der Neuen Nationalzeitung (NNZ) vom 20.3. 1933.
35 Augsburger Neue Zeitung vom 13.März 1933
36 Roter Parteitag im Katzenstadel, in: NNZ, 20.3.1933
Widerstand der Jugendorganisation KJVD
Gerade deshalb formieren sich im Sommer 1933 vor allem in den größeren Städten selbständige Kleingruppen, die in der Hoffnung auf baldigen Massenwiderstand gegen die NS-Herrschaft illegal hergestellte Flugschriften verteilen. Relativ schnell gelingt es in Bayern, zumindest ansatzweise, illegale Leitungen aufzubauen. Träger der illegalen Arbeit (Druck und Verteilung von Schriften, Geldsammlungen für Familien von Inhaftierten, Schmuggel illegalen Materials sind häufig jüngere Mitglieder der KPD oder des Jugendverbandes, die den ersten Verhaftungen entgehen konnten. In weiteren größeren Verhaftungswellen – ausgelöst u. a. durch einen in die illegale KP-Leitung Bayerns eingeschleusten Spitzel – dann das NS-Regime bis 1936 den Widerstand zunächst nahezu völlig zum Erliegen bringen38.
38 Ebenda
Widerstand des KJVD mit Anna Pröll in Augsburg
In diesem Kontext sind die Aktivitäten des KJVD in Augsburg zu sehen. Annas 5 Jahre älterer Freund Max Ullermann39 ist politischer Leiter des KJVD und vom September 32 an Jugendleiter der Revolutionären Gewerkschaftsorganisation (RGO)40. Organisatorisch ist der KJVD von der KPD getrennt und „trägt … zu einem erheblichen Teil die illegalen kommunistischen Aktivitäten, die sich gegen das III. Reich richten41.
39 Max Ullermann, geb. 11.5.1911, wohnhaft in Augsburg-Oberhausen, Dinglerstr. 11. Auch er befindet sich im August 1934 in Polizeihaft: StAM JVA 691
40 StAM, JVA 691 Anna Nolan
41 Gernot Römer, a.a.O., S. 215
Poltische Aktivität wird kriminalisiert
Nach dem Verbot der Partei und der Verhaftung der Funktionsträger möchte die Jugendorganisation weiterhin gegen Hitler und die Nationalsozialisten agieren und agitieren. Anna Pröll ist als 17-jährige als Energiebündel die „Seele“42 der Bewegung.
Mehrfach finden zwischen April und August 1933 konspirative Treffen der Augsburger Gruppe um Max Hammer43, Anna Nolan, Johann Müller, Georg Schwelle, Bartholomäus Hintermayr, Albert Krauss, Ludwig Wipfler und anderen mit den Münchner Genossen der Jugendorganisation um Andreas Zinner, Heinrich Döppel, Georg Limmer, Ernst Lörcher und Alfons Hubauer statt, wechselweise in München, Augsburg, Mammendorf und Friedberg44.
Die jungen Leute wollen eine Intensivierung der Kooperation zwischen München und Augsburg, verteilen Flugblätter, organisieren Klebeaktionen und wollen weitere Mitglieder werben. Annas Gruppe verteilt nachts Flugblätter und Zeitschriften gegen die Nazis, wirbt für die KPD und schreibt Parolen an Litfaßsäulen und Häuserwände.
Von der Münchner Gruppe erhalten die Augsburger am 20. August 33 endlich eine Schreibmaschine und einen Vervielfältigungsapparat. Am 28.August gibt es eine letzte „Klebeaktion“, an der wie immer Anna Nolan beteiligt ist. Ein letztes Treffen der Gruppe findet im Paradiesgarten im Spickel am 30. August statt.
42 So der Zeitungsartikel nach der Festnahme am 1.9.1933.
43 Max Hammer war der älteste der Gruppe (geb. 29.9.1898), der bereits am 20. März 1933 in Augsburg verhaftet wurde. Er war von Oktober 31 bis zum 10.3.33 Mitglied des RGO, ab Juli Politischer Leiter im Unterbezirk Augsburg, Mitglied der Roten Hilfe und im Kampfbund gegen Faschismus.
44 StAM, JVA 691 Anna Nolan
Festnahme am 1.9.1933
Am 1. September 1933 wird die Gruppe bei einer Razzia in der Wertachvorstadt von der Politischen Polizei gefasst und verhaftet. Anna wird in „Schutzhaft“46 genommen.
In einem Heuschober und einer Küchenwand in Friedberg findet die Polizei Schreibmaschine und den Abzugsapparat der Gruppe47. „Ein Mädchen die Seele des Ganzen“ steht am nächsten Tag in der Zeitung zu lesen48. Anna verbleibt 5 Monate im Katzenstadel in Augsburg in „Schutzhaft“49, bis zum 22. Januar 1934.
46 Die „Schutzhaft“ war eines der schlagkräftigsten Instrumente des NS ‑Regimes zur Bekämpfung seiner Gegner. Mit Hilfe der „Schutzhaft“, deren formaljuristische Grundlage die „Reichstagsbrandverordnung“ vom 28. Februar 1933 bildete, schuf sich die Geheime Staatspolizei (Gestapo) einen von jeder rechtsstaatlichen Bindung gelösten Raum staatlicher Willkür. Erste Opfer der „Schutzhaft“ waren vor allem Funktionäre der Arbeiterbewegung sowie Juden, die in den zunächst „wilden“ Konzentrationslagern festgesetzt wurden. Ende Juli 1933 befanden sich in ganz Deutschland mehr als 26.000 Menschen in „Schutzhaft“. https://www.dhm.de/lemo/kapitel/ns-regime/etablierung-der-ns-herrschaft/schutzhaft.html ;https://www.bpb.de/geschichte/nationalsozialismus/ravensbrueck/60783/s ‑z
47 Gernot Römer, a.a.O., S. 217
48 http://vvn-augsburg.de/3_portraets/Proell_Anni/nachruf_lagergemeinschaft.html
49 Frauengeschichtskreis Augsburg, Augsburger Frauen im Widerstand, Augsburg 2014, S.87–91: Anna Pröll.
Verfahren gegen Anna Pröll
In einem Prozess am 12.7.34 wird Anna Pröll zu einer Gefängnisstrafe von 10 Monaten verurteilt.
Strafvollzug im Frauengefängnis Aichach
Anna muss ihre Gefängnisstrafe am 31. Juli 1934 im Frauengefängnis in Aichach antreten.
Gleich zu Beginn wird Anna Nolan auferlegt, einen Lebenslauf zu schreiben, aus dem hervorgeht, dass sie ihre Taten bereut. Ihre Haft muss sie mit Stricken und Häkeln verbringen, wofür sie nach ihrer Entlassung 66,73 RM erhält53.
53 StAM, JVA 691 Anna Nolan
Zweiter Prozess wegen „Beihilfe zur Vorbereitung zum Hochverrat“
Am 9.12.34 wird Anna im Gefängnis erneut vernommen, und zwar als Vorbereitung des „Prozesses gegen Friedrich Schenk und Genossen“ und deren Anklage der Vorbereitung zum Hochverrat. Im Verhör sagt sie folgendes aus: „Ich war der Überzeugung, dass der arbeitenden Klasse nur durch den Kommunismus zu einer besseren Lebenshaltung verholfen werden kann“55. Der Untersuchungsrichter des Volksgerichts am Landgericht München I erhebt nach dem Verhör wenige Tage später, am 15. Dezember 1934 erneut Haftbefehl gegen Anna Pröll „wegen eines Verbrechens der Vorbereitung zum Hochverrat“. Die Kriminalbiologische Sammelstelle München erbittet den Personalbogen der Angeklagten, um ein Gutachten zu erstellen56.
Wegen des zweiten Prozesses, der am 4.März 1935 beginnt, wird Anna ins Strafvollstreckungsgefängnis nach München-Stadelheim überführt. In diesem Verfahren wird sie wegen des Verbrechens zur „Beihilfe der Vorbereitung zum Hochverrat“ zu einer Gesamtstrafe von 1 Jahr 9 Monaten verurteilt, unter Anrechnung der bisherigen Strafe von 10 Monaten57.
Bei Anna Nolan gelangt das Gericht zur Schlussfolgerung:
„Anna Nolan war bei Begehung der Tat noch nicht bestraft. Sie war aber wegen ähnlicher Umtriebe festgenommen und einige Monate in Schutzhaft behalten worden64. Ein Verfahren wegen Vorbereitung eines hochverräterischen Unternehmens war gegen sie anhängig und die Anklageschrift wurde ihr am 21. Juni 1934 zugestellt. Trotzdem ist sie nicht davor zurückgeschreckt, der Vorbereitung eines neuen hochverräterischen Unternehmens ihre Hilfe angedeihen zu lassen. Sie hat auch kein volles Geständnis abgelegt, sondern Zweck und Tragweite ihres verbrecherischen Handelns abzuschwächen versucht.
Anna Nolans Gefängnisstrafe verlängert sich damit bis zum 30. April 1936.
Anna selbst sagt über ihren Aufenthalt im Frauengefängnis Aichach:
„Als ich in Aichach war, habe ich zuerst Säcke geflickt, gestrickt und Weißwäsche gestickt, weil mein Beruf ja in diese Richtung ging. Die Arbeit war ja auch für Firmen, da hat also die Anstalt Aichach auch wieder verdient. Ich war ja in Einzelhaft und musste immer von in der Früh um 7 bis abends um 6 Uhr arbeiten.“71
55 StAM, JVA 691 Anna Nolan, zitiert bei: Frauengeschichtskreis Augsburg, Augsburger Frauen im Widerstand, Augsburg 2014, S.87–91: Anna Pröll
56 Ebenda, 20.12.34
57 StAM, JVA 691 Anna Nolan. Der Generalstaatsanwalt bei dem Obersten Landesgericht, Strafvollzug gegen Nolan Anna, 20.März 1935
64 Anna wurde am 1.9.33 in Schutzhaft genommen und blieb bis zum 22.1.34 im Augsburger Gefängnis, vgl. Text oben.
71 Interview mit Anna Pröll am 12.3.2001 mit Schülern des Paul-Klee-Gymnasium Gersthofen http://www.zum.de/Faecher/Materialien/lehmann/proell/anna/anna.htm
Entlassung aus dem Frauengefängnis Aichach
Am 30. April 1936 ist es soweit, Anna wird aus dem Strafgefängnis Aichach entlassen. Es wird ihr ein sehr gutes Führungszeugnis ausgestellt: „Nr.3148 Nolan Anna war mit Sticken beschäftigt. Sie arbeitete sehr fleißig und schön. Ihre Führung war bis auf eine Hausstrafe tadellos“89
Das Schreiben kann man durchaus als zynisch betrachten. Anna war fast durchgängig die 21 Monate in Einzelhaft. Auf ihr Alter, auf den Drang, sich mit Mithäftlingen auszutauschen, auf das Bedürfnis nach Kommunikation wird keinerlei Rücksicht genommen. Ebenso wenig auf ihre Gesundheit. Dabei ist sie dem Gesetz nach immer noch unmündig!
Die Unbarmherzigkeit des NS-Systems wird deutlich. Aber die Haft hat Anna auch stärker gemacht, sie hat einen unbeugsamen Charakter. Sie ist zielstrebig, hat sich auf den Sprachduktus der Nazis eingestellt und agiert vorsichtig, aber lässt sich nicht davon abbringen, dass das Hitlersystem bekämpft werden muss.
89 Ebenda, Meldung vom 29.4.36
Anna Nolan im Frauenschutzhaftlager Moringen
Noch im Mai kommt Anna ins KZ Moringen in Niedersachsen.
Ursprünglich war das Provinzialwerkhaus Moringen ein sog. Arbeitshaus für „Arbeitsscheue“. Nach Hitlers Machtergreifung werden dann dort politische Häftlinge untergebracht, die ab Oktober ins KZ Oranienburg kommen94. Erst danach kommen ausschließlich Frauen dorthin, die bisher während ihrer Schutzhaft in Gefängnissen untergebracht waren. Anfangs waren die meisten der Frauen Zeugen Jehovas95 und politische Häftlinge. 1938 verlegt die SS die Frauen ins KZ Lichtenburg, 1940 wird das KZ in ein sog. „Jugendschutzlager“ umgewandelt96.
Die Verbringung der Frauen beruht auf reiner Willkür und ist auf keinen Gerichtsbeschluss zurückzuführen. Das schlimmste aber ist, dass niemand weiß, wie lange die „Schutzhaft“ dauert. Die Nazis wollen damit die Bevölkerung vor Opposition und Widerstand abschrecken97. Anna ist im Konzentrationslager98, das die Nazis euphemistisch „Frauenschutzhaftlager“99 nennen, die Jüngste. Centa Beimler, die Ehefrau des Widerstandskämpfers Hans Beimler100, der aus dem KZ Dachau entfliehen konnte, nennt Anna „unser Nesthäkchen“101. Anna trifft dort viele andere politischen Häftlinge aus Bayern, die sie zum Teil persönlich kennt. Mit Maria Dengler aus München hat sie zusammengearbeitet, wie aus dem Prozess vom 12.7.34 deutlich wird102. Deren Schwester ist Centa Beimler. Für sie gilt die Sippenhaft, weil Hans Beimler aus dem KZ Dachau geflohen ist und die SS ihnen unterstellt, sie wüssten dessen Aufenthaltsort103. Dank der Solidarität der Frauen, die ihr immer wieder Essen zustecken und auf sie besonders achten, hat Anna Nolan Moringen überlebt104. Die dort erfahrene Solidarität der Lagerinsassen hat Anna ihr Leben lang geprägt. „Das war für mich wie Weihnachten, weil ich unter Bekannten war.“105
94 Gernot Römer, a.a.O.,S. 218
95 KZ-Gedenkstätte Moringen—Memorialmuseums. 1938 verlegte die SS die Frauen in das KZ Lichtenburg, 1940 wurde Moringen in eine „Jugendschutzlager“ umgewandelt:
96 KZ-Gedenkstätte Moringen—Memorialmuseums
97 https://www.bpb.de/geschichte/nationalsozialismus/ravensbrueck/60677/das-system-der-nationalsozialistischen-konzentrationslager ; http://lernen-aus-der-geschichte.de/glossary/term/1652 ;
98 Hans Hesse: Das Frauen-KZ Moringen 1933–1938; Göttingen 2000
99 Zur Diskussion der Begriffe Frauenschutzhaftlager und KZ Moringen vgl. https://www.gedenkstaettenforum.de/uploads/media/GedenkstaettenRundbrief75-13–21.pdf
100 Zu Hans Beimler: https://www.bundesstiftung-aufarbeitung.de/de/recherche/kataloge-datenbanken/biographische-datenbanken/hans-beimler
101 Rede von Dr. Barbara Distel anlässlich der Feier zur Benennung der Mittelschule nach Anna Pröll. Abgedruckt bei: https://www.anna-film.de/anna-pr%C3%B6ll-schule/rede-barb-distel/
102 StAM, JVA 691 Anna Nolan: Prozessakten vom 12.7.34
103 Gernot Römer, a.a.O., S. 219
104 Aussage Anna Prölls im Interview mit Schülern des Paul-Klee-Gymnasiums Gersthofen am 12.3.2001, übereinstimmend Frauengeschichtskreis Augsburg, Augsburger Frauen im Widerstand, Augsburg 2014, Anna Pröll, S.87–91und https://www.anna-film.de/das-leben-der-anna-pr%C3%B6ll/
105 Aussage Anna Pröll bei Gernot Römer, a.a.O., S. 2
Rückkehr aus dem KZ Moringen
„Ich war damals recht menschenscheu und hatte außerdem nichts anzuziehen. Ich wurde schließlich schon mit siebzehn verhaftet und als ich dann mit einundzwanzig entlassen wurde, hatte ich immer noch dieselben Kleidungsstücke an, von damals zu Hause“.122
Nach ihrer Haftentlassung Mitte Juni 1937123 kehrt Anna zu ihrer Familie zurück, muss aber erfahren, dass ihr Vater am 31. Oktober im KZ Dachau ermordet worden ist124. Anna muss sich jeden zweiten Tag bei der Polizei melden, ihr Alltagsleben wird überwacht, immer wieder wird sie verhört, insbesondere als sie sich mit dem Mechaniker Josef Pröll befreundet.
122 Zitiert nach: Frauengeschichtskreis Augsburg, Augsburger Frauen im Widerstand, Augsburg 2014, Anna Pröll, S.87–91
123 So Arne Droldner, Mitarbeiter der KZ Gedenkstätte Moringen: „Die genannten Daten lassen sich aufgrund von unpräzisen Angaben in den Dokumenten nicht genau verifizieren. Fest steht: sie ist im Mai 1936 nach Moringen gekommen. Eine genaues Daten ist nicht überliefert. Ähnliches gilt für das Ende der Haft in Moringen. Es war augenscheinlich kurz nach ihrem Geburtstag im Juni 1937. Das deckt sich mit den Angaben in den Arolsen Archives. Dort ist der 17.6.1937 als Datum vermerkt“.
124 Siehe Text oben; Todesurkunde Standesamt Prittelbach vom 2.11.1937: ITS Bad Arolsen
@Biografie erstellt von Dr. Bernhard Lehmann, Gegen Vergessen-Für Demokratie, RAG Augsburg-Schwaben 14.12.2021
Weitere Informationen zu Anna Pröll
Anna Nolan heiratet das KPD Mitglied Josef Pröll und bekommt 1939 ihren ersten Sohn und 1953, einige Jahre nach Kriegsende, ihren zweiten Sohn. Ihr Mann verbringt während der Naziherrschaft insgesamt etwa acht Jahre in KZ Haft.
Nach dem Krieg engagiert sich Anna Pröll für den Frieden und gegen Rechtsradikalismus. Sie geht in Schulen und berichtet von ihrem Leben unter der Naziherrschaft. Sie bekommt 2002 das Bundesverdienstkreuz verliehen, wird 2003 zur Ehrenbürgerin der Stadt Augsburg ernannt und 2017, elf Jahre nach ihrem Tod 2006, wird die Mittelschule in Gersthofen nach ihr benannt.
Detaillierte Informationen zu ihren gerade genannten weiteren Lebensstationen nach der Haft in Moringen kann man unter folgendem Link nachlesen:
Anna Pröll – ausführliche Biografie – Dr. Bernhard Lehmann
oder unter Archiv / Weitere Dokumente und Materialien

