Anna Dimpfl
Anstaltslehrerin in der Frauenstrafanstalt Aichach
geb. 1898 in Furth im Wald
gest. 1987 in Furth im Wald
Anstaltslehrerin in der Frauenstrafanstalt Aichach
von 1926 – 1959
wegen Parteizugehörigkeit zur NSDAP entlassen
am 05.02.1946
wieder in den Dienst zurückgekehrt nach dem Urteil der Spruchkammer als sog. Mitläuferin
am 01.03.1947
Anna Dimpfl war eine überzeugte Anhängerin der Naziideologie. Es ist davon auszugehen, dass sie sich als Pädagogin in diesem Sinne selbst weiterbildete. So schaffte sie, neben etwa 100 anderen Büchern, auch Houston Stewart Chamberlains Buch „Die Grundlagen des 19. Jahrhunderts“ von 1899 für die Gefängnisbibliothek in Aichach an. Dieses Buch begründete auf etwa 1200 Seiten auf eine spekulativ- populärwissenschaftliche Art und Weise die Überlegenheit der sog. Germanischen Rasse über Menschen anderer Ethnien.
„Gewisse Anthropologen hatten uns belehren wollen, alle Menschenrassen seien gleichbegabt; wir wiesen auf das Buch der Geschichte hin und antworteten: das lügt ihr! […] Körperlich und seelisch ragen die Arier unter allen Menschen empor; darum sind sie von Rechts wegen die Herren der Welt. S. 503
„… doch wird Jeder zugeben müssen, dass gerade dort, wo sie (die Germanen) am Grausamsten waren … dadurch die Grundlage zum Höchsten und Sittlichsten legten. S. 864
Chamberlain verwirft den Begriff der Menschheit, der seiner Einschätzung nach mit den Gedanken von „Menschenrechten, ewigem Frieden, allseitiger Brüderlichkeit und gegenseitigem Ineinanderaufgehen“ einher geht und charakterisiert stattdessen eine Hierarchie von Menschenrassen mit den Germanen bzw. Ariern als der obersten. Chamberlains Werk wird intensiv von der völkischen Bewegung rezipiert. Zu seinen Bewunderern zählt auch Kaiser Wilhelm II.
Das Buch avancierte zum Standardwerk des theoretischen Rassen- antisemitismus, wurde eines der wichtigsten intellektuellen Wegbereiter des nationalsozialistischen Rassismus und hatte großen Einfluss auf die Vorstellungen Alfred Rosenbergs und Adolf Hitlers, so der Eintrag in Wikipedia.
Anna Dimpfl war 1936 schon 10 Jahre als Anstaltslehrerin in Aichach tätig und unterrichtete damals die inhaftierten Frauen jeweils zwei Stunden pro Woche in folgenden Fächern: Deutsche Literatur; Deutsches Liedgut; Rechnen; Rechtschreibung und Die Rolle der Deutschen Frau.
Letzteres umfasste folgende Grundsätze:
- Die höchste Pflicht der Frau ist es, die Mutter des Deutschen Volkes zu sein.
- Die Frau ist das rassische Gewissen des Volkes.
- Die Frau ist die loyale Begleiterin des Mannes und die Seele der Familie. D.h. u.a. ihr obliegt die Bewahrung der Frauenehre und die Pflege des Ansehens der Frau.
- Die Frau ist die sorgende und helfende Mutter bei der Aufzucht der Kinder und bei der Versorgung zu Hause.
- Sie ist die Wächterin der deutschen Kultur. D.h. sie kümmert sich um die Schönheit und die Würde der Frau, die deutsche Mode, die deutschen Traditionen und die Volkskunst, um die angemessene Gestaltung der Feste und um das deutsche Vaterland als deutsches Ideal der Ehre.
- Sie erfüllt ihre wirtschaftlichen Aufgaben wie die Arbeit in der Küche, die Versorgung mit Nahrungsmitteln und Kleidung, hält das Haus in Ordnung und betreibt Haushaltsbuchführung.
Ziel ist „Kampf gegen das Minderwertige! Erziehung zu Menschen, die nicht nur durch rassische, sondern auch durch charakterliche Vollwertigkeit Deutsche sind!“ Staatsarchiv München GstAnw. Nr. 49
Der zuständige Oberstaatsanwalt des Landgerichts in München hielt diese Inhalte für zu abgehoben für die in der Strafanstalt inhaftierten Frauen und verlangte, dass nur Grundlagen vermittelt werden sollten. Und das, obwohl im offiziellen Lehrfach Deutschkunde 1937/38 folgende Themen zu lesen waren:
Die völkische Sendung der Frauenehre
Die germanische Frau als Vorbild und Wegweiserin
Die deutsche Mutter
Die Frauen und die Rassenpflege
Frau und Volksgesundheit
Für das Jahr 1940 steht in der 2009 verfassten Festschrift von Hannelore Friedlein zum 100 jährigen Bestehen der JVA folgendes:
„Direktor von Reitzenstein reicht den Lehrplan von Oberlehrerin Dimpfl zur Genehmigung beim Generalstaatsanwalt in München ein. Deutschkunde sieht folgendes vor:
Ob Heimat oder Linie , Stube oder Stellung- ob Sorgen oder Wunden, Arbeit oder Waffen, ein Glaube und ein Wille: Sieg – Freiheit – Führer!
Deutschland im Kampf:
Raubstaat England. Die Kriegshetzer und ihr Einfluss auf die englische Politik.
Die Soldaten des Führers. Unsere stolze Wehrmacht. Wofür wir kämpfen. Der Blitzkrieg in Polen. Wir fahren gegen Engeland!
Luftschutz als Volksschutz und Selbstschutz.
Dies alles wird vom Generalstaatsanwalt in München genehmigt.“
Der Unterricht wurde demnach der aktuellen Kriegssituation gemäß angepasst.
Anna Dimpfl war aber nicht nur bei ihrer pädagogischen Arbeit sehr eifrig. So schrieb sie auch negative Beurteilungen über das ihrer Meinung nach zu beanstandenede Verhalten von inhaftierten Frauen, vorzugsweise der politischen Häftlinge. Dies führte öfter dazu, dass die Frauen nach ihrer Entlassung aus der Haft von der Gestapo verhaftet wurden, wie z.B. bei Hedwig S., eine wegen Hochverrats verurteilte kommunistische Aktivistin, die Dimpfl als „mehr und mehr als verbissene Kommunistin“ beschrieb, die sich wohl auch in Freuiheit „weiter staatsfeindlich betätigen“ würde. Diese Beurteilung teilte sie dem Gefängnisdirektor von Reitzenstein mit und dieser leitette die Einschätzung an die Gestapo weiter, was zur Übergabe an die Stuttgarter Gestapo nach ihrer Haftentlassung führte. (Nikolaus Wachsmann: Gefangen unter Hitler 2004, S. 182)
Anna Dimpfl lebte in ihrer Zeit in Aichach zur Untermiete bei dem evangelischen Gefängnisgeistlichen Ernst Stark, geb. 1899, gest. 1971, der selbst ein überzeugter Parteigänger der NSDAP war. Nach ihrer Pensionierung 1959 zog sie zurück in ihren Heimatort Furth im Wald, wo dann Ernst Stark 1960 seinerseits ihr Untermieter wurde.
Zitiert nach: An den Rändern der Volksgemeinschaft- Frauenschicksale in der Strafanstalt Aichach
1933–1945 in: Altbayern in Schwaben von 2018 von Franz Josef Merkl