Anna Pröll

Bei dem fol­gen­den Text über die Wi­der­stands­kämp­fe­rin Anna Pröll han­delt es sich um Aus­zü­ge ei­nes län­ge­ren Tex­tes, er­gänzt durch Ori­gi­nal­do­ku­men­te, ver­fasst von Dr. Bern­hard Leh­mann. Die ver­tie­fen­den In­for­ma­tio­nen las­sen sich dem aus­führ­li­chen PDF Do­ku­ment zu Anna Pröll ent­neh­men, und zwar un­ter dem Link: Anna Pröll – aus­führ­li­che Bio­gra­fie – Dr. Bern­hard Leh­mann
oder un­ter Ar­chiv / Wei­te­re Do­ku­men­te und Ma­te­ria­li­en

Anna Pröll

Anna No­lan, verh. Pröll, geb. am 12. Juni 1916, verst. am 28.5.2006, po­li­tisch ver­folgt: „Schutz­haft“ vom 1.9.1933 bis 22. Ja­nu­ar 1934; Frau­en­ge­fäng­nis Aich­ach vom 31. Juli 1934 bis 30. April 1936; KZ Mo­r­in­gen vom 1. Mai 1936 bis Mit­te Juni 1937, da­nach un­ter per­ma­nen­ter Ob­ser­va­ti­on der Ge­sta­po

An­nas In­ter­es­se an der Po­li­tik

Anna lernt in der Schu­le Kin­der ken­nen, die vom Hun­ger ge­plagt sind, weil de­ren Vä­ter ar­beits­los sind. Sie stellt vie­le po­li­ti­sche Fra­gen. „Anna, ich hab Angst um Dich“, sagt die Leh­re­rin. Als sie krank ist, liest sie kom­mu­nis­ti­sche Bro­schü­ren und Zeit­schrif­ten, die es bei ih­nen zu­hau­se gibt. Häu­fig holt sie den Va­ter von po­li­ti­schen Ver­samm­lun­gen ab und muss auf ihn war­ten. „Hit­ler be­deu­tet Krieg“, sagt ihr Va­ter wie­der­holt. Was sie bei den Dis­kus­sio­nen der KPD-Ver­samm­lun­gen hört, fin­det sie für durch­aus plau­si­bel18. Anna be­tont, dass der Va­ter nicht ver­sucht hat, sie po­li­tisch zu be­ein­flus­sen. Sie sei durch ei­ge­nes Er­le­ben und Nach­den­ken zur KPD ge­kom­men. Aber was sie von ih­rem Va­ter als Sport­ler lernt ist Dis­zi­plin, Durch­hal­te­ver­mö­gen, Fair Play, Wert­schät­zung an­de­rer Per­so­nen und To­le­ranz.

18 Aus­sa­ge Anna Prölls im Film: Anna, ich habe Angst um Dich.

Ein­tritt Anna Prölls in die kom­mu­nis­ti­sche Ju­gend­or­ga­ni­sa­ti­on

Anna ent­wi­ckelt früh ein in­ten­si­ves In­ter­es­se an der Po­li­tik. Ihre Über­zeu­gun­gen wer­den durch die So­zia­li­sie­rung im El­tern­haus, durch ei­ge­nes Er­le­ben so­wie in­ten­si­ves Stu­di­um der Li­te­ra­tur ge­prägt. Anna ist eine aus­ge­spro­che­ne Le­se­rat­te. Als 15-jäh­ri­ge schließt sich Anna 1931 der Ju­gend­or­ga­ni­sa­ti­on der KPD, dem KJVD an. Zu die­ser Zeit hat sie die 8‑jährige Volks­schu­le ab­sol­viert und macht eine 3‑jährige Aus­bil­dung in ei­ner kauf­män­ni­schen Fort­bil­dungs­schu­le29. Sie ar­bei­tet be­reits als Ver­käu­fe­rin30. Treff­punkt des KJVD ist das kom­mu­nis­ti­sche Ar­bei­ter­heim in der Mit­tel­stra­ße, in der Vor­stadt „Rechts der Wertach“ nahe dem Sen­kel­bach. Sie nutzt die Zeit zu Fort­bil­dun­gen und kann als Lei­te­rin der dor­ti­gen Ju­gend­bi­blio­thek ih­ren Le­se­hun­ger be­frie­di­gen31.

29 In­ter­view von Schü­lern des Paul-Klee-Gym­na­si­ums Gerst­ho­fen mit Anna Pröll am 12.3.2001: http://​www​.zum​.de/​F​a​e​c​h​e​r​/​M​a​t​e​r​i​a​l​i​e​n​/​l​e​h​m​a​n​n​/​p​r​o​e​l​l​/​a​n​n​a​/​a​n​n​a​.​htm
30 Le­bens­lauf Anna Pröll 2.8.34, JVA 691Aichach
31 In­ter­view mit Anna Pröll durch Schü­ler des Paul-Klee-Gym­na­si­ums Gerst­ho­fen am 12.3.2001 mit Anna Pröll: http://​www​.zum​.de/​F​a​e​c​h​e​r​/​M​a​t​e​r​i​a​l​i​e​n​/​l​e​h​m​a​n​n​/​p​r​o​e​l​l​/​a​n​n​a​/​a​n​n​a​.​htm

Ver­bot der KPD und der SPD nach der Macht­über­nah­me

Die ers­ten Ter­ror­maß­nah­men der Na­tio­nal­so­zia­lis­ten nach der Macht­über­nah­me am 30. Ja­nu­ar 1933 rich­ten sich na­tur­ge­mäß ge­gen die po­li­ti­schen Haupt­geg­ner KPD und SPD. Spä­tes­tens mit der Reichs­tags­brand­ver­ord­nung vom 28. Fe­bru­ar 1933 und den Aus­füh­rungs­be­stim­mun­gen des baye­ri­schen In­nen­mi­nis­te­ri­ums vom 1. März 1933 kommt es zu Ver­haf­tun­gen und Haus­durch­su­chun­gen so­wie zum De-fac­to-Ver­bot der KPD – trotz der be­vor­ste­hen­den Reichs­tags­wahl, zu der die KPD noch an­tre­ten kann32. Bei der Fa­mi­lie Pröll wa­ren es nach An­ga­ben der Fa­mi­lie ins­ge­samt 1033.

Nach der Macht­er­grei­fung in Bay­ern am 9. März 1933 er­fol­gen in den nächs­ten Wo­chen flä­chen­de­ckend Ver­haf­tun­gen orts­be­kann­ter Kom­mu­nis­ten in ganz Bay­ern. Sie wer­den in ört­li­che Ge­fäng­nis­se ein­ge­lie­fert34 und an­schlie­ßend oft in das für po­li­ti­sche Häft­lin­ge neu ge­schaf­fe­ne Kon­zen­tra­ti­ons­la­ger Dach­au wei­ter­trans­por­tiert. Auch in Augs­burg wer­den An­fang März sämt­li­che kom­mu­nis­ti­schen Funk­tio­nä­re in Schutz­haft ge­nom­men. Ins­ge­samt sind es in Augs­burg 68 Per­so­nen, da­von auch 15 bis 20 so­zi­al­de­mo­kra­ti­sche Funk­ti­ons­trä­ger und maß­geb­li­che Per­sön­lich­kei­ten des Reichs­ban­ners35. Jo­sef Pröll, der spä­te­re Ehe­mann von Anna und Max Ham­mer, mit dem Anna No­lan 1933 nach des­sen Ent­las­sung aus dem Kat­zen­sta­del kon­spi­riert, be­fin­den sich eben­falls auf der Lis­te36.

32 Zu­sam­men­hang nach: https://www.historisches-lexikon-bay​erns​.de/​L​e​x​i​k​o​n​/​K​o​m​m​u​n​i​s​t​i​s​c​h​e​_​P​a​r​t​e​i​_​D​e​u​t​s​c​h​l​a​n​d​s​_​(​K​P​D​)​,​_​1​9​1​9​-​1​9​3​3​/​1​9​45-1956#Verfolgung_und_Widerstand_w.C3.A4hrend_der_NS-Diktatur
33 https://​www​.anna​-film​.de/​a​n​n​a​s​-​f​a​m​i​l​i​e​/​k​a​r​l​-​n​o​l​an/ . Es ist un­mög­lich zu re­kon­stru­ie­ren, wann ge­nau die Haus­durch­su­chun­gen statt­ge­fun­den ha­ben.
34 Eine Lis­te der ver­haf­te­ten Augs­bur­ger fin­det sich im Augs­bur­ger Lo­kal­an­zei­ger der Neu­en Na­tio­nal­zei­tung (NNZ) vom 20.3. 1933.
35 Augs­bur­ger Neue Zei­tung vom 13.März 1933
36 Ro­ter Par­tei­tag im Kat­zen­sta­del, in: NNZ, 20.3.1933

Wi­der­stand der Ju­gend­or­ga­ni­sa­ti­on KJVD

Ge­ra­de des­halb for­mie­ren sich im Som­mer 1933 vor al­lem in den grö­ße­ren Städ­ten selb­stän­di­ge Klein­grup­pen, die in der Hoff­nung auf bal­di­gen Mas­sen­wi­der­stand ge­gen die NS-Herr­schaft il­le­gal her­ge­stell­te Flug­schrif­ten ver­tei­len. Re­la­tiv schnell ge­lingt es in Bay­ern, zu­min­dest an­satz­wei­se, il­le­ga­le Lei­tun­gen auf­zu­bau­en. Trä­ger der il­le­ga­len Ar­beit (Druck und Ver­tei­lung von Schrif­ten, Geld­samm­lun­gen für Fa­mi­li­en von In­haf­tier­ten, Schmug­gel il­le­ga­len Ma­te­ri­als sind häu­fig jün­ge­re Mit­glie­der der KPD oder des Ju­gend­ver­ban­des, die den ers­ten Ver­haf­tun­gen ent­ge­hen konn­ten. In wei­te­ren grö­ße­ren Ver­haf­tungs­wel­len – aus­ge­löst u. a. durch ei­nen in die il­le­ga­le KP-Lei­tung Bay­erns ein­ge­schleus­ten Spit­zel – dann das NS-Re­gime bis 1936 den Wi­der­stand zu­nächst na­he­zu völ­lig zum Er­lie­gen brin­gen38.

38 Eben­da

Wi­der­stand des KJVD mit Anna Pröll in Augs­burg

In die­sem Kon­text sind die Ak­ti­vi­tä­ten des KJVD in Augs­burg zu se­hen. An­nas 5 Jah­re äl­te­rer Freund Max Ul­ler­mann39 ist po­li­ti­scher Lei­ter des KJVD und vom Sep­tem­ber 32 an Ju­gend­lei­ter der Re­vo­lu­tio­nä­ren Ge­werk­schafts­or­ga­ni­sa­ti­on (RGO)40. Or­ga­ni­sa­to­risch ist der KJVD von der KPD ge­trennt und „trägt … zu ei­nem er­heb­li­chen Teil die il­le­ga­len kom­mu­nis­ti­schen Ak­ti­vi­tä­ten, die sich ge­gen das III. Reich rich­ten41.

39 Max Ul­ler­mann, geb. 11.5.1911, wohn­haft in Augs­burg-Ober­hau­sen, Din­gler­str. 11. Auch er be­fin­det sich im Au­gust 1934 in Po­li­zei­haft: StAM JVA 691
40 StAM, JVA 691 Anna No­lan
41 Ger­not Rö­mer, a.a.O., S. 215

Pol­ti­sche Ak­ti­vi­tät wird kri­mi­na­li­siert

Nach dem Ver­bot der Par­tei und der Ver­haf­tung der Funk­ti­ons­trä­ger möch­te die Ju­gend­or­ga­ni­sa­ti­on wei­ter­hin ge­gen Hit­ler und die Na­tio­nal­so­zia­lis­ten agie­ren und agi­tie­ren. Anna Pröll ist als 17-jäh­ri­ge als En­er­gie­bün­del die „See­le“42 der Be­we­gung.

Mehr­fach fin­den zwi­schen April und Au­gust 1933 kon­spi­ra­ti­ve Tref­fen der Augs­bur­ger Grup­pe um Max Ham­mer43, Anna No­lan, Jo­hann Mül­ler, Ge­org Schwel­le, Bar­tho­lo­mä­us Hin­ter­mayr, Al­bert Krauss, Lud­wig Wipf­ler und an­de­ren mit den Münch­ner Ge­nos­sen der Ju­gend­or­ga­ni­sa­ti­on um An­dre­as Zin­ner, Hein­rich Döp­pel, Ge­org Lim­mer, Ernst Lör­cher und Al­fons Hub­au­er statt, wech­sel­wei­se in Mün­chen, Augs­burg, Mam­men­dorf und Fried­berg44.

Die jun­gen Leu­te wol­len eine In­ten­si­vie­rung der Ko­ope­ra­ti­on zwi­schen Mün­chen und Augs­burg, ver­tei­len Flug­blät­ter, or­ga­ni­sie­ren Kle­be­ak­tio­nen und wol­len wei­te­re Mit­glie­der wer­ben. An­nas Grup­pe ver­teilt nachts Flug­blät­ter und Zeit­schrif­ten ge­gen die Na­zis, wirbt für die KPD und schreibt Pa­ro­len an Lit­faß­säu­len und Häu­ser­wän­de.

Von der Münch­ner Grup­pe er­hal­ten die Augs­bur­ger am 20. Au­gust 33 end­lich eine Schreib­ma­schi­ne und ei­nen Ver­viel­fäl­ti­gungs­ap­pa­rat. Am 28.August gibt es eine letz­te „Kle­be­ak­ti­on“, an der wie im­mer Anna No­lan be­tei­ligt ist. Ein letz­tes Tref­fen der Grup­pe fin­det im Pa­ra­dies­gar­ten im Spi­ckel am 30. Au­gust statt.

42 So der Zei­tungs­ar­ti­kel nach der Fest­nah­me am 1.9.1933.
43 Max Ham­mer war der äl­tes­te der Grup­pe (geb. 29.9.1898), der be­reits am 20. März 1933 in Augs­burg ver­haf­tet wur­de. Er war von Ok­to­ber 31 bis zum 10.3.33 Mit­glied des RGO, ab Juli Po­li­ti­scher Lei­ter im Un­ter­be­zirk Augs­burg, Mit­glied der Ro­ten Hil­fe und im Kampf­bund ge­gen Fa­schis­mus.
44 StAM, JVA 691 Anna No­lan

Fest­nah­me am 1.9.1933

Am 1. Sep­tem­ber 1933 wird die Grup­pe bei ei­ner Raz­zia in der Wertach­vor­stadt von der Po­li­ti­schen Po­li­zei ge­fasst und ver­haf­tet. Anna wird in „Schutz­haft“46 ge­nom­men.

In ei­nem Heu­scho­ber und ei­ner Kü­chen­wand in Fried­berg fin­det die Po­li­zei Schreib­ma­schi­ne und den Ab­zugs­ap­pa­rat der Grup­pe47. „Ein Mäd­chen die See­le des Gan­zen“ steht am nächs­ten Tag in der Zei­tung zu le­sen48. Anna ver­bleibt 5 Mo­na­te im Kat­zen­sta­del in Augs­burg in „Schutz­haft“49, bis zum 22. Ja­nu­ar 1934.

46 Die „Schutz­haft“ war ei­nes der schlag­kräf­tigs­ten In­stru­men­te des NS ‑Re­gimes zur Be­kämp­fung sei­ner Geg­ner. Mit Hil­fe der „Schutz­haft“, de­ren for­mal­ju­ris­ti­sche Grund­la­ge die „Reichs­tags­brand­ver­ord­nung“ vom 28. Fe­bru­ar 1933 bil­de­te, schuf sich die Gehei­me Staats­po­li­zei (Ge­sta­po) ei­nen von je­der rechts­staat­li­chen Bin­dung ge­lös­ten Raum staat­li­cher Will­kür. Ers­te Op­fer der „Schutz­haft“ wa­ren vor al­lem Funk­tio­nä­re der Ar­bei­ter­be­we­gung so­wie Ju­den, die in den zu­nächst „wil­den“ Kon­zen­tra­ti­ons­la­gern fest­ge­setzt wur­den. Ende Juli 1933 be­fan­den sich in ganz Deutsch­land mehr als 26.000 Men­schen in „Schutz­haft“. https://​www​.dhm​.de/​l​e​m​o​/​k​a​p​i​t​e​l​/​n​s​-​r​e​g​i​m​e​/​e​t​a​b​l​i​e​r​u​n​g​-​d​e​r​-​n​s​-​h​e​r​r​s​c​h​a​f​t​/​s​c​h​u​t​z​h​a​f​t​.​h​tml ;https://​www​.bpb​.de/​g​e​s​c​h​i​c​h​t​e​/​n​a​t​i​o​n​a​l​s​o​z​i​a​l​i​s​m​u​s​/​r​a​v​e​n​s​b​r​u​e​c​k​/​6​0​7​8​3/s ‑z
47 Ger­not Rö­mer, a.a.O., S. 217
48 http://​vvn​-augs​burg​.de/​3​_​p​o​r​t​r​a​e​t​s​/​P​r​o​e​l​l​_​A​n​n​i​/​n​a​c​h​r​u​f​_​l​a​g​e​r​g​e​m​e​i​n​s​c​h​a​f​t​.​h​tml
49 Frau­en­ge­schichts­kreis Augs­burg, Augs­bur­ger Frau­en im Wi­der­stand, Augs­burg 2014, S.87–91: Anna Pröll.

Ver­fah­ren ge­gen Anna Pröll

In ei­nem Pro­zess am 12.7.34 wird Anna Pröll zu ei­ner Ge­fäng­nis­stra­fe von 10 Mo­na­ten ver­ur­teilt.

Straf­voll­zug im Frau­en­ge­fäng­nis Aich­ach

Anna muss ihre Ge­fäng­nis­stra­fe am 31. Juli 1934 im Frau­en­ge­fäng­nis in Aich­ach an­tre­ten.

Gleich zu Be­ginn wird Anna No­lan auf­er­legt, ei­nen Le­bens­lauf zu schrei­ben, aus dem her­vor­geht, dass sie ihre Ta­ten be­reut. Ihre Haft muss sie mit Stri­cken und Hä­keln ver­brin­gen, wo­für sie nach ih­rer Ent­las­sung 66,73 RM er­hält53.

53 StAM, JVA 691 Anna No­lan

Zwei­ter Pro­zess we­gen „Bei­hil­fe zur Vor­be­rei­tung zum Hoch­ver­rat“

Am 9.12.34 wird Anna im Ge­fäng­nis er­neut ver­nom­men, und zwar als Vor­be­rei­tung des „Pro­zes­ses ge­gen Fried­rich Schenk und Ge­nos­sen“ und de­ren An­kla­ge der Vor­be­rei­tung zum Hoch­ver­rat. Im Ver­hör sagt sie fol­gen­des aus: „Ich war der Über­zeu­gung, dass der ar­bei­ten­den Klas­se nur durch den Kom­mu­nis­mus zu ei­ner bes­se­ren Le­bens­hal­tung ver­hol­fen wer­den kann“55. Der Un­ter­su­chungs­rich­ter des Volks­ge­richts am Land­ge­richt Mün­chen I er­hebt nach dem Ver­hör we­ni­ge Tage spä­ter, am 15. De­zem­ber 1934 er­neut Haft­be­fehl ge­gen Anna Pröll „we­gen ei­nes Ver­bre­chens der Vor­be­rei­tung zum Hoch­ver­rat“. Die Kri­mi­nal­bio­lo­gi­sche Sam­mel­stel­le Mün­chen er­bit­tet den Per­so­nal­bo­gen der An­ge­klag­ten, um ein Gut­ach­ten zu er­stel­len56.

We­gen des zwei­ten Pro­zes­ses, der am 4.März 1935 be­ginnt, wird Anna ins Straf­voll­stre­ckungs­ge­fäng­nis nach Mün­chen-Sta­del­heim über­führt. In die­sem Ver­fah­ren wird sie we­gen des Ver­bre­chens zur „Bei­hil­fe der Vor­be­rei­tung zum Hoch­ver­rat“ zu ei­ner Ge­samt­stra­fe von 1 Jahr 9 Mo­na­ten ver­ur­teilt, un­ter An­rech­nung der bis­he­ri­gen Stra­fe von 10 Mo­na­ten57.

Bei Anna No­lan ge­langt das Ge­richt zur Schluss­fol­ge­rung:

„Anna No­lan war bei Be­ge­hung der Tat noch nicht be­straft. Sie war aber we­gen ähn­li­cher Um­trie­be fest­ge­nom­men und ei­ni­ge Mo­na­te in Schutz­haft be­hal­ten wor­den64. Ein Ver­fah­ren we­gen Vor­be­rei­tung ei­nes hoch­ver­rä­te­ri­schen Un­ter­neh­mens war ge­gen sie an­hän­gig und die An­kla­ge­schrift wur­de ihr am 21. Juni 1934 zu­ge­stellt. Trotz­dem ist sie nicht da­vor zu­rück­ge­schreckt, der Vor­be­rei­tung ei­nes neu­en hoch­ver­rä­te­ri­schen Un­ter­neh­mens ihre Hil­fe an­ge­dei­hen zu las­sen. Sie hat auch kein vol­les Ge­ständ­nis ab­ge­legt, son­dern Zweck und Trag­wei­te ih­res ver­bre­che­ri­schen Han­delns ab­zu­schwä­chen ver­sucht.

Anna Nolans Ge­fäng­nis­stra­fe ver­län­gert sich da­mit bis zum 30. April 1936.

Anna selbst sagt über ih­ren Auf­ent­halt im Frau­en­ge­fäng­nis Aich­ach:

„Als ich in Aich­ach war, habe ich zu­erst Sä­cke ge­flickt, ge­strickt und Weiß­wä­sche ge­stickt, weil mein Be­ruf ja in die­se Rich­tung ging. Die Ar­beit war ja auch für Fir­men, da hat also die An­stalt Aich­ach auch wie­der ver­dient. Ich war ja in Ein­zel­haft und muss­te im­mer von in der Früh um 7 bis abends um 6 Uhr ar­bei­ten.“71

55 StAM, JVA 691 Anna No­lan, zi­tiert bei: Frau­en­ge­schichts­kreis Augs­burg, Augs­bur­ger Frau­en im Wi­der­stand, Augs­burg 2014, S.87–91: Anna Pröll
56 Eben­da, 20.12.34
57 StAM, JVA 691 Anna No­lan. Der Ge­ne­ral­staats­an­walt bei dem Obers­ten Lan­des­ge­richt, Straf­voll­zug ge­gen No­lan Anna, 20.März 1935
64 Anna wur­de am 1.9.33 in Schutz­haft ge­nom­men und blieb bis zum 22.1.34 im Augs­bur­ger Ge­fäng­nis, vgl. Text oben.
71 In­ter­view mit Anna Pröll am 12.3.2001 mit Schü­lern des Paul-Klee-Gym­na­si­um Gerst­ho­fen http://​www​.zum​.de/​F​a​e​c​h​e​r​/​M​a​t​e​r​i​a​l​i​e​n​/​l​e​h​m​a​n​n​/​p​r​o​e​l​l​/​a​n​n​a​/​a​n​n​a​.​htm

Ent­las­sung aus dem Frau­en­ge­fäng­nis Aich­ach

Am 30. April 1936 ist es so­weit, Anna wird aus dem Straf­ge­fäng­nis Aich­ach ent­las­sen. Es wird ihr ein sehr gu­tes Füh­rungs­zeug­nis aus­ge­stellt: „Nr.3148 No­lan Anna war mit Sti­cken be­schäf­tigt. Sie ar­bei­te­te sehr flei­ßig und schön. Ihre Füh­rung war bis auf eine Haus­stra­fe ta­del­los“89

Das Schrei­ben kann man durch­aus als zy­nisch be­trach­ten. Anna war fast durch­gän­gig die 21 Mo­na­te in Ein­zel­haft. Auf ihr Al­ter, auf den Drang, sich mit Mit­häft­lin­gen aus­zu­tau­schen, auf das Be­dürf­nis nach Kom­mu­ni­ka­ti­on wird kei­ner­lei Rück­sicht ge­nom­men. Eben­so we­nig auf ihre Ge­sund­heit. Da­bei ist sie dem Ge­setz nach im­mer noch un­mün­dig!

Die Un­barm­her­zig­keit des NS-Sys­tems wird deut­lich. Aber die Haft hat Anna auch stär­ker ge­macht, sie hat ei­nen un­beug­sa­men Cha­rak­ter. Sie ist ziel­stre­big, hat sich auf den Sprach­duk­tus der Na­zis ein­ge­stellt und agiert vor­sich­tig, aber lässt sich nicht da­von ab­brin­gen, dass das Hit­ler­sys­tem be­kämpft wer­den muss.

89 Eben­da, Mel­dung vom 29.4.36

Anna No­lan im Frau­en­schutz­haft­la­ger Mo­r­in­gen

Noch im Mai kommt Anna ins KZ Mo­r­in­gen in Nie­der­sach­sen.

Ur­sprüng­lich war das Pro­vin­zi­al­werk­haus Mo­r­in­gen ein sog. Ar­beits­haus für „Ar­beits­scheue“. Nach Hit­lers Macht­er­grei­fung wer­den dann dort po­li­ti­sche Häft­lin­ge un­ter­ge­bracht, die ab Ok­to­ber ins KZ Ora­ni­en­burg kom­men94. Erst da­nach kom­men aus­schließ­lich Frau­en dort­hin, die bis­her wäh­rend ih­rer Schutz­haft in Ge­fäng­nis­sen un­ter­ge­bracht wa­ren. An­fangs wa­ren die meis­ten der Frau­en Zeu­gen Je­ho­vas95 und po­li­ti­sche Häft­lin­ge. 1938 ver­legt die SS die Frau­en ins KZ Lich­ten­burg, 1940 wird das KZ in ein sog. „Ju­gend­schutz­la­ger“ um­ge­wan­delt96.

Die Ver­brin­gung der Frau­en be­ruht auf rei­ner Will­kür und ist auf kei­nen Ge­richts­be­schluss zu­rück­zu­füh­ren. Das schlimms­te aber ist, dass nie­mand weiß, wie lan­ge die „Schutz­haft“ dau­ert. Die Na­zis wol­len da­mit die Be­völ­ke­rung vor Op­po­si­ti­on und Wi­der­stand ab­schre­cken97. Anna ist im Kon­zen­tra­ti­ons­la­ger98, das die Na­zis eu­phe­mis­tisch „Frau­en­schutz­haft­la­ger“99 nen­nen, die Jüngs­te. Cen­ta Beim­ler, die Ehe­frau des Wi­der­stands­kämp­fers Hans Beim­ler100, der aus dem KZ Dach­au ent­flie­hen konn­te, nennt Anna „un­ser Nest­häk­chen“101. Anna trifft dort vie­le an­de­re po­li­ti­schen Häft­lin­ge aus Bay­ern, die sie zum Teil per­sön­lich kennt. Mit Ma­ria Deng­ler aus Mün­chen hat sie zu­sam­men­ge­ar­bei­tet, wie aus dem Pro­zess vom 12.7.34 deut­lich wird102. De­ren Schwes­ter ist Cen­ta Beim­ler. Für sie gilt die Sip­pen­haft, weil Hans Beim­ler aus dem KZ Dach­au ge­flo­hen ist und die SS ih­nen un­ter­stellt, sie wüss­ten des­sen Auf­ent­halts­ort103. Dank der So­li­da­ri­tät der Frau­en, die ihr im­mer wie­der Es­sen zu­ste­cken und auf sie be­son­ders ach­ten, hat Anna No­lan Mo­r­in­gen über­lebt104. Die dort er­fah­re­ne So­li­da­ri­tät der La­ger­in­sas­sen hat Anna ihr Le­ben lang ge­prägt. „Das war für mich wie Weih­nach­ten, weil ich un­ter Be­kann­ten war.“105

94 Ger­not Rö­mer, a.a.O.,S. 218
95 KZ-Ge­denk­stät­te Moringen—Memorialmuseums. 1938 ver­leg­te die SS die Frau­en in das KZ Lich­ten­burg, 1940 wur­de Mo­r­in­gen in eine „Ju­gend­schutz­la­ger“ um­ge­wan­delt:
96 KZ-Ge­denk­stät­te Moringen—Memorialmuseums
97 https://​www​.bpb​.de/​g​e​s​c​h​i​c​h​t​e​/​n​a​t​i​o​n​a​l​s​o​z​i​a​l​i​s​m​u​s​/​r​a​v​e​n​s​b​r​u​e​c​k​/​6​0​6​7​7​/​d​a​s​-​s​y​s​t​e​m​-​d​er-na­tio­nal­so­zia­lis­ti­schen-kon­zen­tra­ti­ons­la­ger ; http://​ler​nen​-aus​-der​-ge​schich​te​.de/​g​l​o​s​s​a​r​y​/​t​e​r​m​/​1​652 ;
98 Hans Hes­se: Das Frau­en-KZ Mo­r­in­gen 1933–1938; Göt­tin­gen 2000
99 Zur Dis­kus­si­on der Be­grif­fe Frau­en­schutz­haft­la­ger und KZ Mo­r­in­gen vgl. https://www.gedenkstaettenforum.de/uploads/media/GedenkstaettenRundbrief75-13–21.pdf
100 Zu Hans Beim­ler: https://​www​.bun​des​stif​tung​-auf​ar​bei​tung​.de/​d​e​/​r​e​c​h​e​r​c​h​e​/​k​a​t​a​l​o​ge-da­ten­ban­ken/­bio­gra­phi­sche-da­ten­ban­ken/hans-beim­ler
101 Rede von Dr. Bar­ba­ra Dis­tel an­läss­lich der Fei­er zur Be­nen­nung der Mit­tel­schu­le nach Anna Pröll. Ab­ge­druckt bei: https://www.anna-film.de/anna-pr%C3%B6ll-schule/rede-barb-distel/
102 StAM, JVA 691 Anna No­lan: Pro­zess­ak­ten vom 12.7.34
103 Ger­not Rö­mer, a.a.O., S. 219
104 Aus­sa­ge Anna Prölls im In­ter­view mit Schü­lern des Paul-Klee-Gym­na­si­ums Gerst­ho­fen am 12.3.2001, über­ein­stim­mend Frau­en­ge­schichts­kreis Augs­burg, Augs­bur­ger Frau­en im Wi­der­stand, Augs­burg 2014, Anna Pröll, S.87–91und https://www.anna-film.de/das-leben-der-anna-pr%C3%B6ll/
105 Aus­sa­ge Anna Pröll bei Ger­not Rö­mer, a.a.O., S. 2

Rück­kehr aus dem KZ Mo­r­in­gen

„Ich war da­mals recht men­schen­scheu und hat­te au­ßer­dem nichts an­zu­zie­hen. Ich wur­de schließ­lich schon mit sieb­zehn ver­haf­tet und als ich dann mit ein­und­zwan­zig ent­las­sen wur­de, hat­te ich im­mer noch die­sel­ben Klei­dungs­stü­cke an, von da­mals zu Hau­se“.122

Nach ih­rer Haft­ent­las­sung Mit­te Juni 1937123 kehrt Anna zu ih­rer Fa­mi­lie zu­rück, muss aber er­fah­ren, dass ihr Va­ter am 31. Ok­to­ber im KZ Dach­au er­mor­det wor­den ist124. Anna muss sich je­den zwei­ten Tag bei der Po­li­zei mel­den, ihr All­tags­le­ben wird über­wacht, im­mer wie­der wird sie ver­hört, ins­be­son­de­re als sie sich mit dem Me­cha­ni­ker Jo­sef Pröll be­freun­det.

122 Zi­tiert nach: Frau­en­ge­schichts­kreis Augs­burg, Augs­bur­ger Frau­en im Wi­der­stand, Augs­burg 2014, Anna Pröll, S.87–91
123 So Arne Drold­ner, Mit­ar­bei­ter der KZ Ge­denk­stät­te Mo­r­in­gen: „Die ge­nann­ten Da­ten las­sen sich auf­grund von un­prä­zi­sen An­ga­ben in den Do­ku­men­ten nicht ge­nau ve­ri­fi­zie­ren. Fest steht: sie ist im Mai 1936 nach Mo­r­in­gen ge­kom­men. Eine ge­nau­es Da­ten ist nicht über­lie­fert. Ähn­li­ches gilt für das Ende der Haft in Mo­r­in­gen. Es war au­gen­schein­lich kurz nach ih­rem Ge­burts­tag im Juni 1937. Das deckt sich mit den An­ga­ben in den Arol­sen Ar­chi­ves. Dort ist der 17.6.1937 als Da­tum ver­merkt“.
124 Sie­he Text oben; To­des­ur­kun­de Stan­des­amt Prit­tel­bach vom 2.11.1937: ITS Bad Arol­sen

@Biografie er­stellt von Dr. Bern­hard Leh­mann, Ge­gen Ver­ges­sen-Für De­mo­kra­tie, RAG Augs­burg-Schwa­ben 14.12.2021

Wei­te­re In­for­ma­tio­nen zu Anna Pröll

Anna No­lan hei­ra­tet das KPD Mit­glied Jo­sef Pröll und be­kommt 1939 ih­ren ers­ten Sohn und 1953, ei­ni­ge Jah­re nach Kriegs­en­de, ih­ren zwei­ten Sohn. Ihr Mann ver­bringt wäh­rend der Na­zi­herr­schaft ins­ge­samt etwa acht Jah­re in KZ Haft.

Nach dem Krieg en­ga­giert sich Anna Pröll für den Frie­den und ge­gen Rechts­ra­di­ka­lis­mus. Sie geht in Schu­len und be­rich­tet von ih­rem Le­ben un­ter der Na­zi­herr­schaft. Sie be­kommt 2002 das Bun­des­ver­dienst­kreuz ver­lie­hen, wird 2003 zur Eh­ren­bür­ge­rin der Stadt Augs­burg er­nannt und 2017, elf Jah­re nach ih­rem Tod 2006, wird die Mit­tel­schu­le in Gerst­ho­fen nach ihr be­nannt.

De­tail­lier­te In­for­ma­tio­nen zu ih­ren ge­ra­de ge­nann­ten wei­te­ren Le­bens­sta­tio­nen nach der Haft in Mo­r­in­gen kann man un­ter fol­gen­dem Link nach­le­sen:

Anna Pröll – aus­führ­li­che Bio­gra­fie – Dr. Bern­hard Leh­mann
oder un­ter Ar­chiv / Wei­te­re Do­ku­men­te und Ma­te­ria­li­en

Anna No­lan in der Ge­fäng­nis­an­stalt Aich­ach am 09.08.1934 – Bild: Staats­ar­chiv Mün­chen
Bild: VVN: Ver­lei­hung der Eh­ren­bür­ger­wür­de an Anna Pröll 2003 v. l. nach r.: Anna Pröll, Alt-OB Pe­ter Men­acher, OB Dr. Paul Wen­gert