Jo­han­na Vogl

„Sei­en Sie ver­si­chert, ich füh­le mich nicht als Op­fer. Es ist mir Ge­nug­tu­ung in den fins­ters­ten Jah­ren mei­ner Hei­mat ein klei­nes Räd­chen ge­we­sen zu sein, mit al­len Kon­se­quen­zen, im Kampf ge­gen Fa­schis­mus und Krieg!“

Vor­wort

Die­se Wor­te schrieb un­se­re Groß­mutter im Jahr 2002 in ei­nem Brief an den spä­te­ren ös­ter­rei­chi­schen Bun­des­prä­si­den­ten Dr. Heinz Fi­scher. Da­mals hat­te sie – 57 Jah­re nach der Be­frei­ung – eine Ent­schä­di­gungs­zah­lung vom „Na­tio­nal­fonds der Re­pu­blik Ös­ter­reich für Op­fer des Na­tio­nal­so­zia­lis­mus“ er­hal­ten, des­sen Prä­si­dent Herr Fi­scher zu die­sem Zeit­punkt noch war.

Mehr als fünf Jah­re war sie als po­li­ti­sche Ge­fan­ge­ne in der NS-Zeit ein­ge­sperrt – in Un­ter­su­chungs­haft in Wien, im Frau­en­zucht­haus Aich­ach und schließ­lich im KZ Ra­vens­brück. Als Op­fer hat sie sich selbst nie se­hen wol­len. Sie war sich ih­rer po­li­ti­schen Über­zeu­gun­gen si­cher und tat im Rah­men ih­rer Mög­lich­kei­ten al­les, um dem NS-Re­gime et­was ent­ge­gen zu set­zen.

Als ihre En­ke­lin­nen sind wir mit dem Wis­sen dar­über, dass un­se­re Groß­mutter eine Wi­der­stands­kämp­fe­rin war, auf­ge­wach­sen. Trotz­dem kann­ten wir lan­ge Zeit nur sehr we­ni­ge lose Ge­schich­ten. Ein paar im­mer wie­der­keh­ren­de Er­zäh­lun­gen ein­zel­ner Er­leb­nis­se aus ih­rer Zeit als jun­ge Frau im Wi­der­stand und in Ge­fan­gen­schaft.

Wäh­rend die Groß­müt­ter in Fil­men ver­son­nen lä­chelnd von ih­rer Ju­gend er­zähl­ten, gab es bei un­se­rer Oma nur sel­ten ein war­mes Lä­cheln, wenn sie von die­ser Zeit sprach. Und wenn, dann war es nicht Aus­druck von Freu­de, son­dern nur ein Vor­hang, der die Dun­kel­heit da­hin­ter mehr schlecht als recht ka­schie­ren konn­te.

Die kur­zen Ein­bli­cke in die Ver­gan­gen­heit nah­men uns nicht mit in eine fröh­li­che Ju­gend, eine glück­li­che Kind­heit. Die Ge­schich­ten wa­ren kei­ne Tü­ren, die man ger­ne wei­ter auf­ma­chen woll­te, son­dern Ris­se, die nicht grö­ßer wer­den soll­ten, da­mit das Dunk­le dar­in nicht zum Vor­schein kommt.

In ei­ner Zeit, in der die Zeit­zeu­gen im­mer we­ni­ger wer­den und uns mehr und mehr auch die Fak­ten ent­glei­ten, stel­len wir – die Nach­kom­men – fest: Wir brau­chen die­se Ge­schich­ten aber. Die ehr­li­chen, scho­nungs­lo­sen, mensch­li­chen Ge­schich­ten. Denn nack­te Zah­len und ein­deu­ti­ge Sta­tis­ti­ken wir­ken zwar wie un­um­stöß­li­che Waf­fen im Kampf ge­gen Des­in­for­ma­ti­on, Pro­pa­gan­da, Hass und Het­ze. Aber die Fak­ten al­lein nüt­zen nicht. Sie sind eine stump­fe Klin­ge.

Da­her sind wir dank­bar, dass wir sie an die­ser Stel­le er­zäh­len kön­nen. Eine Ge­schich­te, die auch un­se­re Ge­schich­te ist! Die Ge­schich­te von Jo­han­na Vogl. Ei­ner jun­gen Frau aus ar­men Ver­hält­nis­sen, die sich trotz al­lem ge­gen das NS-Re­gime ge­stellt hat. Eine Frau, die die Kon­se­quen­zen ge­kannt und ge­tra­gen hat. Eine Frau, die sich in ih­rem Brief an den ös­ter­rei­chi­schen Bun­des­prä­si­den­ten in spe nur noch ei­nes ge­wünscht hat:

„Jetzt in mei­nem ho­hen Al­ter wün­sche ich mir nur noch, dass un­se­re her­an­wach­sen­de Ju­gend, dar­un­ter auch mei­ne En­kel­kin­der, das Be­wusst­sein, Kraft und Mut auf­brin­gen, im­mer und über­all für den Frie­den ein­zu­tre­ten.“

Lie­be Oma, es soll nicht nur ein Wunsch blei­ben. Al­les, was du er­lebt hast, wirkt bis heu­te. Im Gu­ten wie im Schlech­ten. So­wohl in uns, dei­ner Fa­mi­lie als auch in der Ge­sell­schaft. Wir kön­nen und wol­len das nicht ver­ges­sen und un­se­ren win­zi­gen Teil zu ei­ner of­fe­nen, auf­ge­klär­ten und in­for­mier­ten Ge­sell­schaft bei­tra­gen. Des­we­gen sind wir sehr dank­bar für die Mög­lich­keit, dei­ne Ge­schich­te zu tei­len. Da­mit du kei­ne ver­ges­se­ne Frau von Aich­ach wirst!

In Lie­be und gro­ßem Re­spekt,

Dei­ne En­ke­lin­nen Nina, Ja­li­la und dei­ne Toch­ter Vera

1919–1934 – Kind­heit, Ju­gend, Aus­bil­dung

Jo­han­na Vogl kommt 1919 in Wien zur Welt. Ge­mein­sam mit ih­ren El­tern, vier Brü­dern und ei­ner Schwes­ter lebt sie in ärm­li­chen Ver­hält­nis­sen in ei­ner win­zi­gen Kel­ler­woh­nung im drit­ten Wie­ner Ge­mein­de­be­zirk. Ihre Mut­ter stammt ur­sprüng­lich aus dem da­mals un­ga­ri­schen Ste­gers­bach, der Va­ter aus dem tsche­chi­schen Ort Zna­im.

„Mei­ne Mut­ter kam aus Un­garn, der Va­ter war Tsche­che. Ich bin eine ech­te Wie­ne­rin“

– Jo­han­na Vogl

Vor der Ehe hat ihre Mut­ter als Gärt­ne­rin in Schön­brunn ge­ar­bei­tet, der Va­ter lie­fert Milch aus und leis­tet Hilfs­ar­bei­ten, ist je­doch vor al­lem in den Zwi­schen­kriegs­jah­ren über lan­ge Zeit krank und ar­beits­los. Die be­eng­te Wohn­si­tua­ti­on löst im­mer wie­der Kon­flik­te zwi­schen Jo­han­na und ih­rer Mut­ter aus, da die­se sehr viel schimpft und an­geb­lich im­mer wie­der jun­ge Män­ner ein­lädt, wäh­rend der Va­ter au­ßer Haus ist.

Als die Fa­mi­lie im Jahr 1931 eine Ge­mein­de­woh­nung in der Quel­len­stra­ße im 10. Wie­ner Ge­mein­de­be­zirk zu­ge­teilt be­kommt, bes­sern sich die Le­bens­um­stän­de. Jo­han­na be­sucht ins­ge­samt vier Jah­re die Volks­schu­le und im An­schluss vier Jah­re die Haupt­schu­le. Sie lernt mit Be­geis­te­rung und träumt da­von, Kin­der­ärz­tin zu wer­den.

„Ich hab’ so gern ge­lernt. Aber es gab kei­nen Platz, kei­ne Ruhe. Da bin ich mit mei­nen Bü­chern im­mer auf die Kel­ler­trep­pe.“

– Jo­han­na Vogl

1934–1938 – Aus­bil­dung und ers­tes po­li­ti­sches En­ga­ge­ment

Es bleibt bei dem Traum vom Stu­di­um, denn trotz grö­ße­rer Ge­mein­de­woh­nung ist die Ar­mut der Fa­mi­lie längst nicht über­wun­den. Der Be­such des Gym­na­si­ums – die Grund­vor­aus­set­zung, um spä­ter stu­die­ren zu kön­nen – ist nicht fi­nan­zier­bar, nicht mal denk­bar. Nach dem Ab­schluss der Haupt­schu­le be­ginnt sie im Mai 1934 eine Leh­re als Mo­dis­tin. Für die­se lie­fert sie re­gel­mä­ßig Hüte in die fei­nen Wie­ner Be­zir­ke.

„Ich bin im­mer zu Fuß ge­gan­gen. Nicht mit der Stra­ßen­bahn. Von dem Fahr­geld hab’ ich mir dann 1/4 kg Wein­trau­ben und eine Sem­mel kau­fen kön­nen.“

– Jo­han­na Vogl

Nach nicht ein­mal zwei Lehr­jah­ren muss Jo­han­na die Aus­bil­dung zur Mo­dis­tin im Fe­bru­ar 1936 un­ge­wollt ab­bre­chen. Die Um­stän­de sind tra­gisch, denn im Zuge der po­li­ti­schen Ent­wick­lung nimmt sich die jü­di­sche Be­sit­ze­rin das Le­ben. Span­nend hier­bei: Bei ih­rer Ein­lie­fe­rung ins Frau­en­zucht­haus Aich­ach (1941) muss Jo­han­na ei­nen hand­schrift­li­chen Le­bens­lauf ver­fas­sen. Dort er­wähnt sie den Sui­zid der Mo­dis­tin nicht, son­dern schreibt: „Mei­ne Che­fin {…} ver­reis­te nach Ame­ri­ka und sperr­te hier den Sa­lon, {…}“.

Die ers­ten Flug­blät­ter

Die wirt­schaft­li­che Lage in Wien ist an­ge­spannt, der Aus­tro­fa­schis­mus un­ter Bun­des­kanz­ler En­gel­bert Doll­fuß auf dem Vor­marsch. Jo­han­na fin­det kei­nen neu­en Be­trieb, um die Leh­re zu be­en­den. Erst im Au­gust 1937 fin­det sie Ar­beit als Hilfs­ar­bei­te­rin in ei­ner Strumpf­fa­brik.

In die­ser Zeit ver­teilt sie Flug­blät­ter der so­zi­al­de­mo­kra­ti­schen Ar­bei­ter­be­we­gung, die sich ge­gen Fa­schis­mus und Krieg wen­den – vor al­lem in und vor Fa­bri­ken in Wien. Eine ih­rer Vor­ar­bei­te­rin­nen, Anni Zettl, eine auf­rech­te So­zi­al­de­mo­kra­tin, mit der sie noch bis ins hohe Al­ter ver­bun­den bleibt, fin­det ei­nes Ta­ges die­se Flug­blät­ter in ih­rer Ta­sche. Sie warnt Jo­han­na ein­dring­lich, da die­se Art der „Pro­pa­gan­da“ be­reits ver­bo­ten ist und Ver­haf­tung droht.

„Anni hat ge­sagt: Bring’ das nie wie­der mit. Das ist ge­fähr­lich!“

– Jo­han­na Vogl

Es ist vor al­lem die er­leb­te Ar­mut in ih­rer Kind­heit und Ju­gend, mit der sie ihr po­li­ti­sches En­ga­ge­ment er­klärt. Aber auch kon­kre­te Er­eig­nis­se wie die Fe­bru­ar­kämp­fe 1934 in den Wie­ner Ar­bei­ter­be­zir­ken be­ein­flus­sen ihr Han­deln.*

„Da wur­de ge­schos­sen. Im Ge­mein­de­bau. Da war doch klar, dass es nicht so läuft, wie es soll­te.“

– Jo­han­na Vogl

Den Be­zug zur So­zi­al­de­mo­kra­tie und der Ar­bei­ter­be­we­gung, die im Jahr 1934 vom aus­tro­fa­schis­ti­schen Re­gime, ver­bo­ten wur­den, hat sie schon seit Schul­zei­ten, denn in ih­rer Ju­gend­zeit ist sie Mit­glied der Ro­ten Fal­ken, ei­ner Vor­feld­or­ga­ni­sa­ti­on der So­zi­al­de­mo­kra­ti­schen Par­tei Ös­ter­reich.

Wäh­rend ih­rer Zeit in der Strumpf­fa­brik lebt sie wei­ter­hin in ih­rem El­tern­haus, da der Lohn für ein ei­gen­stän­di­ges Le­ben nicht aus­reicht. Par­al­lel zu ih­rer Ar­beit in der Strumpf­fa­brik tritt sie im Jahr 1937 dem KJV (Kom­mu­nis­ti­scher Ju­gend­ver­band) bei.

„Es gibt ver­schie­de­ne Ver­sio­nen, wie mei­ne Groß­mutter zum Kom­mu­nis­ti­schen Ju­gend­ver­band ge­kom­men sein soll. Es gibt ihre ei­ge­ne Er­zäh­lung, dass eine ih­rer Schul­freun­din­nen sie an­ge­wor­ben habe. Im of­fi­zi­el­len Ge­richts­ur­teil von 1941 ist die Rede von ei­nem mit­an­ge­klag­ten jun­gen Mann, den sie im so­zi­al­de­mo­kra­ti­schen Tou­ris­ten­ver­ein „Berg­freun­de“ (vor­mals Na­tur­freun­de) ken­nen­ge­lernt ha­ben soll. Ob mei­ne Groß­mutter sich in spä­te­ren Er­zäh­lun­gen falsch er­in­nert, ob sie von bei­den un­ab­hän­gig von­ein­an­der an­ge­wor­ben wur­de oder ob sie in ih­rer Aus­sa­ge vor Ge­richt ihre Schul­freun­din schüt­zen woll­te – wir wis­sen es nicht si­cher.“

– Nina Vogl, En­ke­lin

Ein wei­te­rer be­ruf­li­cher Ein­schnitt folgt im Sep­tem­ber 1938. Nach dem An­schluss Ös­ter­reichs im März 1938 rollt auch hier eine Wel­le der Ari­sie­rung übers Land und un­zäh­li­ge Be­trie­be wer­den ge­schlos­sen. Jo­han­na muss er­neut den Ar­beits­platz wech­seln und er­hält Ar­beit in ei­ner an­de­ren Strumpf­fa­brik, in der sie bis Ende 1939 tä­tig ist.

1938–1940 – KJV Be­zirks­lei­te­rin – Das En­ga­ge­ment geht wei­ter

Ihre Zeit beim KJV be­ginnt sie 1937 als ein­fa­ches Mit­glied. Re­la­tiv zeit­gleich zur Ari­sie­rung ih­res bis­he­ri­gen Ar­beit­ge­bers im Herbst 1938 über­nimmt sie die Rol­le der Be­zirks­lei­te­rin des KJV für den drit­ten Wie­ner Ge­mein­de­be­zirk. Das be­deu­tet, sie or­ga­ni­siert Tref­fen mit an­de­ren Mit­glie­dern, be­spricht po­li­ti­sche The­men mit ih­nen und sam­melt Mit­glieds­bei­trä­ge ein.

„Es be­ein­druckt mich sehr, wie mei­ne Groß­mutter in solch jun­gem Al­ter po­li­ti­sche Ver­ant­wor­tung und ins­be­son­de­re als Frau eine Lei­tungs­rol­le über­nom­men hat. Ich glau­be, das hat mich in­di­rekt schon ge­prägt und ich bin froh, dass die­ses Frau­en­bild in mei­ner Fa­mi­lie kei­ne Aus­nah­me, son­dern eine Selbst­ver­ständ­lich­keit ist.“

– Nina Vogl, En­ke­lin

Auch wenn das po­li­ti­sche En­ga­ge­ment im­mer ge­fähr­li­cher wird, gibt Jo­han­na, die von ih­ren Genoss:innen „Han­nerl“ ge­nannt wird, nicht auf. Sie trifft sich wei­ter­hin mit ih­ren Mitstreiter:innen vom KJV. Sie ent­wi­ckeln Tak­ti­ken, um sich zu schüt­zen und nut­zen das in vie­len Wi­der­stands­grup­pen an­ge­wand­te „Drei­er­sys­tem“, das den Sinn hat, das Ri­si­ko auf Ent­tar­nung zu mi­ni­mie­ren.** Au­ßer­dem wer­den Tref­fen und de­ren In­hal­te na­tür­lich nicht schrift­lich fest­ge­hal­ten. Wer im Un­ter­grund und „il­le­gal“ agiert, hin­ter­lässt am bes­ten kei­ne Spu­ren.

1940–1941 – Ver­rat, Ver­haf­tung, Un­ter­su­chungs­haft

Trotz der Vor­sichts­maß­nah­men kommt es zum Ver­rat der Grup­pe. Es ist der 28. Fe­bru­ar 1940 als Jo­han­na früh­mor­gens zu­hau­se von der Ge­sta­po fest­ge­nom­men wird. Sie brin­gen sie in die Ros­sau­er­län­de, ein Po­li­zei­ge­fäng­nis, das im Volks­mund „die Liesl“ ge­nannt wird. Noch heu­te wird das Ge­bäu­de als Po­li­zei­an­hal­te- und Schub­haft­zen­trum ge­nutzt. Jo­han­na wird ein­ge­sperrt, ver­hört und weil sie nichts sa­gen will: miss­han­delt. Die Be­am­ten schla­gen ihr die Zäh­ne aus.

„Mei­ne Groß­mutter hat von die­ser kon­kre­ten Miss­hand­lung nicht er­zählt. Als ich in den Un­ter­la­gen das ers­te Mal da­von lese, kann ich nicht an­ders als mir die­se Si­tua­ti­on bild­lich vor­zu­stel­len. Eine jun­ge Frau, die nicht aus­sa­gen will und des­halb von ei­nem Mann so hart ins Ge­sicht ge­schla­gen wird, dass sie ihre Zäh­ne ver­liert.“

– Nina Vogl, En­ke­lin

Die da­mals 20-Jäh­ri­ge ver­bringt über ein Jahr in Un­ter­su­chungs­haft an un­ter­schied­li­chen Or­ten in Wien bis es im Au­gust 1941 zur Ver­hand­lung am Volks­ge­richts­hof kommt. Über die ge­nau­en Um­stän­de in Haft ist aus per­sön­li­chen Er­zäh­lun­gen we­nig be­kannt. Es gibt al­ler­dings Auf­zeich­nun­gen und Do­ku­men­ta­ti­on durch an­de­re Ge­fan­ge­ne, die eben­so zu die­ser Zeit in Wien in Un­ter­su­chungs­haft wa­ren und von der Haft­zeit be­rich­ten. Be­son­ders ein­drück­lich sind da­bei die Schil­de­run­gen aus der Bio­gra­phie von Mar­ga­re­te Schüt­te-Li­hotz­ky, in der auch „Han­nerl“ Er­wäh­nung fin­det.

Die An­kla­ge lau­tet: Vor­be­rei­tung zum Hoch­ver­rat. Mit ihr an­ge­klagt sind acht Per­so­nen, sie­ben Män­ner und sie.

„Auch hier wird mir ihre be­son­de­re Stel­lung als ein­zi­ge Frau auf der An­kla­ge­bank noch­mal be­wusst. Eine Frau, die sechs der mit­an­ge­klag­ten Män­nern als KJV-Be­zirks­lei­te­rin for­mell über­ge­ord­net ist.“

– Nina Vogl, En­ke­lin

1941: Das Ur­teil

Das Ur­teil fällt am 08. Juli 1941. Es lau­tet auf „Vor­be­rei­tung zum Hoch­ver­rat.“ Jo­han­na wird zu vier Jah­ren Zucht­haus so­wie vier Jah­ren Ehr­ver­lust ver­ur­teilt. Von der Dau­er der Un­ter­su­chungs­haft wer­den ihr ein Jahr und vier Mo­na­te an­ge­rech­net. Ihre Stra­fe soll sie im Frau­en­zucht­haus Aich­ach in Ober­bay­ern ver­bü­ßen.

„Ich hat­te fast Glück, dass ich schon im 41er Jahr ver­ur­teilt wur­de. Ein Jahr spä­ter gab es dann viel mehr To­des­ur­tei­le.“

– Jo­han­na Vogl

Aus dem Ur­teil wird er­sicht­lich, wie hart und – aus heu­ti­ger Sicht völ­lig un­ver­hält­nis­mä­ßig – das na­tio­nal­so­zia­lis­ti­sche Re­gime ge­gen po­li­ti­sche Gegner:innen vor­geht. Jo­han­na wird ihre Tä­tig­keit als Be­zirks­lei­te­rin des Kom­mu­nis­ti­schen Ju­gend­ver­bands vor­ge­wor­fen. Aus der Ur­teils­be­grün­dung geht her­vor, dass sie Tref­fen or­ga­ni­siert, Mit­glieds­bei­trä­ge ein­ge­sam­melt und ein­zel­ne Mit­strei­ter über die Ideen des Kom­mu­nis­mus in­for­miert ha­ben soll.

Da­bei geht es um ein­zel­ne Ge­sprä­che, so­wie um ein ein­zi­ges – als Schrift der Hit­ler­ju­gend ge­tarn­tes – Schrift­stück, das von ihr wei­ter­ge­ge­ben wur­de und im Ur­teil als „Hetz­schrift“ be­ti­telt wird. Eine Er­stel­lung und Ver­viel­fäl­ti­gung – ge­schwei­ge denn eine Ver­tei­lung – von kom­mu­nis­ti­schen Flug­blät­tern ist der Grup­pe gar nicht mög­lich, denn dazu feh­len die tech­ni­schen Mög­lich­kei­ten und die fi­nan­zi­el­len Mit­tel.

Gut ei­nen Mo­nat nach der Ver­ur­tei­lung ge­langt Jo­han­na am 11.August 1941 ins Frau­en­zucht­haus Aich­ach – vier Tage nach ih­rem 22. Ge­burts­tag.

1941–1944: Haft in Aich­ach

Wir kön­nen Jo­han­nas Zeit in Aich­ach nur bruch­stück­wei­se aus Er­zäh­lun­gen re­kon­stru­ie­ren, ge­schwei­ge denn nach­voll­zie­hen, wie es sich an­ge­fühlt ha­ben muss, im Zucht­haus ein­ge­sperrt ge­we­sen zu sein, so­wohl kör­per­lich als auch psy­chisch. Trotz der we­ni­gen per­sön­li­chen Ge­schich­ten aus Aich­ach, die sie zu Leb­zei­ten mit uns ge­teilt hat, kön­nen wir ih­ren Auf­ent­halt dort mitt­ler­wei­le fast mi­nu­ti­ös ver­fol­gen.

Der na­tio­nal­so­zia­lis­ti­sche Bü­ro­kra­tie­ap­pa­rat

Denn es kommt et­was ins Spiel, das uns als Nach­kom­men Jahr­zehn­te spä­ter ei­nen neu­en Blick auf das Le­ben und Lei­den un­se­rer Mut­ter und Groß­mutter gibt: der na­tio­nal­so­zia­lis­ti­sche Bü­ro­kra­tie­ap­pa­rat. Es ist 2019, als wir auch dank des En­ga­ge­ments des Frau­en­fo­rums Aich­ach-Fried­berg im Münch­ner Staats­ar­chiv auf die Ge­fan­ge­nen­ak­te un­se­rer Mut­ter und Groß­mutter sto­ßen.

„Zehn Jah­re lang habe ich nur we­ni­ge Hun­dert Me­ter Luft­li­nie vom Staats­ar­chiv in Mün­chen ge­lebt. Ei­ner Stadt, in der sonst nie­mand aus mei­ner Fa­mi­lie je ge­wohnt hat. Zehn Jah­re, in de­nen ich nicht den Hauch ei­ner Ah­nung hat­te, wel­che In­for­ma­tio­nen sich fast di­rekt vor mei­ner Nase be­fin­den. All die­se Din­ge die mei­ne Groß­mutter be­tref­fen. Und da­mit ja auch ir­gend­wie mei­ne gan­ze Fa­mi­lie – mei­ne Mut­ter, mei­ne Schwes­ter, mich.“

– Nina Vogl, En­ke­lin

Die Akte gibt nicht nur Ein­blick in das, was Jo­han­na in Aich­ach wi­der­fah­ren ist, sie zeigt vor al­lem die Funk­ti­ons­wei­se der na­tio­nal­so­zia­lis­ti­schen Bü­ro­kra­tie. Auf­nah­me­bo­gen, Füh­rungs­zeug­nis­se, Do­ku­men­ta­ti­on der Haus­stra­fen, Zahn­arzt­rech­nun­gen, ab­ge­fan­ge­ne Brie­fe, Kor­re­spon­denz zwi­schen der An­stalts­lei­tung und der Ge­sta­po in Wien: Die Akte er­zählt Jo­han­nas Le­ben in Aich­ach – aber aus Sicht der Wär­te­rin­nen, der An­stalts­lei­tung, des na­tio­nal­so­zia­lis­ti­schen Re­gimes.

„Es ist ir­gend­wie sur­re­al das Le­ben der ei­ge­nen Mut­ter und Groß­mutter an­hand von Ak­ten nach­zu­er­zäh­len, Ak­ten, die nur ei­nen be­stimm­ten Teil der Ge­schich­te er­zäh­len, ge­prägt von ei­ner sehr be­stimm­ten Idee von Recht und Ord­nung und da­von, was rich­tig und falsch ist. Gleich­zei­tig muss man fast dank­bar sein für die akri­bi­schen Auf­zeich­nun­gen, denn die Ge­fäng­nis­ak­ten aus Aich­ach ha­ben ei­nen für uns bis­her blin­den Fleck sicht­bar ge­macht, de­fi­ni­tiv nicht nach­voll­zieh­bar, aber nach­ver­folg­bar. Sie zei­gen, mit wel­cher Selbst­ver­ständ­lich­keit Leid und Schmerz über Men­schen ge­bracht wur­de, die nicht den Vor­stel­lun­gen der na­tio­nal­so­zia­lis­ti­schen Ideo­lo­gie ent­spra­chen.“

– Nina Vogl, En­ke­lin

Von ab­ge­fan­ge­nen Brie­fen bis Zahn­arzt­rech­nung

Eine der ers­ten Din­ge, die Jo­han­na im Aich­acher Zucht­haus tun muss: Ei­nen hand­schrift­li­chen Le­bens­lauf ver­fas­sen. Am 13. Au­gust lis­tet sie dar­in In­for­ma­tio­nen zu ih­ren El­tern (be­ruf­li­che Tä­tig­keit, cha­rak­ter­li­che Ein­schät­zung, Ge­sund­heits­zu­stand) auf und schil­dert ih­ren ei­ge­nen schu­li­schen und be­ruf­li­chen Wer­de­gang so­wie ihre bis­he­ri­ge Krank­heits­ge­schich­te. Hin­zu kom­men we­ni­ge Sät­ze, die ihre Straf­tat be­tref­fen. Die­se be­grün­det sie knapp mit der ei­ge­nen Ar­mut und Not, nicht mit ein­deu­ti­ger po­li­ti­scher Über­zeu­gung. Für die Zeit nach der Straf­ver­bü­ßung kün­digt sie fol­gen­des an:

„Künf­tig will ich nur mei­ner Ar­beit nach­ge­hen und nie mehr ir­gend­ei­ne po­li­ti­sche Tä­tig­keit be­trei­ben, um wie­der Auf­nah­me in den Rei­hen des Vol­kes zu fin­den.“

Wer die Ak­ten ih­res Auf­ent­halts in Aich­ach kennt, dem wird klar, dass die­se Zei­len in ers­ter Li­nie un­ter dem enor­men Druck und der Angst vor Re­pres­sa­li­en ent­stan­den sein müs­sen. Denn auch in Haft gibt sie nicht kom­plett auf und fin­det Mit­tel und Wege, sich wei­ter­hin po­li­tisch zu en­ga­gie­ren.

Die Miss­hand­lun­gen und den Fakt, dass ihr Ge­sta­po-Be­am­te in der Un­ter­su­chungs­haft die Zäh­ne aus­schla­gen, lässt sich an­hand der Auf­nah­me-For­mu­la­re aus dem Zucht­haus Aich­ach nach­voll­zie­hen. Dort wird der kör­per­li­che Zu­stand und das Äu­ße­re der Ge­fan­ge­nen ge­nau do­ku­men­tiert. In Jo­han­nas Akte wer­den ihre Zäh­ne als schlecht bzw. feh­lend ver­merkt – au­ßer­dem fin­den sich meh­re­re Rech­nun­gen zu zahn­ärzt­li­chen Be­hand­lun­gen.

Jo­han­na schreibt ab Fe­bru­ar 1942 re­gel­mä­ßig Brie­fe an ihre Fa­mi­lie. Ei­ner da­von fin­det sich in der Akte, was be­deu­tet, dass er ab­ge­fan­gen wur­de und die Adres­sa­ten nie er­reicht hat. Die Auf­se­he­rin­nen kon­trol­lie­ren den In­halt sehr ge­nau. Schon ein ne­ga­ti­ves Wort über die Ver­pfle­gung oder Ähn­li­ches kann dazu füh­ren, dass Brie­fe das Zucht­haus nie ver­las­sen.

Ge­hei­me Nach­rich­ten, Dun­kel­haft und so­li­da­ri­sche Ge­nos­sin­nen

In ih­rer Zeit in Aich­ach er­hält Jo­han­na zwei­mal eine so ge­nann­te Haus­stra­fe. Zum ei­nen er­hält sie im Juni 1943 eine sie­ben­mo­na­ti­ge Ein­zel­haft. Nur ei­nen Mo­nat spä­ter folgt eine Ver­ur­tei­lung zu 28 Ta­gen Kor­rek­ti­ons-Ar­rest. Die­se Stra­fe wird zu­sätz­lich ver­hängt und nicht auf ihre ei­gent­li­che Haft­zeit an­ge­rech­net. Es han­delt sich um Dun­kel­haft bei Was­ser und Brot. Die Näch­te ver­bringt sie auf ei­ner har­ten Holz­prit­sche. Nur alle drei Tage be­kommt sie ei­nen dre­cki­gen Stroh­sack für die Nacht so­wie nor­ma­les Häft­lings­es­sen. Die Kor­rek­ti­ons­haft setzt ihr nicht nur kör­per­lich, son­dern auch psy­chisch stark zu.

„Wenn du so lang al­lein bist im Dun­keln wirst du dep­pert. Ich hab’ mich dann mit den Spin­nen un­ter­hal­ten.“

– Jo­han­na Vogl

Eine Auf­se­he­rin bie­tet ihr an, sich bei der Di­rek­ti­on zu ent­schul­di­gen, um aus der Dun­kel­haft ent­las­sen zu wer­den. Doch sie wei­gert sich. Die stren­ge Stra­fe er­hält sie, weil bei ihr ein so ge­nann­ter Kas­si­ber ge­fun­den wird. Das ist sind klei­ne, ge­hei­me No­ti­zen, die die In­sas­sin­nen un­ter­ein­an­der aus­tau­schen. Da­für nut­zen sie die sel­te­nen Mo­men­te, in de­nen sie sich be­geg­nen kön­nen, zum Bei­spiel in der An­stalts­ka­pel­le.

„Mei­ne Mut­ter und ihre kom­mu­nis­ti­schen Ge­nos­sin­nen wa­ren ih­ren Leb­tag athe­is­tisch ein­ge­stellt. Und trotz­dem wur­de die Ka­pel­le zu ei­nem Ort, an dem sie sich be­geg­nen und heim­lich aus­tau­schen konn­ten.“

– Vera Ho­yer, Toch­ter

Die Kas­si­ber sind ein wich­ti­ges Mit­tel, um das po­li­ti­sche En­ga­ge­ment auch in Haft wei­ter­zu­füh­ren. Sie sind dazu da, In­for­ma­tio­nen wei­ter­zu­ge­ben oder sich mit Hil­fe von Wor­ten und Durch­hal­te­pa­ro­len ge­gen­sei­tig zu be­stär­ken und Mut zu ma­chen. Der Kas­si­ber, we­gen dem Jo­han­na in Dun­kel­haft geht, ent­hält un­ter an­de­rem fol­gen­de Sät­ze:

„Aber nicht mut­los wer­den! Wir wis­sen, dass die Pro­pa­gan­da ihr stärks­tes Mit­tel ist!“

„Es ist be­que­mer nicht zu den­ken, dar­an schei­tert man­ches…“

„Doch ein­mal geht zu­grun­de auch das Furcht­ba­re.“

„Das Volk ist nicht ge­willt mit den Fa­schis­ten zu ge­hen.“

Wie vie­le Kas­si­ber sie er­folg­reich ver­fasst, er­hal­ten oder wei­ter­ge­reicht hat, kön­nen wir nicht sa­gen, wis­sen aber, dass die So­li­da­ri­tät un­ter den po­li­ti­schen Ge­fan­ge­nen teil­wei­se sehr groß ist. Ir­gend­wann gibt es so vie­le Ver­haf­tun­gen und Ge­fan­ge­ne, dass Jo­han­na nach ih­rer Ein­zel­haft, zwar wei­ter­hin in ei­ner Ein­zel­zel­le un­ter­ge­bracht wird, aber die­se mit zwei wei­te­ren Frau­en teilt.

„Nach der Ein­zel­haft hat mich mei­ne Ge­nos­sin Rosl wie­der zu ei­nem Men­schen ge­macht.“

– Jo­han­na Vogl

Im­mer wie­der Wi­der­stand!

Das Schrei­ben der Kas­si­ber ist nicht der ein­zi­ge Weg, um wei­ter­hin Wi­der­stand zu leis­ten. Wäh-rend ih­rer Haft müs­sen Jo­han­na und ihre Mit­ge­fan­ge­nen Hilfs­ar­bei­ten leis­ten. Sie wird haupt­säch­lich zum So­cken stri­cken ein­ge­teilt und fin­det auch hier eine Mög­lich­keit, um ihre Wi­der­stän­dig­keit auf­recht zu er­hal­ten: Sa­bo­ta­ge.

„Zu­erst ha­ben wir so ge­tan, als könn­ten wir gar nicht stri­cken. Dann ha­ben wir die So­cken zu klein ge­strickt. Da­mit das nicht auf­fällt, ha­ben wir sie nass ge­macht und in die Län­ge ge­zo­gen.“

– Jo­han­na Vogl

Die­se An­ek­do­te hat sie im­mer wie­der mal er­zählt. Dass Jo­han­na sich bei der Ar­beit ver­mut­lich ab­sicht­lich nicht an­strengt, ent­geht auch der Zucht­haus­lei­tung nicht. In den Füh­rungs­bö­gen wird sie als lang­sam und be­quem be­zeich­net. Au­ßer­dem wird ihr kein Bes­se­rungs­wil­le at­tes­tiert, und sie wird als Über­zeu­gungs­tä­te­rin ein­ge­stuft. In der Be­wer­tung steht au­ßer­dem, dass „es mög­lich wäre, dass sie in ei­ner an­de­ren Um­ge­bung ihre Ge­sin­nung än­dern wür­de“ und es nicht aus­ge­schlos­sen sei, dass „sie sich in Zu­kunft ein­wand­frei füh­ren wird, weil sie die Fol­gen fürch­tet.“

„Die ge­sam­te Ge­fäng­nis­ak­te mei­ner Groß­mutter hat mir ein­drück­lichs­ten ge­zeigt, wie die na­tio­nal­so­zia­lis­ti­sche Bü­ro­kra­tie sich selbst und ihre Hand­lun­gen le­gi­ti­miert. Es ist er­staun­lich, wie sehr Hand­lun­gen als kor­rekt dar­ge­stellt wer­den kön­nen, wenn sie ak­ku­rat fest­ge­hal­ten wer­den. Auf of­fi­zi­el­lem Brief­pa­pier mit Stem­pel, Un­ter­schrift, Reichs­ad­ler – und Ha­ken­kreuz“

– Nina Vogl, En­ke­lin

Spu­ren bis in die Ge­gen­wart

Die Zu­stän­de in Aich­ach sor­gen da­für, dass Jo­han­na im­mer wie­der krank wird. In ei­nem Brief, in dem sie 1952 um Ent­schä­di­gung an­sucht, schreibt sie von Rip­pen­fell­ent­zün­dung, Ty­phus und Tu­ber­ku­lo­se. Die­se Krank­hei­ten über­steht sie, trägt aber auch Lang­zeit­schä­den da­von. Ne­ben re­gel­mä­ßi­gem Kopf­schmerz, sind die Schä­den, die durch das dau­er­haf­te Tra­gen von Holz­pan­tof­feln ent­stan­den sind, das sicht­bars­te Zei­chen.

„Erst als ich die­sen Brief das ers­te Mal ge­se­hen habe, habe ich ver­stan­den, dass die de­for­mier­ten Füße mei­ner Groß­mutter kein ge­ne­ti­sches Pro­blem oder Ähn­li­ches wa­ren, son­dern di­rek­te Fol­gen ih­rer In­haf­tie­rung.“

– Nina Vogl, En­ke­lin

Wel­che psy­chi­schen Schä­den sie da­von­trägt, lässt sich nicht be­nen­nen, da es zu ih­ren Leb­zei­ten nie zu ei­ner psy­cho­lo­gi­schen oder psych­ia­tri­schen Be­gut­ach­tung kommt.

„Im Nach­hin­ein muss ich sa­gen, dass wir als ihre di­rek­ten Nach­kom­men eine sehr am­bi­va­len­te Frau er­lebt ha­ben. Eine Frau, die sich im­mer wie­der für die Schwächs­ten ein­setzt, die ihre po­li­ti­sche Ge­sin­nung nicht ab­ge­legt hat. Die aber gleich­zei­tig ihre Toch­ter und En­ke­lin­nen im­mer wie­der mit Schwei­gen straft, Här­te zeigt und kaum in der Lage ist, ei­nen lie­be­vol­len Um­gang zu er­mög­li­chen. Das war nicht im­mer leicht, am we­nigs­ten für mei­ne Mut­ter. Ich bin nicht glück­lich dar­über, dass ihr Mut­ter-Toch­ter-Ver­hält­nis so schwie­rig war und hät­te es mir für sie an­ders ge­wünscht. Ich per­sön­lich ver­ur­tei­le das Ver­hal­ten mei­ner Groß­mutter ge­gen­über ih­rer Fa­mi­lie aber nicht, son­dern sehe es mitt­ler­wei­le als di­rek­te Fol­ge all der Grau­sam­keit, die sie selbst er­lebt hat.“

– Nina Vogl, En­ke­lin

Das Ende der Haft

Be­reits im Ja­nu­ar und Fe­bru­ar 1942 gibt es eine Kor­re­spon­denz zwi­schen Aich­ach und Wien, in der es um Jo­han­nas Ent­las­sung nach Ver­bü­ßung ih­rer Haft­stra­fe geht. Die Zucht­haus-Ver­wal­tung fragt an, ob Jo­han­na nach der Ent­las­sung auf frei­en Fuß ge­setzt oder der Ge­sta­po in Wien über­ge­ben wer­den soll. Die­se ent­schei­det be­reits 1942, dass Jo­han­na „nach der Straf­ver­bü­ßung an die Ge­hei­me Staats­po­li­zei­stel­le Wien zu über­stel­len sein wird“.

Im März 1944, knapp drei Wo­chen vor ih­rer Ent­las­sung, wird ihr Ver­hal­ten im Zucht­haus ein letz­tes Mal be­wer­tet. Die Di­rek­ti­on at­tes­tiert ihr nicht zu­letzt auf­grund ih­rer Haus­stra­fen eine schlech­te Füh­rung. Im Ver­gleich zum vor­he­ri­gen Füh­rungs­bo­gen fällt das Ur­teil nun um ei­ni­ges schär­fer aus:

„{…} eine staats­feind­lich ein­ge­stell­te Bol­sche­wis­tin ist und bleibt, {…} Bes­se­rungs­wil­le und Ände­rungs­fä­hig­keit sind zu ver­nei­nen“

Am 4.April 1944 wird sie aus dem Zucht­haus Aich­ach ent­las­sen und per Sam­mel­trans­port nach Wien ge­bracht.

„Wenn ich die­se Zei­len lese, fra­ge ich mich im­mer wie­der, wel­che Rol­le die­se Be­wer­tung da­bei ge­spielt hat, dass mei­ne Mut­ter nach Ver­bü­ßung ih­rer Haft nicht frei­ge­kom­men ist, son­dern ins KZ Ra­vens­brück de­por­tiert wur­de.“

– Nina Vogl, En­ke­lin

1944–1945: Ra­vens­brück

Ab 1944 wird die bis­her so akri­bi­sche Bü­ro­kra­tie we­ni­ger. Plötz­lich sind Ent­schei­dun­gen nicht mehr ge­nau do­ku­men­tiert und schrift­lich nach­voll­zieh­bar.

Ob­wohl Jo­han­na ihre laut Ur­teil fest­ge­setz­te Haft­stra­fe von vier Jah­ren nun ver­büßt hat, kommt sie nicht frei. Am 15. Au­gust 1944 wird sie nach­weis­lich in das be­reits stark über­füll­te KZ Ra­vens­brück de­por­tiert.

„Ich den­ke, dass auch der stei­gen­de Druck auf das na­tio­nal­so­zia­lis­ti­sche Re­gime da­für ver­ant­wort­lich war, dass po­li­ti­sche Ge­fan­ge­ne nicht frei­ge­las­sen, son­dern in Kon­zen­tra­ti­ons­la­ger ver­bracht wur­den.“

– Nina Vogl, En­ke­lin

Trotz schwin­den­der Bü­ro­kra­tie gibt es ein Do­ku­ment, das den Tag der De­por­ta­ti­on be­weist: Die Trans­port­lis­te, auf der sich Jo­han­nas Name fin­det. Der Name, den sie kurz dar­auf ver­lie­ren wird.

Vom Mensch zur Num­mer 44289

In Ra­vens­brück ge­schieht schließ­lich das, was al­len KZ-Häft­lin­gen als ers­tes an­ge­tan wird. Es ist kei­ne kör­per­li­che Ge­walt, aber ein Vor­gang, der die na­tio­nal­so­zia­lis­ti­sche Ideo­lo­gie ze­men­tiert. Ein ein­deu­ti­ger Schritt auf dem Weg zur Ent­mensch­li­chung der Ge­fan­ge­nen:

Der na­tio­nal­so­zia­lis­ti­sche Bü­ro­kra­tie­ap­pa­rat nimmt Jo­han­na ih­ren Na­men und macht sie zu ei­ner Num­mer. 44289. Ihre Häft­lings­num­mer. Dazu er­hält sie ei­nen ro­ten Wim­pel, der sie als Po­li­ti­sche Ge­fan­ge­ne iden­ti­fi­ziert. Ihr Le­ben fris­tet sie ab die­sem Mo­ment – ge­mein­sam mit un­zäh­li­gen an­de­ren Frau­en – in Block 24.

Die Nackt­pa­ra­de

Die ers­te De­mons­tra­ti­on von Macht und Will­kür ge­schieht di­rekt bei der An­kunft. Die Frau­en müs­sen sich kom­plett ent­klei­den und stun­den­lang ste­hen, wäh­rend die Auf­se­he­rin­nen mit Schä­fer­hun­den pa­trouil­lie­ren. Sie nen­nen es „die Nackt­pa­ra­de“. Wer sich be­wegt, muss die Kon­se­quen­zen spü­ren. Die­ser Vor­gang wie­der­holt sich im­mer wie­der – egal, bei wel­chem Wet­ter. Über­bor­den­de Ge­walt ist ab jetzt an der Ta­ges­ord­nung.

Un­se­re Mut­ter und Groß­mutter hat uns im­mer wie­der bruch­stück­haft von die­ser Höl­le er­zählt. Wie in Aich­ach muss sie auch hier Zwangs­ar­beit leis­ten. Ein­ge­setzt wird sie in ei­nem Kon­struk­ti­ons­bü­ro von Sie­mens. Dort trifft sie ei­ni­ge ih­rer frü­he­ren Mit­strei­te­rin­nen ge­gen den Fa­schis­mus, die eben­so ei­nen un­glaub­li­chen Lei­dens­weg hin­ter sich ha­ben.

Zwi­schen Tod und So­li­da­ri­tät

Doch sie er­zähl­te nicht nur von der Zwangs­ar­beit, son­dern auch von et­was, das all­ge­gen­wär­tig ist – vom Tod. Von all den Frau­en, die an Krank­hei­ten ster­ben, ver­hun­gern oder in den we­ni­ge Mo­na­te vor der Be­frei­ung er­rich­te­ten Gas­kam­mern er­mor­det wer­den.

Nie­mals ver­ges­sen wir ihre Er­zäh­lun­gen von den Kre­ma­to­ri­en, die di­rekt ne­ben den Gas­kam­mern la­gen:

„Ei­nes Nachts, so um drei oder vier Uhr mor­gens wun­der­te ich mich: Es ist so hell drau­ßen. Wie kann das sein? War­um scheint denn jetzt schon die Son­ne? Bis ich merk­te: Das war nicht die Son­ne. Das war das Feu­er des Kre­ma­to­ri­ums.“

– Jo­han­na Vogl

Zwi­schen all dem Leid gibt es auch so et­was wie Glück. Es herrscht eine gro­ße So­li­da­ri­tät zwi­schen den Ge­nos­sin­nen aus dem kom­mu­nis­ti­schen Wi­der­stand. Als Jo­han­na 1944 ins KZ Ra­vens­brück kommt, sind die po­li­tisch Ge­fan­ge­nen be­reits gut or­ga­ni­siert. Die Frau­en ste­hen Jo­han­na zur Sei­te und hel­fen ihr. Denn im­mer wenn das Es­sen aus­ge­ge­ben wird, stür­zen sich alle auf das kar­ge Mahl. Sie selbst bleibt oft müde und teil­nahms­los auf ih­rer Prit­sche sit­zen, so­dass für sie ei­gent­lich nichts üb­rig blei­ben kann. Doch ihre Leu­te sind für sie da und ver­sor­gen sie, ob­wohl es auch für sie ei­gent­lich nicht reicht.

„Ohne mei­ne Ge­nos­sin­nen wäre ich ver­hun­gert.“

– Jo­han­na Vogl

1945: Be­frei­ung und Flucht

Ende April 1945 en­det das Mar­ty­ri­um im KZ Ra­vens­brück, denn die Rote Ar­mee be­freit das La­ger. Am 30. April ver­las­sen Jo­han­na und ihre Ge­nos­sin­nen im Schutz rus­si­scher Sol­da­ten das La­ger. Trotz Räu­mung des KZ und der Be­frei­ung der Häft­lin­ge flüch­tet sie mit ei­ni­gen Ka­me­ra­din­nen vor­erst in die um­lie­gen­den Wäl­der. Zu groß ist die Angst vor der Er­mor­dung.

Ab­ge­ma­gert und ge­schwächt ver­ste­cken sie sich im Wald. Ohne Ver­pfle­gung und in zer­schlis­se­ner Häft­lings­klei­dung ma­chen sie sich auf den 700 Ki­lo­me­ter lan­gen Weg nach Wien. Un­ter­wegs be­kom­men sie Hil­fe von Bau­ern aus der Um­ge­bung. Die­se ge­ben ih­nen Le­bens­mit­tel, dar­un­ter auch Speck.

„Wir ha­ben um das klei­ne Stück Speck ge­strit­ten. Mein Kör­per war so schwach und aus­ge­mer­gelt, dass ich den Speck nicht ver­dau­en konn­te und fast dar­an ge­stor­ben wäre.“

– Jo­han­na Vogl

Auf dem lan­gen Weg ver­lie­ren sich Jo­han­na und ei­ni­ge Ka­me­ra­din­nen. Den so­wje­ti­schen Sol­da­ten, de­nen sie un­ter­wegs be­geg­nen, ru­fen sie im­mer wie­der zu:

„Ne Niemci! Aw­stria!“

Sie tei­len ih­nen mit, dass sie kei­ne Deut­schen sind, son­dern Ös­ter­rei­che­rin­nen. In der Hoff­nung, des­halb nicht ge­fan­gen­ge­nom­men zu wer­den. Die Sol­da­ten neh­men sie für ei­nen Teil der Stre­cke in ih­ren Fahr­zeu­gen mit. Ins­ge­samt dau­ert die Flucht zu­rück nach Wien drei Wo­chen.

Nach dem Krieg
1945: Rück­kehr nach Wien

In Wien an­ge­kom­men, will Jo­han­na mit der Stra­ßen­bahn zur Woh­nung ih­rer El­tern fah­ren. Doch noch be­vor sie ein­stei­gen kann, wird sie auf­grund ih­rer Häft­lings­klei­dung ab­ge­wie­sen:

„Euch brau­chen wir hier nicht! Schleicht’s euch! Ver­schwin­det!“

Nicht bes­ser er­geht es ihr, als sie bei ih­ren El­tern an­kommt. Ei­ner ih­rer Brü­der öff­net die Tür. Als er sie sieht, sagt er nur:

„Was willst du denn hier? Mit ei­ner KZle­rin wol­len wir nichts zu tun ha­ben!“

Dar­auf­hin be­müht sie sich bei den Be­hör­den um eine Un­ter­kunft. Die Stadt Wien spricht ihr ein so ge­nann­tes Sied­lungs­haus zu. Der Bru­der, der sie zu­vor ab­ge­wie­sen hat­te, er­fährt da­von und dies­mal ist es er, der vor ih­rer Tür auf­taucht. Er for­dert sie auf, das Haus an ihre El­tern ab­zu­ge­ben. Er drang­sa­liert sie so lan­ge und so stark, dass sie ih­nen das Häus­chen über­lässt.

Um dem Streit aus dem Weg zu ge­hen, zieht sie bei ih­rer Ka­me­ra­din und Freun­din Bet­ty Wenz ein, mit der sie vie­le Jah­re in Haft war und auch die Flucht ver­bracht hat. Die Fa­mi­lie der Freun­din lebt in ei­ner rie­si­gen – zu­vor ari­sier­ten – Vil­la, die sie im Win­ter kaum hei­zen kön­nen.

„Wir sind dann im­mer im Kreis um den Tisch ge­lau­fen, da­mit uns warm wird.“

– Jo­han­na Vogl

Kurz nach Kriegs­en­de nutzt Jo­han­na ihre Zeit, um ob­dach­lo­sen Men­schen zu hel­fen und nä­hert sich ih­rem ur­sprüng­li­chen Traum, Kin­der­ärz­tin zu wer­den, so gut es geht an. Sie be­ginnt eine Aus­bil­dung zur Kin­der­gärt­ne­rin bei der Stadt Wien. Die­se schließt sie im Sep­tem­ber 1947 mit aus­ge­zeich­ne­tem Er­folg ab. An­fang der 1950er sie­delt sie in eine gro­ße Alt­bau­woh­nung im vier­ten Be­zirk um.

Ir­gend­wann in die­ser Zeit lernt sie dann Gan­ko Gan­kov ken­nen, ei­nen bul­ga­ri­schen Stu­den­ten, der in sei­ner Hei­mat eben­falls in ei­nem In­ter­nie­rungs­la­ger ge­ses­sen hat­te. Nach un­be­stä­tig­ten Ge­rüch­ten habe er bei ihr zur Un­ter­mie­te ge­wohnt.

„Viel kann ich zu die­ser Zeit nicht sa­gen, da mei­ne Mut­ter dar­über so gut wie nie ge­spro­chen hat. Erst spä­ter wird mir klar, dass ich mei­nen Va­ter erst mit vier Jah­ren über­haupt das ers­te Mal tref­fe.“

– Vera Ho­yer, Toch­ter

1957: Das ers­te und ein­zi­ge Kind

1956 wird Jo­han­na schwan­ger und bringt im Mai 1957 ihre Toch­ter Vera zur Welt. Kurz zu­vor hat­te Jo­han­na die Alt­bau­woh­nung we­gen zu ho­her Kos­ten räu­men müs­sen. Sie fin­det ge­mein­sam mit dem Baby Un­ter­schlupf im sel­ben Haus – im Kin­der­zim­mer der Fa­mi­lie Kost­mann, ei­ner jü­di­schen Fa­mi­lie, die aus der Emi­gra­ti­on in Groß­bri­tan­ni­en nach Wien zu­rück­ge­kehrt war. Dort blei­ben sie ei­ni­ge Mo­na­te – bis zur Fer­tig­stel­lung der Woh­nung im zwei­ten Be­zirk, die Jo­han­na bis zu ih­rem Tod be­wohnt.

Am 01.Mai mit Tochter Vera. Alter: ca. 43
Am 01.Mai mit Toch­ter Vera. Al­ter: ca. 43

„Ich bin schon früh von zu Hau­se weg­ge­gan­gen, nach Deutsch­land. Doch als mei­ne Mut­ter im Al­ter sehr krank wur­de, habe ich sie bis zu ih­rem Tod ge­pflegt. Da­nach habe ich die Woh­nung, in der ich auf­ge­wach­sen bin und al­les an­de­re als eine Bil­der­buch-Kind­heit ver­bracht habe, trotz­dem über­nom­men und lebe auch zwan­zig Jah­re spä­ter noch hier.“

– Vera Ho­yer, Toch­ter

Le­dig, be­rufs­tä­tig, al­lein­er­zie­hend

Bei der Ge­burt ih­rer Toch­ter ist Jo­han­na be­reits 38 Jah­re alt und gilt als „le­di­ge Mut­ter“. Auf­grund­des­sen ste­hen ihr kei­ne staat­li­chen Zu­wen­dun­gen zu. Die Be­hör­den ge­hen da­mals bei ei­ner „le­di­gen Mut­ter“ au­to­ma­tisch da­von aus, dass die­se bei der ei­ge­nen Fa­mi­lie (El­tern, Ge­schwis­ter,…) lebt und da­her im Fa­mi­li­en­ver­band ver­sorgt ist. Dem ist al­ler­dings nicht so. Jo­han­na ist we­der ver­wit­wet, noch lebt sie im Fa­mi­li­en­ver­band. Sie ist eine be­rufs­tä­ti­ge, al­lein­er­zie­hen­de Mut­ter.

Eine Tat­sa­che, mit der die Be­hör­den über­for­dert zu sein schei­nen. Das Amt teilt ihr eine Für­sor­ge­rin zu, die Jo­han­na di­rekt vor­schlägt, das Kind zur Ad­op­ti­on frei­zu­ge­ben. Au­ßer­dem über­nimmt das Amt au­to­ma­tisch die Vor­mund­schaft für Vera. Erst an ih­rem zwölf­ten Ge­burts­tag wird die­se end­gül­tig der Mut­ter über­tra­gen.

„So schwer und kom­pli­ziert dies ver­mut­lich für mei­ne Groß­mutter war: Mit Blick auf mein ei­ge­nes Le­ben bin ich sehr dank­bar, dass der Le­bens­ent­wurf der ei­gen­stän­di­gen Frau in un­se­rer Fa­mi­li­en­ge­schich­te schon seit drei Ge­ne­ra­tio­nen kein ‚not­wen­di­ges Übel‘ oder ein ‚Ma­kel’ ist, son­dern eine be­rech­tig­te Art, sein Le­ben zu ge­stal­ten. Dan­ke Oma, dan­ke Mama, dass ihr die­se Kämp­fe ge­kämpft habt und mei­ner Schwes­ter und mir da­mit ein gro­ßes Vor­bild wart und seid!“

– Nina Vogl, En­ke­lin

Dass ihr kei­ne Fa­mi­li­en­bei­hil­fe etc. zu­steht, will Jo­han­na nicht ein­fach hin­neh­men. Sie kämpft für ihr Recht und er­hält schließ­lich fi­nan­zi­el­le Zu­wen­dun­gen vom Staat. Trotz ih­res Be­rufs im Kin­der­gar­ten, muss sie ihr Kind vor al­lem in den ers­ten Le­bens­jah­ren stän­dig fremd­be­treu­en las­sen.

„Mei­ne Mut­ter hat­te es nicht leicht als Kind. Mei­ne Groß­mutter war sehr streng und so stolz wir auf die Le­bens­ge­schich­te und die Ta­ten mei­ner Groß­mutter sind: Sie kön­nen auch eine Bür­de sein. Näm­lich dann, wenn es sich so an­fühlt, als wür­de sich die Ge­schich­te über das ei­ge­ne Le­ben und Han­deln le­gen. Wenn man stän­dig im Schat­ten die­ser gro­ßen Ta­ten steht und selbst kei­ne Wert­schät­zung er­hält.“

– Nina Vogl, En­ke­lin

1953, 1963, 2002 & 2005: Ent­schä­di­gungs­zah­lun­gen

Jo­han­na er­hält in den Jahr­zehn­ten nach ih­rer Ge­fan­gen­schaft zu drei ver­schie­de­nen Zeit­punk­ten Ent­schä­di­gungs­zah­lun­gen. Ei­ner­seits für je­den Mo­nat der ver­büß­ten Haft durch die Re­pu­blik Ös­ter­reich, an­de­rer­seits für die ge­leis­te­te Zwangs­ar­beit – ge­zahlt aus der Stif­tung „Er­in­ne­rung, Ver­ant­wor­tung und Zu­kunft“, de­ren Stif­tungs­vo­lu­men von der Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land so­wie deut­schen Un­ter­neh­men auf­ge­bracht wur­de.

Die Ent­schä­di­gungs­zah­lun­gen, die Jo­han­na ins­ge­samt er­hält, be­lau­fen sich auf ei­nen Ge­samt­be­trag von um­ge­rech­net et­was über 16.500 Euro. Aus der ös­ter­rei­chi­schen Op­fer­für­sor­ge er­hält sie 1953 und 1963 ins­ge­samt um­ge­rech­net knapp 4000 Euro. Im Jahr 2002 er­hält sie eine so ge­nann­te „Ge­ste­zah­lung“ vom Ös­ter­rei­chi­schen Na­tio­nal­fonds in Höhe von etwa 5000 Euro. Die Ent­schä­di­gung für die bei Sie­mens ge­leis­te­te Zwangs­ar­beit im KZ Ra­vens­brück lässt gut 60 (!) Jah­re auf sich war­ten. Ein Jahr vor ih­rem Tod er­hält sie et­was mehr als 7500 Euro.

„Ich war 14 als mei­ne Groß­mutter ihre letz­te Ent­schä­di­gungs­zah­lung er­hielt. Da­mals dach­te ich: Wow, das ist viel Geld. Heu­te bleibt mir nichts an­de­res üb­rig, als mit dem Kopf zu schüt­teln. Na­tür­lich kann oh­ne­hin kein Be­trag ir­gend­ein Leid rück­gän­gig ma­chen, aber da wäre sie bes­ser ge­fah­ren, wenn sie di­rekt nach der Be­frei­ung ein paar Schil­ling in Sie­mens-Ak­ti­en in­ves­tiert hät­te.“

– Nina Vogl, En­ke­lin

1978 & 2001: Eh­run­gen

1976 schafft die ös­ter­rei­chi­sche Re­gie­rung das „Eh­ren­zei­chen für Ver­diens­te um die Be­frei­ung Ös­ter­reichs“. Zwei Jah­re spä­ter be­kommt Jo­han­na es ver­lie­hen.

Ge­nau 25 Jah­re spä­ter fin­det im Wie­ner Rat­haus die Ver­lei­hung des „Gol­de­nen Ver­dienst­zei­chen des Lan­des Wien“ statt. Un­ter den Ge­ehr­ten be­fin­den sich meh­re­re Wi­der­stands­kämp­fe­rin­nen.

„Das war ein sehr be­son­de­rer Mo­ment. Ich war da­mals 15 und habe sehr viel Stolz emp­fun­den. Mei­ne Groß­mutter war auf­grund ih­res po­li­ti­schen Wi­der­stands im­mer ein Vor­bild für mich. Die Wer­te, die sie mir da­durch di­rekt als auch in­di­rekt ver­mit­telt hat, hal­te ich bis heu­te hoch.“

– Ja­li­la Ly (geb. Vogl), En­ke­lin

2006: Der Ab­schied

Am 09. Juni 2006 ver­stirbt Jo­han­na Vogl im Al­ter von 86 Jah­ren. Selbst ihr letz­ter Weg ist von ei­nem Ver­ant­wor­tungs­ge­fühl ge­prägt und der Tat­sa­che, dass sie sich als In­di­vi­du­um im­mer wie­der der gu­ten Sa­che un­ter­ord­net. Schon zu Leb­zei­ten hat sie sich für eine Kör­per­spen­de zu Guns­ten der me­di­zi­ni­schen For­schung ent­schie­den. Nach ih­rem Tod wird ihr Kör­per ans Ana­to­mi­sche In­sti­tut der Uni­ver­si­tät über­ge­ben und nach den Un­ter­su­chun­gen feu­er­be­stat­tet.