Kurz­bio­gra­fien

Bei den hier zu fin­den­den Kurz­bio­gra­fien geht es um 41 Frau­en, de­ren Ver­fah­ren sämt­lich vor dem Son­der­ge­richt Bay­reuth ver­han­delt wur­den und die in der Straf­an­stalt Aich­ach en­de­ten. Bei 22 Fäl­len han­delt es sich um den sog. „Ver­bo­te­nen Um­gang mit Kriegs­ge­fan­ge­nen“. Die­se Ver­fah­ren wur­den mit ei­nem bis ein­ein­halb Jah­ren Zucht­haus ge­ahn­det. In ins­ge­samt 10 Fäl­len geht es um Frau­en, die Feld­post­pa­ke­te und Päck­chen ge­stoh­len ha­ben, was mit ein­ein­halb bis sechs Jah­ren Zucht­haus be­straft wur­de. In 6 Fäl­len han­delt es sich um Be­trug und Dieb­stahl von Be­zug­schei­nen und Le­bens­mit­tel­kar­ten, bei 3 wei­te­ren Fäl­len geht es um Pro­sti­tu­ti­on oder Dieb­stahl. Die­se De­lik­te wur­den mit bis zu zwei Jah­ren Zucht­haus be­straft. Die hier auf­ge­führ­ten Bio­gra­fien bie­ten die Mög­lich­keit für eine ei­ge­ne ver­tie­fen­de Re­cher­che, z.B. kann man die Ak­ten der Frau­en­straf­an­stalt Aich­ach aus dem Staats­ar­chiv Mün­chen hin­zu­zie­hen.

Frie­da Bä­cher

Ge­bo­ren: 1908 in Stra­as (heu­te Ge­mein­de­teil von Münch­berg).
Letz­ter Wohn­ort: Helm­b­rechts.

Frie­da Bä­cher war 1942 Kon­to­ris­tin in ei­ner gro­ßen Ko­lo­ni­al­wa­ren-Hand­lung in Helm­b­rechts, ihr Mann war Sol­dat bei der Wehr­macht, sie hat­ten eine vier­jäh­ri­ge Toch­ter. Die 34-Jäh­ri­ge ver­lieb­te sich in den fran­zö­si­sche Kriegs­ge­fan­ge­nen Ar­tur Pech­eur und traf sich heim­lich im Wald mit ihm. Wahr­schein­lich wur­de sie da­bei be­ob­ach­tet, an­ge­zeigt und wäre höchst­wahr­schein­lich wie vie­le Frau­en in ähn­li­chen Fäl­len we­gen „Ver­bo­te­nem Um­gang mit Kriegs­ge­fan­ge­nen“ zu ei­ner Zucht­haus­stra­fe in Aich­ach ver­ur­teilt wor­den. Doch dazu kam es nicht: Frie­da Bä­cher nahm sich am 13. Sep­tem­ber 1942 das Le­ben – elf Tage vor dem vom Son­der­ge­richt Bay­reuth an­be­raum­ten Pro­zess. Sie ver­gif­te­te sich in ih­rer Woh­nung in der Goe­the­stra­ße 14 in Helm­b­rechts mit Leucht­gas.

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Von dort kann ein pdf der An­kla­ge­schrift her­un­ter­ge­la­den wer­den.

Au­torin: Re­na­te Reck­zie­gel

Frie­da Ba­chert

Ge­bo­ren: 1898 in Neu Gurkowschbruch/Kreis Frie­de­berg (heu­te Górc­zy­na in Po­len).
Wohn­ort vor ih­rer In­haf­tie­rung: Ber­lin.

Frie­da Ba­chert leb­te als ver­hei­ra­te­te Frau 20 Jah­re mit ih­rem Mann in Ber­lin-Moa­bit. Von 1940 an hielt sie sich aber im­mer wie­der über län­ge­re Zeit in ih­rer Hei­mat auf, um bei ei­nem Bau­ern im Kreis Frie­de­berg in der Land­wirt­schaft mit­zu­hel­fen. Dort lern­te sie den fran­zö­si­schen Kriegs­ge­fan­ge­nen Emi­le Bruyè­re ken­nen. Die bei­den wur­den ein Paar und be­schlos­sen nach ei­nem Jahr, zu­sam­men nach Frank­reich zu flie­hen. Doch auf ih­rem Weg da­hin wur­den sie am 2. Juni 1942 in Bay­reuth fest­ge­nom­men. Frie­da Ba­chert ver­such­te noch, ih­ren Ge­lieb­ten als ih­ren Ehe­mann aus­zu­ge­ben, der nicht spre­chen kön­ne. Doch es half nichts. Ihr wur­de vor dem Son­der­ge­richt Bay­reuth Ende Au­gust 1942 der Pro­zess ge­macht. Frie­da Ba­chert wur­de zu drei Jah­ren Zucht­haus ver­ur­teilt, nach an­dert­halb Jah­ren aber vor­zei­tig auf Be­wäh­rung ent­las­sen.

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Von dort kann ein pdf des Ur­teils samt Be­grün­dung her­un­ter­ge­la­den wer­den.
Die voll­stän­di­ge Pro­zess­ak­te des Son­der­ge­richts Bay­reuth wird im Staats­ar­chiv Bam­berg ver­wahrt.
Even­tu­ell gibt es auch noch die Ge­fan­ge­nen­ak­te von Aich­ach. Da kann das Staats­ar­chiv Mün­chen wei­ter­hel­fen.
Emi­le Bruyè­re muss­te sich ver­mut­lich vor ei­nem Kriegs­ge­richt ver­ant­wor­ten. Auch da könn­te noch eine Pro­zess­ak­te exis­tie­ren.

Au­torin: Re­na­te Reck­zie­gel

Anna Ben­ker

Ge­bo­ren: 1902 in Nai­la.
Wohn­ort vor ih­rer In­haf­tie­rung: Nai­la.

Anna Ben­ker war von Be­ruf Weiß­nä­he­rin und ver­dien­te sich ih­ren Un­ter­halt wäh­rend des Zwei­ten Welt­kriegs zu­sätz­lich mit „Rei­ne­ma­che­ar­bei­ten“ bei der Fir­ma Bür­ger­bräu An­dre­as Wohn in Nai­la. Dort ver­lieb­te sie sich in den fran­zö­si­schen Kriegs­ge­fan­ge­nen Mar­cel Fré­de­rickx, der in dem Be­trieb als „Bräu­ge­hil­fe“ ar­bei­te­te. Im Mai 1942 kam das ge­mein­sa­me Kind der bei­den zur Welt. Ei­nen Mo­nat spä­ter wur­de die 40-Jäh­ri­ge an­ge­klagt. Anna Ben­ker wur­de we­gen „Ver­bo­te­nem Um­gang mit Kriegs­ge­fan­ge­nen“ zu ei­nem Jahr und drei Mo­na­ten Zucht­haus ver­ur­teilt. Sie muss­te die Stra­fe in Aich­ach dann im No­vem­ber 1942 an­tre­ten, nach­dem sie ihr Kind ab­ge­stillt hat­te. Am 1. Fe­bru­ar 1944 wur­de sie ent­las­sen, nach­dem sie ihre Haft voll­stän­dig ver­büßt hat­te.

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Von dort kann ein pdf des Ur­teils samt Be­grün­dung her­un­ter­ge­la­den wer­den.
Die voll­stän­di­ge Pro­zess­ak­te des Son­der­ge­richts Bay­reuth wird im Staats­ar­chiv Bam­berg ver­wahrt. Even­tu­ell exis­tiert auch noch die Ge­fan­ge­nen­ak­te aus dem Zucht­haus Aich­ach. Dazu kann das Staats­ar­chiv Mün­chen Aus­kunft ge­ben.

Au­torin: Re­na­te Reck­zie­gel

Ste­fa­nie Bi­al­a­schik

Ge­bo­ren: 1923 in Bo­prek-Karf im heu­ti­gen Po­len (da­mals Ober­schle­si­en).
Wohn­ort vor ih­rer In­haf­tie­rung: Lich­ten­berg (Land­kreis Hof).

„Ihre gan­ze Habe führ­te sie als Ge­päck bei sich.“ So be­schrei­ben die Rich­ter des Son­der­ge­richts Bay­reuth die Le­bens­wei­se von Ste­fa­nie Bi­al­a­schik. Ur­sprüng­lich soll­te die Ju­gend­li­che im Am­mo­ni­ak­werk Mer­se­burg in Leu­na als Rüs­tungs­ar­bei­te­rin ein­ge­setzt wer­den. Doch schon nach drei Mo­na­ten ver­ließ sie die Fa­brik un­ter dem Vor­wand, ih­ren Bräu­ti­gam tref­fen zu wol­len. Von da an leb­te sie auf der Stra­ße, mach­te mal bei ih­ren El­tern, mal bei ei­ner Freun­din Sta­ti­on. Sie hielt sich vor al­lem im nord­deut­schen Raum auf. Am 26. Juli 1943 fuhr sie nach Al­to­na. Dort ge­lang es ihr, sich in ei­nen Zug zu schmug­geln, der „Bom­ben­ge­schä­dig­te“ aus Ham­burg nach Bay­ern brach­te. So kam sie über Leip­zig und Bay­reuth nach Lich­ten­berg in Ober­fran­ken. Dort gab sich die da­mals noch 19-Jäh­ri­ge als die aus­ge­bomb­te, mit­tel­lo­se 21-jäh­ri­ge DRK-Hel­fe­rin Ste­fa­nie Bi­al­a­schik aus Ham­burg aus. Sie er­hielt auf die­se Wei­se eine neue Iden­ti­tät, eine Un­ter­kunft, Ein­klei­dungs­geld und fi­nan­zi­el­le Hil­fen zum Le­bens­un­ter­halt. Der Schwin­del flog je­doch auf, als Ste­fa­nie Bi­al­a­schik Aus­kunft zu ih­ren bis­he­ri­gen Tä­tig­kei­ten ge­ben soll­te und da­bei An­ga­ben mach­te, die in sich nicht schlüs­sig wa­ren. Die Fol­ge: Sie wur­de an­ge­zeigt, fest­ge­nom­men und im De­zem­ber an­ge­klagt. Das Son­der­ge­richt Bay­reuth ver­ur­teil­te sie we­gen Be­trugs und „Er­schlei­chens von Be­zugs­be­rech­ti­gun­gen“ zu zwei Jah­ren Zucht­haus. Sie kam im Ja­nu­ar 1944 nach Aich­ach. Sie blieb dort bis zum Ende des Zwei­ten Welt­kriegs in­haf­tiert. Dann wur­de sie auf An­ord­nung der Al­li­ier­ten ent­las­sen und 1947 vom baye­ri­schen Jus­tiz­mi­nis­ter re­ha­bi­li­tiert.

An­mer­kung: Nach NS-Recht wa­ren Ju­gend­li­che ab 14 Jah­ren straf­mün­dig. Das Voll­jäh­rig­keits­al­ter lag da­mals bei 21 Jah­ren.

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Die voll­stän­di­ge Pro­zess­ak­te des Son­der­ge­richts Bay­reuth wird im Staats­ar­chiv Bam­berg ver­wahrt. Even­tu­ell exis­tiert auch noch die Ge­fan­ge­nen­ak­te von Aich­ach. Dazu kann das Staats­ar­chiv Mün­chen Aus­kunft ge­ben.

Au­torin: Re­na­te Reck­zie­gel

Eli­se Brun­ner

Ge­bo­ren: 1920 in Rie­gel­stein, ge­hört heu­te zur Stadt Bet­zen­stein.
Wohn­ort vor ih­rer In­haf­tie­rung: Wai­g­anz, ge­hört heu­te zur Stadt Bet­zen­stein.

Seit ih­rem 14. Le­bens­jahr hat­te Eli­se Brun­ner als Dienst­magd beim Bau­ern Wei­din­ger in Wai­g­anz ge­ar­bei­tet. Im Ok­to­ber 1941 kam der bel­gi­sche Kriegs­ge­fan­ge­ne Mar­cel Si­mon als Zwangs­ar­bei­ter auf den Hof. Die bei­den über­nah­men vie­le Ar­bei­ten ge­mein­sam, ver­lieb­ten sich, im De­zem­ber 1942 merk­te Eli­se Brun­ner, dass sie schwan­ger war. Mar­cel Si­mon hät­te sie ger­ne ge­hei­ra­tet. Ein da­mals un­mög­li­ches Un­ter­fan­gen. Im Juli 1943 wur­de Eli­se Brun­ner we­gen „Ver­bo­te­nem Um­gang mit Kriegs­ge­fan­ge­nen“ zu ei­nem Jahr Zucht­haus ver­ur­teilt – kurz vor der Ge­burt des Kin­des. Die Haft wur­de des­we­gen auf­ge­scho­ben. Auch eine drei­mo­na­ti­ge Still­zeit wur­de der jun­gen Mut­ter noch zu­ge­stan­den. Ihr Ar­beit­ge­ber hat­te für sie bei Ge­richt noch um ei­nen wei­te­ren Auf­schub ge­be­ten, doch ver­ge­bens. An­fang 1944 muss­te Eli­se Brun­ner ihre Haft in Aich­ach an­tre­ten. Sie wur­de nach neun Mo­na­ten vor­zei­tig auf Be­wäh­rung ent­las­sen.

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Die voll­stän­di­ge Pro­zess­ak­te des Son­der­ge­richts Bay­reuth wird im Staats­ar­chiv Bam­berg ver­wahrt. Even­tu­ell exis­tiert auch noch die Ge­fan­ge­nen­ak­te von Aich­ach. Dazu kann das Staats­ar­chiv Mün­chen Aus­kunft ge­ben.

Au­torin: Re­na­te Reck­zie­gel

Frie­da Brun­ner

Ge­bo­ren: 1909 in Holz­mühl, ge­hört heu­te zu Markt­leu­then.
Wohn­ort vor ih­rer In­haf­tie­rung: Holz­mühl.

Frie­da Brun­ner war Bäue­rin. Zu dem An­we­sen ge­hör­ten fast 22 Hekt­ar Acker­land und Wald. Ihr Mann war im No­vem­ber 1942 ge­stor­ben. Auf dem Hof leb­ten da­mals noch die El­tern und zwei ih­rer Söh­ne. Un­ter­stützt wur­den sie bei der Ar­beit von Alex­an­der Pe­trov, ei­nem ser­bi­schen Kriegs­ge­fan­ge­nen, der zu die­sem Zeit­punkt schon an­dert­halb Jahr auf den Hof ein­ge­setzt war. Er sprach gut Deutsch und wur­de von der Fa­mi­lie Brun­ner sehr ge­schätzt.

Nach dem Tod des Bau­ern mach­te Alex­an­der Pe­trov der Wit­we mehr und mehr Avan­cen und über­rum­pel­te sie schließ­lich. Im Sep­tem­ber 1943 war Frie­da Brun­ner von ihm schwan­ger. Es sei nie ein­ver­nehm­lich ge­we­sen, sag­te Frie­da Brun­ner vor Ge­richt. Doch die Rich­ter glaub­ten ihr nicht. Sie ver­ur­teil­ten sie Ende Mai 1944 we­gen „Ver­bo­te­nem Um­gangs mit Kriegs­ge­fan­ge­nen“ zu ei­ner Zucht­haus­stra­fe von ei­nem Jahr und drei Mo­na­ten.

Frie­da Brun­ner muss­te die Stra­fe aber nicht so­fort an­tre­ten. Am 11. Juni kam ihr Kind zur Welt. Die Staats­an­walt­schaft ge­währ­te Haft­auf­schub für die Still­zeit und für die Ar­beit in der Land­wirt­schaft. Aber am 5. De­zem­ber 1944 muss­te die 35-Jäh­ri­ge ihre Stra­fe in Aich­ach dann doch an­tre­ten. Sie ver­brach­te drei Mo­na­te im Frau­en­zucht­haus. Am 15. März durf­te sie wie­der nach Hau­se, weil sie dort für die Ar­beit drin­gend ge­braucht wur­de. Theo­re­tisch hät­te sie am 15. No­vem­ber 1945 wie­der nach Aich­ach zu­rück­keh­ren sol­len. Doch dazu kam es nicht mehr: Am 8. Mai 1945 war der Zwei­te Welt­krieg zu Ende. Alle In­haf­tier­ten, die vom NS-Son­der­ge­richt un­recht­mä­ßig ver­ur­teilt wor­den wa­ren, ka­men frei. Das Ur­teil ge­gen Frie­da Brun­ner wur­de am 14. Fe­bru­ar 1947 auf­ge­ho­ben.

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Von dort kann ein pdf des Ur­teils samt Be­grün­dung her­un­ter­ge­la­den wer­den.
Die voll­stän­di­ge Pro­zess­ak­te des Son­der­ge­richts Bay­reuth wird im Staats­ar­chiv Bam­berg ver­wahrt. Even­tu­ell exis­tiert auch noch die Ge­fan­ge­nen­ak­te von Aich­ach. Dazu kann das Staats­ar­chiv Mün­chen Aus­kunft ge­ben.

Au­torin: Re­na­te Reck­zie­gel

Cor­ne­lia Con­rads

Ge­bo­ren: 1922 in Brand, die Ge­mein­de ist heu­te ein Stadt­teil von Aa­chen.
Wohn­ort vor ih­rer In­haf­tie­rung: Peg­nitz.

Cor­ne­lia Con­rads war ab De­zem­ber 1942 als Kon­to­ris­tin im Milch­hof Peg­nitz be­schäf­tigt. Doch ein Jahr spä­ter saß sie Un­ter­su­chungs­haft im Land­ge­richts­ge­fäng­nis Bay­reuth. Der Vor­wurf: Sie hat­te sich in den bel­gi­schen Kriegs­ge­fan­ge­nen Emi­le Sau­venie­re ver­liebt, der mit ihr zu­sam­men als Schreib­kraft im sel­ben Büro ar­bei­te­te. Die bei­den wur­den beim Küs­sen be­ob­ach­tet. So eine Lie­bes­be­zie­hung war in der NS-Zeit ein Straf­tat­be­stand. Für ih­ren „Ver­bo­te­nen Um­gang mit Kriegs­ge­fan­ge­nen“ wur­de die 21-Jäh­ri­ge zu an­dert­halb Jah­ren Zucht­haus ver­ur­teilt. Ende Fe­bru­ar 1944 trat sie ihre Stra­fe in Aich­ach an.

Ei­gent­lich hät­te Cor­ne­lia Con­rads am 2. April 1945 vor­zei­tig auf Be­wäh­rung ent­las­sen wer­den sol­len. Doch in den Wir­ren der letz­ten Kriegs­wo­chen traf das Schrei­ben der Staats­an­walt­schaft Bay­reuth nicht mehr in Aich­ach ein. Cor­ne­lia Con­rads kam aber trotz­dem am 10. April 1945 frei – ver­mut­lich wie so vie­le ih­rer Mit­in­haf­tier­ten im Zuge ei­ner An­ord­nung des Reichs­jus­tiz­mi­nis­te­ri­ums an­ge­sichts des Ein­marschs al­li­ier­ter Trup­pen.

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Von dort kann ein pdf des Ur­teils samt Be­grün­dung her­un­ter­ge­la­den wer­den.
Die voll­stän­di­ge Pro­zess­ak­te des Son­der­ge­richts Bay­reuth wird im Staats­ar­chiv Bam­berg ver­wahrt. Even­tu­ell exis­tiert auch noch die Ge­fan­ge­nen­ak­te von Aich­ach. Dazu kann das Staats­ar­chiv Mün­chen Aus­kunft ge­ben.

Au­torin: Re­na­te Reck­zie­gel

Gre­te Dob­mei­er

Ge­bo­ren: 1910 in Re­hau.
Wohn­ort vor ih­rer In­haf­tie­rung: Hof.

Es hat­te et­was von ei­ner Raz­zia: Am 31. Ja­nu­ar 1945 wur­den in Hof fünf Frau­en auf ein­mal fest­ge­nom­men und ver­hört: Gre­te Dob­mei­er (34), Dora Käp­pel (43), Frie­da Dietz (43), Jet­te Wink­ler (33) und Lui­se Lau­ter­bach (25). Sie alle wa­ren bei der Deut­schen Reichs­bahn als Zug­füh­re­rin­nen oder Pack­meis­te­rin­nen be­schäf­tigt. Ih­nen wur­de vor­ge­wor­fen, seit Mai 1944 im­mer wie­der Päck­chen und Pa­ke­te ge­plün­dert oder gan­ze Sen­dun­gen un­ter­schla­gen zu ha­ben. Mal zu­sam­men, mal al­lei­ne. Die eine mehr, die an­de­re we­ni­ger.

Ge­gen alle von ih­nen wur­de An­kla­ge er­ho­ben. Die Frau­en muss­ten sich am 5. April 1945 vor dem Son­der­ge­richt Bay­reuth ver­ant­wor­ten. Sie wur­den alle ver­ur­teilt – drei von ih­nen als „Volks­schäd­lin­ge“ zu mehr­jäh­ri­gen Zucht­haus­stra­fen, zwei zu mehr­mo­na­ti­gen Ge­fäng­nis­stra­fen. Die mit Ab­stand höchs­te Stra­fe er­hielt Gre­te Dob­mei­er: sechs Jah­re Zucht­haus. Der Staats­an­walt hat­te für sie in sei­nem Plä­doy­er so­gar die To­des­stra­fe ge­for­dert.

Gre­te Dob­mei­er wur­de er­schwe­rend zur Last ge­legt, dass sie be­reits zwei Mal we­gen Dieb­stahls vor­be­straft war: Im Jahr 1928 zu fünf Ta­gen und im Jahr 1934 zu zwei Wo­chen Ge­fäng­nis. In bei­den Fäl­len wur­de ihr die Stra­fe er­las­sen. Doch für das Son­der­ge­richt Bay­reuth galt sie trotz­dem als „rück­fäl­li­ge Die­bin“. Au­ßer­dem hielt die Staats­an­walt­schaft sie für den „ver­an­las­sen­den Teil“, wenn es um die ge­mein­sa­men Coups des Quin­tetts ging. Die Beu­te be­stand oft aus Nah­rungs­mit­teln wie Wurst, But­ter, Äp­fel oder Stol­len. Auch Zi­ga­ret­ten, Ta­bak, Klei­dung, Hand­tü­cher und De­cken ge­hör­ten dazu. Al­les Din­ge, die im Krieg kost­bar wa­ren. Die Not der Zi­vil­be­völ­ke­rung war da­mals groß.

Gre­te Dob­mei­er blieb nach ih­rer Ver­ur­tei­lung bis zum Ende des Krie­ges im Ge­richts­ge­fäng­nis in Hof. Die ame­ri­ka­ni­sche Mi­li­tär­re­gie­rung ord­ne­te dann für sie an, das Straf­maß von sechs auf drei Jah­re zu re­du­zie­ren. We­gen der „schwie­ri­gen Ver­kehrs­ver­hält­nis­se“ in die­ser Zeit ver­brach­te Gre­te Dob­mei­er die Haft wei­ter­hin in Hof. Erst im Mai 1947 wur­de sie ins Frau­en­zucht­haus nach Aich­ach ver­legt. Dort wur­de sie am 14. Fe­bru­ar 1948 ent­las­sen, nach­dem sie ihre Stra­fe voll­stän­dig ver­büßt hat­te. Ein Gna­den­ge­such, das sie ein­ge­reicht hat­te, war vom Baye­ri­schen Jus­tiz­mi­nis­te­ri­um drei Mo­na­te zu­vor ab­ge­lehnt wor­den.

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Die voll­stän­di­ge Pro­zess­ak­te des Son­der­ge­richts Bay­reuth wird im Staats­ar­chiv Bam­berg ver­wahrt. Even­tu­ell exis­tiert auch noch die Ge­fan­ge­nen­ak­te von Aich­ach. Dazu kann das Staats­ar­chiv Mün­chen Aus­kunft ge­ben.

Au­torin: Re­na­te Reck­zie­gel

The­re­se Eich­ner

Ge­bo­ren: 1912 in En­chen­reuth, ge­hört heu­te zur Stadt Helm­b­rechts.
Wohn­ort vor ih­rer In­haf­tie­rung: Schwar­zen­bach am Wald.

Es ging um ein Pa­ket. Ein ein­zi­ges Pa­ket. We­gen ihm muss­te sich The­re­se Eich­ner im Ja­nu­ar 1944 vor dem Son­der­ge­richt in Bay­reuth ver­ant­wor­ten. We­gen „be­son­de­rer Ver­werf­lich­keit“ ih­rer Tat wur­de sie als „Volks­schäd­ling“ zu ei­nem Jahr und neun Mo­na­ten Zucht­haus ver­ur­teilt. Doch von vor­ne: The­re­se Eich­ner war ver­hei­ra­tet, ihr Mann als Sol­dat in Frank­reich sta­tio­niert. Im Mai 1943 soll­te er an die Ost­front ver­legt wer­den. Auf dem Weg da­hin konn­te sich das Paar beim Halt des Zu­ges in Hof kurz tref­fen. Mi­cha­el Eich­ner brach­te sei­ner Frau drei Päck­chen mit Ge­schen­ken mit – und noch zwei wei­te­re Pa­ke­te, die für die Mut­ter ei­nes an­de­ren Sol­da­ten be­stimmt wa­ren. Doch The­re­se Eich­ner brach­te nur ei­nes da­von zur Post. Das an­de­re be­hielt sie. Was sich dar­in be­fand? Eine wei­ße Pelz­ja­cke. Eine Ver­lo­ckung, der The­re­se Eich­ner of­fen­sicht­lich nicht wi­der­ste­hen konn­te. Doch der Dieb­stahl kam her­aus. Denn der an­de­re Sol­dat hat­te sei­ner Mut­ter zwei Pa­ke­te an­ge­kün­digt. Als nur ei­nes bei ihr ein­traf, fuhr sie nach Schwar­zen­bach, um The­re­se Eich­ner zur Rede zu stel­len. The­re­se Eich­ner ver­strick­te sich in Aus­flüch­te und wur­de an­ge­zeigt. Auch die Rich­ter glaub­ten ihr am Ende kein Wort mehr und ver­häng­ten eine Stra­fe, die deut­lich hö­her war als üb­lich. Von Fe­bru­ar 1944 bis Mai 1945 war The­re­se Eich­ner in Aich­ach in­haf­tiert. Erst nach Kriegs­en­de wur­de sie von den Al­li­ier­ten ent­las­sen.

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Die voll­stän­di­ge Pro­zess­ak­te des Son­der­ge­richts Bay­reuth wird im Staats­ar­chiv Bam­berg ver­wahrt. Even­tu­ell exis­tiert auch noch die Ge­fan­ge­nen­ak­te von Aich­ach. Dazu kann das Staats­ar­chiv Mün­chen Aus­kunft ge­ben.

Au­torin: Re­na­te Reck­zie­gel

Lui­se Gack

Ge­bo­ren: 1922 in Rott­lers­reuth (Ge­mein­de Thur­n­au).
Wohn­ort vor ih­rer In­haf­tie­rung: Rott­lers­reuth.

Lui­se Gack ar­bei­te­te seit Fe­bru­ar 1940 als Dienst­magd bei dem Bau­ern Gott­lieb Häckel. Er war mit der Leis­tung der 20-Jäh­ri­gen zu­frie­den. Im Au­gust wur­de der fran­zö­si­sche Kriegs­ge­fan­ge­ne Mau­rice Jar­ri­on auf dem Hof als land­wirt­schaft­li­cher Hel­fer ein­ge­setzt. Die bei­den lern­ten sich so ken­nen und flir­te­ten mit­ein­an­der. Im Lauf des Jah­res 1942 wur­de Jar­ri­on im­mer zu­dring­li­cher. Was sich dann in Kar­tof­fel­kel­ler und Scheu­ne ab­spiel­te, schil­der­te Lui­se Gack bei ih­rer Ver­neh­mung als se­xu­el­le Über­grif­fe und Ver­ge­wal­ti­gung. Zu­erst sprach sie mit nie­man­dem dar­über, erst im Ok­to­ber ver­trau­te sie sich der Bau­ers­frau Häckel an. Das Er­geb­nis: Ihr Ar­beit­ge­ber zeig­te sie an, es kam zum Pro­zess. Das Son­der­ge­richt Bay­reuth be­fand, dass sich die jun­ge Frau an­geb­lich zu we­nig ge­gen die Über­grif­fe des Kriegs­ge­fan­ge­nen ge­wehrt habe. Lui­se Gack wur­de we­gen „Ver­bo­te­nem Um­gang mit Kriegs­ge­fan­ge­nen“ zu ei­nem Jahr Zucht­haus ver­ur­teilt. Sie wur­de nach sie­ben Mo­na­ten Haft vor­zei­tig auf Be­wäh­rung ent­las­sen.

An­mer­kung: Nach NS-Recht wa­ren Ju­gend­li­che ab 14 Jah­ren straf­mün­dig. Das Voll­jäh­rig­keits­al­ter lag da­mals bei 21 Jah­ren.

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Von dort kann ein pdf des Ur­teils samt Be­grün­dung her­un­ter­ge­la­den wer­den.
Die voll­stän­di­ge Pro­zess­ak­te des Son­der­ge­richts Bay­reuth wird im Staats­ar­chiv Bam­berg ver­wahrt. Even­tu­ell exis­tiert auch noch die Ge­fan­ge­nen­ak­te von Aich­ach. Dazu kann das Staats­ar­chiv Mün­chen Aus­kunft ge­ben.

Au­torin: Re­na­te Reck­zie­gel

Erna Ge­sell

Ge­bo­ren: 1917 in Birk / Land­kreis Wun­sie­del.
Wohn­ort vor ih­rer In­haf­tie­rung: Birk.

Erna Ge­sell leb­te und ar­bei­te­te 1942 auf dem Hof ih­res 72-jäh­ri­gen Va­ters. Sie war le­dig, die Mut­ter be­reits ge­stor­ben. 26 Hekt­ar Acker­land und Wie­sen galt es zu be­wirt­schaf­ten. Im Ja­nu­ar 1942 wur­de dem Hof der ser­bi­sche Kriegs­ge­fan­ge­ne Pe­ter Gay­da zu­ge­teilt, der häu­fig mit Erna Ge­sell zu­sam­men­ar­bei­te­te. Die bei­den ka­men sich nä­her, im Som­mer war Erna Ge­sell schwan­ger. Als er da­von er­fuhr, be­müh­te sich der Kriegs­ge­fan­ge­ne so­fort um sei­ne Ver­set­zung. Mit Er­folg. Ab Sep­tem­ber ar­bei­te­te er nicht mehr auf dem Hof.

Im Ja­nu­ar 1943 brach­te Erna Ge­sell ihr Kind zur Welt. Ende April 1943 wur­de sie fest­ge­nom­men und an­ge­klagt. Das Son­der­ge­richt Bay­reuth ver­ur­teil­te sie we­gen „Ver­bo­te­nem Um­fang mit Kriegs­ge­fan­ge­nen“ zu ei­nem Jahr Zucht­haus. Erna Ge­sell ver­brach­te aber nur für ei­nen knap­pen Mo­nat in Aich­ach. Dann wur­de ihre Zucht­haus­stra­fe in eine Ge­fäng­nis­stra­fe um­ge­wan­delt. Sie ver­büß­te die üb­ri­gen elf Mo­na­te in der Straf­an­stalt Ber­nau am Chiem­see. Am 4. Mai 1944 kam sie wie­der frei.

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Von dort kann ein pdf des Ur­teils samt Be­grün­dung her­un­ter­ge­la­den wer­den.
Die voll­stän­di­ge Pro­zess­ak­te des Son­der­ge­richts Bay­reuth wird im Staats­ar­chiv Bam­berg ver­wahrt. Even­tu­ell exis­tiert auch noch die Ge­fan­ge­nen­ak­te von Aich­ach. Dazu kann das Staats­ar­chiv Mün­chen Aus­kunft ge­ben.

Au­torin: Re­na­te Reck­zie­gel

Anna Ge­win­ner

Ge­bo­ren: 1923 in Arz­berg.
Wohn­ort vor ih­rer In­haf­tie­rung: Arz­berg.

Zu­nächst liest sich die Pro­zess­ak­te von Anna Ge­win­ner wie ein ty­pi­scher Fall, in de­nen das Son­der­ge­richt Bay­reuth Frau­en zu ei­ner Zucht­haus­stra­fe we­gen „Ver­bo­te­nen Um­gangs mit Kriegs­ge­fan­ge­nen“ ver­ur­teil­te. Die 20-Jäh­ri­ge ar­bei­te­te als Por­zel­lan­d­ru­cke­rin schon meh­re­re Jah­re in der Por­zel­lan­fa­brik Schu­mann in Arz­berg. Auf dem Fir­men­ge­län­de wa­ren da­mals Kriegs­ge­fan­ge­ne un­ter­ge­bracht. So lern­te sie Ju­les Crou­zet ken­nen. Im No­vem­ber 1943 flog die Be­zie­hung auf, als die bei­den von Ar­beits­kol­le­gin­nen über­rascht wur­den. Die Stra­fe: an­dert­halb Jah­re Zucht­haus.

Anna Ge­win­ner trat ihre Haft in Aich­ach Ende Fe­bru­ar 1944 an. Sie wur­de an­schei­nend in ei­ner Münch­ner Au­ßen­stel­le der Straf­an­stalt ein­ge­setzt. Denn im Juli mach­te sie wäh­rend ei­nes Luft­an­griffs ei­nen Flucht­ver­such, doch sie wur­de schon nach drei Ta­gen wie­der ge­fasst. Im De­zem­ber 1944 soll­te ihre Stra­fe zur Be­wäh­rung aus­ge­setzt wer­den. Doch dann ord­ne­te die Ge­sta­po an, sie in das Po­li­zei­ge­fäng­nis in Nürn­berg zu über­stel­len. War­um ist un­klar. Auch wie es für Anna Ge­win­ner von da an wei­ter­ging und wann sie frei­kam, ver­rät die Pro­zess­ak­te aus Bay­reuth nicht. Dort fin­det sich nur der Hin­weis, dass Anna Ge­win­ner in ei­nem Rüs­tungs­be­trieb in Arz­berg ar­bei­ten soll­te. Un­ter Um­stän­den wur­de in der Por­zel­lan­fa­brik Schu­mann in der NS-Zeit tech­ni­sche Ke­ra­mik für Kriegs­zwe­cke her­ge­stellt. Aber das ist nur eine Ver­mu­tung.

An­mer­kung: Nach NS-Recht wa­ren Ju­gend­li­che ab 14 Jah­ren straf­mün­dig. Das Voll­jäh­rig­keits­al­ter lag da­mals bei 21 Jah­ren.

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Von dort kann ein pdf des Ur­teils samt Be­grün­dung her­un­ter­ge­la­den wer­den.
Die voll­stän­di­ge Pro­zess­ak­te des Son­der­ge­richts Bay­reuth wird im Staats­ar­chiv Bam­berg ver­wahrt. Even­tu­ell exis­tiert auch noch die Ge­fan­ge­nen­ak­te von Aich­ach. Dazu kann das Staats­ar­chiv Mün­chen Aus­kunft ge­ben.

Au­torin: Re­na­te Reck­zie­gel

Kla­ra Gey­er

Ge­bo­ren: 1915 in Wil­den­au, ge­hört heu­te zu Selb.
Wohn­ort vor ih­rer In­haf­tie­rung: Wil­den­au.

Kla­ra Gey­er war in der Land­wirt­schaft groß­ge­wor­den und muss­te im Zwei­ten Welt­krieg den 13 Hekt­ar gro­ßen Hof fast al­lei­ne be­wirt­schaf­ten: Ihre El­tern wa­ren alt und hat­ten ge­sund­heit­li­che Be­schwer­den, ihre bei­den Brü­der als Sol­da­ten im Krieg. Sie be­kam aber Un­ter­stüt­zung: Von 1940 bis 1941 half zu­nächst ein fran­zö­si­scher Kriegs­ge­fan­ge­ner mit. Im Juni 1941 kam der ser­bi­sche, fast ge­nau­so alte Kriegs­ge­fan­ge­ne Sima Sto­ja­kov auf den Hof.

Im Win­ter 1942/43 ka­men sich die bei­den nä­her. Kla­ra Gey­er wur­de schwan­ger. Sie brach­te ih­ren Sohn am 27. Ok­to­ber 1943 in Wien zur Welt und gab das Kind dort zu Pfle­ge­el­tern. Zu die­sem Zeit­punkt war Sima Sto­ja­kov schon nicht mehr in Deutsch­land. Er war im Juli zu­vor in sei­ne Hei­mat ent­las­sen wor­den.

Kla­ra Gey­er wur­de acht Mo­na­te nach der Ent­bin­dung, am 3. Juli 1944, we­gen „Ver­bo­te­nem Um­gangs mit Kriegs­ge­fan­ge­nen“ an­ge­klagt, am 7. Sep­tem­ber 1944 fand der Pro­zess statt. Vor Ge­richt sag­te sie aus, dass sie dem Drän­gen des Kriegs­ge­fan­ge­nen nur wi­der­wil­lig nach­ge­ge­ben hat­te. Rich­ter Ru­dolf Brehm war der Auf­fas­sung, dass sie sich hät­te weh­ren kön­nen. Sie wur­de zu ei­ner Zucht­haus-Stra­fe von ei­nem Jahr ver­ur­teilt. Ihr Va­ter hat­te noch be­an­tragt, sei­ner Toch­ter zur Be­wirt­schaf­tung des Hofs Straf­auf­schub zu ge­wäh­ren, aber ver­geb­lich. Kla­ra Gey­er trat Ihre Stra­fe in Aich­ach am 1. No­vem­ber 1944 an. Wie lan­ge sie dort in­haf­tiert war und wann sie ent­las­sen wur­de, ist den Pro­zess­ak­ten nicht zu ent­neh­men.

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Die voll­stän­di­ge Pro­zess­ak­te des Son­der­ge­richts Bay­reuth wird im Staats­ar­chiv Bam­berg ver­wahrt. Even­tu­ell exis­tiert auch noch die Ge­fan­ge­nen­ak­te von Aich­ach. Dazu kann das Staats­ar­chiv Mün­chen Aus­kunft ge­ben.

Au­torin: Re­na­te Reck­zie­gel

Eli­sa­beth Gries

Ge­bo­ren: 1924 in Wei­den­sees, ge­hört heu­te zur Stadt Bet­zen­stein.
Wohn­ort vor ih­rer In­haf­tie­rung: Wei­den­sees.

Eli­sa­beth Gries kam aus der Land­wirt­schaft und be­gann als 17-Jäh­ri­ge bei ei­nem Bä­cker in Bet­zen­stein zu ar­bei­ten. Dort lern­te sie im De­zem­ber 1941 den ser­bi­schen Kriegs­ge­fan­ge­nen Wla­di­mir Pe­tro­vic ken­nen, die bei­den ka­men sich nä­her. Im Som­mer er­war­te­te Eli­sa­beth Gries ein Kind, das im Fe­bru­ar 1943 zur Welt kam. An­fang März wur­de sie vom Son­der­ge­richt Bay­reuth zu ei­nem Jahr und drei Mo­na­ten Zucht­haus we­gen „Ver­bo­te­nem Um­gangs mit Kriegs­ge­fan­ge­nen“ ver­ur­teilt. Sie ver­büß­te da­von aber nur knapp vier Mo­na­te in Aich­ach. Zu­nächst wur­de die Stra­fe auf­ge­scho­ben, da­mit Eli­sa­beth Gries zu Hau­se auf dem Hof mit­hel­fen konn­te. Am 1. No­vem­ber 1943 trat Eli­sa­beth Gries ihre Haft in Aich­ach an. Dann wur­de die Zucht­haus­stra­fe in eine Ge­fäng­nis­stra­fe um­ge­wan­delt, die sie zu­nächst im Frau­en­ju­gend­ge­fäng­nis Ho­hen­leu­ben (Thü­rin­gen) und nach ei­ner wei­te­ren Straf­un­ter­bre­chung we­gen Ern­te­ar­bei­ten in Vech­ta (Nie­der­sach­sen) ver­büß­te. Ihre Schwes­ter und ihr Va­ter reich­ten im­mer wie­der Gna­den­ge­su­che ein. Zu­nächst ohne Er­folg. Doch am 2. April 1945 wur­de die 20-Jäh­ri­ge vor­zei­tig auf Be­wäh­rung ent­las­sen.

Im Jahr 1950 ließ sich Eli­sa­beth Gries ihre Haft­zeit von 366 Ta­gen von der Staats­an­walt­schaft Bay­reuth of­fi­zi­ell be­schei­ni­gen, um bei der Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land eine Ent­schä­di­gungs­zah­lung zu be­an­tra­gen. Ob sie je­mals ei­nen Pfen­nig für das ihr an­ge­ta­ne Un­recht er­hielt, geht aus der Pro­zess­ak­te nicht her­vor.

An­mer­kung: An­mer­kung: Nach NS-Recht wa­ren Ju­gend­li­che ab 14 Jah­ren straf­mün­dig. Das Voll­jäh­rig­keits­al­ter lag da­mals bei 21 Jah­ren.

Quel­le: https://​ns​-jus​tiz​-bay​reuth​.de (But­ton: Ver­fah­ren ent­de­cken)
Von dort kann ein pdf des Ur­teils samt Be­grün­dung her­un­ter­ge­la­den wer­den.
Die voll­stän­di­ge Pro­zess­ak­te des Son­der­ge­richts Bay­reuth wird im Staats­ar­chiv Bam­berg ver­wahrt. Even­tu­ell exis­tiert auch noch die Ge­fan­ge­nen­ak­te von Aich­ach. Dazu kann das Staats­ar­chiv Mün­chen Aus­kunft ge­ben.

Au­torin: Re­na­te Reck­zie­gel

Anna Haas

Ge­bo­ren: 1896 in Ai­chig.
Wohn­ort vor ih­rer In­haf­tie­rung: Bay­reuth.

Anna Haas hat­te es als Al­lein­er­zie­hen­de si­cher­lich schwer, sich und ih­ren Sohn im Krieg zu ver­sor­gen. Seit 1940 ar­bei­te­te sie als Putz­frau im Land­rats­amt Bay­reuth. Gut ver­dient hat sie dort nicht. Im Som­mer muss­te sie mo­nat­lich mit be­schei­de­nen 70 Reichs­mark aus­kom­men, im Win­ter, wenn sie zu­sätz­lich die Öfen in den Bü­ros der Be­hör­de an­feu­er­te, ver­dien­te sie 80 bis 100 Reichs­mark. Um zu put­zen hat­te sie na­tür­lich Zu­gang zu al­len Räu­men. Im Er­näh­rungs­amt wur­den da­mals Le­bens­mit­tel­mar­ken, die von den Ein­zel­händ­lern zur Ver­rech­nung ein­ge­reicht wur­den, be­ar­bei­tet, um sie an­schlie­ßend zu ent­wer­ten und zu ver­nich­ten. Wenn die Be­am­ten mit der Be­ar­bei­tung nicht hin­ter­her­ka­men, la­gen die Bö­gen im Büro ein­fach her­um.

Anna Haas putz­te oft nach Dienst­schluss in lee­ren Bü­ros. Und ließ da­bei über Mo­na­te im­mer mal ei­nen Bo­gen mit auf­ge­kleb­ten Mar­ken mit­ge­hen. Zu Hau­se lös­te sie die ein­zel­nen Mar­ken vor­sich­tig ab. Sie be­kam da­für in Ge­schäf­ten Fleisch, But­ter, Mar­ga­ri­ne, Zu­cker und Sei­fe. Al­les Din­ge, die im Zwei­ten Welt­krieg ra­tio­niert und kost­bar wa­ren. Anna Haas war vor­sich­tig. Um nicht auf­zu­fal­len, lös­te sie die ge­stoh­le­nen Mar­ken in ver­schie­de­nen Ge­schäf­ten ein, in de­nen sie nie­mand kann­te. Doch viel­leicht fiel es auf, wie häu­fig es aus ih­rer Kü­che nach ge­bra­te­nem Fleisch roch? Oder wur­de eine Ver­käu­fe­rin dar­auf auf­merk­sam, dass sie un­ge­wöhn­lich häu­fig Le­bens­mit­tel­mar­ken ein­lös­te? Egal wie: Ir­gend­je­mand zeig­te sie an.

Das Son­der­ge­richt Bay­reuth ver­ur­teil­te Anna Haas Ende März 1944 zu ei­ner Zucht­haus­stra­fe von zwei­ein­halb Jah­ren. Drei Wo­chen spä­ter wur­de sie vom Ge­richts­ge­fäng­nis in Bay­reuth nach Aich­ach ge­bracht. Ihr Sohn war da­mals neun Jah­re alt.

Ein Jahr spä­ter rück­ten die al­li­ier­ten Streit­kräf­te vor. Anna Haas ge­hör­te nicht zu den in­haf­tier­ten Frau­en, die das na­tio­nal­so­zia­lis­ti­sche Reichs­jus­tiz­mi­nis­te­ri­um noch kurz vor Kriegs­en­de vor­zei­tig ent­ließ. Sie kam aber bald da­nach, am 19. Mai 1945, auf An­ord­nung der ame­ri­ka­ni­schen Prü­fungs­kom­mis­si­on frei – elf Tage nach der Ka­pi­tu­la­ti­on der deut­schen Wehr­macht.

1948 wur­de das Ur­teil des Son­der­ge­richts im Zuge des „2. Ge­setz zur Wie­der­gut­ma­chung na­tio­nal­so­zia­lis­ti­schen Un­rechts in der Straf­rechts­pfle­ge vom 19.11.1946“ re­vi­diert. Das Land­ge­richt Bay­reuth setz­te die Stra­fe auf ein Jahr und ei­nen Mo­nat her­ab. Die Haft hat­te Anna Haas mit ih­rer Zeit in Aich­ach be­reits voll­stän­dig ver­büßt.

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Die voll­stän­di­ge Pro­zess­ak­te des Son­der­ge­richts Bay­reuth wird im Staats­ar­chiv Bam­berg ver­wahrt. Even­tu­ell exis­tiert auch noch die Ge­fan­ge­nen­ak­te von Aich­ach. Dazu kann das Staats­ar­chiv Mün­chen Aus­kunft ge­ben.

Au­torin: Re­na­te Reck­zie­gel

Rosa Hart­mann

Ge­bo­ren: 1913 in Großreh­müh­le.
Wohn­ort vor ih­rer In­haf­tie­rung: Hof/Saale.

Es ging ge­nau um zwei Päck­chen, die Rosa Hart­mann am 11. Juni 1942 un­ter­schla­gen ha­ben soll. Die 28-Jäh­ri­ge war da­mals seit gut ei­nem Jahr als Post­fach­ar­bei­te­rin in Hof an­ge­stellt. Weil sie ei­nen Füh­rer­schein hat­te, fuhr sie das Post­au­to in Be­glei­tung ei­ner Kol­le­gin. Als sie zwei Feld­post­päck­chen aus­lie­fern soll­te, die der Sohn aus Frank­reich sei­ner Mut­ter ge­schickt hat­te, ließ sie ei­nes von bei­den ver­schwin­den. Es ent­hielt ein drei­vier­tel Pfund But­ter. Rosa Hart­mann soll noch ein zwei­tes Päck­chen un­ter­schla­gen ha­ben, bei dem we­der Emp­fän­ger noch Ab­sen­der fest­zu­stel­len wa­ren. Sie selbst hat das al­les vor Ge­richt ab­ge­strit­ten. Doch die zer­ris­se­nen Papp­schach­teln, die sich in ei­ner Toi­let­te fan­den, wer­te­te das Son­der­ge­richt Bay­reuth als über­zeu­gen­de In­di­zi­en. Das Ur­teil: Zwei­ein­halb Jah­re Zucht­haus und eine Geld­stra­fe von 100 Reichs­mark.

Ver­tei­di­ger Fritz Mey­er ver­such­te zwar, eine Nich­tig­keits­be­schwer­de ge­gen das Ur­teil ein­zu­le­gen. Doch ohne Er­folg. In der Ur­teils­be­grün­dung er­läu­tern die Rich­ter un­ter Vor­sitz von Wil­ly Schmitt, war­um die NS-Jus­tiz sol­che De­lik­te hart ahn­de­te.

Rosa Hart­mann durf­te an­läss­lich des Kriegs­ur­laubs ih­res Man­nes wäh­rend ih­rer Haft zwei Mal für je ei­nen Mo­nat nach Hau­se. Am 9. Fe­bru­ar 1944 wur­de sie vor­zei­tig auf Be­wäh­rung ent­las­sen.

An­mer­kung: Rosa Hart­mann ge­hört zu den ganz we­ni­gen An­ge­klag­ten, die bei Pro­zes­sen am Son­der­ge­richt Bay­reuth mit Fritz Mey­er ei­nen Ver­tei­di­ger an ih­rer Sei­te hat­ten. Nach dem Krieg sag­te der Bay­reu­ther Rechts­an­walt als Zeu­ge im Spruch­kam­mer-Ver­fah­ren ge­gen den Rich­ter Wil­ly Schmitt aus: „Die ten­den­ziö­se Füh­rung der Ver­hand­lung und das au­ßer­or­dent­lich hohe Maß der von ihm aus­ge­spro­che­nen Stra­fen muss­te die Ver­tei­di­gung zu der Über­zeu­gung brin­gen, dass vor die­sem Ge­richt, wie ja fast im­mer vor den Son­der­ge­rich­ten, nicht sou­ve­rä­nes Recht ge­schöpft, son­dern der Wil­le der na­tio­nal­so­zia­lis­ti­schen Macht­ha­ber voll­streckt wur­de.“

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Von dort kann ein pdf des Ur­teils samt Be­grün­dung her­un­ter­ge­la­den wer­den.
und Reck­zie­gel, Re­na­te: Ab­ge­holt. Mei­ne Groß­mutter, die NS-Jus­tiz und ich. Of­fen­burg 2022, S. 58.

Die voll­stän­di­ge Pro­zess­ak­te des Son­der­ge­richts Bay­reuth wird im Staats­ar­chiv Bam­berg ver­wahrt. Even­tu­ell exis­tiert auch noch die Ge­fan­ge­nen­ak­te von Aich­ach. Dazu kann das Staats­ar­chiv Mün­chen Aus­kunft ge­ben.

Au­torin: Re­na­te Reck­zie­gel

Meta Har­tung

Ge­bo­ren: 1922 in Wal­pen­reuth.
Wohn­ort vor ih­rer In­haf­tie­rung: Fei­litzsch.

Hät­te Meta Har­tung nicht Rheu­ma in den Hän­den ge­habt, wäre sie viel­leicht nie ins Zucht­haus ge­kom­men: Sie hat­te nach Aus­bruch des Krie­ges in ei­nem Pfarr­haus in Zell als Haus­halts­hil­fe ge­ar­bei­tet, be­warb sich dann we­gen ih­rer ge­sund­heit­li­chen Be­schwer­den um eine Stel­le im Post­dienst. Es klapp­te. 1942 wur­de sie als Post­hal­ter-Ver­tre­te­rin nach Fei­litzsch ab­ge­ord­net. Dort war sie für die Ab­fer­ti­gung und das Sor­tie­ren der Brie­fe und Pa­ke­te zu­stän­dig. Schon wäh­rend der ers­ten zwei Mo­na­ten hat sie laut An­kla­ge in fünf Fäl­len meh­re­re Feld­post­päck­chen ge­öff­net und den In­halt an sich ge­nom­men. Ob Zi­gar­ren, Zi­ga­ret­ten, Bon­bons, Speck, Ma­gen­brot oder Plätz­chen: Was die 19-Jäh­ri­ge nicht selbst ver­brauch­te, schenk­te sie an­de­ren. We­gen Amts­un­ter­schla­gung, Ver­let­zung des Post­ge­heim­nis­ses, Ur­kun­den­ver­nich­tung im Amt und ge­winn­süch­ti­gem Ver­wah­rungs­bruch ver­ur­teil­te sie das Son­der­ge­richt Bay­reuth zu vier Jah­ren Zucht­haus und ei­ner Geld­stra­fe von 50 Reichs­mark. Ein dra­ko­ni­sches Ur­teil. Meta Har­tung war vom 14. Sep­tem­ber 1942 bis zum Ende des Zwei­ten Welt­kriegs in Aich­ach in­haf­tiert. We­gen der Ern­te durf­te sie im Herbst je­weils für ei­nen Mo­nat nach Hau­se. Am 19. April 1945 wur­de sie auf ge­ne­rel­le An­ord­nung des Reichs­jus­tiz­mi­nis­te­ri­ums ent­las­sen.

An­mer­kung: Nach NS-Recht wa­ren Ju­gend­li­che ab 14 Jah­ren straf­mün­dig. Das Voll­jäh­rig­keits­al­ter lag da­mals bei 21 Jah­ren.

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Von dort kann ein pdf des Ur­teils samt Be­grün­dung her­un­ter­ge­la­den wer­den.
Die voll­stän­di­ge Pro­zess­ak­te des Son­der­ge­richts Bay­reuth wird im Staats­ar­chiv Bam­berg ver­wahrt. Even­tu­ell exis­tiert auch noch die Ge­fan­ge­nen­ak­te von Aich­ach. Dazu kann das Staats­ar­chiv Mün­chen Aus­kunft ge­ben.

Au­torin: Re­na­te Reck­zie­gel

Anna Hein­rich

Ge­bo­ren: 1909 in Lan­gen­reuth.
Wohn­ort vor ih­rer In­haf­tie­rung: Lan­gen­reuth.

Anna Hein­rich kam aus der Land­wirt­schaft und leb­te im Jahr 1942 zu­sam­men mit ih­rer elf­jäh­ri­gen Toch­ter noch bei ih­ren El­tern. Di­rekt ne­ben­an wohn­te der Land­wirt und Orts­füh­rer Jo­hann Krug, der ei­nen fran­zö­si­schen Kriegs­ge­fan­ge­nen be­schäf­tig­te. Anna Hein­rich lern­te Jo­sef Feind bei Be­su­chen bei ih­rer Nach­ba­rin ken­nen. Die bei­den tra­fen sich nachts im Gar­ten. Im Herbst 1942 war die 33-Jäh­ri­ge schwan­ger, im April 1943 wur­de ihr we­gen „Ver­bo­te­nem Um­gang mit Kriegs­ge­fan­ge­nen“ der Pro­zess ge­macht. Das Ur­teil: ein Jahr und neun Mo­na­te Zucht­haus. Die­se Stra­fe wur­de aus­ge­setzt, bis Anna Hein­rich ihr Kind be­kom­men und ab­ge­stillt hat­te. Ei­nen wei­te­ren Auf­schub er­hielt sie, um zu Hau­se mit­ar­bei­ten zu kön­nen. So kam es, dass sie erst im März 1944 ihre Haft an­trat. Sie muss­te aber nicht mehr die ge­sam­te Stra­fe ver­bü­ßen: Anna Hein­rich kam am 15. April 1945 frei. Das Reichs­jus­tiz­mi­nis­te­ri­um hat­te kurz vor Kriegs­en­de an­ge­ord­net, ei­nen Groß­teil der Ge­fan­ge­nen an­ge­sichts des Ein­marschs „feind­li­cher Trup­pen“ zu ent­las­sen.

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Au­torin: Re­na­te Reck­zie­gel

Lui­se Hein­rich

Ge­bo­ren: 1920 in Selb.
Wohn­ort vor ih­rer In­haf­tie­rung: Selb.

In Selb war die Fir­ma Ro­sen­thal an­säs­sig, de­ren Name bis heu­te für das Por­zel­lan aus ih­rer Pro­duk­ti­on steht. Lui­se Hein­rich ar­bei­te­te im Iso­la­to­ren­werk des Un­ter­neh­mens als Kon­to­ris­tin im Büro. Sie sprach flie­ßend Fran­zö­sisch, weil ihre Mut­ter aus Bel­gi­en stamm­te. Und so ge­hör­te die Auf­nah­me fran­zö­si­scher Kriegs­ge­fan­ge­ner selbst­ver­ständ­lich zu ih­ren Auf­ga­ben. Häu­fig dol­metsch­te sie auch, wenn es bei der Ar­beit Ver­stän­di­gungs­schwie­rig­kei­ten gab. So lern­te sie An­drè Prou­vey­eur (sic.) ken­nen (ver­mut­lich ist der Name in der Akte falsch ge­schrie­ben). Die bei­den ver­lieb­ten sich, tra­fen sich auf dem Fir­men­ge­län­de und we­ni­ge Male auch au­ßer­halb. Dann schrie­ben sie sich Brie­fe. Der letz­te Lie­bes­brief stammt vom 17. Au­gust 1942. Zwei Tage spä­ter wur­de Lui­se Hein­rich ver­haf­tet. Das Son­der­ge­richt ver­ur­teil­te die 22-Jäh­ri­ge zu ei­nem Jahr Zucht­haus – die „ge­ringst­mög­li­che Zucht­haus­stra­fe“, wie die Rich­ter in der Ur­teils­be­grün­dung be­to­nen. Lui­se Hein­rich wur­de nach neun Mo­na­ten vor­zei­tig auf Be­wäh­rung ent­las­sen.

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Von dort kann ein pdf des Ur­teils samt Be­grün­dung her­un­ter­ge­la­den wer­den.

Tipps für die wei­te­re Re­cher­che:

Die voll­stän­di­ge Pro­zess­ak­te des Son­der­ge­richts Bay­reuth wird im Staats­ar­chiv Bam­berg ver­wahrt. Auch von Aich­ach könn­te es noch eine Ge­fan­ge­nen­ak­te ge­ben. Da kann das Staats­ar­chiv Mün­chen wei­ter­hel­fen.

An­dré Prou­vey­eur ist ver­mut­lich vor ein Kriegs­ge­richt ge­stellt wor­den. Da könn­te even­tu­ell noch eine Pro­zess­ak­te exis­tie­ren.

Das Mu­se­um für Por­zel­lan in Selb („Por­zel­la­ni­kon“) ver­wal­tet und be­her­bergt das Ar­chiv der Fir­ma Ro­sen­thal. Viel­leicht gibt es dort noch Fo­tos und Un­ter­la­gen aus die­ser Zeit.

Au­torin: Re­na­te Reck­zie­gel

Frie­de­ri­ke Hödl

Ge­bo­ren: 1922 in Win­ter­berg / Kreis Pracha­titz (Süd­böh­men, heu­te Tsche­chi­en).
Wohn­ort vor ih­rer In­haf­tie­rung: Mainleus/Kreis Kulm­bach, Er­zie­hungs­heim Schmeils­dorf.

Frie­de­ri­ke Hödl kam als un­ehe­li­ches Kind zur Welt. Die häus­li­chen Ver­hält­nis­se wa­ren an­schei­nend so schwie­rig, dass sie ihre Kind­heit und Ju­gend in ei­nem Wai­sen­haus ver­brach­te. Nach ih­rer Schul­zeit soll­te sie bei ei­nem Bau­ern als Magd ar­bei­ten. Doch da gab es Pro­ble­me. Die Kon­se­quenz: Die 20-Jäh­ri­ge leb­te als „Für­sor­ge­zög­ling“ in ei­nem Er­zie­hungs­heim im heu­ti­gen Main­leus. In ih­rer Ur­teils­be­grün­dung be­schrei­ben die Rich­ter die jun­ge Frau als „ar­beits­scheue Streu­ne­rin“ und als „ver­dor­be­nes Mäd­chen“, das sich „wahl­los zur Un­zucht hin­gibt“. Un­ter den Män­nern, die sich auf ihre Avan­cen ein­lie­ßen oder sie ein­fach miss­brauch­ten, wa­ren auch zwei Kriegs­ge­fan­ge­ne. Das brach­te Frie­de­ri­ke Hödl we­gen „Ver­bo­te­nem Um­gang mit Kriegs­ge­fan­ge­nen“ vor das Son­der­ge­richt Bay­reuth. Dort wur­de sie zu an­dert­halb Jah­ren Zucht­haus ver­ur­teilt. Sie trat ihre Haft am 24. Sep­tem­ber 1942 um 10.30 Uhr an und muss­te die Stra­fe kom­plett ver­bü­ßen. Was wohl aus ihr wur­de? In der Pro­zess­ak­te ist nur ver­merkt, dass sie an­schlie­ßend gleich noch eine wei­te­re Stra­fe von drei Wo­chen ab­sit­zen muss­te. We­gen Land­strei­che­rei.

An­mer­kung: Nach NS-Recht wa­ren Ju­gend­li­che ab 14 Jah­ren straf­mün­dig. Das Voll­jäh­rig­keits­al­ter lag da­mals bei 21 Jah­ren.

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Von dort kann ein pdf des Ur­teils samt Be­grün­dung her­un­ter­ge­la­den wer­den.

Tipps für die wei­te­re Re­cher­che:

Die voll­stän­di­ge Pro­zess­ak­te des Son­der­ge­richts Bay­reuth wird im Staats­ar­chiv Bam­berg ver­wahrt.

Auch von Aich­ach könn­te es noch eine Ge­fan­ge­nen­ak­te ge­ben. Da kann das Staats­ar­chiv Mün­chen wei­ter­hel­fen.

Das Er­zie­hungs­heim in Schmeils­dorf, heu­te ein Orts­teil von Main­leus, war eine Ein­rich­tung der Rum­mels­ber­ger Dia­ko­nie, die sich un­ter Hit­ler re­gime­treu gab. Auch das könn­te ein An­satz­punkt für wei­te­re Re­cher­chen sein.

Au­torin: Re­na­te Reck­zie­gel

Jo­han­na Höf­ler

Ge­bo­ren: 1923 in Haag, Land­kreis Mühl­dorf am Inn.
Wohn­ort vor ih­rer In­haf­tie­rung: Wei­ders­berg bei Markt­red­witz.

Es war der 16. Sep­tem­ber 1943, als Jo­han­na Höf­ler in die Diens­te der Deut­schen Reichs­post in Markt­red­witz trat. Sie wur­de auf den „Füh­rer“ Adolf Hit­ler ver­pflich­tet und be­lehrt, dass sie straf­recht­lich als Be­am­tin gel­te. Vier Tage spä­ter be­gann ihre Aus­bil­dung. Schon bald wur­de sie selb­stän­dig ein­ge­setzt, sie über­nahm oft Nacht­schich­ten. Der Krieg hat­te auch bei der Reichs­post Spu­ren hin­ter­las­sen. Das Per­so­nal war knapp, Jo­han­na Höf­ler wur­de nicht stän­dig kon­trol­liert. Die Feld­post-Päck­chen und Pa­ke­te, die durch ihre Hän­de gin­gen, wa­ren oft nur pro­vi­so­risch ver­packt. Es man­gel­te im Krieg ein­fach an al­lem.

Ein Jahr nach ih­rem Dienst­an­tritt stand Jo­han­na Höf­ler als An­ge­klag­te vor dem Son­der­ge­richt in Bay­reuth. Ihr wur­de vor­ge­wor­fen, wäh­rend ih­rer ers­ten Mo­na­te als Post­fach­ar­bei­te­rin sich aus min­des­tens fünf be­schä­dig­ten Pa­ke­ten, die an fran­zö­si­sche Zi­vil­ar­bei­ter adres­siert wa­ren, Scho­ko­la­de ge­nom­men zu ha­ben. Wäh­rend der Som­mer­mo­na­te 1944 soll sie min­des­tens 14 Feld­post­päck­chen und ein ge­wöhn­li­ches Päck­chen un­ter­schla­gen ha­ben. Die Be­weis­la­ge war ein­deu­tig: Bei der Durch­su­chung der Woh­nung Jo­han­na Höf­lers wur­de ein Groß­teil der ge­stoh­le­nen Din­ge ge­fun­den. Dar­un­ter vie­le Zi­ga­ret­ten, ein Päck­chen Ta­bak, acht Sei­fen, 150 Gramm Boh­nen­kaf­fee, eine Ta­schen­lam­pe, ein Zi­ga­ret­ten­etui und eine Brief­ta­sche.

Jo­han­na Höf­ler, ob­wohl zur Tat­zeit noch min­der­jäh­rig, wur­de als „Volks­schäd­ling“ zu fünf Jah­ren Zucht­haus ver­ur­teilt. Sie kam am 3. No­vem­ber 1944 nach Aich­ach und wur­de am 1. Mai 1945 kurz vor Kriegs­en­de von ame­ri­ka­ni­schen Trup­pen frei­ge­las­sen. Am 14. Sep­tem­ber 1946, fast ge­nau drei Jah­re nach ih­rem Dienst­an­tritt als Post­an­ge­stell­te, wan­del­te der baye­ri­sche Mi­nis­ter­prä­si­dent ihre Zucht­haus­stra­fe in eine an­dert­halb­jäh­ri­ge Ge­fäng­nis­stra­fe um und setz­te den Rest der Haft zur Be­wäh­rung aus.

An­mer­kung: Nach NS-Recht wa­ren Ju­gend­li­che ab 14 Jah­ren straf­mün­dig. Das Voll­jäh­rig­keits­al­ter lag da­mals bei 21 Jah­ren.

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Von dort kann ein pdf des Ur­teils samt Be­grün­dung her­un­ter­ge­la­den wer­den.
Die voll­stän­di­ge Pro­zess­ak­te des Son­der­ge­richts Bay­reuth wird im Staats­ar­chiv Bam­berg ver­wahrt. Even­tu­ell exis­tiert auch noch die Ge­fan­ge­nen­ak­te von Aich­ach. Dazu kann das Staats­ar­chiv Mün­chen Aus­kunft ge­ben.

Au­torin: Re­na­te Reck­zie­gel

Hed­wig Hof­mann

Ge­bo­ren: 1920 in Un­ter­dürr­bach bei Würz­burg.
Wohn­ort vor ih­rer In­haf­tie­rung: Markt­sch­or­gast.

Ein sei­de­nes Kopf­tuch, Da­men­strümp­fe, Sei­fe, Sü­ßig­kei­ten: Das ist die Lis­te der Din­ge, die Hed­wig Hof­mann im Ok­to­ber und No­vem­ber 1942 aus Feld­post­päck­chen ge­stoh­len hat. Die 22-Jäh­ri­ge war beim Post­amt Neu­en­markt aus­hilfs­wei­se als Post­fach­ar­bei­te­rin an­ge­stellt. We­gen „Un­ter­schla­gung von Feld­post­päck­chen im Amt“ wur­de sie An­fang März 1943 zu zwei­ein­halb Jah­ren Zucht­haus und zu ei­ner Geld­stra­fe von 100 Reichs­mark ver­ur­teilt.

Hed­wig Hof­mann war ver­hei­ra­tet und wäh­rend des Pro­zes­ses be­reits schwan­ger. Ihr wur­de des­we­gen zu­ge­stan­den, ihre Stra­fe erst nach der Ge­burt ih­res Kin­des und nach drei Mo­na­ten Still­zeit an­zu­tre­ten. Das Kind kam am 15. Juni 1943 auf die Welt, am 15. Sep­tem­ber 1943 muss­te die jun­ge Mut­ter in Aich­ach sein. Ihre Haft­zeit hät­te erst am 20. Fe­bru­ar 1946 ge­en­det. Doch die Ge­schich­te mach­te der NS-Jus­tiz ei­nen Strich durch die Rech­nung: Hed­wig Hof­mann kam kurz vor Kriegs­en­de am 13. April 1945 frei, als das Reichs­jus­tiz­mi­nis­te­ri­um an­ge­sichts des Ein­marschs „feind­li­cher Trup­pen“ an­ord­ne­te, ei­nen Groß­teil der Ge­fan­ge­nen zu ent­las­sen.

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Von dort kann ein pdf des Ur­teils samt Be­grün­dung her­un­ter­ge­la­den wer­den.
Die voll­stän­di­ge Pro­zess­ak­te des Son­der­ge­richts Bay­reuth wird im Staats­ar­chiv Bam­berg ver­wahrt. Even­tu­ell exis­tiert auch noch die Ge­fan­ge­nen­ak­te von Aich­ach. Dazu kann das Staats­ar­chiv Mün­chen Aus­kunft ge­ben.

Au­torin: Re­na­te Reck­zie­gel

Emma Ot­ti­lie Jä­ckel

Ge­bo­ren: 1895 in Ober­lich­ten­au (Schle­si­en).
Wohn­ort vor ih­rer In­haf­tie­rung: Chem­nitz.
Ort der Ver­haf­tung: Markt­sch­or­gast.

1 Trut­hahn, 1 Gans, 3 Ka­nin­chen, 5 Hüh­ner, 1 Ente, 1 Tau­be, 17 kg Mehl, 16 kg Brot, 2 kg Quark, 22 Stück Eier und 1,5 kg Salz­fleisch: Das al­les hat­te Emma Ot­ti­lie Jä­ckel in ei­nem Korb und ei­nem Kof­fer bei sich, als sie am 8. De­zem­ber 1942 ver­haf­tet wur­de. Die 47-Jäh­ri­ge war ge­lern­te Kö­chin und Päch­te­rin der Schank­wirt­schaft „Bür­ger­gar­ten“ in Chem­nitz. Um ih­ren Gäs­ten Mahl­zei­ten an­bie­ten zu kön­nen, fuhr die Wir­tin im­mer wie­der ins ober­frän­ki­sche Markt­sch­or­gast. Dort kauf­te sie bei meh­re­ren Bau­ern Nah­rungs­mit­tel ein – im­mer zu ei­nem hö­he­ren Preis als markt­üb­lich. Oder sie tausch­te sie ge­gen Lu­xus­ar­ti­kel der da­ma­li­gen Zeit wie Ta­bak, Zi­ga­ret­ten oder Da­men­strümp­fe. Sol­che Ge­schäf­te wa­ren in der NS-Zeit laut Kriegs­wirt­schafts­ver­ord­nung aber ver­bo­ten. Das Son­der­ge­richt Bay­reuth ver­ur­teil­te Emma Ot­ti­lie Jä­ckel we­gen des „Ver­bre­chens nach § 4 der Volks­schäd­lings­ver­ord­nung“ zu ei­nem Jahr Zucht­haus. Im März 1943 trat sie die Stra­fe in Aich­ach an, im Ok­to­ber durf­te sie für ei­nen Mo­nat nach Hau­se – al­ler­dings nur, um ihre Gast­wirt­schaft zu über­ge­ben. An­schlie­ßend muss­te sie die Haft kom­plett ver­bü­ßen.

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Von dort kann ein pdf des Ur­teils samt Be­grün­dung her­un­ter­ge­la­den wer­den.
Die voll­stän­di­ge Pro­zess­ak­te des Son­der­ge­richts Bay­reuth wird im Staats­ar­chiv Bam­berg ver­wahrt. Even­tu­ell exis­tiert auch noch die Ge­fan­ge­nen­ak­te von Aich­ach. Dazu kann das Staats­ar­chiv Mün­chen Aus­kunft ge­ben.

Au­torin: Re­na­te Reck­zie­gel

Mar­tha Leff­ler

Ge­bo­ren: 1907 in Ham­burg.
Wohn­ort vor ih­rer In­haf­tie­rung: Hof.

Mar­tha Leff­ler stand zu­sam­men mit ih­rem Mann Au­gust vor Ge­richt. Das Ehe­paar stamm­te ei­gent­lich aus Ham­burg. Bei dem Bom­ben­an­griff in der Nacht auf den 28. Juli 1943 brann­te das Haus, in dem die bei­den mit ih­rem 15-jäh­ri­gen Sohn leb­ten, kom­plett ab. Ih­nen blieb nur eine Ta­sche mit drei Paar Schu­hen, Klei­dung, zwei Arm­band­uh­ren und Bar­geld. Spä­ter konn­ten sie noch et­was von ih­rem Hab und Gut aus dem Kel­ler ber­gen. Die Fa­mi­lie flüch­te­te zu­nächst ins ober­frän­ki­sche Ober­kot­z­au und dann nach Hof, wo Au­gust Leff­ler als Kell­ner im Ho­tel Strauß eine Ar­beit fand. Als „Bom­ben­ge­schä­dig­ten“ stan­den ih­nen Be­zugs­schei­ne für ih­ren Haus­halt zu. Bei der Be­an­tra­gung ver­schwie­gen sie, was sie aus Ham­burg ge­ret­tet hat­ten. Sie ga­ben sich als „to­tal ge­schä­digt“ aus und wur­den dem­entspre­chend ver­sorgt. Sie wur­den des­we­gen an­ge­zeigt.

Es gab noch ei­nen wei­te­ren Tat­vor­wurf: Im Win­ter 1943/44 be­such­te das Paar den Bru­der vom Au­gust Leff­ler in Ham­burg, der in sei­ner Woh­nung of­fen­sicht­lich jede Men­ge Din­ge auf­be­wahr­te, die er un­mög­lich recht­mä­ßig er­wor­ben ha­ben konn­te. Viel­leicht wa­ren sie ge­stoh­len. Oder der Bru­der hat­te ver­las­se­ne Häu­ser ge­plün­dert. Das Ehe­paar Leff­ler kauf­te ihm 20 Paar Schu­he zu ei­nem nied­ri­gen Preis ab, um sie mit nach Hof zu neh­men und dort ge­gen an­de­re Din­ge ein­zu­tau­schen. Heh­le­rei also.

We­gen Ver­bre­chen nach der Kriegs­wirt­schafts­ver­ord­nung und we­gen Sach­heh­le­rei ver­ur­teil­te das Son­der­ge­richt Bay­reuth Mar­tha Leff­ler am 7. Juli 1944 zu ei­ner Ge­samt­stra­fe von ei­nem Jahr und drei Mo­na­ten Zucht­haus. Ihr Mann, der be­reits vor­be­straft war, er­hielt eine Zucht­haus-Stra­fe von ei­nem Jahr und neun Mo­na­ten.

Mar­tha Leff­ler wur­de An­fang Au­gust 1944 vom Ge­richts­ge­fäng­nis Hof ins Zucht­haus nach Aich­ach ver­legt, wo sie zwei Wo­chen spä­ter an­kam. Kurz vor Kriegs­en­de, am 23. April 1945, wur­de vor­zei­tig auf Be­wäh­rung ent­las­sen. Ob sie ih­ren Mann je­mals wie­der­ge­se­hen hat?

Denn Au­gust Leff­ler ver­büß­te sei­ne Stra­fe im Zucht­haus Kas­sel-Wel­hei­den, das Ende März 1945 ge­räumt wur­de. Die Häft­lin­ge soll­ten alle nach Strau­bing ge­bracht wer­den. Doch Au­gust Leff­ler ist dort nie an­ge­kom­men. Was mit ihm pas­siert sein mag? Das Amts­ge­richt Ham­burg er­klär­te den Ver­schol­le­nen am 21. Ja­nu­ar 1947 für tot.

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Von dort kann ein pdf des Ur­teils samt Be­grün­dung her­un­ter­ge­la­den wer­den.
Die voll­stän­di­ge Pro­zess­ak­te des Son­der­ge­richts Bay­reuth wird im Staats­ar­chiv Bam­berg ver­wahrt. Even­tu­ell exis­tiert auch noch die Ge­fan­ge­nen­ak­te von Aich­ach. Dazu kann das Staats­ar­chiv Mün­chen Aus­kunft ge­ben.

Au­torin: Re­na­te Reck­zie­gel

Hed­wig Mar­tin

Ge­bo­ren: 1901 in Ham­burg.
Wohn­ort vor ih­rer In­haf­tie­rung: Bay­reuth.

Hed­wig und Eu­gen Mar­tin leb­ten zu­sam­men mit ih­ren drei Kin­dern in Ham­burg. Dann kam die Nacht zum 28. Juli 1943, in der die Al­li­ier­ten die Stadt bom­bar­dier­ten. Alle Häu­ser im Grütz­ma­cher­gang wur­den zer­stört – bis auf die Num­mer 33, das Haus der Mar­tins. Des­we­gen konn­te die Fa­mi­lie noch et­li­che Din­ge aus dem Haus­halt ret­ten. Sie lie­ßen sich eva­ku­ie­ren und ka­men nach Bay­reuth. Dort mel­de­ten sie sich als „Flie­ger­ge­schä­dig­te“ und er­hiel­ten ent­spre­chend Geld- und Sach­leis­tun­gen – al­ler­dings mehr als ih­nen zu­ge­stan­den hät­ten. Der Vor­wurf, sich Be­zugs­schei­ne er­schli­chen zu ha­ben, brach­te sie am 2. Ok­to­ber 1944 vor das Son­der­ge­richt Bay­reuth. Eu­gen Mar­tin wur­de zu sechs Jah­ren Zucht­haus, sei­ne Frau zu ei­ner Zucht­haus-Stra­fe von zwei Jah­ren ver­ur­teilt so­wie zu je ei­ner Geld­stra­fe von 1500 Reichs­mark oder er­satz­wei­se wei­te­ren 30 Ta­gen Haft.

In die­ses Ver­fah­ren hat­te sich so­gar der Ge­ne­ral­staats­an­walt Otto Kahl aus Bam­berg ein­ge­schal­tet und für Eu­gen Mar­tin die To­des­stra­fe ge­for­dert. Das hat­te zu tun mit et­li­chen an­de­ren De­lik­ten, die der 1892 ge­bo­re­ne Buch­bin­der in frü­he­ren Jah­ren be­gan­gen hat­te. Auch für Hed­wig Mar­tin plä­dier­te Kahl für eine hö­he­re Stra­fe als die von der Bay­reu­ther Staats­an­walt­schaft vor­ge­se­he­nen drei Jah­re. Doch we­der Staats­an­walt He­ri­bert Wei­ßen­ber­ger noch Rich­ter Ru­dolf Brehm gin­gen dar­auf ein. Viel­leicht er­klärt das, war­um das Ge­richt das Ur­teil in al­ler Aus­führ­lich­keit be­grün­de­te.

Hed­wig Mar­tin kam Ende No­vem­ber 1944 ins Zucht­haus nach Aich­ach. Ihre Gna­den­ge­su­che wur­den alle ab­ge­lehnt. Doch am 25. April 1945, also kurz vor Kriegs­en­de, wur­de ihr eine Straf­un­ter­bre­chung ge­währt. Fast an­dert­halb Jah­re spä­ter, am 27. Sep­tem­ber 1946, ent­schied das Baye­ri­sche Staats­mi­nis­te­ri­um der Jus­tiz, ihre Zucht­haus-Stra­fe in eine Ge­fäng­nis­stra­fe von ei­nem Jahr um­zu­wan­deln. Der da­mit ver­blie­be­ne Rest der Haft wie auch die Geld­stra­fe wur­den der 44-Jäh­ri­gen er­las­sen.

Ihr Mann da­ge­gen, der sei­ne Stra­fe im Zucht­haus in Lud­wigs­burg ver­büß­te und dann in die Straf­an­stalt Kai­sheim kam, blieb auch nach dem Krieg wei­ter in Haft. Die ame­ri­ka­ni­sche Prü­fungs­kom­mis­si­on senk­te je­doch das Straf­maß. Eu­gen Mar­tin war noch bis zum 31. März 1947 im Ge­fäng­nis. Sei­ne bei­den Gna­den­ge­su­che wa­ren ab­ge­lehnt wor­den.

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Von dort kann ein pdf des Ur­teils samt Be­grün­dung her­un­ter­ge­la­den wer­den.
Die voll­stän­di­ge Pro­zess­ak­te des Son­der­ge­richts Bay­reuth wird im Staats­ar­chiv Bam­berg ver­wahrt. Even­tu­ell exis­tiert auch noch die Ge­fan­ge­nen­ak­te von Aich­ach. Dazu kann das Staats­ar­chiv Mün­chen Aus­kunft ge­ben.

Au­torin: Re­na­te Reck­zie­gel

Ger­trud Mei­er

Ge­bo­ren: 1916 in Mug­ges­fel­de, ge­hört heu­te zur Ge­mein­de Nehms (Schles­wig-Hol­stein).
Wohn­ort vor ih­rer In­haf­tie­rung: Kulm­bach.

Ger­trud Mei­er hat­te eine Toch­ter und leb­te seit 1942 ge­trennt von ih­rem Mann in Ham­burg. Im Juli 1943 fuhr die 27-Jäh­ri­ge für ei­ni­ge Zeit in das 60 Ki­lo­me­ter ent­fern­te Fin­tel, um ihre kran­ke Mut­ter zu pfle­gen. Zu die­ser Zeit hiel­ten sich in dem klei­nen Ort vie­le an­de­re Ham­bur­ger auf, die nach Bom­ben­an­grif­fen der Al­li­ier­ten aus der Stadt ge­flo­hen wa­ren. Und so er­hielt Ger­trud Mei­er, ob­wohl sie gar nicht be­trof­fen war, vom Bür­ger­meis­ter als ver­meint­lich aus­ge­bomb­te Ham­bur­ge­rin ei­nen Aus­weis für Flie­ger­ge­schä­dig­te. Er be­rech­tig­te sie, mit ei­nem Eva­ku­ie­rungs­zug nach Ober­fran­ken zu fah­ren. Am 13. Au­gust kam sie in Press­eck an, das heu­te zum Land­kreis Kulm­bach ge­hört, und ließ sich zu­sam­men mit ih­rer Toch­ter beim Wirt­schafts­amt Stadt­stein­ach als „Flie­ger­ge­schä­dig­te“ re­gis­trie­ren. Da­durch er­hielt sie Un­ter­stüt­zung in Form von Be­zugs­schei­nen für Nah­rungs­mit­tel und Wa­ren, die im Krieg gar nicht mehr frei er­hält­lich wa­ren. Von den 54 Be­zugs­schei­nen hat­te sie alle bis auf drei ein­ge­löst, als sie im Ja­nu­ar 1944 fest­ge­nom­men und an­ge­klagt wur­de.

Das Son­der­ge­richt Bay­reuth ver­ur­teil­te Ge­trud Mei­er am 28. Fe­bru­ar 1944 zu zwei Jah­ren Zucht­haus. Das ers­te hal­be Jahr ver­brach­te Ge­trud Mei­er im Ge­richts­ge­fäng­nis Bay­reuth, be­vor sie Ende Au­gust 1944 ins Frau­en­zucht­haus Aich­ach ver­legt wur­de. Ge­gen Ende des Krie­ges ge­lang ihr in den Wir­ren wäh­rend des Ein­marschs der al­li­ier­ten Streit­kräf­te am 2. Mai 1945 die Flucht.

1947 setz­te das Land­ge­richt Bay­reuth die Stra­fe auf ein Jahr und zwei Mo­na­te her­ab – we­gen Ver­ge­hens ge­gen die Kriegs­wirt­schafts­ver­ord­nung, aber nicht mehr we­gen des Ver­sto­ßes ge­gen die NS-Volks­schäd­lings­ver­ord­nung. Denn sie war in­zwi­schen als Un­recht an­er­kannt wor­den, wie aus dem 2. Ge­setz zur Wie­der­gut­ma­chung na­tio­nal­so­zia­lis­ti­schen Un­rechts in der Straf­rechts­pfle­ge vom 19.11.1946 her­vor­geht.

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Von dort kann ein pdf des Ur­teils samt Be­grün­dung her­un­ter­ge­la­den wer­den.

Wie der Be­trug Ge­trud Mei­ers auf­ge­deckt wur­de und wer sie an­ge­zeigt hat­te , wird in der Ur­teils­be­grün­dung nicht er­wähnt. Viel­leicht fin­det sich in der voll­stän­di­gen Pro­zess­ak­te noch et­was dazu. Viel­leicht ist dort auch ver­merkt, was mit der Toch­ter ge­schah. Sie war ein acht­jäh­ri­ges Mäd­chen, als ihre Mut­ter ins Zucht­haus kam.

Die voll­stän­di­ge Pro­zess­ak­te des Son­der­ge­richts Bay­reuth wird im Staats­ar­chiv Bam­berg ver­wahrt. Even­tu­ell exis­tiert auch noch die Ge­fan­ge­nen­ak­te von Aich­ach. Dazu kann das Staats­ar­chiv Mün­chen Aus­kunft ge­ben.

Au­torin: Re­na­te Reck­zie­gel

He­le­ne Mo­len­da

Ge­bo­ren: 1923 in Sach­sen­burg, heu­te Kreis Artern/Thüringen.
Wohn­ort vor ih­rer In­haf­tie­rung: Sang­erhau­sen/­Sach­sen-An­halt.

He­le­ne Mo­len­da hät­te am 23. No­vem­ber 1943 beim Amts­ge­richt Sach­sen­hau­sen als An­ge­klag­te er­schei­nen sol­len. Der Vor­wurf: Ar­beits­ver­trags­bruchs. Die Fa­brik­ar­bei­te­rin hat­te bei den Mifa-Wer­ken, ei­nem Rüs­tungs­be­trieb in Sang­erhau­sen, wie­der­holt un­ent­schul­digt ge­fehlt. Doch die knapp 20-Jäh­ri­ge kam nicht zum Pro­zess. Statt­des­sen saß sie im Zug, um nach Bay­reuth zu ei­nem Be­kann­ten zu fah­ren. Sie lan­de­te zu­nächst aber ver­se­hent­lich in Linz und nahm erst am nächs­ten Abend ei­nen D‑Zug nach Re­gens­burg. We­gen der Ge­fahr von Bom­ben­an­grif­fen durf­te im Zug kein Licht bren­nen, es war dort stock­fins­ter. He­le­ne Mo­len­da nutz­te das Dunk­le, um kurz vor ih­rem Aus­stieg in Re­gens­burg eine Ein­kaufs­ta­sche zu steh­len, die un­be­wacht am Gang stand – der Zug war völ­lig über­füllt. Zwei Tage spä­ter wur­de sie samt Beu­te auf dem Bay­reu­ther Bahn­hof von der Po­li­zei ge­fasst. Das Son­der­ge­richt Bay­reuth ver­ur­teil­te sie zu zwei Jah­ren Zucht­haus. Dar­aus er­gab sich eine Ge­samt­stra­fe von zwei Jah­ren und neun Mo­na­ten, weil He­le­ne Mo­len­da auch bei ei­nem frü­he­ren Ar­beit­ge­ber, ei­ner Kä­se­fa­brik in Sang­erhau­sen, im­mer wie­der nicht bei der Ar­beit er­schie­nen war.

Am 21. Fe­bru­ar 1944 trat He­le­ne Mo­len­da ihre Haft in Aich­ach an. Wie es dann mit ihr wei­ter­ging? Wur­de sie auch am Ende des Kriegs ent­las­sen? Die Pro­zess­ak­te des Son­der­ge­richts ver­rät das nicht. Denn al­les wei­te­re lag in den Hän­den der für Sang­erhau­sen zu­stän­di­gen Staats­an­walt­schaft Nord­hau­sen. Viel­leicht exis­tiert ja dort noch die Ver­fah­rends­ak­te 4 Ds. 85/43.

An­mer­kung: Nach NS-Recht wa­ren Ju­gend­li­che ab 14 Jah­ren straf­mün­dig. Das Voll­jäh­rig­keits­al­ter lag da­mals bei 21 Jah­ren.

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Von dort kann ein pdf des Ur­teils samt Be­grün­dung her­un­ter­ge­la­den wer­den.
Die voll­stän­di­ge Pro­zess­ak­te des Son­der­ge­richts Bay­reuth wird im Staats­ar­chiv Bam­berg ver­wahrt. Even­tu­ell exis­tiert auch noch die Ge­fan­ge­nen­ak­te von Aich­ach. Dazu kann das Staats­ar­chiv Mün­chen Aus­kunft ge­ben.

Au­torin: Re­na­te Reck­zie­gel

Hen­ri­et­te Peetz

Ge­bo­ren: 1921 in Fried­manns­dorf, ge­hört heu­te zu Zell im Fich­tel­ge­bir­ge.
Wohn­ort vor ih­rer In­haf­tie­rung: Fried­manns­dorf.

Hen­ri­et­te Peetz ar­bei­tet zu­sam­men mit ih­rer Schwes­ter auf dem Bau­ern­hof der Fa­mi­lie. Sie muss­te die Ar­beit in dem el­ter­li­chen An­we­sen über wei­te Stre­cken al­lei­ne mit ih­rer Schwes­ter be­wäl­ti­gen, weil der Va­ter im Krieg schwe­re Ver­let­zun­gen er­lit­ten hat­te. 50 Tag­werk, etwa 17 Hekt­ar, wa­ren zu be­wirt­schaf­ten.

Im be­nach­bar­ten Hof leb­te der Land­wirt Jo­hann Schmidt, der zu krank war, um mit all der Ar­beit fer­tig zu wer­den. An­fang 1942 be­kam er Un­ter­stüt­zung: Der ju­go­sla­wi­sche Kriegs­ge­fan­ge­ne Jan­ko Po­po­vic sprach nicht nur gut Deutsch, er be­wirt­schaf­te­te den Hof ziem­lich selb­stän­dig. „Weil im Schmidt’schen Hau­se die Frau fehl­te, hat die An­ge­klag­te öf­ters dort aus­ge­hol­fen“, ist in den Ak­ten des Son­der­ge­richts über Hen­ri­et­te Peetz zu le­sen. Sie war wohl eine eher schüch­ter­ne jun­ge Frau. „Sie galt im Dorf so­gar als sehr zu­rück­ge­zo­gen und be­son­ders zu­rück­hal­tend.“

Es dau­ert mehr als ein Jahr, bis sich die Bau­ers­toch­ter und der Kriegs­ge­fan­ge­ne an­nä­her­ten. Im Juni 1943 tra­fen sie sich an ei­nem Sonn­tag zum ers­ten Ren­dez­vous. Im Sep­tem­ber be­merk­te Hen­ri­et­te Peetz, dass sie schwan­ger war. Das Baby, ein klei­ner Jun­ge, kam am 30. März 1944 zur Welt. Fünf Wo­chen spä­ter er­hob die Staats­an­walt­schaft Bay­reuth An­kla­ge we­gen „Ver­bo­te­nem Um­gang mit Kriegs­ge­fan­ge­nen“.

Das Son­der­ge­richt Bay­reuth ver­ur­teil­te Hen­ri­et­te Peetz am 25. Mai 1944 zu ei­ner Zucht­haus­stra­fe von ei­nem Jahr. Sie wur­de noch am sel­ben Tag ins Ge­richts­ge­fäng­nis Hof ein­ge­lie­fert und Ende Juni ins Frau­en­zucht­haus Aich­ach über­stellt. Doch sie wur­de zu Hau­se auf dem Hof drin­gend be­nö­tigt. Um die Ern­te ein­zu­brin­gen, be­wil­lig­te die Staats­an­walt­schaft ab 1. Juli eine Haft­un­ter­bre­chung. Vom 27. Ok­to­ber 1944 an muss­te Hen­ri­et­te Peetz ihre Haft in Aich­ach fort­set­zen. Und dann? Der Ent­las­sungs­ter­min ist in der Pro­zess­ak­te nicht ver­merkt. Aber ver­mut­lich ist Hen­ri­et­te Peetz wie die meis­ten Frau­en, die we­gen „Ver­bo­te­nem Um­gang mit Kriegs­ge­fan­ge­nen“ eine Stra­fe in Aich­ach ver­büß­ten, kurz vor oder gleich nach Kriegs­en­de frei­ge­kom­men.

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Von dort kann ein pdf des Ur­teils samt Be­grün­dung her­un­ter­ge­la­den wer­den.
Die voll­stän­di­ge Pro­zess­ak­te des Son­der­ge­richts Bay­reuth wird im Staats­ar­chiv Bam­berg ver­wahrt. Even­tu­ell exis­tiert auch noch die Ge­fan­ge­nen­ak­te von Aich­ach. Dazu kann das Staats­ar­chiv Mün­chen Aus­kunft ge­ben.

Au­torin: Re­na­te Reck­zie­gel

Wal­traud Pen­se

Ge­bo­ren: 1924 in Gera.
Wohn­ort vor ih­rer In­haf­tie­rung: Ge­mein­de Berg bei Hof.

Wald­traud Pen­se leb­te als Ju­gend­li­che drei Jah­re lang in ei­nem Mäd­chen­heim in Ge­fell, be­vor sie als Land­wirt­schafts­ge­hil­fin zu ei­nem Bau­ern in die Ge­mein­de Berg kam. Dort wa­ren auch fran­zö­si­sche Kriegs­ge­fan­ge­ne be­schäf­tigt, die in ei­nem La­ger in Schnar­chen­reuth wohn­ten. Im März 1942 wur­de die 17-Jäh­ri­ge auf den Kriegs­ge­fan­ge­nen Ser­ge La­ba­now­ski auf­merk­sam, die bei­den tra­fen sich im­mer an ei­ner Au­to­bahn­brü­cke, schrie­ben sich Brie­fe, die ein Mit­ge­fan­ge­ner als Ku­rier über­brach­te.

Die Be­zie­hung flog im Ja­nu­ar 1943 auf, als eine Freun­din von Wal­traud Pen­se sie bei der Po­li­zei ver­ra­ten hat­te. Die Freun­din war selbst we­gen „Ver­bo­te­nem Um­gang mit Kriegs­ge­fan­ge­nen“ ver­hört wor­den. Noch am glei­chen Tag wur­de Wald­traud Pen­se ver­haf­tet und kei­ne vier Wo­chen spä­ter vom Son­der­ge­richt Bay­reuth zu ei­nem Jahr und sechs Mo­na­ten Zucht­haus ver­ur­teilt. Wäh­rend ih­rer gan­zen Haft­zeit stell­ten Wald­traud Pen­se wie auch ihre Mut­ter im­mer wie­der Gna­den­su­che an die Staats­an­walt­schaft in Bay­reuth. Es half al­les nichts. Wald­traud Pen­se muss­te ihre Stra­fe voll ver­bü­ßen, ob­wohl sie bei ih­rer Ver­ur­tei­lung erst 18 Jah­re alt war.

An­mer­kung: An­mer­kung: Nach NS-Recht wa­ren Ju­gend­li­che ab 14 Jah­ren straf­mün­dig. Das Voll­jäh­rig­keits­al­ter lag da­mals bei 21 Jah­ren.

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Von dort kann ein pdf des Ur­teils samt Be­grün­dung her­un­ter­ge­la­den wer­den.
Die voll­stän­di­ge Pro­zess­ak­te des Son­der­ge­richts Bay­reuth wird im Staats­ar­chiv Bam­berg ver­wahrt. Even­tu­ell exis­tiert auch noch die Ge­fan­ge­nen­ak­te von Aich­ach. Dazu kann das Staats­ar­chiv Mün­chen Aus­kunft ge­ben.

Au­torin: Re­na­te Reck­zie­gel

Rosa Pu­ru­cker

Ge­bo­ren: 1919 in Si­na­ten­grün, ge­hört heu­te zur Stadt Wun­sie­del.
Wohn­ort vor ih­rer In­haf­tie­rung: Thiers­heim.

Rosa Pu­ru­cker ging es re­la­tiv gut: Mit 21 Jah­ren hat­te sie den Por­zel­lan­dre­her Lud­wig Pu­ru­cker aus Thiers­heim ge­hei­ra­tet und führ­te zu­nächst den Haus­halt. Im Juni 1943 nahm sie bei der Deut­schen Reichs­bahn eine Stel­le als Aus­hilfs­ar­bei­te­rin an. Sie war am Bahn­hof Höchstädt-Thier­stein im Ab­fer­ti­gungs­dienst tä­tig. Zu ih­ren Auf­ga­ben ge­hör­te es, den Ge­päck­wa­gen ein- und aus­zu­la­den wie auch Ge­päck­stü­cke von Rei­sen­den an­zu­neh­men und aus­zu­ge­ben. Da­durch hat­te sie Zu­tritt zur Gü­ter­hal­le.

Sie stahl im­mer wie­der, mal aus Pa­ke­ten, mal aus Ge­päck­stü­cken. 20 sol­cher Straf­ta­ten soll sie zwi­schen Juni und No­vem­ber 1943 be­gan­gen ha­ben. Sie alle sind in dem Ur­teil des Son­der­ge­richts Bay­reuth ge­nau auf­ge­lis­tet. Da ging es um fünf Päck­chen Ka­kao­pul­ver, die sich in ei­nem von meh­re­ren Kar­tons mit Süß­wa­ren be­fun­den hat­ten. Oder um Rum­ku­geln, die sie teils selbst aß und teils an ein Kind ver­schick­te. Oder um zwei wert­vol­le ge­häckel­te Tisch­de­cken aus der ver­blie­be­nen Habe ei­ner Lü­be­cke­rin, die aus­ge­bombt wor­den war.

Die NS-Ge­set­ze sa­hen im Krieg für sol­che De­lik­te dra­ko­ni­sche Stra­fen vor. Rosa Pu­ru­cker wur­de im Fe­bru­ar 1944 zu fünf Jah­ren Zucht­haus ver­ur­teilt. Zu­nächst blieb sie im Ge­richts­ge­fäng­nis in Hof, be­vor sie im Mai 1944 ins Frau­en­zucht­haus Aich­ach ver­legt wur­de.

Sie ge­hör­te nicht zu den in­haf­tier­ten Frau­en, die das NS-Reichs­jus­tiz­mi­nis­te­ri­um noch kurz vor Kriegs­en­de vor­zei­tig ent­ließ. Aber auf An­ord­nung der ame­ri­ka­ni­schen Prü­fungs­kom­mis­si­on kam sie am 19. Mai 1945 frei, also elf Tage nach der Ka­pi­tu­la­ti­on der deut­schen Wehr­macht. 1948 re­vi­dier­te die Straf­kam­mer des Land­ge­richts Bay­reuth das Ur­teil, weil die NS-Volks­schäd­lings­ver­ord­nung in­zwi­schen für un­recht­mä­ßig er­klärt wor­den war. Das geht aus dem 2. Ge­setz zur Wie­der­gut­ma­chung na­tio­nal­so­zia­lis­ti­schen Un­rechts in der Straf­rechts­pfle­ge vom 19.11.1946 her­vor. Die Stra­fe wur­de auf ein Jahr und ei­nen Mo­nat Zucht­haus er­mä­ßigt und war da­mit be­reits ver­büßt.

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Von dort kann ein pdf des Ur­teils samt Be­grün­dung her­un­ter­ge­la­den wer­den.
Die voll­stän­di­ge Pro­zess­ak­te des Son­der­ge­richts Bay­reuth wird im Staats­ar­chiv Bam­berg ver­wahrt. Even­tu­ell exis­tiert auch noch die Ge­fan­ge­nen­ak­te von Aich­ach. Dazu kann das Staats­ar­chiv Mün­chen Aus­kunft ge­ben.

Au­torin: Re­na­te Reck­zie­gel

Ma­ri­an­ne Rust

Ge­bo­ren: 1905 in Knös­chitz, da­mals Land­kreis Po­der­sam, heu­te: Tsche­chi­en.
Wohn­ort vor ih­rer In­haf­tie­rung: Bay­reuth, spä­ter Bi­schofs­wie­sen-Strub.

Ma­ri­an­ne Rust war vom 28. Au­gust 1944 an in Aich­ach in­haf­tiert. Doch ihr ge­lang im April 1945 – also kurz vor dem Ende des Zwei­ten Welt­kriegs – die Flucht aus der Straf­an­stalt. Dann war sie wie vom Erd­bo­den ver­schluckt. Nach dem Krieg wur­de wei­ter nach ihr ge­fahn­det. Im Juli 1949 – zwei Mo­na­te nach der Grün­dung der Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land – wur­de die Po­li­zei auf eine Frau auf­merk­sam, die in Bi­schofs­wie­sen eine Da­men­schnei­de­rei be­trieb. Es war Ma­ri­an­ne Rust. Und so kam es, dass sich das Land­ge­richt Bay­reuth vier Jah­re nach Kriegs­en­de noch ein­mal mit ei­nem Ver­fah­ren des NS-Son­der­ge­richts be­schäf­tig­te.

Ma­ri­an­ne Rust stamm­te aus dem Su­de­ten­land, war ge­lern­te Schnei­de­rin, aber ar­bei­te­te seit der Schei­dung von ih­rem Mann 1940 bei der Reichs­bahn. Dort war sie als Zug­be­glei­te­rin und Ge­päck­schaff­ne­rin rund um Bay­reuth im Dienst. So auch am 25. Fe­bru­ar 1943 in dem Zug, der um 11.27 Uhr von Neu­en­markt-Wirs­berg nach Bay­reuth fah­ren soll. Im Ge­päck­wa­gen liegt ein sechs Kilo schwe­rer, mit ei­ner star­ken Pa­pier­schnur dick um­wi­ckel­ter Hand­kof­fer. Ihn hat die Frau des Bahn­hof­schaff­ners Fer­di­nand Of­ner, die mit ih­rem zwei­jäh­ri­gen Kind im Zug sitzt, als Rei­se­ge­päck auf­ge­ge­ben. Der Kof­fer ist of­fen. Und da­vor steht Ma­ri­an­ne Rust. In dem Mo­ment blickt Fer­di­nand Of­ner vom Bahn­steig aus in den Wag­gon.

Das ist aber schon al­les, was si­cher ist. Laut Fer­di­nand Of­ner soll die Zug­be­glei­te­rin die Schnur des Hand­kof­fers durch­schnit­ten, ihn ge­öff­net und ei­nen Kin­der­schlaf­an­zug her­aus­ge­nom­men und prü­fend in die Höhe ge­hal­ten ha­ben. Er zeig­te sie we­gen Dieb­stahls an. Ma­ri­an­ne Rust sag­te im Pro­zess vor dem Son­der­ge­richt Bay­reuth aus, dass der Kof­fer un­ter an­de­ren Ge­päck­bal­len ver­gra­ben, die Schnur ge­ris­sen war. Sie habe nur an­hand des Ge­päck­scheins her­aus­fin­den wol­len, wem der Kof­fer ge­hör­te.

Von bei­den Sei­ten wur­den jede Men­ge De­tails ge­nannt, um die ei­ge­ne Ver­si­on des Ge­sche­hens zu un­ter­mau­ern. Ma­ri­an­ne Rust äu­ßer­te den Ver­dacht, dass der Bahn­hofs­schaff­ner ihr die Tat in die Schu­he schie­ben woll­te, weil er et­was ge­gen sie hat­te.

Das Ge­richt glaub­te Fer­di­nand Of­ner mehr. Dar­an konn­te auch der Bay­reu­ther Recht­an­walt Fritz Mey­er, der die An­ge­klag­te in dem Ver­fah­ren ver­tei­dig­te, nichts än­dern. Ma­ri­an­ne Rust wur­de zu an­dert­halb Jah­ren Zucht­haus ver­ur­teilt.

Was wirk­lich ge­schah ist nie ge­klärt wor­den. 1949 mil­der­te das Land­ge­richt Bay­reuth nur rück­wir­kend das Straf­maß. Ma­ri­an­ne Rust wur­de we­gen schwe­ren Dieb­stahls in Tat­ein­heit mit ei­nem Ver­ge­hen des Ge­wahr­sams­bruchs zu ei­ner Ge­fäng­nis­stra­fe von sechs Mo­na­ten ver­ur­teilt. Die­se Stra­fe hat­te sie mit ih­rer gut sie­ben­mo­na­ti­gen Haft in Aich­ach schon ver­büßt.

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Die voll­stän­di­ge Pro­zess­ak­te des Son­der­ge­richts Bay­reuth wird im Staats­ar­chiv Bam­berg ver­wahrt. Even­tu­ell exis­tiert auch noch die Ge­fan­ge­nen­ak­te von Aich­ach. Dazu kann das Staats­ar­chiv Mün­chen Aus­kunft ge­ben.

Au­torin: Re­na­te Reck­zie­gel

Mar­tha Schmidt

Ge­bo­ren: 1911 in Co­burg.
Wohn­ort vor ih­rer In­haf­tie­rung: Him­mel­kron.

Am Ende war es der ei­ge­ne Schwie­ger­va­ter, der sie an­zeig­te. Doch von vor­ne: Mar­tha Schmidt war seit 1933 mit dem Schrei­ner Ge­org Schmidt ver­hei­ra­tet. Die bei­den hat­ten zwei Kin­der. Als ihr Mann 1940 zur Wehr­macht ein­ge­zo­gen wur­de, ar­bei­te­te die fast 30-Jäh­ri­ge als Hil­fe im Haus­halt und in der Land­wirt­schaft. Zum Bei­spiel war sie als Wä­sche­rin in der Dampf­zie­ge­lei Him­mel­kron be­schäf­tigt. Auch auf dem Hof des Land­wirts Scho­bert half sie mit. Da­bei lern­te sie den fran­zö­si­schen Kriegs­ge­fan­ge­nen Hen­ri Be­au­lieu ken­nen, die bei­den tra­fen sich, es kam zu Zärt­lich­kei­ten und ein­mal zu Sex. Da­nach be­en­de­te Mar­tha Schmidt die Be­zie­hung. Sie wuss­te, dass der „Um­gang mit Kriegs­ge­fan­ge­nen“ un­ter Stra­fe stand. Doch es war zu spät. Im Mai 1942 wur­de Mar­tha Schmidt fest­ge­nom­men und vom Son­der­ge­richt Bay­reuth zu an­dert­halb Jah­ren Zucht­haus ver­ur­teilt. Die bei­den Kin­der wa­ren da­mals sechs und acht Jah­re alt. Mar­tha Schmidt muss­te aber nur die Hälf­te der Stra­fe ver­bü­ßen: Nach neun Mo­na­ten wur­de sie vor­zei­tig auf Be­wäh­rung ent­las­sen.

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Die voll­stän­di­ge Pro­zess­ak­te des Son­der­ge­richts Bay­reuth wird im Staats­ar­chiv Bam­berg ver­wahrt. Even­tu­ell exis­tiert auch noch die Ge­fan­ge­nen­ak­te von Aich­ach. Dazu kann das Staats­ar­chiv Mün­chen Aus­kunft ge­ben.

Au­torin: Re­na­te Reck­zie­gel

Emmi Schön

Ge­bo­ren: 1921 in Arz­berg.
Wohn­ort vor ih­rer In­haf­tie­rung: Arz­berg.

Emmi Schön war beim Post­amt Arz­berg an­ge­stellt. Sie wur­de auch in Ho­hen­berg und Seu­ßen als Land­brief­trä­ge­rin ein­ge­setzt und soll da­bei im Juni 1942 fünf Feld­post­päck­chen ge­öff­net ha­ben. Ku­chen, Bon­bons und Scho­ko­la­de, die sie dar­in fand, hat sie so­fort ge­ges­sen. Da­für wur­de die 21-Jäh­ri­ge ge­mäß der „Volks­schäd­lings­ver­ord­nung“ zu zwei Jah­ren Zucht­haus und ei­ner Geld­stra­fe von 30 Reichs­mark ver­ur­teilt. Die Rich­ter wer­te­ten ihre Tat als Amts­un­ter­schla­gung, schwe­re Ur­kun­den­un­ter­drü­ckung im Amt, Ver­let­zung des Post­ge­heim­nis­ses und ge­winn­süch­ti­gen Ver­wah­rungs­bruch. Emmi Schön war 14 Mo­na­te in Aich­ach in­haf­tiert, dann wur­de sie vor­zei­tig auf Be­wäh­rung ent­las­sen.

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Die voll­stän­di­ge Pro­zess­ak­te des Son­der­ge­richts Bay­reuth wird im Staats­ar­chiv Bam­berg ver­wahrt. Even­tu­ell exis­tiert auch noch die Ge­fan­ge­nen­ak­te von Aich­ach. Dazu kann das Staats­ar­chiv Mün­chen Aus­kunft ge­ben.

Au­torin: Re­na­te Reck­zie­gel

Lisa Spitt­ka

Ge­bo­ren: 1925 in Sehn­de bei Han­no­ver.
Wohn­ort vor ih­rer In­haf­tie­rung: Nürn­berg.

Lisa Spitt­kas Schick­sal zeigt, wie die NS-Jus­tiz selbst Ba­ga­tell­de­lik­te im Wie­der­ho­lungs­fall dra­ko­nisch be­straf­te. Die Ju­gend­li­che stamm­te aus so­zi­al schwie­ri­gen Ver­hält­nis­sen. Ihre Kind­heit war ge­prägt von Ar­mut und Miss­brauch. Mit 17 Jah­ren kam als Haus­ge­hil­fin zu Fa­mi­lie Dorn, die in Nürn­berg ein Milch­ge­schäft be­trieb. Im Juli 1943 hat­te sie ei­nen Tag frei­ge­nom­men, um ih­ren Bräu­ti­gam, der bei der Waf­fen-SS war, zu tref­fen. Sie kehr­te aber nicht mehr an ih­ren Ar­beits­platz zu­rück. Sie gab sich als „Flie­ger­ge­schä­dig­te“ aus, die al­les ver­lo­ren hat­te, such­te im­mer wie­der den Kon­takt zu Sol­da­ten der Waf­fen-SS. So kam sie mal hier, mal da für eine Wei­le un­ter und be­kam aus Mit­leid im­mer wie­der et­was zu­ge­steckt. Mit ih­ren Gau­ne­rei­en han­del­te sie sich am Ende in Bay­reuth eine An­zei­ge ein. Und das kam so: Ka­tha­ri­na Her­tel, eine Mut­ter von fünf Kin­dern, hat­te die ver­meint­lich ob­dach­lo­se Frau in ih­rer so­wie­so viel zu klei­nen Woh­nung be­her­bergt und be­wir­tet. Als Lisa Spitt­ka ein Feld­post­pa­ket, das für Frau Her­tels Mann an der Front be­stimmt war, für sich be­hielt statt es zur Post zu brin­gen, kam ihr Frau Her­tel auf die Schli­che und ging zur Po­li­zei. Lisa Spitt­ka wur­de am 4. Sep­tem­ber fest­ge­nom­men und an­ge­klagt. Bei dem Pro­zess vor dem Son­der­ge­richt Bay­reuth ka­men noch ei­ni­ge wei­te­re ih­rer Gau­ne­rei­en zur Spra­che. Sie wur­de da­für zu ei­ner Ge­samt­stra­fe von zwei Jah­ren Zucht­haus ver­ur­teilt.

Ende No­vem­ber 1943 trat sie ihre Haft in Aich­ach an. Sie wur­de vor­zei­tig am 25. April 1945 ent­las­sen, als vie­le Ge­fan­ge­ne auf An­ord­nung des Reichs­jus­tiz­mi­nis­te­ri­ums vor Kriegs­en­de frei­ka­men.

An­mer­kung: Nach NS-Recht wa­ren Ju­gend­li­che ab 14 Jah­ren straf­mün­dig. Das Voll­jäh­rig­keits­al­ter lag da­mals bei 21 Jah­ren.

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Au­torin: Re­na­te Reck­zie­gel

Anna Stöhr

Ge­bo­ren: 1922 in Ho­hen­berg an der Eger.
Wohn­ort vor ih­rer In­haf­tie­rung: Ho­hen­berg an der Eger.

Anna Stöhrs Va­ter war Bä­cker und Land­wirt. Nach sei­nem Tod über­nahm sei­ne Frau sämt­li­che Ge­schäf­te, Toch­ter Anna ar­bei­te­te vor al­lem auf dem Hof. Im Ok­to­ber 1941 be­kam die Wit­we ei­nen fran­zö­si­schen Kriegs­ge­fan­ge­nen zu­ge­teilt. Jean Anxoux war ge­lern­ter Bä­cker, half aber auch auf dem Hof mit. Dort gab es vie­le Auf­ga­ben, die er mit Anna Stöhr ge­mein­sam über­nahm. Zwi­schen ih­nen ent­wi­ckel­te sich eine Be­zie­hung. Als Anna Stöhr im März 1943 ein Kind er­war­te­te, ver­heim­lich­te sie ihm wie auch ih­rer Fa­mi­lie die Schwan­ger­schaft. Im Juni wur­de der Kriegs­ge­fan­ge­ne vom Hof ab­ge­zo­gen. Bald da­nach konn­te Anna Stöhr nicht mehr ver­ber­gen, dass sie in an­de­ren Um­stän­den war. Sie wur­de an­ge­zeigt und im Sep­tem­ber we­gen „Ver­bo­te­nem Um­gang mit Kriegs­ge­fan­ge­nen“ an­ge­klagt. Das Son­der­ge­richt Bay­reuth ver­ur­teil­te die ge­ra­de erst voll­jäh­rig ge­wor­de­ne 21-Jäh­ri­ge Ende Sep­tem­ber zu ei­nem Jahr Zucht­haus. Anna Stöhr trat ihre Haft in Aich­ach Ende März 1944 an – nach Ent­bin­dung und Still­zeit. Am 5. Fe­bru­ar 1945 wur­de sie ent­las­sen. Die ver­blei­ben­den 57 Tage ih­rer Stra­fe wur­den zur Be­wäh­rung aus­ge­setzt.

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Von dort kann ein pdf des Ur­teils samt Be­grün­dung her­un­ter­ge­la­den wer­den.
Die voll­stän­di­ge Pro­zess­ak­te des Son­der­ge­richts Bay­reuth wird im Staats­ar­chiv Bam­berg ver­wahrt. Even­tu­ell exis­tiert auch noch die Ge­fan­ge­nen­ak­te von Aich­ach. Dazu kann das Staats­ar­chiv Mün­chen Aus­kunft ge­ben.

Au­torin: Re­na­te Reck­zie­gel

Mar­tha Stöß­lein

Ge­bo­ren: 1912 in Metz­dorf, ge­hört heu­te zur Stadt Kulm­bach.
Wohn­ort vor ih­rer In­haf­tie­rung: Metz­dorf.

Mar­tha Stöß­lein hat ihr gan­zes Le­ben auf dem el­ter­li­chen Hof ge­lebt und ge­ar­bei­tet. Als ihr Bru­der zum Kriegs­dienst ein­be­ru­fen wur­de, hät­te der Bau­ern­hof ohne männ­li­che Ar­beits­kraft be­wirt­schaf­tet wer­den müs­sen. Des­we­gen wur­de der Fa­mi­lie 1941 ein ser­bi­scher Kriegs­ge­fan­ge­ner zu­ge­teilt. Iwan Ar­se­nowic er­wies sich als flei­ßi­ger Hel­fer, der vie­le Ar­bei­ten zu­sam­men mit der 29-jäh­ri­gen Bau­ers­toch­ter über­nahm. Sie wur­den ein Lie­bes­paar. Als Mar­tha Stöß­lein im Som­mer 1943 be­merk­te, dass sie schwan­ger war, brach sie den Kon­takt ab. Doch es war zu spät: Sie wur­de im Fe­bru­ar 1944 we­gen „Ver­bo­te­nem Um­gang mit Kriegs­ge­fan­ge­nen“ an­ge­klagt. Im Mai 1944 brach­te sie ihr Kind zur Welt, im Juni wur­de sie vom Son­der­ge­richt Bay­reuth zu ei­ner Zucht­haus­stra­fe von ei­nem Jahr und zwei Mo­na­ten ver­ur­teilt.

Ihr wur­de we­gen der Still­zeit noch zu­ge­stan­den, bis zum 1. No­vem­ber 1944 zu Hau­se zu blei­ben. Den An­trag, den Straf­auf­schub noch ein­mal zu ver­län­gern, lehn­te die Staats­an­walt­schaft aber ab. Ob Mar­tha Stöß­lein die Stra­fe in Aich­ach je­mals an­ge­tre­ten hat, ist aber un­klar. Die Pro­zess­ak­te er­zählt das nicht. Ist sie nur un­voll­stän­dig oder ist Mar­tha Stöß­lein et­was ganz an­de­res zu­ge­sto­ßen?

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Die voll­stän­di­ge Pro­zess­ak­te des Son­der­ge­richts Bay­reuth wird im Staats­ar­chiv Bam­berg ver­wahrt. Even­tu­ell exis­tiert auch noch die Ge­fan­ge­nen­ak­te von Aich­ach. Dazu kann das Staats­ar­chiv Mün­chen Aus­kunft ge­ben.

Au­torin: Re­na­te Reck­zie­gel

Emi­lie Trom­mer

Ge­bo­ren: 1915 in Lauf an der Peg­nitz.
Wohn­ort vor ih­rer In­haf­tie­rung: Creu­ßen.

Eli­se Trom­mer war ge­schie­den und ver­dien­te sich ih­ren Le­bens­un­ter­halt als Fa­brik­ar­bei­te­rin, als sie im Juni 1942 bei ei­nem Sonn­tags­spa­zier­gang mit ei­ner Freun­din den bel­gi­schen Kriegs­ge­fan­ge­nen Jo­seph Du­lier ken­nen­lern­te. Er ar­bei­te­te bei der Fir­ma Ta­bel in Creu­ßen. Was dann kam, wäre in an­de­ren Zei­ten ein­fach eine Lie­bes­ge­schich­te ge­we­sen: Zu­erst gin­gen die bei­den im­mer wie­der mit­ein­an­der spa­zie­ren, dann ka­men sie sich nä­her, tra­fen sich in Emi­lie Trom­mers Woh­nung, für die er ir­gend­wann ei­nen Schlüs­sel von ihr be­kam. Als Du­lier im Juni 1943 nach Peg­nitz ver­setzt wur­de, schrie­ben sie sich Brie­fe, Emi­lie Trom­mer be­such­te ihn sonn­tags alle drei Wo­chen. Im Ok­to­ber 1943 er­war­te­te Emi­lie Trom­mer ein Kind.

Die Kon­se­quenz: Emi­lie Trom­mer wur­de an­ge­klagt. Das Son­der­ge­richt Bay­reuth ver­ur­teil­te sie im Ja­nu­ar 1944 zu ei­ner Zucht­haus-Stra­fe von zwei Jah­ren und sechs Mo­na­ten. Im Ver­gleich zu an­de­ren Ver­fah­ren eine un­ge­wöhn­lich har­te Stra­fe. Doch die 28-Jäh­ri­ge muss­te am Ende „nur“ et­was mehr als ein Jahr da­von ver­bü­ßen. Denn zwei Mo­na­te nach Haft­an­tritt wur­de sie für Ent­bin­dung und Still­zeit für ein hal­bes Jahr ent­las­sen. Am 16. Juli 1944 kam das Kind zur Welt, am 15. Ok­to­ber muss­te Emi­lie Trom­mer ihre Stra­fe in Aich­ach er­neut an­tre­ten. Sie ge­hör­te nicht zu den in­haf­tier­ten Frau­en, die das Reichs­jus­tiz­mi­nis­te­ri­um noch kurz vor Kriegs­en­de vor­zei­tig ent­ließ. Aber auf An­ord­nung der ame­ri­ka­ni­schen Prü­fungs­kom­mis­si­on kam sie am 18. Mai 1945, also be­reits zehn Tage nach der Ka­pi­tu­la­ti­on der deut­schen Wehr­macht, end­gül­tig frei.

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Au­torin: Re­na­te Reck­zie­gel

Mar­ga­re­te Ul­mer

Ge­bo­ren: 1912 in Alt­dorf bei Nürn­berg.
Vor ih­rer In­haf­tie­rung ohne fes­ten Wohn­ort.

Sie hat­te kei­nen gu­ten Start ins Le­ben. Mit neun Jah­ren kam Mar­ga­re­te zu­sam­men mit ih­rem Bru­der in eine Für­sor­ge­er­zie­hungs­an­stalt. Mit 20 Jah­ren hei­ra­te­te sie Jo­hann Kon­rad Ul­mer, ei­nen ak­ti­ven Kom­mu­nis­ten, der schon ein Jahr nach der Hoch­zeit bei ei­nem ge­walt­sa­men po­li­ti­schen Zu­sam­men­stoß in Fürth ums Le­ben kam. Da­mit be­gann Mar­ga­re­te Ul­mers Kar­rie­re als Klein­kri­mi­nel­le: Die jun­ge Wit­we nahm ver­schie­de­ne Dienst­stel­len an, wur­de we­gen Dieb­stahls, Be­trugs und „An­lo­ckens von Un­zucht“ im­mer wie­der straf­fäl­lig. Von 1937 bis 1940 ar­bei­te­te sie mit ein­jäh­ri­ger Un­ter­bre­chung in ei­nem Leip­zi­ger Bor­dell als Pro­sti­tu­ier­te und kam we­gen wie­der­hol­ten Be­trugs 15 Mo­na­te ins Ge­fäng­nis. Sie ver­such­te an­schlie­ßend zwar, ei­nem ge­re­gel­ten Er­werbs­le­ben nach­zu­ge­hen, lan­de­te aber im­mer wie­der im Rot­licht-Mi­lieu. We­gen Ver­dachts auf eine Ge­schlechts­krank­heit wur­de sie An­fang 1942 in Würz­burg ins Luit­pold­kran­ken­haus ein­ge­wie­sen. Von dort floh sie, wur­de in Mag­de­burg auf­ge­grif­fen, floh er­neut. Sie leb­te dann auf der Stra­ße, bet­tel­te, bot sich zur Pro­sti­tu­ti­on an, be­ging Be­trü­ge­rei­en.

Ins Vi­sier der Staats­an­walt­schaft Bay­reuth kam sie we­gen ei­nes Be­trugs in Wol­perts­reuth. Dort tauch­te sie bei der Dienst­magd He­le­ne Grem­pel auf. Die bei­den Frau­en kann­ten sich von frü­her aus dem Er­zie­hungs­heim. Mar­ga­re­te gab vor, schon seit vier Jah­ren mit He­le­nes Bru­der, Karl Grem­pel, ver­hei­ra­tet zu sein. Sie be­haup­te­te, „ihr Mann“ läge ver­wun­det im La­za­rett in Bay­reuth und bat für ihn um Fleisch und Eier. Mit die­ser Ge­schich­te vom ar­men ver­wun­de­ten Sol­da­ten er­weich­te sie so­gar Eli­sa und Erna Bü­cher, die Dienst­herr­schaft ih­rer „Schwä­ge­rin“, Le­bens­mit­tel zu spen­den. Klei­der­mar­ken und acht Reichs­mark er­schlich sich Mar­ga­re­te oben­drein. Und sie setz­te noch eins drauf: Am Sonn­tag nach ih­rem Be­such in Wol­perts­reuth traf sie sich mit ih­rer Pseu­do-Schwä­ge­rin in Bay­reuth und be­haup­te­te, Karl sei nach Hof ins La­za­rett ver­legt wor­den. Bei die­ser Ge­le­gen­heit lieh sie sich für ihn noch ein­mal 20 Reichs­mark.

Das Son­der­ge­richt Bay­reuth ver­ur­teil­te Mar­ga­re­te Ul­mer we­gen des „fort­ge­setz­ten Ver­bre­chens des Be­trugs“ ge­mäß „Volks­schäd­lings­ver­ord­nung“ zu zwei Jah­ren Zucht­haus und ei­ner Geld­stra­fe von 50 Reichs­mark. Un­ter Ein­be­zie­hung ei­nes Ur­teils des Amts­ge­richts Bay­reuth wur­den dar­aus zwei Jah­re und neun Mo­na­te. Die Geld­stra­fe konn­te Mar­ga­re­te Ul­mer nicht auf­brin­gen. Sie muss­te als Er­satz spä­ter noch für zehn Tage ins Ge­fäng­nis – und zwar im Juli 1947, zwei Jah­re nach Kriegs­en­de.

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Die voll­stän­di­ge Pro­zess­ak­te des Son­der­ge­richts Bay­reuth wird im Staats­ar­chiv Bam­berg ver­wahrt. Even­tu­ell exis­tiert auch noch die Ge­fan­ge­nen­ak­te von Aich­ach. Dazu kann das Staats­ar­chiv Mün­chen Aus­kunft ge­ben.

Au­torin: Re­na­te Reck­zie­gel

Else Wil­fert

Ge­bo­ren: 1923 in Frie­ders­reuth (Pas­t­vi­ny, Tsche­chi­en). Der Ort wur­de im Zuge des Münch­ner Ab­kom­mens dem Deut­schen Reich zu­ge­schla­gen und ge­hör­te bis 1945 zum Land­kreis Asch.
Wohn­ort vor ih­rer In­haf­tie­rung: Faß­manns­reuth, heu­te ein Ge­mein­de­teil von Re­hau.

Else Wil­fert hat schon mit 17 Jah­ren ge­hei­ra­tet. Zwei Mo­na­te nach der Trau­ung wur­de ihr Mann zur Wehr­macht ein­ge­zo­gen. Sie soll­te ihn erst an­dert­halb Jah­re spä­ter wie­der­se­hen, als er über Pfings­ten 1942 für zwei Wo­chen Hei­mat­ur­laub er­hielt. In der Zwi­schen­zeit war das ers­te Kind der bei­den zur Welt ge­kom­men. Else Wil­fert leb­te seit Fe­bru­ar 1942 auf dem Hof der Schwie­ger­el­tern, um sie bei der Ar­beit in der Land­wirt­schaft zu un­ter­stüt­zen. Dort war auch der fran­zö­si­sche Kriegs­ge­fan­ge­ne Ro­ger Bouis­set be­schäf­tigt. Sie ka­men sich nä­her und wur­den beim ers­ten und ein­zi­gen Mal prompt von der Schwie­ger­mut­ter in­fla­gran­ti er­wischt. Das Son­der­ge­richt Bay­reuth ver­ur­teil­te Else Wil­fert we­gen „Ver­bo­te­nem Um­gang mit Kriegs­ge­fan­ge­nen“ zu ei­ner Zucht­haus­stra­fe von ei­nem Jahr.

Im Ok­to­ber 1942 trat sie die Haft in Aich­ach an. Ihre Fa­mi­lie muss sich um­ge­hend um ein Gna­den­ge­such be­müht ha­ben. Doch das wur­de im Ja­nu­ar 1943 zu­rück­ge­wie­sen. Ab März er­hielt Else Wil­fert für ein hal­bes Jahr Haft­un­ter­bre­chung, um auf dem Hof ih­rer Schwie­ger­el­tern mit­zu­ar­bei­ten.

Im April 1943 traf dann eine Ent­schei­dung des Reichs­mi­nis­ters der Jus­tiz ein: Die Zucht­haus­stra­fe soll­te in eine Ge­fäng­nis­stra­fe von glei­cher Dau­er um­ge­wan­delt wer­den. Else Wil­fert er­hielt die ihr ab­erkann­ten bür­ger­li­chen Eh­ren­rech­te zu­rück und die Fä­hig­keit zur Be­klei­dung öf­fent­li­cher Äm­ter. Au­ßer­dem wur­de der Straf­rest zur Be­wäh­rung aus­ge­setzt. Das heißt: Else Wil­fert muss­te nicht mehr ins Ge­fäng­nis zu­rück. Eine im Ver­gleich zu an­de­ren Ver­fah­ren sel­te­ne Mil­de. Es wäre span­nend, die Hin­ter­grün­de zu er­fah­ren.

An­mer­kung: An­mer­kung: Nach NS-Recht wa­ren Ju­gend­li­che ab 14 Jah­ren straf­mün­dig. Das Voll­jäh­rig­keits­al­ter lag da­mals bei 21 Jah­ren.

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Von dort kann ein pdf des Ur­teils samt Be­grün­dung her­un­ter­ge­la­den wer­den.
Die voll­stän­di­ge Pro­zess­ak­te des Son­der­ge­richts Bay­reuth wird im Staats­ar­chiv Bam­berg ver­wahrt. Even­tu­ell exis­tiert auch noch die Ge­fan­ge­nen­ak­te von Aich­ach. Dazu kann das Staats­ar­chiv Mün­chen Aus­kunft ge­ben.

Au­torin: Re­na­te Reck­zie­gel

Anna Will

Ge­bo­ren: 1922 in Sorg, ge­hört heu­te zur Ge­mein­de Ober­tru­bach.
Wohn­ort vor ih­rer In­haf­tie­rung: Sorg.

Anna Will war nie im Zucht­haus in Aich­ach in­haf­tiert. Aber sie war im März 1944 we­gen „Ver­bo­te­nem Um­gang mit Kriegs­ge­fan­ge­nen“ an­ge­zeigt wor­den. Die Staats­an­walt­schaft er­hob An­kla­ge. Am 16. Ok­to­ber fand die Ver­hand­lung statt, aber zu ei­nem Ur­teil kam es nicht. Das war für das Son­der­ge­richt Bay­reuth eher un­ty­pisch. Meist wur­den Ver­fah­ren in­ner­halb ei­nes Ta­ges ab­ge­schlos­sen. Und auch sonst er­eig­ne­ten sich im Fall Anna Wills Din­ge, die ver­mu­ten las­sen, dass sich hin­ter den Ku­lis­sen mehr ab­spiel­te als of­fi­zi­ell in der Pro­zess­ak­te do­ku­men­tiert ist.

Ei­gent­lich war es ein ty­pi­scher Fall von „Ver­bo­te­nem Um­gang mit Kriegs­ge­fan­ge­nen“. Anna Will leb­te auf dem Hof ih­rer El­tern in Sorg. Dort ar­bei­te­te von De­zem­ber 1942 bis Au­gust 1943 der ju­go­sla­wi­sche Kriegs­ge­fan­ge­ne Ni­co­la Po­padic. Anna Will soll laut An­kla­ge über län­ge­re Zeit eine Be­zie­hung mit ihm ge­habt ha­ben und von ihm schwan­ger ge­wor­den sein. Sie selbst sag­te bei der Ver­hand­lung vor Ge­richt, von dem Kriegs­ge­fan­ge­nen Ende Juli 1943 ver­ge­wal­tigt wor­den zu sein. Im April 1944 kam das Kind zur Welt.

An­zei­ge er­stat­tet hat­te üb­ri­gens Ober­leut­nant a.D. Heinz von Ho­mey­er – und zwar am 12. März 1944, also schon sie­ben Mo­na­te vor Pro­zess­be­ginn. Eine für das Son­der­ge­richt un­ge­wöhn­lich lan­ge Zeit­span­ne. Doch nicht nur das ist in­ter­es­sant: Von Ho­mey­er hat auch Jo­hann Will, den Va­ter Anna Wills, Land­wirt und Bür­ger­meis­ter von Sorg, mit an­ge­zeigt und zwar „we­gen Ver­bre­chens ge­gen die Volks­schäd­lings­ge­set­ze“.  Jo­hann Will habe, so der Vor­wurf, „sei­ner Auf­sichts­pflicht als Va­ter und Bür­ger­meis­ter nicht ge­nügt“.

Der Kriegs­ge­fan­ge­ne wur­de am 22. Juni 1944 von ei­nem Kriegs­ge­richt zu vier Jah­ren Ge­fäng­nis ver­ur­teilt – aber nicht we­gen Ver­ge­wal­ti­gung. Die­sen Vor­wurf wies Ni­co­la Po­padic zu­rück, das Ge­richt hielt sei­ne Aus­sa­ge für glaub­haft. Aber er wur­de trotz­dem ver­ur­teilt und zwar we­gen „fort­ge­setz­ten mi­li­tä­ri­schen Un­ge­hor­sams“. Denn auch Lie­bes­be­zie­hun­gen zu deut­schen Frau­en wa­ren Kriegs­ge­fan­ge­nen streng ver­bo­ten.

Han­del­te es sich nun um eine Ver­ge­wal­ti­gung oder nicht? Es stand Aus­sa­ge ge­gen Aus­sa­ge. In Bay­reuth herrsch­te auch zwi­schen Rich­ter und Staats­an­walt Un­ei­nig­keit, wie der Fall zu be­wer­ten sei. Staats­an­walt Wil­helm Fried­rich Ge­org Hoff­mann hielt die Aus­sa­ge Anna Wills, ver­ge­wal­tig wor­den zu sein, für eine Schutz­be­haup­tung.

Rich­ter Ru­dolf Brehm da­ge­gen glaub­te der Ver­si­on der An­ge­klag­ten und hat­te vor, sie frei­zu­spre­chen. Das ist durch­aus über­ra­schend: Brehm wie auch vie­le sei­ner Rich­ter­kol­le­gen hat­ten in ähn­li­chen Ver­fah­ren – wie ge­gen Frie­da Brun­ner, Kla­ra Gey­er und Mar­ga­re­te Fried­rich – Po­si­ti­on ge­gen die An­ge­klag­te be­zo­gen. Brehm ließ ge­gen­über Anna Will auch sonst Mil­de wal­ten: Als die Staats­an­walt­schaft im Fe­bru­ar 1945 be­an­trag­te, Anna Will in Un­ter­su­chungs­haft zu neh­men, lehn­te er das ab.

Um sich ein bes­se­res Bild zu ma­chen, ver­such­te das Son­der­ge­richt, Ni­co­la Po­padic für den Ver­hand­lungs­ter­min am 7. März 1945 als Zeu­ge ein­zu­be­stel­len. Doch das war zu die­sem Zeit­punkt nicht mehr mög­lich. Es fehl­te an Per­so­nal, um den Häft­ling vom weit ent­fern­ten Wehr­machts­ge­fäng­nis in Ger­mers­heim (Rhein­land-Pfalz) nach Ober­fran­ken zu trans­por­tie­ren. „Aus kriegs­be­ding­ten Grün­den Ueber­stel­lung un­moeg­lich Er­bit­ten Ver­neh­mung beim hie­si­gen Amts­ge­richt vor­neh­men zu las­sen“, stand in dem Te­le­gramm, das Haupt­mann und Kom­pa­nie­chef Hü­gel von Ger­mers­heim nach Bay­reuth schick­te.

Doch dazu kam es nicht mehr. Das Ver­fah­ren wur­de nie ab­ge­schlos­sen. Die Tage des Son­der­ge­richts wa­ren ge­zählt. Mit­te April 1945 ging der Krieg in Bay­reuth mit dem Ein­marsch ame­ri­ka­ni­scher Trup­pen zu Ende. Und mit ihm auch der NS-Un­rechts­staat mit sei­nen Ge­set­zen.

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Wei­te­re An­satz­punk­te zur Re­cher­che:

Jo­hann Will war als Bür­ger­meis­ter von Sorg be­stimmt re­gime­treu. Viel­leicht war er so­gar NSDAP-Mit­glied. Ver­füg­te er da­durch über Kon­tak­te, um sei­ne Toch­ter zu schüt­zen? Falls er sich nach 1945 ei­nem Ent­na­zi­fi­zie­rungs­ver­fah­ren un­ter­zie­hen muss­te, könn­te von ihm noch eine Spruch­kam­mer­ak­te exis­tie­ren.

Viel­leicht gibt es ja auch noch die Akte des Kriegs­ge­richt Wei­den zum Feld­ur­teil der Di­vi­si­on Nr. 413, Wei­den, Zweig­stel­le Am­berg, vom 22.06.1944 (Az.: Straf­sa­chen­lis­te Abt. III Nr. 146/1944). Dazu kann das Staats­ar­chiv Am­berg Aus­kunft ge­ben.

Die voll­stän­di­ge Pro­zess­ak­te des Son­der­ge­richts Bay­reuth wird im Staats­ar­chiv Bam­berg ver­wahrt. Even­tu­ell exis­tiert auch noch die Ge­fan­ge­nen­ak­te von Aich­ach. Dazu kann das Staats­ar­chiv Mün­chen Aus­kunft ge­ben.

Au­torin: Re­na­te Reck­zie­gel

Frie­de­ri­cke Wil­lardt

Ge­bo­ren: 1887 in Hof n der Saa­le.
Wohn­ort vor ih­rer In­haf­tie­rung: Hof.

20 bis 25 Päck­chen mit Nah­rungs­mit­teln, Bon­bons, Zi­tro­nen­drops, Zi­ga­ret­ten, Ta­bak oder Bar­geld soll Frie­de­ri­cke Wil­lardt in­ner­halb von vier Mo­na­ten ge­stoh­len ha­ben. Von Mit­te No­vem­ber 1943 bis Ende März 1944 ar­bei­te­te die Wit­we, die in ärm­li­chen Ver­hält­nis­sen leb­te, auf dem Post­amt in Hof. Sie war dazu dienst­ver­pflich­tet wor­den. Ihre Auf­ga­be war, die ein- und aus­ge­hen­de Post zu sor­tie­ren. Ob­wohl rechts und links Ar­beits­kol­le­gin­nen von ihr sa­ßen, ge­lang es ihr im­mer wie­der, ein Pa­ket ver­schwin­den zu las­sen. Doch dann wur­de sie er­wischt.

Das Son­der­ge­richt er­klär­te sie we­gen Amts­un­ter­schla­gung, Ur­kun­den­be­schä­di­gung, Ver­let­zung des Post­ge­heim­nis­ses und ge­winn­süch­ti­gen Ver­wah­rungs­bruchs für schul­dig. Die NS-Volks­schäd­lings­ver­ord­nung sah da­für be­son­ders hohe Stra­fen vor. Frie­de­ri­cke Wil­lardt wur­de am 26. Mai 1944 zu fünf Jah­ren Zucht­haus ver­ur­teilt. Ende Juni trat sie ihre Stra­fe in Aich­ach an. Da­mals ahn­te sie wahr­schein­lich noch nicht, dass der Zwei­te Welt­krieg ein knap­pes Jahr spä­ter zu Ende sein wür­de. Sie ge­hör­te zwar nicht zu den Ge­fan­ge­nen, die das NS-Reichs­jus­tiz­mi­nis­te­ri­um noch kurz vor Kriegs­en­de vor­zei­tig ent­ließ. Aber auf An­ord­nung der Al­li­ier­ten kam sie am 17. Mai 1945 frei, also neun Tage nach der Ka­pi­tu­la­ti­on der deut­schen Wehr­macht.

1947 re­vi­dier­te die Straf­kam­mer des Land­ge­richts Bay­reuth das Ur­teil des Son­der­ge­richts, weil die NS-Volks­schäd­lings­ver­ord­nung in­zwi­schen für un­recht­mä­ßig er­klärt wor­den war. Die Stra­fe wur­de auf ein Jahr und drei Mo­na­te Zucht­haus er­mä­ßigt und war da­mit be­reits voll ver­büßt.

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