Walburga Weber
Walburger Weber, am 22.12.1895 in München geboren, wegen kleiner Diebstähle mehrfach im Aichacher Frauengefängnis inhaftiert, am 08.05.1943 stirbt sie in Auschwitz
„Ich bin am 22.12.95 ehelich geboren, in München katholisch, geschieden. Den Vater verlor ich schon im zweiten Lebensjahre infolge Lungenleidens. Meine Mutter verehelichte sich wieder als ich vier Jahre alt war, vor 28 Jahren. Meine Eltern leben dauernd in Münden. Der Vater steht im Dienste der städtischen Straßenbahn und ist im Hauptdepot als Hobler beschäftigt, und ist gegenwärtig 56 Jahre alt. Er ist noch nie bestraft und beruflich tüchtig. Auch ist er sehr besorgt um das Wohl der Familie und besonders meiner Kinder nimmt er sich sorgend und liebend an. Er hat mehrere Stiefgeschwister, alle sind tüchtige Geschäftsleute in München und Lauingen a. d. Donau, eine Schwester ist in München mit einem Goldschmied verheiratet. Der Vater ist kränklich und hat durch Unglücksfall ein Auge eingebüßt, er war auch nie in einer Irrenanstalt, ist jedoch etwas nervenleidend. Die Mutter lebt ebenfalls und ist gegenwärtig 54 Jahre alt. Sie ist in München als Tochter eines Schuhmachermeisters geboren. Ihr Mädchenname ist Beer. Sie war noch niemals bestraft. Zu den Kindern, sowie zum Vater war sie immer gut. Sie war 23 Jahre in einem Geschäft und hat trotzdem ihren Haushalt richtig besorgt. Sie ist eine stille gutmütige Frau, verträglich und versteht auch sich über eine Kleinigkeit zu freuen. Sie hat eine Schwester in München, Pilgersheimerstraße, die, weil sie Kriegerwitwe ist, ihren Unterhalt in einer Buchdruckerei verdienen muß. Die Mutter hat zweimal entbunden, doch bin nur ich am Leben. Die Mutter ist immer kränklich, sie hat eine chronische Mittelohreiterung und ein schweres Unterleibsleiden. In beiden Fällen hätte sie sich schon vor 20 Jahren einer Operation unterziehen sollen. Ich war bis jetzt im Hause meiner Eltern, besuchte 8 Volksschulklassen mittelmäßig, kam dann in ein Weiß- & Wollwarengeschäft in die Lehre, woselbst ich 3 ½ Jahre blieb und hernach meine Stelle verbesserte, indem ich in ein Weißwaren En-groß-Geschäft als Lageristin eintrat. Hier blieb ich fast drei Jahre, bis ich durch den Krieg die Stelle verlor. Die Einkommensverhältnisse waren schlecht (35 Mark im Monat). 1919 wurde ich getraut und war verheiratet bis 1926. Vermögen habe ich nicht zu erwarten. Meine Straftat habe ich in Affekt begangen. Ich bin dreimal vorbestraft und habe diese Diebstähle aus Not begangen.“
Diesen Lebenslauf schreibt Walburga Weber am 18. Mai 1928 im Frauengefängnis Aichach. Sie ist 32 Jahre alt. Sie war vom Strafgericht München wegen einfachen Diebstahls im Rückfall zu vier Monaten Haft verurteilt worden. Denn die „Kriminalsekretärsfrau Luise Oberleitner“ will gesehen haben, wie sich Walburga Weber am 12. Oktober 1927 im Münchner Kaufhaus Tietz „an eine Frau herandrängte, in deren äußeren Manteltasche sie wahrscheinlich Geld vermutete und wie sie mit der rechten Hand in Richtung gegen die Tasche griff, um daraus die dort vermutete Geldtasche zu stehlen“, so steht es jedenfalls im Gerichtsprotokoll. In der Gefängnis-Akte wird sie als schlank beschrieben, mit blauen Augen und hellblondem Haar, ohne besondere Kennzeichen. Am nächsten Tag schreibt der Anstaltsarzt in seinem Befund: Oben falsches Gebiss, chronische Mittelohreiterung, Schwerhörig. Ansonsten sei sie psychisch normal, „zu allen Arbeiten geeignet“.
Walburga Weber ist in einem Arbeiterhaushalt in Giesing aufgewachsen, aus ihrer inzwischen geschiedenen Ehe mit einem Lagerarbeiter stammen zwei kleine Töchter. Nach der Scheidung wohnen alle drei mit in der Zweizimmerwohnung der Eltern. Es ist die Zeit vor der Weltwirtschaftskrise und die Verhältnisse werden nicht besser. Walburga Weber wird 1925 zum ersten Mal wegen Taschendiebstahls verurteilt und das wird sich wiederholen: Siebenmal steht sie vor Gericht, die Haftstrafen werden länger. Immer wieder handelt es sich um kleine Taschendiebstähle und sie weiß selbst nicht, warum sie den Versuchungen nicht wiederstehen kann. Zu Hause warten ihre kleinen Töchter auf sie, eine wirklich unmittelbare Not ist nicht gegeben, auch wenn das Geld sehr knapp ist. Behördlicherseits wird ihr eine „psychopathische Natur“ bescheinigt.
Ihre letzte Verurteilung zu 5 Jahren und 4 Monaten Haft ist verhängnisvoll, denn nach ihrer Strafverbüßung wird Sicherungsverwahrung angeordnet. Diese Sicherungsverwahrung hätte nach dem Haftende am 26. Juni 1943 begonnen, doch soweit kommt es nicht. Denn im März 1943 wird Walburga Weber aus dem Frauengefängnis Aichach in das Konzentrationslager Auschwitz verbracht – ein Schicksal, das sie mit über 350 anderen gefangenen Frauen aus Aichach teilt. Walburga Weber ist damals 47 Jahre alt. Das Frauenlager Auschwitz-Birkenau beherbergt zu dieser Zeit 20.000 Frauen, die dort unter schrecklichen Bedingungen in Baracken und auf faulen Strohsäcken dahinvegetieren. Im Lager wütet das Fleckfieber. Walburga Weber überlebt nicht einmal fünf Wochen in Auschwitz, sie stirbt am 8. Mai 1943.
In den Konzentrationslagern der Nazi-Zeit wurden Frauen wie Walburga Weber als „Asoziale“ und „Berufsverbrecher“ eingestuft. Nach dem Krieg legte sich ein Mantel des Verschweigens, Verdrängens und Vergessens über diese Menschen. Es dauerte fast 70 Jahre, bis sie als NS-Opfergruppe anerkannt wurden. Das Verschweigen betraf auch Walburga Weber, ihr Schicksal war in ihrer Familie lange Zeit ein Tabu.
Autor: Rudolf Stumberger
